Heinlein, Robert A. – Zeit der Hexenmeister, Die

_Magier – Diktatur oder Segen? _

Dieses Buch besteht aus zwei Novellen, nämlich „Waldo“ (1940) und „Magie GmbH“ (1942). Sie wurden 1950 zusammengefasst veröffentlicht.
„Waldo“: Ein wissenschaftliches Genie umkreist die Erde in seiner privaten Raumstation und löst die Probleme der Welt – gegen hohe Honorare. Doch plötzlich bricht das ganze Fundament zusammen, und Waldo F. Jones ist gezwungen umzudenken.
„Magie GmbH“: Die Magier beherrschen Handel und Wirtschaft der USA, und sie scheuen weder schmutzige Tricks noch todbringenden Zauber, um ihr Monopol aufrechtzuerhalten. Bis zwei Geschäftsleute, eine Hexe und ein „Dämonenschnüffler“, sich gegen die Wirtschaftsdiktatur der Magier verschwören und den Monopolisten den Kampf ansagen (Verlagsinfo)

_1) |Waldo|_

Als die Flugzeuge vom Himmel fallen, ahnen die Techniker von North American Power-Air, dass etwas mit ihrer Technik nicht stimmt. Aber was, fragt sich der Ingenieur James Stevens. Und wenn er seinen Job behalten wolle, droht sein Chef, sollte er das schleunigst herausfinden, sonst hat es die Firma die längste Zeit gegeben.
Power-Air schickt die Energie, die die Flugzeugmaschinen benötigen, per Strahl in die Atmosphäre; dort wie sie aufgefangen und genutzt, um zu fliegen. Klar, dass dafür Unmengen billigster Energie nötig sind. Diese wird von Atomkraftwerken geliefert, die über die ganzen USA verteilt sind. Das Ergebnis ist ein WLAN für Energie, das man nur anzapfen muss, um alles Mögliche damit zu betreiben. Und Power-Air hat das Monopol dafür.

Stevens schlägt vor, sich mit dem größten technischen Genie der Welt, mit Waldo F. Jones, in Verbindung zu setzen. Au weia, stöhnen die Kollegen – jeder weiß, wie verschroben und einzelgängerisch Waldo ist. Außerdem lebt er im Orbit. Stevens gewinnt Waldos einzigen Freund, den Dozenten Augustus Grimes, für seine Sache und fliegt mit ihm zu Waldos Habitat in der Kreisbahn.

In der Tat sträubt sich Waldo zunächst, irgendjemandem auf der Erde zu helfen. Er hat künstliche Arme und Beine, die er per Gedankenbefehl steuert. Mit Power-Air hat Waldo noch ein Hühnchen zu rupfen: Er denkt, die Firma habe ihn um Tantiemen aus Patenten geprellt. Deshalb beleidigt er Stevens ziemlich. Doch als Onkel Gus ihn herausfordert, er KÖNNE gar nicht leisten, worum ihn Stevens bitte, muss sich Waldo der Herausforderung stellen. Er lässt sich also die entsprechenden Informationen schicken.

Gleich bei seiner Ankunft wird Stevens von der Information überrascht, ein alter Knacker, der in der Heimat eines seiner Piloten lebt, habe ein Antriebsaggregat OHNE TECHNISCHE HILFSMITTEL repariert – ein Wunder! Stevens schaut sich das Aggregat an: Die Antenne ringelt und windet sich, als wäre sie lebendig. Als Waldo davon hört, will er den Alten besuchen. Gramps Schneider oder Snyder redet mit ihm: Über Magie und die Andere Welt. Waldo zweifelt, aber als er die Geisteshaltung anwendet, die Snyder predigt, selbst anwendet, funktioniert es …

Und nicht nur Aggregate lassen sich mit der Energie aus der Anderen Welt heilen, sondern auch gelähmte Muskeln wie die von Waldo …

|Mein Eindruck|

Der Kurzroman hat vier grundlegende Ideen, von denen zwei oder gar drei noch heute relevant sind. Erstens heißen die hier vorgestellten, wenn nicht sogar erfundenen Waldos, also künstliche Gliedmaßen, bis heute noch so. Sie werden in allen Hochsicherheitsbereichen der Medizin, Chemie und Physik eingesetzt.

