Interview mit Andreas Gruber, Teil 2

[Zum ersten Teil des Interviews]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=87

Andreas Gruber wurde am 28.08.1968 in Wien geboren. Er studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien, arbeitet als kaufmännischer Angestellter in einem Teilzeitjob, hat einen Sohn und lebt verheiratet in Grillenberg in Niederösterreich.

1996 begann er mit dem Schreiben von Autorenportraits, die im Magazin |Space View| abgedruckt wurden. Ab 1997 verfasste er Kurzgeschichten für Fanzines wie |Fantasia|, |Nocturno|, |Sagittarius|, |Solar-X| und das |Andromeda|-SF-Magazin. 1999 war er mit einer Story Preisträger des [NÖ Donaufestivals.]http://www.donaufestival.at

Mittlerweile erschienen seine Kurzgeschichten in zahlreichen Magazinen, u. a. |Alien Contact|, |Nova|, |Omen|, |phantastisch!| und |Space View|, sowie in Anthologien der Verlage |Aarachne|, |Abendstern|, |Basilisk|, |BeJot|, |Bielefeld|, |BLITZ|, |Lacrima|, |Midas|, |Richter|, |Schröter|, |Shayol|, |Storia|, |UBooks|, |VirPriV|, |Wurdack| und |Ulmer Manuskripte|.

Sein Kurzgeschichtenband „Der fünfte Erzengel“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) wurde zum |Deutschen Phantastik-Preis| 2001 nominiert und erreichte den 4. Platz. Mit seinem zweiten Kurzgeschichtenband „Die letzte Fahrt der Enora Time“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) erzielte er 2002 den 1. Platz beim |Deutschen Phantastik-Preis| in den Kategorien „Beste Kurzgeschichte“ und „Beste Kollektion“, sowie den 2. Platz beim |Deutschen Science-Fiction-Preis| und den 3. Platz beim |Kurd-Lasswitz-Preis|.

Die phantastische Detektiv-Kurzgeschichten-Serie „Jakob Rubinstein“ erschien im |Basilisk|-Verlag und erzielte beim |Deutschen Phantastik-Preis| 2004 den 4. Platz.

Der Roman „Der Judas-Schrein“ erschien im April 2005 als Hardcover im |Festa|-Verlag und gewann 2006 den |Deutschen Phantastik-Preis| in der Kategorie „Bestes Roman-Debut“. Danach Arbeitsstipendium Literatur 2006, österreichisches Bundeskanzleramt. Ende 2007 erschien der Roman „Schwarze Dame“ im |Festa|-Verlag und Anfang 2008 der Roman „Das Eulentor“ im |BLITZ|-Verlag. Für das dritte Quartal 2008 ist der Roman „Die Engelsmühle“ im |Festa|-Verlag in Vorbereitung.

|Die Biographie wurde der offiziellen Autoren-Website http://www.agruber.com entnommen und geringfügig bearbeitet.|

_Andreas Gruber auf |Buchwurm.info|:_

[„Schwarze Dame“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4584
[„Der Judas-Schrein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2113
[„Der fünfte Erzengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1907

_Zweiter Teil des Interviews mit Andreas Gruber, geführt von Alisha Bionda am 5. März 2008_

_Alisha Bionda:_
Nachdem wir im ersten Teil über dich als Mensch, deine Hobbys und Kurzgeschichten gesprochen haben, möchte ich jetzt näher auf deine Romane eingehen. Der erste, den ich von dir las, war „Jakob Rubinstein“, der im Mai 2003 im |Basilisk|-Verlag erschien und fünf Phantastik-Krimis des jiddischen Privatdetektivs aus den düsteren Ecken Wiens beinhaltet. Mit Jakob Rubinstein hast du einen Charakter mit Herz, Humor, Verstand und vor allem liebenswerten Marotten geschaffen, von dem man gerne mehr gelesen hätte. Ist da irgendwann eine Fortsetzung angedacht? Bestenfalls als komplexer Roman?

_Andreas Gruber:_
„Jakob Rubinstein“ war ja streng genommen kein Roman, sondern ein Episodenroman. Der dicke jiddische Detektiv und sein homosexueller Bekannter, der Kolumnist Nicolas Gazetti, mussten fünf mysteriös-phantastische Fälle lösen. Grundsätzlich hatte ich schon damals eine Idee für einen Roman, der damit beginnen sollte, dass Rubinsteins drei Goldfische Sammy, Davis und Junior entführt werden. Doch zu dem Roman ist es nie gekommen, da mir die Arbeit an „Der Judas-Schrein“ dazwischenkam.

