J.R.R. Tolkien – Der Fall von Gondolin. Mit Illustrationen von Alan Lee. Herausgegeben von Christopher Tolkien

Der Meisterplan des Wassergottes

„Die dritte große Geschichte aus dem Ersten Zeitalter von Mittelerde.

Zwei der größten Mächte liegen in unerbittlichem Streit; auf der einen Seite Morgoth, die Verkörperung des Bösen, und auf der anderen Ulmo, der Herr aller Gewässer. Im Mittelpunkt steht die verborgene Elben-Stadt Gondolin, denn ihr König wird von Morgoth mehr als alles andere gehasst. Da wird der junge Tuor von Ulmo ausgesandt, und er macht sich auf den Weg nach Gondolin, um König und Bewohner zu warnen.

Dieser Band enthält zahlreiche Farbgemälde und Zeichnungen des berühmten Tolkien-Illustrators Alan Lee.“ (gekürzte Verlagsinfo)

Wie schon der Band „Beren und Lúthien“ folgt diese Darstellung der Entwicklung und Verwandlung einer einzigen Geschichte des Ersten Zeitalters von der Entstehung im Ersten Weltkrieg bis zu den letzten Arbeiten, die leider unvollendet blieben. Das Verfahren unterscheidet sich also fundamental von „Das Silmarillion“ (1977) und „History of Middle-Earth“ / „Nachrichten aus Mittelerde“ (achtziger Jahre).

Der Autor

Professor John R.R. Tolkien (1892-1973) hat das „wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts“, so die Umfrageergebnisse, geschrieben: „Der Herr der Ringe“ (1954/55). Nicht allzu viele Menschen hingegen wissen, dass die Ereignisse, die in HdR geschildert werden, nur die Spitze des Eisbergs dessen darstellen, was Tolkien zeit seines Lebens geschaffen hat. Dieses imaginäre Universum findet sich zu großen Teilen (aber nicht vollständig) im „Silmarillion“ (posthum 1977) wieder, das erst vier Jahre nach dem Tod des Oxford-Professors erscheinen konnte, so kompliziert war die Arbeit daran.

Ein großer zusammenhängender Teil des „Silmarillion“ ist den Kindern Húrins gewidmet, und darin ist die Geschichte von Túrin Turambar sicherlich ergreifendste und am wirkungsvollsten erzählte des gesamten „Silmarillion“. Doch was bislang auch in „Nachrichten aus Mittelerde“ mühselig aus Prosa und Fußnoten zusammenzutragen war, bekommt der Leser nun endlich in recht lesbarer Form serviert. Sein Sohn Christopher, Mitverfasser des „Silmarillion“ wurde 2018 94 Jahre alt.

Die Anhänge muss man nicht kennen, um die Geschichte selbst zu verstehen. Die umfangreiche Namenliste des Anhang und die Landkarte erweisen sich aber als Orientierungshilfe von unschätzbarem Wert. Mehr dazu weiter unten.

Inhalte

1) Prolog

Bevor es losgeht, wird der Leser mit einer „Skizze aus der Mythologie“ (1926) in das Universum des Silmarillions eingeführt. Diese Skizze reicht von Melkors Gefangennahme, seiner Verführung Feanors, dem Raub der drei Silmarils bis zum Exodus der Noldoli aus Valinor nach Beleriand. Die Weissagung des Vala Mandos bewahrheitet sich: Keiner der Elben vertraue mehr dem anderen, nicht seitdem die Noldoli ihre Brüder aus Schwanenhafen, die Teleri, erschlugen, um mit deren Schiffen gen Osten zu segeln. Ein Elben-Reich nach dem anderen wird diesem Fluch verfallen und von Melkor / Morgoth zerstört werden. Kann der Vala Ulmo diesen Fluch außer Kraft setzen?

Eine mir bislang unbekannte Anfeuerungsrede Feanors (in Stabreimen) macht deutlich, wie tief die Kluft zwischen Noldoli und Valar bereits geworden ist. Und furchtbar ist der Schwur, den Feanor gegenüber Morgoth tut.

