Jeff VanderMeer – Annihilation / Auslöschung (Southern Reach 1)

Transformations-SF: Auslöschung des Alten, Annahme des Neuen

Die Area X ist eine unbewohnte, überwucherte Zone. Die geheime Regierungsorganisation Southern Reach hat es sich zum Ziel gesetzt, sie zu erkunden. Elf Expeditionen, die über die Grenze geschickt wurden, scheiterten unter bestürzenden Begleitumständen. Dies ist der Bericht der Biologin in der zwölften Expedition, die von einer Psychologin geleitet wird, die alle Teilnehmer mit posthypnotischen befehlen versieht. Die Biologin stößt auf einen rätselhaften Tunnel oder Schacht, an dessen Wand sich eine sporenbesäte Inschrift befindet. Die Biologin atmet die Sporen ein und beginnt sich zu verändern…

Der Autor

Jeff VanderMeer (* 7. Juli 1968 in Pennsylvania) ist ein US-amerikanischer Autor phantastischer Geschichten und Herausgeber. Mit seinen für das Friedenscorps tätigen Eltern verbrachte er seine Kindheit auf den Fidschi-Inseln. Er studierte an der University of Florida zunächst Journalismus, dann Englisch und zuletzt lateinamerikanische Geschichte, schloss seine Studien jedoch nicht ab.

1992 war er Teilnehmer des renommierten Clarion Workshops für angehende Science-Fiction- und Fantasy-Autoren, bei dem er in der Folge auch als Dozent wirkte. Später veröffentlichte er im Studentenmagazin „Merlin’s Pen“ Lehrartikel zum Kreativen Schreiben. VanderMeer gehört zu den Gründungsmitgliedern des „Council for Literature of the Fantastic“ an der University of Rhode Island.

Seine Werke bezeichnet er als Magischen Realismus, und tatsächlich beziehen sie sich unter anderem auf die Arbeiten von Jorge Luis Borges, Angela Carter und Vladimir Nabokov. Auch spielt und knüpft VanderMeer auf solche für den heutigen anglo-amerikanischen Raum sehr exotischen Autoren wie Alfred Kubin und Fritz von Herzmanovsky-Orlando an.

Romane

• Dradin, In Love, 1996
• The Hoegbotton Guide to the Early History of Ambergris, by Duncan Shriek, 1999
• Veniss Underground, 2003
• Shriek: An Afterword, 2006
o Shriek, dt. von Hannes Riffel; Klett-Cotta, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-608-93778-7
• Predator: South China Seas, 2008
• Finch, 2009
• Halo: Evolutionen, Kurzgeschichten aus dem Halo-Universum, Panini Verlag 2010, ISBN 978-3-8332-2125-5
• Annihilation – Southern Reach Trilogy 1, 2014; verfilmt von Alex Garland unter dem Titel Auslöschung
o Auslöschung – Band 1 der Southern Reach Trilogie, dt. von Michael Kellner; Antje Kunstmann, München 2014. ISBN 978-3-88897-968-2
• Authority – Southern Reach Trilogy 2, 2014
o Autorität – Band 2 der Southern Reach Trilogie, dt. von Michael Kellner; Antje Kunstmann, München 2015. ISBN 978-3-88897-995-8
• Acceptance – Southern Reach Trilogy 3, 2014
o Akzeptanz – Band 3 der Southern Reach Trilogie, dt. von Michael Kellner; Antje Kunstmann, München 2015. ISBN 978-3-88897-996-5
• Borne, 2017
o Borne, dt. von Michael Kellner; Antje Kunstmann, München 2017. ISBN 978-3-95614-197-3

Sammlungen

• The Book of Frog, 1989
• The Book of Lost Places, 1996
• City of Saints and Madmen: The Book of Ambergris, 2001
• City of Saints and Madmen (deutlich erweiterte Fassung der Ausgabe von 2001), 2002
• The Day Dali Died, 2003
• City of Saints and Madmen (erweiterte Fassung der Ausgabe von 2002)
• Stadt der Heiligen und Verrückten, dt. von Erik Simon; Klett-Cotta, Stuttgart 2005. ISBN 3-608-93773-0
• Secret Life, 2004
• Why Should I Cut Your Throat?, 2004
• VanderMeer 2005, 2005
• Secret Lives, 2006
• Ein Herz für Lukretia: Erzählungen, Auswahl, hrsg. von Hannes Riffel; Shayol, Berlin 2007. ISBN 978-3-926126-71-9 (die Auswahl der Erzählungen entspricht zu größeren Teilen der aus der englischen Sammlung Secret Life, wurde aber für die deutsche Ausgabe in Absprache mit dem Autor teilweise verändert)
• The Surgeon’s Tale, 2007 (mit Cat Rambo)

Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er als Lektor für verschiedene Verlage, und ist als Herausgeber von Anthologien tätig.