_Alisha Bionda:_
„Der Judas-Schrein“, dein erster düster-phantastischer Roman – ich mag ihn nicht in das Genre Horror eingliedern, das würde ihm nicht gerecht -, erschien dann als Hardcover im |FESTA|-Verlag in „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Frank Festa?

_Andreas Gruber:_
Das ist eine lange Geschichte, aber ich versuche, mich kurz zu fassen: Frank Festa hat mir vor vielen Jahren das Angebot gemacht, als Herausgeber und Redakteur eines Horror-Magazins zu fungieren. Ich hatte jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass ich lieber selbst Storys schreibe als welche herauszugeben. Im Jahr darauf kam dann das damals für mich großartige Angebot, als Co-Autor bei einer Serie mitzuschreiben. Das Konzept war gut, der Hauptautor ein erfahrener Schreiber, doch je mehr wir Story und Charaktere entwickelten, desto mehr entfernte sich die Geschichte von jenen Ideen, die ich gerne umsetzen wollte. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem die Story nicht mehr meine war. Daher verließ ich das Boot noch während der Entwicklungsphase. Ein halbes Jahr später schlug ich Frank Festa dann die Idee zu einem eigenständigen Roman vor. Es war die Plot-Idee zu „Der Judas-Schrein“.

_Alisha Bionda:_
Hattest du das Manuskript da schon fertig? Oder hast du den Roman speziell für diese Reihe geschrieben?

_Andreas Gruber:_
Zunächst erstellte ich nur das fünfseitige Exposé und die Dossiers der wichtigsten Protagonisten, dann kamen die Recherchen, danach folgte der Autorenvertrag, und erst dann begann ich mit dem Schreiben. Hätte Frank zuvor gewusst, dass ich ein 450-Seiten-Manuskript abliefern würde, hätte er den Vertrag wahrscheinlich rasch durch den Papiershredder gejagt.

_Alisha Bionda:_
Ich oute mich da gerne, dass mir „Der Judas-Schrein“ sehr gut gefallen hat, von der Stimmung und der Atmosphäre her, aber auch, wie du den Lovecraft’schen Plot umgesetzt hast. Besonders angesprochen hat mich dann auch das offene Ende, das Raum für eine Fortsetzung ließe. Wurden dahingehend schon Leserstimmen laut, die eine solche fordern? Kann man damit rechnen?

_Andreas Gruber:_
Ich denke, wer das Epilog-Kapitel von „Der Judas-Schrein“ kennt, weiß, dass der Roman abgeschlossen ist und es keine Fortsetzung geben kann. Natürlich ist, gerade im Horror-Genre, immer eine Fortsetzung möglich, aber „Der Judas-Schrein“ ist eine in sich geschlossene Story, das Ende ist zwar absichtlich ein wenig offen, aber das ist ja gerade das Schreckliche daran, weil man trotzdem genau weiß, was los ist, was mit Körner passieren wird und wer hinter den Machenschaften steckt … Trotzdem haben Frank Festa und ich vor Jahren über eine eventuelle Fortsetzung nachgedacht. Das Gespräch dauerte aber nicht lange, denn wir waren einer Meinung. Es sollte kein zweiter Aufguss erfolgen, der versucht, an den Erfolg des Romans anzuknüpfen. „Der Judas-Schrein“ sollte selbständig für sich stehen bleiben. Lieber Zeit und Hirnschmalz in ein völlig neues Projekt investieren.

_Alisha Bionda:_
„Der Judas-Schrein“ erschien im |FESTA|-Verlag auch als Paperback. Ist es eine reine Neuauflage oder wurde der Roman überarbeitet? Wenn ja, inwieweit?

_Andreas Gruber:_
Es wurde nichts am Manuskript verändert. Frank schlug zwar die Idee vor, den Roman eventuell zu kürzen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Es gibt so viele Leser, denen das Buch gefällt, weil sie – wie du vorhin selbst sagtest – die Stimmung und die Atmosphäre so sehr lieben, dass ich nichts daran ändern wollte.

_Alisha Bionda:_
Im |FESTA|-Verlag erschien Ende 2007 mit „Schwarze Dame“ ein Psychothriller, der von dem Privatermittler Peter Hogart handelt, der beauftragt wird, in Prag nach einer Kollegin zu suchen, die in einem Fall von Versicherungsbetrug ermittelte und spurlos verschwand. Das „SF-Radio.net“ sagt unter anderem über diesen Roman, dass es dir bis weit in das letzte Drittel des Buches gelingt, nicht nur deine Protagonisten zu täuschen, sondern vor allem auch die Leser immer wieder mit falschen oder unvollständigen Hinweisen in die Irre zu führen und dass „Schwarze Dame“ handlungstechnisch dein bislang ambitioniertester Roman ist. Siehst du das auch so? Hast du dich in diesen Roman besonders „eingebracht“?