2) Handlung von „Das Fall von Gondolin“ (Urfassung aus „Das Buch der Verschollenen Geschichten“, (1916 oder 1917)

Es ist die Zeit nach der Schlacht der Ungezählten Tränen, Nirnaeth Arnoediad. Tuor ist ein Mensch, aber von dem Wassergott Ulmo auserkoren, den Elben von Gondolin eine wichtige Botschaft zu überbringen. Warum ausgerechnet Tuor? Er ist nur ein Sänger mit einer Harfe, der sich in der menschenleeren Wildnis von Beleriand gerade mal so durchschlägt. Aber: Als Jäger, Sänger und Poet hat er ein Auge für die Schönheiten der Natur und ihm fallen die Unterschiede und Besonderheiten auf. Zudem ist ein Mensch, ein Spätankömmling in Beleriand, in Melkos Augen also unverdächtig, ein Spion der Valar zu sein. Kann auch sein, dass Tuor mehrere Sprachen spricht. Er bekommt es nämlich nicht nur mit den Hochelben Círdans zu tun, sondern auch mit den „Gnomen“ der Noldoli. (In der ersten Fassung heißen die Elben noch „Gnomen“, insbesondere die Noldoli bzw. Noldor.)

Diese Waldläufer führen ihn auf verschlungenen Pfaden den Lauf des Sirion hinauf zu den Umzingelnden Bergen, hinter denen sich das Königreich Turgons von Gondolin verbirgt. Es ist neben Doriath das letzte der Elbenkönigreiche, das noch nicht von Melko, dem Verderber, zerstört worden ist. Doch die Noldoli haben Angst und verlassen jetzt den Boten. Nur der Elb Voronwe, der sich auch Bronweg nennt, wagt es, Tuor durch das verborgene Tor durch den engen Zugang zum beachten Ausgang des Tunnels zu begleiten. Am Tunnelende werden sie sofort von Wächtern in Empfang genommen. Nur die Bitte, dem König eine Botschaft Ulmos vorzutragen, rettet ihr Leben.

So gelangen sie als Gefangene in die Königsburg. Tuor hat noch nie eine schönere Stadt gesehen, und mit Wohlgefallen ruht sein Auge auf Idril Silberfuß, der weissagenden Tochter des Königs. Er trägt seine Botschaft vor: Die Gondothlim soll jetzt in den Krieg gegen Melko ziehen, denn der Augenblick sei günstig. Männer unter Waffen hätten sie genug, ebenso Ausrüstung und Kampfbereitschaft. Allein es fehlt am Willen. Turgon vertraut weiterhin auf den Schutz der Umzingelnden Berge und wartet ab. Die Stille vor dem Sturm scheint ihm recht zu geben.

Doch der Schmied und Bergarbeiter Meglin, Turgons Neffe, neidet Tuor die Ehre, Idril heiraten zu dürfen, weil er sie selbst haben wollte. Er gedenkt sich für diese Schmach zu rächen und wagt sich immer weiter in gefährdete Bezirke der Berge vor, solange, bis er von Orks gefangengenommen wird. Sie töten ihn nicht, weil er verspricht, ihrem Herrn Melko ein großes Geheimnis über das feindliche Gondolin zu verraten. Vor Melkos düsterem Antlitz, über dem die Eisenkrone mit den drei Silmaril liegt, schlottern Meglin die Knie. Als Preis für seinen Verrat bedingt er sich lediglich einen Posten in Melkos Heer und natürlich die schöne Idril aus. Morgoth verspricht ihm beides, gedenkt aber, nichts davon zu halten.

Zurück in Gondolin hat sich Meglins Verhalten verändert, weil er zufriedener wirkt, aber genau das erregt bei Idril und Tuor Verdacht. Auf die Bitte seiner Frau hin lässt Tuor mit vertrauenswürdigen Getreuen einen zweiten Fluchtweg aus dem Gondolin-Tal anlegen. Sein Sohn Earendel ist gerade mal ein oder zwei Jahre alt, als an einem Festtag die Späher melden, dass Orkarmeen und Balrogs die Gipfel der Umzingelnden Berge übersteigen. Die Späher werden überrannt, und erste Feuerdrachen beginnen, das grüne Tal einzuäschern.