Zweitens ist der Gedanke, Elektrizität durch die Luft wie ein Gas zu übertragen, um verschiedene Geräte anzutreiben, bis heute nicht verschwunden. Tatsächlich wird bis heute daran geforscht – sozusagen eine Art WLAN oder Funknetz für Energie. Zwei Haken an dem Konzept hat Heinlein schon 1940 entdeckt: Es sind ungeheure Mengen von Energie zu produzieren, um entfernte Motoren anzutreiben – der Energieverlust auf dem Übertragungsweg ist enorm. Folglich muss dieses Grundproblem als erstes beseitigt werden.

Das zweite Problem ist die Auswirkung solcher freier Energiemengen auf den menschlichen Organismus. Es handelt sich ja um elektromagnetische Wellen, genau wie beim Mikrowellenherd oder beim Handy. Und so, wie man hierzulande schon lange vor zu starker Srahlung gewarnt hat (und immer noch warnt), so hat schon Heinlein eine fatale Auswirkung vorausgesehen: Muskelschwäche, hier Myasthenie genannt.

Waldo F. Jones erkennt in dieser Krankheit das gleiche Problem, unter dem er selbst leidet. Würde er dessen Ursache beheben, könnte er sich selbst heilen – ein starkes Motiv! (Tatsächlich besteht die Eröffnungsszene in dem Auftritt des artistischen Tänzers Waldo auf einer irdischen Bühne – und ebenso der Schluss.) Mit Hilfe der Energie aus der Anderen Welt schafft er dies.

Was ist die Andere Welt? Manche Unwissende könnten den Umgang damit „Magie“ nennen, doch Waldo zieht es wohlweislich vor, Ingenieuren gegenüber von einem „anderen Kontinuum“ zu sprechen. Tatsächlich hat die Teilchenphysik, insbesondere die Quantentheorie Platz für dieses Konzept geschaffen. Wie es allerdings dem Paralleluniversum ergeht, wenn ihm die Energie abgezapft wird, steht auf einem anderen Blatt.

_2) |Magie GmbH|_

Archibald Fraser ist ein unbescholtener, aber geschäftstüchtiger Bauhändler, der sich in einer Welt, die von Magie bestimmt wird, zu behaupten weiß. Schließlich bleibt im Baugeschäft nicht allzu viel Profit hängen. Als ein zwielichtiger Typ ihm eine Schutzgelderpressung aufzwingen will, schickt er ihn zum Teufel. Schließlich hat Archie gute Kontakte zu freischaffenden Magiern. Doch als er am anderen Morgen zu seinem Betrieb zurückkehrt, ist es nur noch ein Haufen Schutt.

Archies bester Kumpel ist Joe Jedson, ein Textilienhändler in der gleichen Straße. Joe untersucht den Schutthaufen mit Archie und entdeckt, dass gleich drei Elemente eingesetzt wurden, um diesen Schaden anzurichten: Wasser, Erde und Feuer – ganz schön aufwendig, findet er. Jemandem muss wirklich etwas an Archies Laden gelegen sein. Vielleicht dieser seltsame Mr. Ditworth, von dem der Schutzgelderpresser etwas erwähnte?

Den ersten Zauberer, den sie um Hilfe bitten, ist Mr Biddle. Leider taugt der rein gar nicht, sondern will bloß für eine Auskunft à la „Da kann man leider nichts machen“ 500 Kröten haben. Joe und Archie schicken ihn in die Wüste. Wenigstens bringen sie Archies Versicherung zum Einlenken, sodass sie weitere Magierhonorare übernimmt. Ein wohlmeinender Junior-Magier namens Jack Bodie gibt ihnen den Tipp mit einer Wahrsagerin, die aber auch Hexerei praktiziere.