_Andreas Gruber:_
Vor Jahren, als ich noch keine Storys geschrieben hatte, habe ich nie verstanden, warum Autoren auf die Frage, was sie für ihr bislang bestes Buch halten, immer die gleiche Antwort gaben, und zwar: Das Buch, an dem sie gerade arbeiteten. Mittlerweile weiß ich, dass das keine leere Phrase, sondern tatsächlich so ist. Wie alle Autoren, so versuche auch ich, mich in jedes Projekt besonders reinzuknien und das nächste Buch besser zu machen als das vorherige. Natürlich war das bei „Schwarze Dame“ genauso. Ich habe versucht, interessante, lebendige Charaktere zu zeichnen, einen spannenden und interessanten Plot bis zur letzten Seite zu entwerfen, ihn mit ungewöhnlichen Schauplätzen und stimmigen Recherchen zu hinterfüttern, dabei aber keine angloamerikanischen Mainstream-Thriller zu kopieren, sondern etwas Erfrischendes, Neues zu erschaffen. Große Worte, ich weiß. Aber das war zumindest das Ziel, das ich mir für dieses Buch gesteckt hatte. Ob es mir gelungen ist, kann ich nicht beantworten, das wissen die Leser besser als ich.

_Alisha Bionda:_
Was hat dich an dem Plot am meisten gereizt?

_Andreas Gruber:_
Die neuen Wendungen, die die Handlung mit sich brachte. Der Plot verlässt ja nie die Erzählperspektive von Peter Hogart – insofern ist es ein geradlinig erzählter Roman ohne Rückblenden oder Nebenplots. Umso mehr habe ich daher versucht, der Handlung mit mehreren so genannten Plot-Twists eine gewisse Dynamik zu verleihen, sodass der Leser nie weiß, wie es nun weitergeht, oder was als nächstes passieren wird.

_Alisha Bionda:_
Haben sich die oben angeführten „Täuschungsmanöver“ während des Schreibens entwickelt – sprich per Eigendynamik – oder war das Exposé von Anfang an von dir so festgelegt?

_Andreas Gruber:_
Täuschungsmanöver am Protagonisten oder am Leser, die sich beim Schreiben als Eigendynamik entwickeln, gehen doch meistens in die Hose. Wenn am Schluss eines Films oder eines Romans sich plötzlich eine völlig unplausible Wendung ergibt, weil der Gute in Wahrheit der Böse ist, oder umgekehrt, und sich diese Wendung während des gesamten Romans nie abgezeichnet hat, dann wird der Leser meines Erachtens für dumm verkauft. Filme wie „Fight Club“ oder „The Sixth Sense“, die meiner Meinung nach die besten Pointen der letzten Jahre zu bieten hatten, waren im Handlungsverlauf so plausibel, dass die Schlusspointe eine logische Folge war, die sogar angedeutet wurde, aber dennoch so raffiniert versteckt war, dass man sie nicht finden konnte. Das ist, glaube ich, die große Kunst: eine Überraschung aus dem Hut zu zaubern, die plausibel und logisch ist, aber nicht gleich vom Leser entdeckt wird. Und so etwas ergibt sich nicht einfach beim Schreiben. Da muss man schon lange darüber im Exposé brüten und alles bis ins kleinste Detail ausarbeiten – falls es überhaupt klappt.

_Alisha Bionda:_
Ebenfalls bei |FESTA| geplant ist nun mit „Die Engelsmühle“, der zweite Fall des Privatermittlers Peter Hogart, der im September 2008 erscheinen soll. Was erwartet den Leser da? Gibst du den Lesern einen kleinen „Appetizer“?

_Andreas Gruber:_
Natürlich gern: Der Versicherungsdetektiv Peter Hogart bleibt diesmal in Wien. In „Schwarze Dame“ habe ich ihn ins Ausland, auf fremdes Terrain, nach Prag geschickt, diesmal bleibt er in seiner gewohnten Umgebung. Es beginnt damit, dass der pensionierte Rückenmarksspezialist Abel Ostrovsky in seiner Villa am Stadtrand Wiens brutal gefoltert und ermordet wird. Vor seinem Tod kann er noch ein Videoband verstecken. Auf der Suche nach diesem Film zieht der Killer eine blutige Spur durch die Stadt. Peter Hogart und sein Bruder Kurt finden das Video vor dem Mörder und werden so selbst zur Zielscheibe. Allerdings ist auf dem Film nur eine neunminütige Schwarzweiß-Sequenz zu sehen: Der schäbige Raum eines Krankenhauses, durch den eine Frau im Rollstuhl fährt. Mehr will ich aber nicht verraten, denn dann kommt schon die erste Überraschung.