Was tun? Meglin rät Turgon, sich in der Stadtfestung zu verschanzen statt den Feind auf offenem Feld anzugreifen, schließlich gelte es, kostbare Juwelen zu schützen. Dieses Argument zieht: Turgon liebt seine Juwelen und Schätze. Er zieht seine Truppen zur Stadt zurück, gegen den Rat aller anderen Fürsten, außer einem: Meglins Verbündetem Salgant, einem fetten Feigling.

Die Stadt ist so groß und prächtig wie später Gondor, aber schlechter zu verteidigen. Die zwölf Adelshäuser mit ihren Truppen sind dünn verteilt und müssen sich zu jedem Ausfall konzentrieren. Viele fallen den Feuerdrachen und Balrogs zum Opfer, und das Schmiedehaus Rogs wird in einem heldenhaften Ausfallangriff vollkommen ausgelöscht. Fürst Ecthelion nimmt den Oberbefehlshaber der Balrogs, Gothmog (der einst König Fingolfin, Turgons Vater, tötete), mit in die Tiefe des Quellbrunnens.

Der letzte Kampf findet vor dem Haus der Quelle und dann auf dem Platz vor dem Palast statt. Der Feind hat nicht nur Orks, Balrogs und Feuerdrachen im Einsatz, sondern auch Drachen aus Metall, die sich nicht mit Pfeil und Schwert angreifen lassen. Das Ende der letzten Männer ist nahe, als sich endlich auch Turgon mit seiner Leibwache auf den Kampf einlässt…

Unterdessen in Tuors Haus am Rande der Talebene. Meglin hatte es von Anfang auf Idril und ihren siebenjährigen Sohn abgesehen. Nun nimmt er mit den Orks beide gefangen, um das Kind über die Mauer zu werfen und Idril zu schänden. Doch da erscheint Tuor mit seinen Getreuen, befreit seine Lieben und bereitet dem Verräter das verdiente Ende: Meglin fliegt selbst über die Mauer in die Tiefe. Nun aber wartet die Flucht aus der Umzingelung der Feinde auf Tuor und seine Familie. Der offizielle Tunnel ist versperrt, deshalb müssen sie nun den Ersatztunnel nehmen, der noch nicht ganz fertig ist.

Er führt nur zur Adlerspalte, einem engen Pass, der sich im Norden durch die Umzingelnden Berge schlängelt. Auf dem gefährlichen Pfad bewährt sich ein gewisser Legolas Grünblatt als Führer. Doch selbst seine scharfen Augen vermögen die Orks und den Balrog nicht zu entdecken, die über ihnen lauern. In dem anschließenden Kampf tötet Lord Glorfindel den Balrog um den Preis seines eigenen Lebens. Thorondors Adler greifen endlich ein, Feinde Melkos, und so gelingt es, die Orks zu besiegen und der Verfolgung zu entgehen. Doch der Weg zum Meer Ulmos ist lang und voller Gefahren…

Es ist festzuhalten, dass diese erste Fassung die einzige ist, die die Schlacht in der Stadt und Tuors Rolle dabei eingehend schildert.

3) Der früheste Text (1916 oder 1917)

Dies ist eine minimale Vorstufe zur ersten Geschichte (oben) und sehr rudimentär. Es geht um Isfin, die Tochter des Noldorfürsten Finwe. In der „Geschichte“ ist sie Turgons Schwester. Sie wird dort aber außen vor gelassen, denn Isfin wird von dem Dunkelelb Eol gefangen gehalten, woraufhin sie Meglin empfängt, der als einziger nach Gondolin eingelassen wird – mit fatalen Folgen.

4) Turlin und die Verbannten von Gondolin

Mit Turlin ist Tuor gemeint. Nach dem Fall Gondolins sucht er Zuflucht an der Meeresküste und der Mündung des Sirion. Dieser kurze Text beschäftigt sich eingehend mit den Motiven des Valars Ulmo. Was wollte er mit einem Angriff Gondolins auf Melko bezwecken? Man sieht, dass diese Pläne und Absichten weit tiefer und weiter reichen als gedacht.

5) Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie (1926)

Hier wird das Problem mit dem Zeitpunkt von Tuors Ankunft in Gondolin angepackt: Gondolin muss schon Jahrhunderte als sein, um so groß und herrlich sein zu können. Da aber Turgon aus der Schlacht der Ungezählten Tränen dank Húrins Heldentat entkommen konnte, muss diese Schlacht ebenfalls schon lange her sein. Weil aber Tuor der Sohn von Huor, dem Bruder von Húrin, in jener Schlacht fiel, müssen die Menschen von damals ganz schön langlebig gewesen sein. (Das gleiche Problem gilt auch für Meglins Mutter Isfin, die vom Dunkelelb Eol gefangen gehalten wurde.) Immerhin wird Tuor hier erstmals in die Genealogie der Menschen eingeordnet und als entflohener Sklave Melkos bezeichnet.

6) Die Geschichte in der Fassung der „Quenta Noldorinwa“ (1930)

Hier erfahren wir, dass es Isfin, Turgons Schwester, zusammen mit ihrem unehelichen Sohn Meglin bzw. Maeglin gelungen ist, nach Gondolin zurückzukehren und dort freundliche Aufnahme zu finden. Mithin sind Meglin und Idril, die er begehrt, Cousine und Cousin ersten Grades, eine nicht gerade gesegnete verwandtschaftliche Nähe. Vielleicht ist dies Turgon bewusst, als er Idril dem Menschen Tuor zur Frau gibt, eine Wahl, die Meglins Rachsucht weckt und seinen Verrat fördert.

Am Schluss erzählt Tolkien, wie die Flüchtlinge aus Gondolin im Sirion-Delta auf die letzten Überlebenden des Volkes von Doriath stoßen: Berens und Lúthiens Sohn Dior wurde ermordet, und nur seine Tochter Elwing entging mit Getreuen dem Untergang. Elwing heiratet in der Folge Tuors Sohn Earendel und gebiert zwei Söhne: Elros (der im Stammbaum fehlt) und den uns wohlbekannten Herrn Elrond.

7) Die letzte Fassung (1951)

Diese Fassung stellt mit großem Detailreichtum Tuors Jugend bei den Grauelben und seine lange Reise durch Beleriands Südwesten dar, bis sie schließlich am siebten Tor des geheimen Wegs, der nach Gondolin hineinführt, abrupt endet. Lord Ecthelion erkennt mit feinem Spürsinn, dass Tuor ein Bote des Gottes Ulmo ist – und was das für seinen König bedeuten könnte.

Der Herausgeber schildert diverse Gründe, warum dieser Text abgebrochen wurde. Anfang der fünfziger Jahre war sowohl für Tolkien, der gerade den HdR fertiggestellt hatte, als auch für seinen Verleger Rayner Unwin, der unter Geld- und Papierknappheit litt, eine sehr schwierige Zeit, vor allem auch emotional. So kam es, dass sich Tolkien breitschlagen ließ, lieber nur den HdR – in drei Einzelbänden! – über zwei Jahre hinweg (1954 und 1955) zu veröffentlichen, als gar nichts. „Das Silmarillion“, von dem der HdR nur ein „Nachspiel“ am Ende des 3. Zeitalters darstellte, musste warten.

8) Die Entwicklung der Geschichte

Dieser lange Text vergleicht diachronisch die verschiedenen Fassungen von 1916/17, 1926 und 1951 miteinander. Er ist nur für Tolkienforscher und Literaturwissenschaftler interessant. Für den Herausgeber stellt dieses Kapitel indes eine gewaltige Leistung dar. Der Leser wird hier auf etliche Ungereimtheiten gestoßen. So etwa auf die Frage, warum Gondolin eigentlich keine KÖNIGIN hat.

