James Tiptree, jr. – Die Sternenkrone. Phantastische Erzählungen

Dies ist die letzte und 1988 posthum erschienene Story-Sammlung der großartigen Erzählerin Alice B. Sheldon, die seit 1967 unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. schrieb. (Tiptree ist der Herstellungsort einer leckeren englischen Marmeladensorte, so die Auskunft der Autorin.) Ihr Eindruck auf die Zeitgenossen war anfangs so stark, dass unter anderem Robert Silverberg sie, weil ihre Identität unbekannt war, für einen Mann hielt, der für das Pentagon arbeitete.

Die Autorin

Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Cicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Stories sind im Heyne-Verlag unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von Zuhaus“ (1973) und „Warme Welten und andere“ (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“, die den Nebula Award 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten primaten“, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman „Die Feuerschneise“ (Up the walls of the world, 1978, dt. bei Heyne) erhielt ebenfalls hohes Lob.

Die Erzählungen

1) „Non Angli sed Angeli“

Die freundlichen Aliens namens Ang-li sind zum Mars und zum Mond gekommen, um den Menschen zu helfen, so scheint es. Und sie erweisen sich für die Erde als wahre Schutzengel. Sie beenden nämlich, ohne vorher zu fragen, die Bevölkerungsexplosion, indem sie die Männer mit Bakterien sterilisieren. Davon nichts ahnend, wollen 1 Million Menschen mit ihnen zu einer neuen Welt fliegen. Die Berichterstatter findet heraus, dass die Ang-li nur im Auftrag ihrer alten Götter ausgesandt wurden, um neue Anbeter für die Götter zu besorgen, da die eigene Bevölkerung ausgestorben war und sie nur Ang-li-Projektionen schicken konnten – ein etwas prosaischerer Auftrag.

2) „Der residierende Teufel“

Gott ist gestorben, und der Teufel sieht seine Chance gekommen. Er fliegt hinauf in die strahlende Gottesfestung und macht Petrus und den Erzengel ein nettes Angebot: Da sie doch jetzt quasi arbeitslos wären, könnte man den Himmel doch in den Vorgarten der Hölle verlegen und sich so eine ganze Menge Unterhaltskosten sparen. Man wird sich handelseinig. Auf einem Rundflug trifft Luzifer auf ein kleines Mädchen, das sich Mutter Natur nennt. Dessen Mutter namens Schicksal verkündet Satan denn auch sein baldiges Ende, herbeigeführt durch Natur. Satan kehrt heim, doch mit einem mulmigen Gefühl: unter seiner untersten Hölle hat sich kürzlich ein Schwarzes Loch aufgetan…

3) „Fleisch“ (Morality Meat)

… ist eine Variation auf „Gulliver“-Autor Jonathan Swifts Traktat „A Modest Proposal“. In den USA haben die christlichen Fundamentalisten, wie sie Anfang der 80er unter Reagan reüssierten, ein Gesetz durchgebracht, das Abtreibung verbietet. Tiptree schildert ein paar denkabre Konsequenzen. Missgebildete und „unvermittelbare“, sprich dunkelhäutige Babys werden zu Fleisch verarbeitet. Nur der Überfall auf den Fleischtransporter, der dabei verbrannt wird, erscheint etwas unmotiviert. Er könnte allenfalls der Spurenbeseitigung dienen. 1729 schlug Swift vor, die zwei Probleme der Überbevölkerung und der Hungersnot in Irland mit einem Schlag dadurch zu lösen, indem man die Kinder der Armen als Nahrung verwendete – ein satirisches Pamphlet, um die britische Bevölkerungspolitik anzuprangern.

4) „All dies und den Himmel dazu“

– ein Swiftsches Märchen. Im Lande Ecolgie-Bella wird alles wie im Utopia der Ökologen gehandhabt, während im Nachbarlande Pluvio-Acido (= saurer Regen) der ökologische und ökonomische Horror herrscht. Nun trifft es sich, dass Prinzession Amoretta ihren Eltern verlor und einen Mann sucht. Prinz Adolesco aus Pluvio-Acido jedoch ist ein idealistischer Schwärmer und somit der optimale Gatte für sie – denkt sie.

Da hat sie die Rechnung aber ohne den Regierungsrat gemacht! Schon stehen die Pluvio-Acidaner Scheckbuch bei Fuß, um das grüne land Ecologia-Bella, das mit der Heirat ja verfügbar wird, aufzukaufen und mit Ölbohrtürmen zu bestücken – da deichseln die Herren Regierungsräte eine Intrige, dass Prinz und Prinzessin Hören und Sehen vergeht. kurz und gut: Die Prinzessin gilt für tot, die Eltern des Prinzen stürzen mit dem Flugzeug ab und der Prinz wird verdientermaßen König in Pluvio-Acido. Und da Amoretta nicht gestorben ist, lebt sie ja noch heute.