Mrs Amanda Todd Jennings liest erst die Teeblätter, dann schreitet sie zur Tat. Sie findet heraus, dass ein Dämon hinter dieser Angelegenheit stecken muss. Doch wer hat ihn geschickt? Unterdessen ändert sich die Lage auf dem Markt für Magie grundlegend, und dahinter steckt kein anderer als Mr. Ditworth. Er errichtet ein Monopol. Schließlich wird es Joe und Archie, Amanda und Jack zu bunt: Sie beschließen, Ditworth das Handwerk zu legen. Leider sind Mr. Ditworth und der gesuchte Dämon ein und dasselbe …

|Mein Eindruck|

Der Markt für Magie ist nur einer wie viele andere, und so wird er von Heinlein auch behandelt. Der Markt unterliegt den gleichen kapitalistischen Prinzipien, wie sie in den USA gelten und wirken: Schutzgelderpressung, Monopole, Einschüchterung, Lizenzmissbrauch und vieles mehr. Der Witz dabei: All dies hat ein höllischer Dämon vollständig begriffen und konsequent in die Tat umgesetzt, ohne dass ihm Polizei und Justiz das Handwerk legen konnten.

Hinter der vordergründig so phantasievollen Story verbirgt sich eine handfeste Kritik des verhinderten Politikers Heinlein (er kandidierte 1938 für ein politisches Amt in Kalifornien) an den Auswüchsen des kapitalistischen Systems, vor allem an den Monopolen. Dabei gab es doch schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine amerikanische Anti-Trust-Gesetzgebung.

Wohlgemerkt: Heinlein redet hier nicht von dem Sozialismus als Wort, also der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern dem fairen Wettbewerb als Grundprinzip kapitalistischer Privatwirtschaft. Beste Vertreter dafür sind Joe und Archie.

Ein weiterer Witz an dieser netten Geschichte von anno 1942 ist die Lösung des Problems. Der Dämon Nebiros alias Mr. Ditworth hat sich ohne Erlaubnis Seiner satanischen Majestät auf der Erde breitgemacht. Folglich muss er nun zurechtgestutzt werden. Mit Hilfe eines afrikanischen „Dämonenschnüfflers“ (und des Schädels seines Großvaters) finden die Freunde den gesuchten Dämon selbst noch unter den sieben Millionen Soldaten von Satans Legionen.

Vor versammelter Heerschau macht Seine teuflische Lordschaft den unbotmäßigen Diener zur Schnecke und verbannt ihn für eine gewisse Zeit (welche allerdings sehr relativ ist, da Erde und Hölle bekanntlich ebenso abweisende Zeitabläufe wie zu den Leutchen im Himmel aufweisen). Wie auch immer: Es herrscht nun wieder eitel Sonnenschein, der Wettbewerb funktioniert wie die Magie prächtig.

Nur Archie ist ein wenig traurig: Amanda Jennings hatte sich in der Hölle in ein gar wunderschönes junges Weib verwandelt, mit dem er nur allzu gerne sündige Machenschaften ausgeführt hätte. Doch Hölle ist Hölle und Erde Erde – die Jugendpracht ist hienieden bald wieder verschwunden, und mit einer alten Schachtel will er nun klugerweise nichts anfangen. Das sagt sie ihm auch. Dafür gedeiht sein Geschäft. Man muss eben Prioritäten setzen, wenn man ein Amerikaner ist.

_Die Übersetzung _

Neben den allfälligen Ungenauigkeiten und falschen Endungen finden sich gerade nach Seite 150 doch einige Fehler, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen.

Seite 150: „Ditworth mti (sic!) seinem hochgestochenen Geschwätz …“ Es sollte natürlich „mit“ heißen.

Seite 152: „Sie gab ihre Absicht bekannt, das Niveau der magischen Praxis in allen Bereichen aufzuheben …“ Gemeint ist natürlich „anzuheben“.