9) Der Schluss

Es gibt keine „Verschollene Geschichte“ über Tuors Sohn Earendel. Wohl aber gibt es zwei skizzenhafte Texte, die verdeutlichen, dass Ulmos Plan mit Tuor letzten Endes aufging. Der einzige Störfaktor nach der Wiederbeschaffung der drei vermaledeiten Silmaril ist der Kampf der Söhne Feanors um ihre Rückgabe. Doch es kommt etwas dazwischen…

10) Der Schluss der „Skizze der Mythologie“ (1926)

Entweder Voronwe oder Earendel gelingt, das verhüllte Segensreich Valinor zu erreichen und Fionwe, den Sohn des Valar Manwe, dazu zu bewegen, mit einem Heer von Elben Morgoth niederzuwerfen und gefangenzusetzen. Im „Silmarillion“ wird dies die „Schlacht des Zorns“ genannt. Sie endet mit der Zerstörung physischen Zerstörung Beleriands und läutet das Ende des Ersten Zeitalters ein.

Tuors Nachkommen Earendel, Idril, Elwing und Elrond (auch dessen Bruder Elros) erfüllen alle eine gewisse Rolle. Nur ein einziger der drei Silmaril überdauert, nämlich jener, den Beren und Lúthien unter Einsatz ihres Lebens aus der Eisenkrone Melkors geschnitten hatten. Dieser Silmaril wurde von den Zwergen in das Halsband Nauglamir (alias Nauglafring) eingesetzt und führte die Ermordung von Berens Sohn Dior herbei, gelangte aber in die Hände Idrils.

Als die Söhne Feanors die Überlebenden Doriaths und Gondolins überfielen, um die Silmaril gemäß Feanors Eid an sich bringen, wurde Tuors Volk stark dezimiert. Idril stürzte sich mit dem Nauglamir in die See, wurde dort aber von Ulmo in einen Seevogel verwandelt – ihr Silmaril überstand die Prozedur. Fortan suchte sie ihren zuvor gen Valinor aufgebrochenen Mann Earendel – zumindest in der späteren „Quenta“ findet sie ihn…

11) Der Schluss der „Quenta Noldorinwa“ (1930)

Dieser komprimierte, aber lange Text stellt eine ungewöhnliche Ausnahme im Werk Tolkiens dar: Er ist vollständig! Zudem hat der Herausgeber letzte Änderungen berücksichtigt, so dass man sogar von einer Finalversion sprechen kann. Hinzukommt, dass Tolkien eine Prophezeiung formuliert, wie das Ende Mittelerdes nach der Letzten Schlacht am Jüngsten Tag aussehen wird.

Hier erfahren wir, dass es Earendil und Elwing mit Ulmos Hilfe gelingt, das verhüllte und entrückte Segensreich Valinor zu erreichen,. Fionwe begrüßt ihn, er spricht vor dem Rat der Götter, um Vergebung und Hilfe für die Völkerschaften Beleriands gegen Melkor bittend. Während sich die Götter zur „Schlacht des Zorns“ gegen Morgoth rüsten, fliegt Earendil mit Berens Silmaril durch die Lüfte, ein ewiges Zeichen der Hoffnung für die verzweifelnden Knechte Melkors. Er kehrt zurück, um den großen Drachen Ancalagon den Schwarzen zu töten (dessen Namen ich in der Gondolinschlacht vermisst habe).

Auch was aus den zwei anderen Silmaril, teilt uns der Text mit: Obwohl Fionwe Maglor und Maedhros informiert, dass Feanors Eid ungültig geworden sei, halten die beiden Feanorsöhne daran fest. Dass Fionwe die Wahrheit gesprochen, müssen sie schmerzhaft feststellen: Maedhros einzige verbliebene Hand wird vom Edelstein versengt, so dass er sich in einen Vulkan stürzt. Sein Silmaril kehrt zur Erde zurück. Maglors Silmaril ergeht es wenig besser: Der ebenfalls Versengte schleudert den heiligen Stein ins Meer und wandert fortan einsam durch die Lande. Da Beleriand untergeht, fliehen alle Völker gen Osten nach Eriador. Dort findet die Handlung von „Hobbit“ und HdR statt. Leider entkommen Sauron, zwei Drachen und mehrere Balrogs, aber die Zwerge in den Ered Luin sind Zufluchtsort für die Zwerge vom Erebor. (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Mein Eindruck von den Geschichten und Varianten