5) „Yanqui Doodle“

Don Still liegt im Armeehospital, irgendwo in Mittelamerika, dort, wo die US-amerikanischen Truppen wieder einmal die Demokratie gegen die kommunistischen Rebellen verteidigen wie Anfang/Mitte der 80er in Nicaragua. Don ist auf Entzug. Ihm fehlen die Aufputschmittel der Armee, die ihn die Greueltaten vergessen und ihn sich stark fühlen ließen. Nun kommen die Alpträume zurück. Doch als er eines Tages wieder an die Drogen kommt, büchst er aus und sucht seine Truppe – und den Feind. Diesen findet er und bekämpft ihn sogleich: eine Gruppe US-Senatoren auf Kriegszonen-Sightseeing. Eine ironische Wendung voll bitterer Gerechtigkeit.

6) „Komm, leb mit mir“

Auf einem fremden Planeten leben telepathische Pflanzen. Als eine Gruppe Menschen landet und eineer Menschen, Kevin bei einem Unfall stirbt, wieder er von einem Telepathen besetzt und wiederbelebt. Da Kevin seiner verstorbenen Clare nachtrauert, erbittet er auch deren Wiederauferstehung. Dies erfolgt durch einen anderen Telepathen. Später stellt sich heraus, dass diese selbst vor langer Zeit auf dem Planeten gestrandet waren. Die Vierergruppe macht sich auf die Suche nach dem Ursprungsplaneten der Telepathen. Klingt wie die Überwindung des Todes und die Suche nach der Unsterblichkeit für die Menschheit!

7) „Diese Nacht und alle Nächte“

Ein Zombie, der nicht sterben darf, hat vom Teufel (das ist nicht ganz eindeutig; es könnte auch ein Engel sein!) den Auftrag, neue Bewohner der Hölle zu besorgen – diabolisch! Ein bitterer Anklang an die Rekrutierungsmethoden der Geheimdienste?

8) „Zurück! Dreh’s zurück!“

Die Menschen haben die Zeitreise zu einer Annehmlichkeit gemacht. Das birgt natürlich Tücken. Diane Fortnum ist die College-Schönheitskönigin und hat sich dementsprechend für Mr. Superreich aufgehoben. Akne-Pickel wie Dan Pascal übersieht sie geflissentlich. Aber sie lernt in ihren verschiedenen Zeitverkörperungen, dass sich die Verhältnisse und ihre eigenen Prioritäten drastisch ändern können, beispielsweise dann, wenn man von Mr. Superreich verschmäht wird und in der Gosse landet…

9) „Schlangengleich erneuert die Erde sich“

Auf todernste Weise erzählt Tiptree hier eine lächerlich-kitschige Romanze: Eine reiche junge Alleinerbin verliebt sich schwärmerisch in einen Geliebten, verzeiht ihm alles, sucht seine tiefsten Bedürfnisse zu ergründen, um es ihm recht zu machen, lernt alles über ihn, um ihm zu helfen – denn es geht ihm gar nicht gut: dem Erdball. Die Umwelt wird zerstört, die Überbevölkerung wächst usw. usf.

P., die junge Verliebte, sponsert ökologische Terroristen und Guerillas, doch sie weiß: alles nur Tropfen auf den heißen Stein. Und der Erdball bestätigt ihr durch Naturphänomene, dass sie recht hat. Eines Tages fühlt sie sich unwiderstehlich nach Norden gezogen, ins ewige Eis – es wird eine Reise ohne Wiederkehr, aber mit einer witzigen Pointe.

10) „Mitten im Leben“

…sind wir vom Tod umfangen, heißt es im Gedicht, aber umgekehrt geht’s auch! Ein Milliardär setzt seinem Leben aus Langeweile ein Ende. Danach erwartet er eigentlich, entweder im Himmel oder der Hölle zu landen. Nix da! Im Land der Toten fährt er bei einem Trucker mit – die Gegend sieht lebendig aus. Im Trucker-Motel-plus-Bordell trifft Guildford den „Stellvertreter des Todes“, der ihn zu kennen scheint. Wie ein Agent der CIA heuert der „Stellvertreter“ Guildford, um solche atheistischen Toten wie Guildford abzufangen, die an jedem der regulären „Eingänge“ vorbeischlüpfen. Guildford freut sich auf ein neues Leben im Tod.

Mein Eindruck

1987 verlor die Science Fiction mit Alice Sheldon eine ihrer größten Erzählerinnen. Die Tatsache ihres bevorstehenden Todes überschattet schon manche der Storys, insbesondere „Zurück! Dreh’s zurück!“, in der die Hauptfigur ebenso wie Sheldon ihren Gatten erschießt.

Am schönsten sind ihre Erzählungen „Schlangengleich erneuert die Erde sich“ und „Yanqui Doodle“. In beiden erschließt sich dem Leser ein reiches Innenleben der Hauptfigur, was ein befriedigendes Miterleben des weiteren Werdeganges dieser Figur erlaubt.

Die anderen Geschichten hinterlassen häufig den Eindruck, als seien sie Rohmaterial, das schnell geschrieben wurde, und nicht so verfeinert und ausgearbeitet wie ihr früheres Material. Der Unterton vor allem ihrer satirischen Märchen – „Unser residierender Teufel“, „All dies und den Himmel dazu“ und „Mitten im Leben“ – ist ein wenig polemisch, bissig, als ob hier die Autorin nur mühsam die ätzende Wut zurückhalten würde

Taschenbuch: 477 Seiten
Originaltitel: Crown of Stars, 1988
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783453139992

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)