Interview mit Uta-Maria Heim

_Buchwurm.info:_
Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade?

_Uta-Maria Heim:_
Danke, mir geht es gut. Ich habe Feierabend, ich sitze zu Hause am Laptop und beantworte Ihre Fragen.

_Buchwurm.info:_
Ich kenne Sie vor allem als Lyrikerin, jetzt auch als Krimiautorin. Sie haben für Ihren Krimi „Das Rattenprinzip“, der 1991 bei |Rowohlt| erschien, den Deutschen Krimipreis bekommen. Warum schreiben Sie gerade Krimis? Wollen Sie etwas Bestimmtes damit ausdrücken oder erreichen?

_Uta-Maria Heim:_
Ich schreibe Krimis, weil man in diesem Genre die komplexesten und spannendsten Geschichten erzählen kann. Es macht mir Spaß, Irritationen zu schaffen, mit Fiktionen zu spielen.

_Buchwurm.info:_
Worum geht es in Ihrem neuesten Krimi „Wespennest“? Angeblich handelt es sich um eine Fortsetzung zu „Das Rattenprinzip“? Kommt Claudi wieder vor?

_Uta-Maria Heim:_
Schauen Sie doch einfach mal rein! Das Buch sticht nicht …

_Buchwurm.info:_
Sie arbeiten als Hörspieldramaturgin. Was hat sich der Laie unter dieser Tätigkeit vorzustellen und wie kann man sie erlernen?

_Uta-Maria Heim:_
Es ist eine Redakteurstätigkeit, die künstlerisches und organisatorisches Geschick erfordert. Sie ist sehr komplex und schwer zu erklären. Sogar meine Freunde wissen nicht, was ich da tue, aber sie wissen, dass ich es sehr, sehr gern mache. Das ist entscheidend. Ach ja: Dramaturgin wird man beispielsweise durch ein Studium und ein Volontariat und möglichst viel benachbarte Berufserfahrung. Man sollte aber auch gewisse vorteilhafte Vorlieben, Veranlagungen, Begabungen und Tugenden mitbringen, die mehr sind als Training. Das gilt für jeden Beruf.

_Buchwurm.info:_
Welche Stoffe bearbeiten Sie als Dramaturgin am liebsten? Oder haben Sie da keinen Einfluss auf die Auswahl?

_Uta-Maria Heim:_
Ich bearbeite als Dramaturgin gar nicht, ich vergebe dafür Aufträge und erstelle zusammen mit dem Bearbeiter / der Bearbeiterin die Endfassung des Manuskripts. Die Auswahl lege ich in Absprache mit meinen Kolleginnen und Kollegen hier in der Redaktion fest. Bei Originalhörspielen schickt ein Autor / eine Autorin ein fertiges Manuskript ein und wir prüfen, ob sich das Stück für unser Programm eignet. Falls ja, wird es im Studio von einem Produktionsteam mit meist namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern produziert.

_Buchwurm.info:_
Sie haben auch historische Romane geschrieben, die im |Berliner Taschenbuch Verlag| (BVT) erschienen („Ruth trifft Ruth“, „Schwesterkuss“). Warum haben Sie auch solche Bücher geschrieben? Waren sie als Versuche oder Experimente gedacht?

_Uta-Maria Heim:_
Nein, historische Romane habe ich nicht geschrieben. Romane schon. Es waren vier, glaube ich. Sie sind auch nahe am Spannungsgenre angesiedelt, aber keine Krimis. Die Grenzen sind da für mich allerdings fließend.

_Buchwurm.info:_
Sie sind auch Lyrikerin. 1991 erschien beispielsweise „Süden und Irrtum“ im Flugasche Verlag in Stuttgart. Schreiben Sie noch Lyrik und wenn ja, warum? Haben Sie etwas davon veröffentlicht?

_Uta-Maria Heim:_
Ich habe bis zur Jahrtausendwende viele Gedichte veröffentlicht, verstreut in z. T. großartigen Anthologien usw. Aber ich hatte nicht das Potenzial für einen weiteren Gedichtband. Das lyrische Sprechen ist etwas ganz Eigenes. 1998 habe ich den letzten Gedichtzyklus geschrieben, während eines Italien-Stipendiums. Danach ging nichts mehr.

_Buchwurm.info:_
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?

_Uta-Maria Heim:_
Lesen, schreiben, kochen, joggen. Mit den Menschen zusammen sein, die mir am Wichtigsten sind.

_Buchwurm.info:_
Noch mal zurück zum „Rattenprinzip“, das ich mit großem Vergnügen gelesen habe [(vgl. Rezension bei |Buchwurm.info|).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5903 Ich kann verstehen, dass man den Krimi als Kultbuch handelt, denn die Lesergemeinde, die das Schwäbisch und Alemannisch, das darin hin und wieder gesprochen wird, verstehen kann, ist ja etwas eingeschränkt. Aber diese Leser freuen sich natürlich über den Wiedererkennungseffekt. War das so geplant? Fühlen Sie sich als Alemannin?

_Uta-Maria Heim:_
Natürlich war das geplant. Und auch wieder nicht. Ich hab halt gemacht, was ich konnte und wollte. Eine echte Alemannin bin ich nicht, eine Schwäbin aber auch nicht – ich bin auf der Grenze zwischen Baden und Württemberg aufgewachsen. Mein Vater sagte immer: „Mirsinnnind“. Wir sind nichts. Wir haben keine richtige Identität und fühlen uns ordentlich zerrissen. Für mich würde ich sagen: Schön zerrissen.

_Buchwurm.info:_
Im „Rattenprinzip“ zeigen Sie sich als bestens informiert über den Lokaljournalismus in der Landeshauptstadt Stuttgart. Waren Sie selbst als Journalistin tätig?