Diese Geschichte aus den Ältesten Tagen baut auf den Büchern „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ auf. Der Leser ist daher gut beraten, wenn er diese Bücher kennt. Die Vorgeschichte aller drei Bücher findet man am Anfang dieses Buches als „Prolog“ wieder. Dort ist von Flüchen, Eiden und Weissagungen die Rede, die allesamt wahr werden. Ulmos Plan zu skizzieren, ist nicht einfach und erfordert die Lektüre der verschiedenen Gondolin-Versionen. Diesem zentralen Aspekt, durch den Tuor zu einer Art biblischem Propheten gemacht wird, widmet der Herausgeber zahlreiche Seiten.

Mit Erleichterung stellt der Leser nach der Lektüre der zwei Schlüsse fest, dass Ulmos Meisterplan aufgeht. Die Abgesandten der Verbannten erreichen gegen alle Widerstände das verhüllte und entrückte Segensreich Valinor und können dort um Vergebung ihrer Sünden und Beistand gegen das Böse bitten. Beides wird glücklicherweise gewährt. So kommt es zur Vernichtung Melkors, der Befreiung aller seiner Sklaven und der physischen Zerstörung Beleriands.

Heilige Objekte

Wie erwähnt spielen die geraubten heiligen Silmaril und der daran geknüpfte Eid Feanors eine zentrale Rolle für das Verhängnis, das die Noldor ereilen soll. Niemand, schon gar nicht Melkor, soll sie besitzen denn Feanor und alle seine Nachkommen bis ins letzte Glied. Als Folge führen die Noldorfürsten über Jahrtausende hinweg Krieg gegen Morgoth. Alle ihre Königreiche werden zerstört – zuletzt sogar das am besten verborgene: Gondolin.

Das Interessante an der Figur Tuor: Erst in der zweiten Skizze von 1926 und erst recht in der „Quentas“ von 1930 wird er ins Haus Hador eingeführt und ein Vetter Túrin Turambars. Durch diese Einordnung gerät Tuor mitten hinein in den Silmarilkrieg. Sein Vater Huor stellt sich zusammen mit seinem Onkel Húrin den Heeren Melkors in der Schlacht der ungezählten Tränen entgegen, um dem Elbenfürsten Turgon das Entkommen nach Gondolin zu ermöglichen. Wie edel ist das denn?! Wird sich Tuor dieser Ehre würdig erweisen – oder mit Ulmos Mission scheitern?

Mächtige Versager

Als wäre das Leid, das die Kriege um die vermaledeiten Silmaril über Mensch und Elb bringen, nicht genug, demonstriert Tolkien erneut seine kritische Haltung gegenüber Schätzen im allgemeinen (siehe Smaugs Hort) und Juwelen im besonderen (siehe den Arkenstein), als er den König von Gondolin zu einer Kreatur der Habgier erniedrigt. Turgon hängt (wie später Thrór) an den edlen Schätzen, und der Verräter Maeglin weiß ihn darin zu bestärken, Die Folge: Statt präventiv anzugreifen, verschanzt sich der König hinter seinen Mauern, mit fatalen Folgen.

Das erinnert im HdR an Gondor und seinen ebenfalls versagenden Truchsess Denethor. Nur Gandalf und seine Helfer vermögen Minas Tirith, den „Turm der Wacht“, vor der völligen Vernichtung zu bewahren. Wer will, kann in dieser Motivlinie eine Entwicklung feststellen: Nur Gandalf der Weiße in seiner Rolle als Johannes der Täufer vermag den Weg zur Wiederkehr des wahren Segenskönigs zu ebnen. Dafür aber müssen Verräter und Feiglinge (Denethor wurde von Sauron durch Fake News in seinem Palantir getäuscht) weichen. Wahrheit, Freiheit, Leben und Licht – sie alle können sich nur entfalten, wenn die entsprechenden Kämpfer vortreten und sich dafür einsetzen. Denn die Lügen des Bösen haben die letzte Schlacht um Beleriand überdauert.