Seite 160: „Schilddrüsenwucherung“. Besser bekannt als „Kropf“. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

_Unterm Strich_

So mancher heutige Leser mag sich wundern, wieso in diesem Buch keine Hexenmeister vorkommen. Stets ist nur die Rede von ehrenwerten Magiern, seien sie nun ein verschrobener Greis auf dem Land, ein Ingenieur in der Kreisbahn oder nicht lizenzierte „Dämonenschnüffler“. Seit Arthur C. Clarke wissen wir allerdings, dass zwischen Technik und Magie nur das Maß der Betrachtungsweise liegt: „Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden“, lautet Clarkes Axiom. Folglich ist es einem entsprechend fortschrittlich denkenden Ingenieur nicht unmöglich, technische Herausforderungen zu meistern: „Dem Indschenör ist nix zu schwör.“

Soweit die lustige Seite des Buches. Heinlein sah schon anno 1940/42 voraus, welche Krankheiten die ungehinderte Ausbreitung von elektromagnetischer Strahlung verursachen könnte. Strahlung, wie sie von PCs, Handys, Stromleitungen, Funkmasten, CAT-Scannern und vielen anderen elektronischen Dingen gestreut wird. Die Krankheit heißt bei ihm Myasthenie: „Eine Myasthenie ist ein Symptom verschiedener Erkrankungen, welches eine belastungsabhängig abnorm rasche Muskelermüdung und Muskelschwäche beschreibt“, schreibt die Wikipedia. Und die Deutsche Myasthenie-Gesellschaft nennt es sogar eine Autoimmunkrankheit.

Wie schon Heinlein schreibt, ist die Ursache eine fehlerhafte Übertragung des Bewegungsimpulses zwischen Nerv (Befehl) und Muskel (ausführendes Organ). Diese Übertragung, so Heinlein, werde durch die hochfrequente Strahlung gestört. Beunruhigend daher, was die Wikipedia schreibt: „Ungeklärt ist der Auslöser der schwankenden Symptomatik bei Umwelteinflüssen, Infekten, Entzündungen, seelischen und psychischen Belastungen.“ Welche Umwelteinflüsse könnten damit wohl gemeint sein?

In der zweiten Story nimmt sich Heinlein der Auswüchse der Privatwirtschaft an. Der verhinderte Offizier und Politiker – eine Krankheit versagte ihm den unaufhaltsamen Aufstieg – kritisiert das Monopol über die Magie, das ein Dämon errichtet. Pfui Deibel, mag da ein rechtschaffener Yankee fluchen. Folglich geht es bald darum, Seine Satanische Majestät dazu zu bringen, dem Übel des Monopols ein Ende zu bereiten und die höllischen Zustände auf Erden wiederherzustellen. Satan sieht die Nützlichkeit dieses Ansinnens sogleich ein und verbannt den unbotmäßigen Dämon aus der Unterwelt. Schon bald herrscht wieder fröhlicher Wettbewerb unter den Menschen – und folglich jede Menge Sündhaftigkeit. Q.E.D.

Vielleicht verbarg sich in Heinlein in seinen Anfangsjahren ja doch ein kleiner Satiriker. Wir sollten aber nicht zu viel erhoffen. Sein erster Roman „Die Nachgeborenen / For Us, the Living“ (1938, dt. Ausgabe bei Shayol), der fast 50 Jahre verschollen war, ist ein utopischer Entwurf für die ideale Gesellschaft. Und wie jeder weiß, haben Utopien die Eigenheit, nicht nur sehr streng gegenüber den Erdlingen der Gegenwart zu sein, sondern auch ungeheuer statisch. Zu ihrer Erleichterung erfuhren die Nachgeborenen erst spät, nach des Meisters Tod, welche Geißel ihnen in Form dieses Romans erspart geblieben ist.

Wie auch immer: Beide Erzählungen sind für Heinleins Verhältnisse äußerst lesbar und sowohl für Ingenieure als auch Fantasyliebhaber mit Gewinn zu genießen, selbst wenn die Übersetzung manchmal Ausrutscher aufweist. Kein Wunder also, dass die Heyne-Ausgabe vielfach neu aufgelegt wurde.

|Taschenbuch: 174 Seiten
Originaltitel: Waldo & Magic, Inc. (1940, 1942)
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453301092|
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