Als Herausgeber

• Leviathan 2, 1998 (mit Rose Secrest)
• Leviathan 3, 2002 (mit Forrest Aguirre)
• The Thackery T. Lambshead Pocket Guide to Eccentric and Discredited Diseases, 2003 (mit Mark Roberts)
• Best American Fantasy, 2007 (mit Ann Vandermeer)
• Mapping the Beast: The Best of Leviathan, 2007
• Polluto, 2008 (mit Rhys Hughes und Steve Redwood)
• The New Weird, 2008 (mit Ann Vandermeer)
• Steampunk, 2008 (mit Ann Vandermeer)
• Best American Fantasy 2, 2008 (mit Ann Vandermeer)
• Fast Ships, Black Sails, 2008 (mit Ann Vandermeer)

Im Jahr 2018 wurde der Roman „Annihilation“ von Alex Garland, der auch gemeinsam mit VanderMeer das Drehbuch schrieb, verfilmt. Der Film wurde von Netflix weltweit vertrieben.
Mehr Info: www.southernreachtrilogy.com.

Handlung

Seit etwa 30 Jahre ist die Area X sich selbst überlassen geblieben, umgeben und geschützt von einer unsichtbaren Grenze. Welches Ereignis sie entstehen ließ, ist unbekannt. Niemand weiß genau, was hinter der Grenze geschieht, aber es gibt Gerüchte von einer sich verändernden und die Reste der menschlichen Zivilisation überwuchernden Natur, einer Natur, die ebenso makellos und bezaubernd wie verstörend und bedrohlich ist. Zuständig für das Gebiet ist eine geheime Regierungsorganisation, die sich ‚Southern Reach‘ nennt und den Auftrag hat, herauszufinden, was hinter der Grenze geschieht.

Aber keine der elf Expeditionen, die ‚Southern Reach‘ in das Gebiet entsandte, um Erklärungen für das Unerklärbare zu finden, hatte bisher Erfolg. Die meisten der Expeditionen endeten in Katastrophen, bei denen letztlich alle Mitglieder ums Leben kamen oder den Verstand verloren. Die Zeit, um Antworten zu finden, wird knapp, denn Area X scheint sich immer schneller auszudehnen.

Die nächste Expedition

Dies ist der Bericht über die zwölfte Expedition. Sie besteht aus vier Frauen ohne Namen: einer Anthropologin, einer Landvermesserin, einer Psychologin und einer Biologin, unserer Chronistin. Die Aufgabe des Quartetts ist es, die Geheimnisse von Area X zu entschlüsseln, das Gebiet zu kartographieren, Flora und Fauna zu katalogisieren, ihre Beobachtungen in Tagebüchern zu dokumentieren, vor allem aber darin, sich nicht von Area X kontaminieren zu lassen.

Hypnose

Doch es sind die Geheimnisse, die sie mit über die Grenze gebracht haben, die alles verändern werden. So lässt sich bereits der Grenzübertritt nur unter Zuhilfenahme von Hypnose bewerkstelligen, damit keine psychischen Schäden entstehen. Die Psychologin, so muss die Biologin entdecken, hat aber noch zahlreiche weitere hypnotische Veränderungen vorgenommen, vor allem Schlüsselphrasen, die einen posthypnotischen Befehl auslösen. Immer wieder bringt sie so die anderen dazu, ihren Ansichten und Maßnahmen zuzustimmen, obwohl sie gar nicht das Kommando hat.

Tunnel oder Turm?

Nach ein paar Tagen kommt ein Leuchtturm in Sicht, der die Küstenlinie bezeichnet. Man atmet auf und schlägt das Lager auf: Die Gruppe hat die Area X ohne Zwischenfall durchquert. Doch die Biologin weist auf den Schacht hin, den sie am Wegesrand entdeckt hat. Sie können solche Artefakte nicht ignorieren, überredet sie die anderen. Was immer sich auch dort unten befindet, könnte ihnen ja in den Rücken fallen. Das leuchtet ein, und sie beginnen eine erste, relativ oberflächliche Erkundung des Schachts.

Die Inschrift

Die Biologin hat das unerklärliche Gefühl, dass es sich nicht um einen Tunnel handelt, den sie jetzt betreten, sondern um einen Turm – der in die Tiefe führt. Beim ersten Kontakt mit der Tunnelwand entdeckt sie eine leuchtende Inschrift in englischer Sprache, die aus Pilzsporen oder ähnlichen Kleinstlebewesen geformt ist. Um nicht für verrückt angesehen zu werden, verschweigt sie ihren Fund, doch ist sie bereits von dem Handkontakt und dem Einatmen der Sporen kontaminiert.