_Alisha Bionda:_
War von Anfang an mehr als ein Hogart-Band bei |FESTA| geplant oder hat sich das während der Entstehungsphase von „Schwarze Dame“ so ergeben? Vor allem, sind da noch weitere geplant? Sozusagen eine „Hogart-Reihe“?

_Andreas Gruber:_
Ich war in Leipzig bei einer Buchpräsentation von „Der Judas-Schrein“. Am Nachmittag vor der Lesung war ich im Hause Festa zur Kaffeejause eingeladen. Dort besprachen wir das Konzept für zwei Peter-Hogart-Romane und unsere beiden Ehefrauen plauderten fröhlich mit, was ich besonders lustig fand. So entstanden die Idee, das Genre, die Atmosphäre und die Richtung, in die beide Bücher gehen sollten. Ob man schon von einer „Hogart-Reihe“ sprechen kann, weiß ich noch nicht. Es gibt bislang nur Verträge für zwei Romane. Eine dritte Idee spukt mir zwar vage durch den Kopf, die ist aber noch nicht im Detail ausformuliert.

_Alisha Bionda:_
Wie sich erkennen lässt, ist deine Zusammenarbeit mit |FESTA| wohl langfristiger angelegt oder irre ich da?

_Andreas Gruber:_
Jetzt heißt es mal abwarten und Tee trinken. Abwarten, wie gut sich „Schwarze Dame“ verkauft, wie die Peter-Hogart-Fortsetzung „Die Engelsmühle“ bei den Lesern ankommt, und ob das Publikum noch einen dritten Band wünscht.

_Alisha Bionda:_
Was besonders bei den drei neuen FESTA-Romanen von dir auffällt, sind die äußerst ansprechenden Cover. Wurdest du in die Motivauswahl eingebunden oder waren sie reine Verlagsentscheidungen?

_Andreas Gruber:_
Nach dem Erfolg von „Der Judas-Schein“, mit dem ja wirklich keiner gerechnet hatte, bot mir Frank Festa eine eigene Autoren-Layout-Reihe an, also sämtliche Bücher im selben Schriftzug mit Wiedererkennungswert. Frank hatte eine klipp und klare Vorstellung, was die Cover zum Ausdruck bringen sollten. Ich erhielt die Schriftzüge und Covermotive zur Ansicht, bei einem Roman sogar zwei Motive zur Auswahl, zu denen ich meine Meinung abgeben konnte. Obwohl mir das Lovecraft’sche Tentakelwesen auf dem Judas-Schrein-Hardcover gefiel, bin ich mit der neuen subtilen Layoutreihe mehr als zufrieden. Die Cover gefallen mir ausgesprochen gut, und ich kann sie sogar meiner Mutter zeigen, ohne dass sie in Ohnmacht fällt.

_Alisha Bionda:_
Du erwähntest einmal deinen Qualitätsanspruch. Inwieweit liegt dieser auch bei der Gestaltung deiner Titel vor? Welche Wünsche/Ansprüche erhebst du dort? Legst du zum Beispiel Wert auf Innenillustrationen, wie ich es im Falle des Romans „Das Eulentor“ mit Mark Freier zusammen erarbeitet habe? Bevorzugst du – wenn überhaupt – eher Grafiken wie die angesprochenen von Mark Freier oder eher Illustrationen? Und hast du einen bevorzugten Künstler?

_Andreas Gruber:_
Nein, überhaupt nicht. Mir gefallen zwar die Grafiken von Mark Freier und Rainer Schorm besonders gut, aber da ich bisher nur Werke von Künstlern gesehen habe, die wirklich gut sind, könnte ich mich gar nicht entscheiden. Ich würde also nie im Leben sagen: „Um Gottes Willen, die Werke dieses oder jenes Malers kommen nur über meine Leiche aufs Buch.“ Wichtig ist nur: Das Motiv sollte zur Handlung passen, der Stil zum Logo und zur Buchreihe. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Leser durch Coverbilder in die Irre geführt werden. Beispielsweise entscheidet – zumindest bei mir – beim Kauf eines Buches auch das Auge mit. Besonders irritierend finde ich etwa Covers mit Weltraumschlachten bei SF-Romanen, in denen dann keine Weltraumschlacht vorkommt.