_Uta-Maria Heim:_
Klar. Aber das ist zwanzig Jahre her!

_Buchwurm.info:_
Im „Rattenprinzip“ zeigen Sie die Verbindung von Kulturprodukten und ihren industriellen Sponsoren auf, insbesondere der Autoindustrie. Bestimmte Blätter, literarische Institutionen und kulturelle Veranstaltungen mussten sich offenbar diesem Sponsorendruck stellen und standen vor der Wahl, ob sie überleben oder sich gängeln lassen wollten. Die Literaturzeitschrift |Flugasche| etwa befand sich kurz vorm Aus, weil Land und Stadt die Förderung einstellten.

_Uta-Maria Heim:_
Das ist traurig. Es trifft halt immer die Falschen. Heute hat kein Mensch mehr Probleme mit privatem Sponsoring. Ich auch nicht. Die Probleme, die wir haben, sind in ganz anderen Dimensionen angesiedelt. Und damit beschäftigt sich eben das „Wespennest“.

_Buchwurm.info:_
Wie sehen Sie diese Situation damals? Lässt sie sich mit heute vergleichen?

_Uta-Maria Heim:_
Das Ganze ist eine Entwicklung, die vermutlich unausweichlich war und bleibt. Mit der deutsch-deutschen Wende, um die sich das „Rattenprinzip“ ja dreht, wurde ein Prozess eingeleitet, der noch lange nicht zu Ende ist. Direkt vergleichen lassen sich die Umstände damals mit denen heute nicht mehr – es sei denn, man vergleicht Birnen mit Äpfeln. Wobei es falsch wäre zu sagen, früher war alles besser. Heute ist alles besser. Mit den Problemen ist auch das Problembewusstsein gestiegen, was den Durchschnitt der Bevölkerung angeht. Und eine kleine Elite wächst mit. Mehr kann man nicht erwarten, zumindest derzeit noch nicht.

_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade? Wann erscheint Ihr nächstes Buch?

_Uta-Maria Heim:_
Ich schreibe derzeit an keinem Buch und plane nichts. Im Frühjahr erscheint voraussichtlich mein Krimi „Totenkuss“, der schon lange fertig herumliegt. Dann ist ein ganzer Kosmos von Geschichten, die mit dem „Rattenprinzip“ angefangen haben und alle locker ineinander greifen, für mich abgeschlossen. Was kommen wird, weiß ich nicht. Falls ich wieder was schreibe, hätte ich Lust auf etwas ganz anderes. Es müsste etwas sein, das mich umhaut.

Die Fragen stellte Michael Matzer.

_Zur Autorin_

Uta-Maria Heim, geboren 1963 in Schramberg, Schwarzwald, lebt als Dramaturgin und Autorin in Baden-Baden. Sie schrieb zahlreiche Romane, Krimis, Hörspiele und Features. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen wie den Deutschen Krimi-Preis, der Förderpreis Literatur des Kunstpreises Berlin und den Friedrich-Glauser-Preis.

„Das Rattenprinzip“ war ihr erster Roman und Krimi. Er erschien erstmals 1991 bei Rowohlt und avancierte schnell zum sogenannten „Kultbuch“ [(siehe Rezension auf Buchwurm.info)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5903 . Die Fortsetzung von 2009 trägt den Titel „Wespennest“. Beide Romane erscheinen im |Gmeiner|-Verlag, Meßkirch.

Das Autorenfoto schoss Joachim E. Röttgers

http://www.gmeiner-verlag.de

_|Bibliografie|_

_ROMANE UND KRIMINALROMANE_

• Das Rattenprinzip, Reinbek bei Hamburg 1991 und Meßkirch 2008
• Süden und Irrtum, Stuttgart 1991
• Der harte Kern, Reinbek bei Hamburg 1992
• Die Kakerlakenstadt, Reinbek bei Hamburg 1993
• Die Widersacherin, Zürich [u. a.] 1993
• Der Wüstenfuchs, Reinbek bei Hamburg 1994
• Die Wut der Weibchen, Reinbek bei Hamburg 1994
• Bullenhitze, Reinbek bei Hamburg 1995
• Durchkommen, Leipzig 1996
• Die Zecke, Reinbek bei Hamburg 1996
• Sturzflug, Hamburg 1998
• Dackel Maiers erster Fall, Aarau [u. a.] 1999
• Engelchens Ende, Reinbek bei Hamburg 1999
• Glücklich ist, wer nicht vergißt, Reinbek bei Hamburg 2000
• Ihr zweites Gesicht, Reinbek bei Hamburg 2000
• Ruth sucht Ruth, Berlin 2002
• Schwesterkuß, Berlin 2002
• Dreckskind, Meßkirch 2006
• Totschweigen, Meßkirch 2006
• Wespennest, Meßkirch 2009

|Herausgeberschaft:|
• Bloody Mummy, Reinbek bei Hamburg 1997
• Der Schuß im Kopf des Architekten, Ludwigsburg 2000

_LYRIK UND KURZPROSA_

Neue Balladen von dünnen Männern, Gedichte, Stuttgart 1985
Fahrt in den See, Warmbronn 1987
Vergelt’s Gott, Stuttgart 1990
Süden und Irrtum, Gedichte, Stuttgart 1991.

_STORYS_

|zahlreiche verstreute Veröffentlichungen, zuletzt u.a.:|

Lisa Kuppler (Hg.): Mord isch hald a Gschäft. Von Silvija Hinzmann, Gudrun Weitbrecht, Uta-Maria Heim, Martina Fiess u. a. (Argument Verlag 2004)

Lisa Kuppler (Hg.): A Schwob, a Mord?: Schwabenland, Krimiland. Von Martina Fiess, Monika Geier, Madeleine Giese, Uta-Maria Heim u. a. (Argument Verlag 2008)