Isabel Allende – Amandas Suche

Isabel Allende ist Spezialistin für groß angelegte Familienporträts und starke Frauenfiguren. Bei ihr bekommt auch das Banale einen magischen Anstrich und das Profane wird in den Stand des Lesenswerten erhoben. Dafür lieben sie ihre Leser, doch vermutlich haben nur wenige ihrer Fans damit gerechnet, dass Isabel Allende, die Königin des Magischen Realismus, beschließen würde, einen Krimi zu schreiben. Wer dennoch neugierig ist, wie Allende ein solches Vorhaben angeht, der sollte „Amandas Suche“ zur Hand nehmen und sich selbst ein Bild machen.

„Amandas Suche“ ist in Allendes Wahlheimat San Francisco angesiedelt und bei der Beschreibung der Stadt und ihrer Menschen merkt man sofort, dass Allende längst in Kalifornien angekommen ist. Die Stadt wird plastisch geschildert – sie wirkt bunt, einladend und alternativ. Bei den Figuren hat man ebenfalls das dringende Bedürfnis, sofort in den nächsten Flieger zu steigen, um diese schillernden Charakterköpfe persönlich kennenzulernen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist Indianas Familie. Indiana selbst ist dreiunddreißig Jahre alt, trägt ihre Walkürenfigur stolz zur Schau und arbeitet als Heilerin in einer Klinik voller esoterischer Heilsbringer. Zu Hause stellt sie Duftwässerchen her, kommt mit ihrem Geld mehr schlecht als recht über die Runden, hat einen Liebhaber und ist ein einfach liebenswerter Gutmensch. Kurzum: Sie ist ein zu spät geborener Hippie. Diese Indiana, die abwechselnd selbst kindlich und altersweise daherkommt, hat eine Tochter im Teenageralter. Diese Tochter, Amanda ist ihr Name, ist ein überschlaues, altkluges und naseweises Mädchen. Diese Spezies bevölkert heutzutage ja gern Jugendbücher und ruft bei erwachsenen Lesern schnell Ermüdungserscheinungen hervor, weil sie oftmals die gesamte Handlung an sich reißen und anderen Figuren den Raum nehmen. Das passiert zum Teil auch hier. Denn als San Francisco von einer Mordserie heimgesucht wird, ist es nicht etwa Amandas Vater, der Polizist Bob Martín, der die Morde löst. Nein, es ist Amanda, die mit Hilfe ihrer Internet-Rollenspielgruppe Ripper die entscheidenden Hinweise liefert. Dabei fragt man sich naturgemäß, wie es kommt, dass ein Polizist seiner Tochter und ihren Onlinefreunden vertrauliche Informationen zuspielt.

Weiterhin werden die Buchseiten bevölkert von Amandas Großvater Blake Jackson, der gern einen Roman über die Mordserie und ihre eigenen Nachforschungen schreiben würde, Indianas Liebhaber Alan Keller, der zwar in Indiana verliebt ist, dem sie aber nicht gesellschaftsfähig genug ist, dem Ex-Navy-Seal Ryan Miller, der, beinamputiert und mit einem halbblinden und praktisch tauben Hund in einem Loft lebt, und vielen anderen schillernden und nicht ganz so schillernden Figuren. Auf den Buchseiten versteckt sich auch der Serienmörder – ganz wie die Regeln des Krimis es vorschreiben –, nur ist es ein fast unmögliches Unterfangen, vor den Charakteren auf die Lösung zu kommen. Oftmals vergisst Isabel Allende über der Beschreibung der Lebens- und Liebesgeschichten ihrer Charaktere, dass sie eigentlich einen Krimi schreiben wollte, doch böse sein kann man ihr deshalb nicht. Denn hier – und das ist der Großteil des Romans – spielt sie ihre Stärke aus. Das Geflecht der Figuren zueinander ist es, was „Amandas Suche“ lesenswert macht. All diese Schrullen und Skurrilitäten, die Allende mit unglaublich leichter Feder zu Papier bringt, unterhalten den Leser einfach unglaublich gut. Fans der Autorin wird das sicher freuen. Es ist auch dem Verlag hoch anzurechnen, dass er mit dem deutschen Titel „Amandas Suche“ versucht hat, Allendes Stammleserschaft anzusprechen. Denn er reiht sich nahtlos in ihr Œuvre ein und vermittelt zuverlässig, dass man eine Geschichte mit starken Frauen zu lesen bekommt, die irgendwelche Hindernisse in ihrem Leben überwinden müssen. Der Originaltitel „El juego de Ripper“ dagegen evoziert eher einen blutigen Thriller – und dieses Versprechen kann Isabel Allende einfach nicht einhalten.

Wenn Allende dann nämlich einfällt, dass sie ihre Krimihandlung vorantreiben sollte, passiert dies eher apropos. Aus verschiedenen kleinen Metakommentaren im Text kann man ableiten, dass Allende selbst begeisterte Krimileserin ist und durchaus weiß, wie ein Krimi gestrickt sein muss. Trotzdem hält sie sich fast nie an diese Regeln. Zunächst gibt es zwar eine durchaus blutige Mordserie, doch es fehlt der Impuls, warum diese unbedingt von den handelnden Personen gelöst werden sollte. Dieser Impuls kommt erst viel später, als Indiana vom Mörder gekidnappt wird. Da gewinnt auch der Roman an Fahrt und auf den letzten einhundert Seiten kommt tatsächlich so etwas wie Spannung auf. Bis dahin hatte sich der Krimiplot nämlich immer darin erschöpft, dass im Rollenspiel (eigentlich nichts weiter als ein Chat) Bob Martíns Ermittlungsergebnisse referiert wurden und man daraus Schlüsse zog. Das grenzt schon fast an Betrug am Leser, der keine Chance hat, aus dem Roman heraus eigene Ideen zu entwickeln. Der eigentliche Krimiplot passiert nämlich immer im Off und neue Erkenntnisse werden immer erst präsentiert, wenn alle Messen schon gelesen sind. In der Rezension zu Mayas Tagebuch hatte die Rezensentin angemerkt, dass sich Isabel Allende lieber nicht noch mal an einem whodunit versuchen sollte. Nach der Lektüre von „Amandas Suche“ fühlt sie sich in dieser Einschätzung bestätigt. Wer den Roman tatsächlich als Krimi zur Hand nimmt, wird sicher enttäuscht sein, denn nicht immer macht ein Mord aus einem Roman auch einen Krimi.

Das heißt nicht, dass „Amandas Suche“ kein lesenswerter Roman ist. Für Allende-Fans bietet er alles, was man sich bei ihren Büchern wünscht: Groß angelegte Familiengeschichten mit absurden, aber liebenswerten Details, skurrile Figuren, die man unbedingt kennenlernen möchte, und eine Handlung, bei der man sich fühlt, wie in Watte gepackt. Wer Isabel Allende mag, darf bei „Amandas Suche“ gern zugreifen. Wer wirklich einen Krimi erwartet, sollte jedoch eher die Finger von dem neuesten Roman der chilenischen Autorin lassen. Er wird sonst vielleicht geneigt sein, sie des Etikettenschwindels bezichtigen zu wollen.

Gebundenes Buch: 480 Seiten
ISBN 13: 978-3-518-42410-0
Originaltitel: El juego de Ripper
suhrkamp.de
isabelallende.com

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