_Alisha Bionda:_
Ein düster-phantastischer Abenteuerroman in der Tradition von Jules Verne erschien mit „Das Eulentor“ unlängst von dir im |BLITZ|-Verlag. Was hat dich dazu bewogen, diese Thematik zu wählen? Kannst du bitte erläutern, wie es zu der Idee des Romans kam?

_Andreas Gruber:_
In der bunten Wochenendbeilage der Zeitung habe ich einmal einen Querschnitt der Erde gesehen. Zufällig lag der Kugelschreiber fürs Kreuzworträtsel darüber, und es sah so aus, als würde ein Tunnel quer durch den Planeten führen. Also war die Idee geboren, dass es einen solchen Schacht tatsächlich gäbe, möglichst weit oben im Norden, wo es kalt und unwirtlich ist, und dass er erforscht werden müsse. Ich hatte bereits damit begonnen, ein Exposé für einen Roman zu entwerfen, der in der Gegenwart spielen sollte, als ich von dir das Angebot für einen Roman in der Poe-Reihe des |BLITZ|-Verlags bekam. Ich beschäftigte mich also mit den Werken von Poe, Verne und Mary W. Shelley, um ein Gespür für das Thema zu bekommen, erinnerte mich aber zugleich an das Exposé mit dem Schacht im Ewigen Eis. Schließlich verlagerte ich die Handlung ins Jahr 1911, wo der Schacht mit dampfbetriebenen Gondeln erforscht werden sollte. Der Roman erschien dann zwar nicht wie geplant in der Poe-Reihe, sondern in der neuen Horror-Hardcover-Reihe bei |BLITZ| – doch so kam er jedenfalls zustande.

_Alisha Bionda:_
Ich weiß, dass dich der Roman einiges an Recherche gekostet hat.

_Andreas Gruber:_
Ja, da galt es einerseits, die technischen Möglichkeiten jener Zeit herauszufinden, wie man einen solchen Schacht erforschen konnte, bei denen mir Kurt Kobler, ein befreundeter SF-Fan, behilflich war. Andererseits bat ich meinen ehemaligen Physikprofessor Viktor Schädel um Rat, wie sich Temperatur, Anziehungskraft und Luftdruck in siebzig Kilometern Tiefe verändern könnten – und das war gar nicht so einfach, weil sich die Meinungen teilten. Und zuletzt ging es noch darum, eine Arktisexpedition jener Zeit so wahrheitsgetreu wie möglich zu schildern. Dabei waren mir zahlreiche Bücher über die Expeditionen von Amundsen, Scott, Shackleton und Valerian Albanow behilflich. Es ist schrecklich, manche von ihnen kämpften jahrelang im Ewigen Eis ums Überleben, weil sie einfach keinen Weg heraus fanden.

_Alisha Bionda:_
Wie gestaltet sich bei dir die Endphase der Arbeit an einem Roman?

_Andreas Gruber:_
Kurz vor dem Abgabetermin beim Verlag drucke ich mir das Manuskript aus, um es noch einmal zu lesen. Ich korrigiere herum. Dann gebe ich es noch einem Testleser zu lesen. Sicherheitshalber. Warte seine Meinung ab, diskutiere mit ihm und korrigiere wieder herum. Eigentlich müsste ich das Buch schon längst abgeben, aber es gibt noch ein paar Ecken, die mir nicht gefallen. Also lese ich ein Schreibbuch, beispielsweise von Albert Zuckerman oder Christopher Vogler, um mich inspirieren zu lassen. Dann wird noch einiges in den Kapiteln umgestellt, nichts Großes, nur Kleinigkeiten, die der Leser vermutlich nicht einmal bemerken würde. Aber ich habe das Gefühl, dass der Roman dann hundertprozentig fertig ist. Besser kann ich es nicht. Dann schicke ich das Manuskript an den Verlag.

_Alisha Bionda:_
Wie ist dein Empfinden nach Beendigung eines Romans? Kannst du gut „loslassen“? Mir persönlich fällt das hin und wieder schwer, und es ist beinahe so, als müsse ich einen guten Freund ziehen lassen. Wie sieht das bei dir aus?

_Andreas Gruber:_
Wenn das Manuskript den PC über die Telefonleitung verlassen hat, lehne ich mich erstmal zurück und entspanne mich. Ich gönne mir ein paar Tage Faulenzen und verbringe die Zeit mit Fernsehen oder Lesen. Es ist eine Art Erleichterung, wieder einen Teil erledigt zu haben, eine Storyidee endlich abgeschlossen zu haben – so als würde man die Festplatte eines PCs neu formatieren. Der Roman ist weg, und mein Kopf ist frei für neue Dinge. Endlich kann ich etwas Neues beginnen, das mich schon seit Monaten unter den Fingern juckt.