Die Anhänge

1) Verzeichnis der Namen

Das „elbische Telefonbuch“, wie es schon im „Silmarillion“ zu finden, aber hier mit noch ausführlicheren Erläuterungen, die zum Verständnis beitragen. Dieser Abschnitt ist rund 40 Seiten lang und sehr hilfreich.

2) Weitere Anmerkungen

Hier finden sich wertvolle Hintergrundinformationen über die Schlacht der Ungezählten Tränen, die göttlichen Ainur, über (Tuors Onkel) Húrin und Gondolin, die Eisenberge (der Zwerge) und den Ursprung von Earendel (als Wort und als Figur).

3) Stammbäume

Diese zwei Stammbäume (Noldor, Haus von Beor) sind exakt die gleichen wie in der ersten Veröffentlichung von „Das Silmarillion“ anno 1977. Wer jene schon wie im Schlaf auswendig aufzusagen weiß, braucht also diese nicht auch noch anzuschauen. Allen anderen werden sie eine willkommene Orientierungshilfe sein. Interessant fand ich die Abkunft von Lord Elrond sowie die Entdeckung, dass Tuor ein Vetter von Túrin Turambar ist. (Tatsächlich begegnen Tuor und Voronwe auf ihren Schleichwegen Túrin Turambar im Wald, denn er ruft fortwährend nach der von orks entführten Elbenprinzessin Finduilas aus Nargothrond, so dass er sie überhaupt nicht bemerkt. Vgl. S. 202.)

4) Landkarte

Dies ist eine recht detailreiche Darstellung der südwestlichen Regionen Beleriands vor seinem Untergang am Ende des Ersten Zeitalters. Sehr schön sind sämtliche Königreiche der Elben eingetragen, aber auch wichtige Landmarken wie etwa das Fenn von Serech, wo die erste Schlacht entbrennt, und die Teiglin-Stege, wo Túrin und Glaurung den Tod finden. Die Regionen von Ossiriand und Ered Luin im Osten sowie Taur-im-Duinath im Süden sind nicht eingezeichnet, weil sie in dieser Geschichte keine Rolle spielen. Angband ist auch auf der Silmarillion-Karte nicht eingezeichnet. Es liegt viel zu weit im Norden.

Die Illustrationen

Einer der größten Vorzüge dieses Buches liegt in seinen wunderschönen Illustrationen. Bekanntlich sind ja weder die „Lost tales“ / „Das Buch der Verschollenen Geschichten“ (1916/1917) noch „Nachrichten aus Mittelerde“ („Unfinished Tales“) mit Grafiken ausgestattet worden (mal von Landkarten und Emblemen der Herrscher abgesehen).

Daher bilden Alan Lees Illustrationen, gedruckt auf hochwertigem Glanzpapier, eine wertvolle Bereicherung und machen allein schon dadurch dieses Buch zu einem Sammlerstück. Es wird noch wertvoller, wenn man alle drei Bände dieser ersten Geschichten sowie die illustrierten Ausgaben von „Das Silmarillion“, „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Hier hat Alan Lee wirklich Großartiges geleistet.

Die Übersetzungen

Hans J. Schütz übersetzte die Tuor-Geschichten in „Das Buch der Verschollenen Geschichten Teil 2“ und in „Nachrichten aus Mittelerde“, Helmut W. Pesch den ganzen, ziemlich umfangreichen Rest.

S. 74: „und erkundeten die Pfade[n] aller Täler und Ebenen…“ Das N ist überflüssig.

S. 171: „Denn er war erst der Monat Súlime…“ Korrekt sollte es „es war erst der Monat Súlime“ heißen.

S. 199: „und mich[t] dünkt…“ Das T ist überflüssig.

Unterm Strich

Die Frage, die sich jeder Tolkien-Kenner zuerst stellt, lautet: Warum sollte ich mir ausgerechnet dieses Buch zulegen? Braucht er nicht, denn alle Texte liegen bereits vor, wenn auch nicht immer auf Deutsch (so etwa die „History of Middle-Earth“, von der nur die „Unfinished Tales“ als „Nachrichten aus Mittelerde“ erschienen). So verwundert es nicht, dass vom „Fall von Gondolin“ in diesem Band sowohl die „Verschollene Geschichte“ als auch die „Unvollendete Geschichte“ enthalten sind.

