Jakob Melander – Blutwind

Das geschieht:

Kriminalassistent Lars Winkler von der Mordkommission der dänischen Hauptstadt Kopenhagen steht vor den Scherben seiner Ehe. Gattin Elena hat ihn ausgerechnet mit seinem besten Freund betrogen. Noch übler: Ulrik Sommer ist außerdem Winklers Vorgesetzter. Der Schock trieb den Polizeimann in einen zweimonatigen Fluchturlaub sowie ans Mittelmeer, wodurch er zusätzlich Teenie-Tochter Marie gegen sich aufbrachte, die sich vom Vater alleingelassen fühlt.

Ausgerechnet jetzt finden Schulkinder am Strand der Halbinsel Amager eine augenlose Frauenleiche, deren Adern mit einem altertümlichen Konservierungsmittel gefüllt sind. Der „Sandmann“, wie die Medien den Mörder bald nennen, der seinen Opfern zwar keinen Sand in die Augen streut, sie aber zur letzten Ruhe bettet, hat erstmals zugeschlagen. Unter der Leiche, die als Prostituierte Mira Vanin identifiziert wird, finden sich die Scherben eines uralten Glasauges.

Eigentlich soll Winkler den Fall übernehmen, doch da er gerade ein Versetzungsgesuch eingereicht hat, überträgt ihm Sommer die Fahndung nach einem Serienvergewaltiger, der Kopenhagens Jugendszene in Schrecken versetzt. Was zunächst wie ein Routinefall aussieht, entwickelt sich zu einem Albtraum: Der Täter spielt mit der Polizei und verspottet sie, was von der Presse genussvoll aufgegriffen wird.

Unter Sommers Leitung setzt die Polizei die Zuhälter der Stadt unter Druck. Doch der „Sandmann“ ist ein scheinbar unbescholtener Bürger. Eine lieblose und grausame Kindheit hat ihn in den Wahnsinn abdriften lassen. Wenn der „Blutwind“ durch seinen verwirrten Schädel bläst, kann ihm nur ein neuer Mord für kurze Zeit Seelenfrieden bringen. Da der „Sandmann“ sehr methodisch vorgeht, ist er nie in Verdacht geraten. Allerdings hat ihn kürzlich ein jugendlicher Nachbar beim Ablegen einer Leiche beobachtet. Nun muss der „Sandmann“ sich auf dessen Schweigen verlassen. Lieber wäre ihm eine endgültige Lösung dieses Problems, woran er deshalb verstärkt arbeitet …

Gewalt, Stress und Familienprobleme

Der skandinavische Kriminalroman versteht sich als Mischung aus Unterhaltung und Literatur – oder ist es die Kritik, die ihn in diese Rolle drängt? Seit Sjöwall/Wahlöö und spätestens seit Henning Mankell und Stieg Larsson gelten Morde aus dem Norden als gehaltvoller, wenn nicht sogar wertvoller Lesestoff.

Die Übeltat ist stets fest im Sündenwerk eines politischen und gesellschaftlichen Systems verwurzelt, dessen Repräsentanten primär damit beschäftigt sind, die eigenen Privilegien zu bewahren und zu mehren. Dabei drängen sie die zu kurz Gekommenen immer weiter ins Abseits. Armut, Prostitution, Menschenhandel, Pädophilie – die ganze Palette der richtig schlimmen Verbrechen wird aufgefahren. Gern hinzugenommen werden Verfehlungen der Vergangenheit, unter denen die vertuschte oder nachträglich geschönte Kollaboration mit Nazi-Deutschland ganz oben rangiert.

Hinzu kommen Ermittler, die quasi im Stehen k. o. sind. Lars Winkler ist ein idealer Vertreter: Gerade hat ihn die Ehefrau für den besten Freund und Chef verlassen, das Töchterlein quengelt, ein Kollege mobbt, die neue Wohnung ist ein Loch, an regelmäßiges Essen ist dank Dauerstress kein Denken, statt dessen werden Kaffee (tagsüber) und Wein (abends) in verdauungsstörenden Mengen konsumiert und Zigaretten in langen Ketten geraucht. Damit nehmen die Plagen längst kein Ende, denn im Norden wird gründliche Arbeit geleistet, um Helden zu zermürben. Das Wetter, der Verkehr, die zwischenmenschliche Kälte: Es gibt so viel, mit dem sich Niedergeschlagenheit generieren lässt!

Da die Welt ohnehin schlecht ist, überrascht es nicht, dass die Verbrecher – siehe oben – weder raffiniert noch interessant, sondern deprimierend gewöhnlich, brutal und niederträchtig sind. Dabei versucht Autor Melander immerhin, seinem „Sandmann“ die Züge eines modernen Serienkillers zu verleihen. Dieser mag grundsätzlich ein armes Schwein mit schwerer Kindheit (gewesen) sein, ist aber gleichzeitig ausgekocht genug, ganze Heerscharen von Ermittlern an den Nasen herumzuführen, während er hochkomplizierte Morde in Serie begeht.

Zu viel Schrecken, zu wenig Krimi

Leider verheddert sich Melander in einer Vorgeschichte, die gleichermaßen pompös wie unfreiwillig komisch sowie überflüssig ist. Der „Sandmann“ wird 1944 in eine Welt der Nazis, Inzucht und grotesken Morde geboren. Sobald er erwachsen ist, beginnt er zu töten, wird jedoch nicht erwischt, obwohl an seiner kriminellen Genialität ernste Zweifel zu hegen sind. Tatsächlich vermag Melander nie deutlich zu machen, weshalb die Untaten des „Sandmanns“ erst jetzt entdeckt werden, obwohl er schon früh so manche, zudem gut konservierte Leiche losgeworden ist.