_Alisha Bionda:_
Was zeichnet für dich die Zusammenarbeit mit Kleinverlagen aus?

_Andreas Gruber:_
Ich erinnere mich gern daran, wie du mir angeboten hast, einen Roman für den |BLITZ|-Verlag zu schreiben. Ich habe den Wortlaut nicht mehr genau im Kopf, aber in der E-Mail stand ungefähr Folgendes: „Du hast jeglichen Handlungsfreiraum, keine Einschränkungen, kannst sogar das Seitenlimit sprengen, falls erforderlich, allerdings müsste das Skript in die Poe-Reihe passen.“ Das sind die Zauberworte, die meinen kreativen Motor anwerfen und zum Glühen bringen, bis die Bolzen davonfliegen. Die Arbeit mit Klein- und Mittelverlagen zeichnet sich für mich genau dadurch aus. Man kann sich künstlerisch entfalten, austoben und richtig gehen lassen.

_Alisha Bionda:_
Wie zufrieden bist du zum Beispiel mit der Vermarktung deiner Titel? Wo könnte deines Erachtens noch etwas verbessert werden?

_Andreas Gruber:_
Die Rezensionsexemplare sind raus, Kataloge erscheinen, Werbungen werden geschaltet, Pressebesprechungen werden online gestellt. Ich bin rundum zufrieden. Was kann man da noch mehr machen? Die Verleger tun alles, damit die Leser erfahren, dass das Buch am Markt existiert. Wenn es gut ist, stimmen die Verkaufszahlen. Meines Erachtens jammern die Verleger aber trotzdem viel zu viel – die typische Berufskrankheit eines Selbständigen. Wenn die nicht jammern, sind sie es nicht. Ich habe bisher nur eine einzige Ausnahme kennengelernt: Andreas Schröter, der Verlagsleiter des |Schreiblust|-Verlags. Er leistet professionelle Top-Arbeit, bringt voller Enthusiasmus schöne Anthologien heraus, jammert aber nicht. Stattdessen kniet er sich lieber voll ins Geschäft. Hier ist übrigens die Webseite seines Verlags: http://www.schreib-lust.de.
(Anmerkung A. B.: Da stimme ich Andreas Gruber zu. Ich habe auch schon mit Andreas Schröter zusammengearbeitet und er ist wirklich ein Paradebeispiel dafür, wie positiv eine Zusammenarbeit und der Umgang mit Menschen/Kollegen sein können.)

_Alisha Bionda:_
Wie weit bringst du dich in die PR ein? Hältst du regelmäßig Lesungen ab?

_Andreas Gruber:_
Ich hatte vor Jahren ein interessantes Schlüsselerlebnis. Und zwar telefonierte ich mit der Programmleiterin der österreichischen Buchhandelskette |Libro|, weil ich ihr ein Rezensionsexemplar eines meiner Bücher schicken wollte. Falls es ihr gefiele, könnte sie ja in Erwägung ziehen, es ins Sortiment aufzunehmen. So dachte ich mir das zumindest! Allerdings hat mich die Frau am Telefon – auf gut Deutsch – „zusammengeschissen“, weil ich ihre Zeit stehle. Würde das jeder Autor machen, hinge sie nur noch am Telefon. Allerdings dauerte die Moralpredigt zehnmal länger als meine Anfrage. Jedenfalls erklärte sie mir ausführlich, dass es zweimal jährlich Vertretertagungen gäbe, bei denen die reisenden Vertreter die Projekte mit Prospekten anbieten, und dann würde im Management entschieden, was im nächsten Jahr in die Läden kommt – oder so ähnlich. Seitdem halte ich mich aus dem Vertrieb raus. Je größer der Verlag wird, desto undurchsichtiger wird für mich der Dschungel des Vertriebs. Meine PR beschränkt sich auf Lesungen mit Signierstunden und auf meine Webseite, wo ich Leseproben und Rezensionen anbiete. Ich denke mir das so: Schuster bleib bei deinen Leisten und mache das, was du besser kannst: nämlich nicht Bücher verkaufen, sondern Bücher schreiben.

_Alisha Bionda:_
Wie ist das Feedback bei deinen Lesungen? Und wie der Kontakt zu deinen Lesern?