Für Neueinsteiger besteht jedoch ein großer Vorteil darin, dass diese beiden (recht unterschiedlichen) Texte, die über einen Zeitraum von rund 35 Jahren entstanden, ohne hinderliche Kommentare präsentiert werden. Das macht sie ungemein lesbar. Wer sich die beiden Bände mit den „Verschollenen Geschichten“ genau ansieht, findet vor lauter Kommentaren und Vorbemerkungen kaum noch die eigentliche Geschichte. Man kann also gleich unbeschwert mit der Lektüre loslegen.

Aber selbst der Experte bekommt einen bis dato nicht gekannten Bonus: Die diachronische Betrachtung der „Entwicklung der Geschichte“ mit ihrer vergleichenden Betrachtung (1916-1951) ist mir bislang nicht untergekommen. Diese analytische Zusammenschau aller Fassungen hält, wie oben erwähnt, zahlreiche Erkenntnisse bereit. Für den Experten lohnt allein dies bereits die Anschaffung. Für Neueinsteiger bildet dieser literaturwissenschaftliche Beitrag aber lediglich öde Langeweile. Außerdem kommen noch die großartigen Illustrationen Alan Lees hinzu.

Die beiden Schlüsse aus der „Skizze“ von 1926 und der „Quenta“ von 1930 sind hingegen von großem Interesse. Sie unterscheiden sich nämlich vom Destillat des „Silmarillions“ aus dem Jahr 1977 ganz beträchtlich. Unzählige Details finden sich hier wieder, um etliche offene Fragen zu beantworten: Was wurde aus Earendils Frau Elwing? Was bedeutet der letzte erhaltene Silmaril für die Menschen des Vierten Zeitalters (unseres nämlich)? Warum wird Elronds Bruder Elros nicht erwähnt? Wie konnte Ulmos Meisterplan trotz aller Widrigkeiten letzten Endes doch noch aufgehen? Welche Aufgabe muss Túrin Turambar am Ende aller Zeiten erledigen?

Und es bleibt die traurige Erkenntnis, dass die letzte Fassung von Tuors Geschichte, wäre sie vollendet worden, ein erstklassiger Fantasyroman geworden wäre. Schon das ausgefeilte Rudiment ist faszinierende Lektüre, spannend, ehrfurchtgebietend und Hoffnung weckend – gar kein Vergleich mit der „Verschollenen Geschichte“ von 1916/17.

Die Illustrationen

Einer der größten Vorzüge dieser Ausgabe liegt sich in den wunderbaren Illustrationen , die Alan Lee, der Art Director bei Peter Jacksons Tolkien-Verfilmung, geschaffen hat. Gedruckt auf Hochglanzpapier, verleihen sie dieser Ausgabe nicht nur hohen optischen Wert, sondern auch die Wertschätzung, die man einem Sammlerstück entgegenbringt. Vielleicht regen diese Bilder eines fernen Tages, wenn auch der „HdR“ von Amazon verfilmt worden ist, einen Regisseur zu einer Verfilmung an.

Da war doch noch was

Das Titelbild enthält einen kleinen Schönheitsfehler: Im Hintergrund ist das strahlendweiße Gondolin zu sehen, im Vordergrund der Held Tuor in seine ersten Inkarnation – er trägt keine Rüstung. Dazwischen erstreckt sich eine befestigte Straße. Was fehlt, sind die Wächter, die den Fremdling in Empfang nehmen. Außerdem fehlt Voronwe, der Tuor erst hierher geführt hat. Man lege dieses vergoldete, aber verfälschende Bild unter „Produkte künstlerischer Freiheit“ ab.

Hardcover: 334 Seiten
Originaltitel: The Fall of Gondolin, 2018;
Aus dem Englischen von Hans J. Schütz und Helmut W. Pesch;
ISBN-13: 9783608963786

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