Zudem ist die Verbindung zu Dänemarks Nazi-Zeit reines Mittel zur Verstärkung der Dramatik. Der Autor schürt ein Feuer, das keine Funken schlagen will – kein Wunder, könnte die ‚Geburt‘ des „Sandmanns“ auch ohne Nazi-Hintergrundchor erfolgen. Warum der „Blutwind“ weht, bleibt ohnehin Melanders Geheimnis – es sei denn, man will ihm folgen, wenn er behauptet, dass die schwere Kindheit (übermächtiger Großvater, verrückte Mutter) den „Sandmann“ die geistige Gesundheit gekostet hat. In diesem Fall ist es Melander nicht gelungen, den behaupteten Wahnsinn überzeugend darzustellen. Stattdessen ergeht er sich in einschlägigen Irrsinns-Klischees.

Die Handlung verläuft lange doppelzügig. Team 1 jagt den „Sandmann“, Team 2 den Vergewaltiger. Den erfahrenen Krimileser überrascht es keineswegs, dass sich die Wege der Täter irgendwann kreuzen. Auch hier legt Melander keine besondere Raffinesse an den Tag. Die Verknüpfung ist willkürlich; sie scheint zu erfolgen, als und weil das Finale naht.

Der ältere Mann und das Plagen-Meer

Lars Winkler ist nicht nur ein Polizist, der einen Serien-Vergewaltiger fangen will, sondern ‚zufällig‘ auch Vater einer gerade mannbar gewordenen Teenie-Tochter, die gern um die Häuser zieht, weshalb der Erzeuger sich besorgt die Nächte um die Ohren schlägt. Kopenhagen ist nicht gerade eine Kleinstadt. Es dürfte dort viele junge Frauen = potenzielle Opfer geben. Dennoch drückt sich der Unhold genau dort herum, wo besagte Tochter ihren Vergnügungen nachgeht. Das sorgt nicht für Spannung, sondern für Verdruss, weil es abermals als Mittel zum Spannungszweck erkannt wird.

Lars Winkler als Schmerzensmann ist ohnehin eine schwierige Hauptfigur. Man bemitleidet ihn nicht, sondern macht sich eher über ihn lustig, wenn ihn wieder ein Knüppelschlag des Schicksals trifft. Das geschieht ungefähr auf jeder fünften Seite; so kommt es dem Leser jedenfalls vor.

Noch im Hintergrund wuselt eine politisch korrekt kluge aber trotzdem hübsche Kriminalassistentin herum, die sich aus unerfindlichen Gründen in den angeschlagenen Winkler zu verlieben beginnt. Sunne Bissen ist auch deshalb an Bord, weil sich mit ihr auf ein weiteres Sozial-Problem aufmerksam machen lässt: Weiterhin werden Frauen – und nicht nur bei der Polizei – benachteiligt! Ansonsten hält sich Sunne noch zurück, schließlich ist „Blutwind“ erst der Auftakt einer Krimi-Serie, in der die Beziehungsprobleme der Protagonisten für die notwendige Seifenschaum-Schmierung sorgen werden.

Heiße Luft aus kaltem Norden

Allerdings fragt man sich, was noch kommen könnte. „Blutwind“ ist so durchschnittlich geraten, dass dieser Roman wie eine Parodie auf den skandinavischen Krimi wirkt. Für Überraschungen sorgen vor allem die seltsamen Wendungen, die Autor Melander das Geschehen nehmen lässt. Man fühlt sich an eine dieser deutsch-skandinavischen TV-Krimi-Serien erinnert, auf die unser öffentlich-rechtliches Fernsehen so stolz ist, weil sie vorgeblich Anspruch und Spannung in Einklang bringen. Stattdessen sind sie grau und öde (sowie schlecht synchronisiert) und auf ihre Weise ebenso langweilig wie die Produkte vom „Tatort“-Fließband.

Ob sich aus dieser Kohle noch ein Diamant pressen lässt, scheint fraglich. Zumindest hat Melander den Geschmack jenes Publikums, das den Nord-Krimi aus den oben genannten Gründen liebt, getroffen. „Blutwind“ fand freundliche Kritiker, wurde oft besprochen und gekauft. Deshalb wurde die Lars-Winkler-Serie bereits 2014 fortgesetzt.

Übrigens: Der Originaltitel „Øjesten“ bedeutet „Augapfel“. Damit ist das Glasauge gemeint, das der „Sandmann“ bei seinen Leichen zurücklässt. Gleichzeitig dürfte der Titel im übertragenen Sinn symbolisieren, wie Vater Winkler seine erwachsen werdende und in die böse Welt hinausdrängende Tochter sieht.

Autor

Jakob Melander wurde 1965 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen geboren. In den 1980er Jahren spielte er Bass und Gitarre in verschiedenen Punk-Bands. Außerdem studierte er an der Københavns Universitet Vergleichende Literaturwissenschaft.

Taschenbuch: 381 Seiten
Originaltitel: Øjesten (Kopenhagen : Rosinante & Co. 2013)
Übersetzung: Ulrich Sonnenberg
www.randomhouse.de/goldmann

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