_Andreas Gruber:_
Hin und wieder traut sich jemand nach der Lesung zu mir, um mich anzusprechen. Darüber freue ich mich immer besonders, weil ich mit den Leuten gern plaudere. Ich rede auch gern vorher mit den Zuhörern, bevor ich ein Buch signiere, weil ich immer gern etwas Persönliches reinschreibe. Und was die Leser betrifft: Manchmal bekomme ich eine E-Mail von jemandem, der mir einfach nur schreiben möchte, dass ihm der Roman oder eine bestimmte Kurzgeschichte gefallen hat. Kommt zwar selten vor, aber dafür sind Freude und Überraschung umso größer.

_Alisha Bionda:_
Mit welchem Großverlag würdest du gerne zusammenarbeiten?

_Andreas Gruber:_
Ich habe die wahnwitzige Idee, für einem Großverlag zu arbeiten, der mir sagt: „Schreib das Buch so, wie du glaubst, dass es richtig ist“, ohne dass mir das Lektorat beispielsweise andere Charaktere einredet oder ein anderes Ende aufoktroyiert. Selbstverständlich muss ich von Lektoren noch unendlich viel lernen, was Stil, Plotstrukturen oder Charakterentwicklung betrifft. Ich bin nicht perfekt und werde es auch in zehn Jahren nicht sein, weil es immer etwas gibt, das man dazulernen muss, aber wie gesagt – ich möchte nicht in eine Richtung geführt werden, von der ich nicht überzeugt bin. Dann wäre es nicht mehr mein Buch.

_Alisha Bionda:_
Ich habe dir zwar in Teil eins unserer Interviews eine ähnliche Frage gestellt, aber in ausgewogenerer Form keimt sie gerade wieder in mir auf. Ich habe dich seinerzeit einmal darauf angesprochen, ob du in einer bestimmten Serie mitschreiben möchtest, und du hast mir einen „Korb“ gegeben. Fürchtest du da um deine schöpferische Freiheit? Hast du konkrete Vorstellungen über die unterschiedlichen Formen der Serienzusammenarbeit? Oder hast du dich rein vom „Bauch“ heraus dagegen entschieden?

_Andreas Gruber:_
Ich habe aus dem Bauch heraus „nein“ gesagt. Ich werde aber versuchen, es im Nachhinein rational zu begründen: Das Schwierige einer Serie ist für mich, dass viele Köche an einem Brei rühren. Was dabei rauskommt, ist nicht aus einem Guss – kann auch gar nicht aus einem Guss sein. Es gibt Höhen und Tiefen einer Serie, weil Subplots auf der Strecke bleiben, Charaktere sich plötzlich anders entwickeln oder anders geschildert werden, und vor allem gibt es Brüche im Erzählstil der Serie, weil jeder Autor eine unterschiedliche Schreibweise oder eine unterschiedliche Herangehensweise an das Thema hat. Der eine schreibt literarisch antiquiert, der andere hat einen saloppen, frechen, zynischen Stil und der dritte schreibt wiederum künstlerisch experimentell, knapp, pointiert und abgehackt. Jetzt kannst du natürlich argumentieren, dass gerade das den Reiz einer Serie ausmacht. Für mich als Leser ist das aber eher unbefriedigend. Da lese ich lieber die Serie eines einzigen Autors, wie beispielsweise die Hexer-von-Salem-Serie von Hohlbein oder die Mark-Brandis-Serie von Nikolai von Michalewsky. Und jetzt sag mir bloß nicht, Hohlbeins Hexer-Serie stammt von mehreren Autoren, denn das würde mein Weltbild zerstören.
(Anmerkung A. B.: Es gibt auch Serien, die nur von zwei Autoren bestritten werden, die sich so perfekt ergänzen, dass sie sich beide frei entfalten können und es dennoch oder genau aus dem Grund ein qualitativ hochwertigeres Ergebnis gibt – aber ansonsten stimmt es schon, ich möchte es modifizieren: die |falschen| Köche verderben sehr schnell den Brei. Aber dann muss man die Rezeptur möglichst rasch ändern. Ansonsten: Es kommt immer darauf an, wie sich solche Autoren ergänzen, so pauschal würde ich persönlich das nicht sehen. Das kommt dann auch auf die Serie und den Autor an.)

_Alisha Bionda:_
Was mich damals erstaunte, möchte ich in eine Zusatzfrage kleiden: Serienarbeit bietet dem Autor – zumindest in der damals von mir angefragten Form – ja die Möglichkeit, durch die Mitarbeit an dem Exposé einen oder mehrere Charaktere zu formen und vor allem mit mehr Muße auszubauen als in einem begrenzten Roman. Sprich, du wärest als Autor sozusagen an der Entwicklung beteiligt, was neue Wege bedeutete, woran man als Schriftsteller auch wachsen kann. Reizt dich das nicht?

_Andreas Gruber:_
Nein – und du hast dir die Antwort eigentlich schon selbst gegeben. Ich wäre als Autor an der Entwicklung „beteiligt“. Meine Ideen wären bloß ein Teil in einem Pool vieler Ideen. Bei einem Storybeitrag zu einer Themenanthologie ist das okay, im Rahmen einer Buchserie fühle ich mich aber nicht wohl. Ich bin nun mal ein sturer Hund, der nur dann Kompromisse eingeht, wenn er muss. Das bedeutet, dass ich nur dann etwas schreibe, wenn ich hundertprozentig überzeugt bin, dass es genau das ist, was ich machen will. Andernfalls ist es für mich Zeitverschwendung. Ich fürchte, das klingt jetzt etwas arrogant, was nicht beabsichtigt ist, daher möchte ich versuchen, es anders zu erklären: Ich wende für die Schreiberei irrsinnig viel Zeit auf – Freizeit, in der ich Bücher lesen, Filme sehen, Musik hören oder etwas mit Freunden oder der Familie unternehmen könnte. Aber es ist meine eigene Entscheidung, vor dem Monitor zu hocken, während andere an einem sonnigen Tag ins Freibad gehen. Ich habe es mir so ausgesucht. Und wenn ich in dieser Freizeit schreibe, muss es mir Spaß bereiten. Falls ich also an einer Serie mitarbeite, und plötzlich entscheidet das Autoren-Team, dass die Plotwendung in diese Richtung geht, sich jener Charakter so oder so entwickelt, Informationen an den Leser an einer anderen Stelle platziert werden, um sie früher oder später zu ernten – und ich mich mit diesen Dingen nicht identifizieren kann -, würde ich nur noch mit Widerwillen weiterschreiben.

_Alisha Bionda:_
Und abschließend zu der Thematik: Wenn ich heute noch einmal „anklopfen“ würde, wäre die Antwort wieder ein klares „No“ oder mittlerweile ein „Vielleicht“?

_Andreas Gruber:_
Manche Autoren sind gesellige Serienschreiber, manche Autoren schreiben lieber allein. Ich gehöre zu Letzteren, daher leider wieder: No.

_Alisha Bionda:_
Du sagst ja selbst, dass dir – als Leser – Crossovergeschichten, aber auch solche Romane gefallen. Du selbst spielst ja auch mit den Genres, mischst sie. Gibt es eine „Kombination“, die dich besonders reizen würde? Oder gibt es ein Genre, in das du noch gerne vorstoßen würdest?

_Andreas Gruber:_
Steampunk klingt interessant. Für dieses Genre habe ich bisher nur ein oder zwei Kurzgeschichten geschrieben. Aber ein utopischer Roman, der im viktorianischen London des Jahres 1888 spielt, würde mich reizen. Stell dir vor, Jack the Ripper hätte einen mit Dampf betriebenen Teleporter oder etwas Ähnliches. Aber ich habe natürlich keine Ahnung, ob die Idee nicht schon jemand anders vor mit hatte.

_Alisha Bionda:_
Wie sieht im Allgemeinen deine Planung aus? Legst du grob fest, wie viele Projekte du im Jahr bewältigen möchtest/kannst? Sprich, wie gehst du da vor?

_Andreas Gruber:_
Wie der Tausendfüßler: Ein Schritt nach dem anderen. Im Durchschnitt arbeite ich an einem Roman zwischen neun und zwölf Monate, falls mir keine Kurzgeschichten dazwischenkommen. Zeitweise überschneidet sich die Arbeit an zwei Büchern, weil bei einem das Endlektorat ansteht, während ich beim nächsten bereits die Recherchen beendet habe und am Prolog schreibe. Im Grunde genommen habe ich nur einen Zwei-Jahres-Plan, was ich als nächstes gern machen möchte, und einen Kopf voller Ideen. Aber leider geht nicht alles gleichzeitig, also muss ich Prioritäten setzen, das heißt, ich mache jenes Projekt als nächstes, das mir am meisten unter den Fingern brennt und sich mit einem Autorenvertrag fixieren lässt.

_Alisha Bionda:_
Lieber Andreas, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Projekten und mir weiterhin Bücher von dir – und möchte in absehbarer Zeit in Teil drei des Interviews (und danach sporadisch in Folge) über deine neusten Aktivitäten mit dir plaudern.