Fortan ist sie gegen die Hypnosebefehl der Psychologin immun. Sie verändert sich, zunächst nur geistig, dann auch sensorisch. Sie verströmt eine Art leuchten und wandelt wie ein Glühwürmchen. Nur sie kann beim zweiten Tunnelbesuch feststellen, dass die Wand aus lebendem, beweglichem Gewebe besteht, nicht jedoch die Landvermesserin.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Anthropologin bereits spurlos verschwunden…

Mein Eindruck

Die Chronistin ist diejenige, die diesen Bericht im Leuchtturm schreibt, um ihn zu den vielen weiteren Berichten hinzuzufügen, die dort auf einem großen Misthaufen verrotten und vermodern. Doch zugleich ist sie sich bewusst, dass sie selbst geschrieben wird – von Area X. Diese Region unbekannter Macht und Ausdehnung in Zeit und Raum (die Biologin zweifelt inzwischen sämtliche Angaben an, die ihr gegeben worden sind) verändert die Chronistin, nicht zuletzt durch die seltsamen Erfahrungen, die sie gemacht hat.

Sie hat herausgefunden, dass in den Schilfmarschen an der Küste, wo der Leuchtturm aufragt, unbekannte Lebewesen von erheblicher Größe leben. Diesen ist sie listenreich entgangen, als sie vom Leuchtturm zurück zum Camp gewandert ist. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits im Dunkeln geleuchtet, denn die Sporen oder was auch immer ergreifen von ihrem Organismus Besitz, um ihn wie Nanobots zu beschützen und zu optimieren.

Dies ist keine metaphysische Erfahrung, wie man sie bei gewissen anderen Autoren finden würde. Die Begegnung mit dem Andersartigen, wie sie es schließlich tief im Tunnel erlebt, ist profund und mit menschlichen Sinnen nicht erfassbar, lässt sich aber, wie sie erkennt, durchaus überleben: Der Krabbler, der in der Tiefe die leuchtende Inschrift erschafft, ist ein Wächter, der drei Optionen bietet: Die Biologin lässt er passieren, die Anthropologin hat den Durchgang nicht überlebt und der Leuchtturmwärter ist im Krabbler wie eine Fliege in Bernstein für ewig konserviert. Die Passage bedeutet eine Transformation. Wer dazu nicht bereit ist, kommt darin um.

Originale und Kopien

Nachdem die Biologin zweimal dem Tod ins Auge geblickt und überlebt hat, beschließt sie, in der verbotenen Region zu bleiben und auf die dreizehnte Expedition zu warten. Bis dahin sucht sie nach ihrem Ehemann, denn sie hat den Verdacht geschöpft, dass die Region Kopien ihrer Besucher erschafft. Es muss eine dieser Kopien gewesen sein, die als ihr Ehemann zurückgekehrt war.

Die Kopie war natürlich nicht zu erkennen gewesen, als sie nach Hause zurückkehrte, ohne Southern Reach zu informieren. Die Kopie gab sich ganz friedlich, was überhaupt nicht typisch für ihren Gatten war. Das Original war gesellig, fröhlich, geradezu neckisch. Er sagte immer zu seiner Frau, der Biologin, wie verschlossen sie sein, wie ein Geist – „Geistvogel“ pflegte er sie zu nennen. Die Kopie nannte sie niemals bei diesem Kosenamen.

Nachdem Southern Reach die Kopie mitgenommen hatte, versuchte die Biologin mit dieser „Erscheinung“ zurechtzukommen, indem sie sich in die Arbeit stürzte. Doch die freiberuflichen Aufträge und Stipendien zerrannen wie Sand in der Hand. Als die Kopie schon nach sechs Monaten an Krebs gestorben war, meldete sie sich bei Southern Reach, um an Expedition Nr. 12 teilzunehmen. Sie wollte herausfinden, was ihren Gatten um den Verstand gebracht hatte. Keine gute Idee, wie sich jetzt herausstellt. Der Haufen der Berichtkladden im Leuchtturm belegt eine weitere Lüge, die Southern Reach verbreitet hat: Dies ist keineswegs die zwölfte Expedition. Nur ein Dutzend in 30 Jahren? Ziemlich unwahrscheinlich.

Fatale Lage

Wie die Biologin werden auch die anderen drei Frauen verändert. Die Anthropologin endet im Tunnel, die Psychologin ist mit ein wenig Mühe am Fuß des Leuchtturms aufzufinden. Sie ist von einem Sturz aus großer Höhe schwer verletzt und benötigt dringend ärztliche Betreuung. Doch als sie die Biologin erkennt, schreit sie auf: „Auslöschung! Auslöschung!“ (siehe Buchtitel).

Die Biologin erkennt bestürzt, dass die Biologin ein weiteres Schlüsselwort verwendet, das einen posthypnotischen Befehl auslösen soll. Diesmal ist der Zweck die psychische Selbstzerstörung des Subjekts. Wahrscheinlich hat sie jeder der anderen Teilnehmerinnen solche einen „Notfallknopf“ eingepflanzt.

Als die Biologin sich dem Lager nähert, wo sie die Landvermesserin zurückgelassen hat, wird sie von einem Schuss empfangen. Der Einschlag der Kugel in ihre linke Schulter ist deutlich zu spüren, dann folgt der zweite Einschlag. Doch dies ist nicht das Ende für das neue Wesen, das aus ihr geworden ist. Am Boden liegend zieht sie ihre Pistole und feuert solange zurück, bis der Beschuss verstummt und sich die Stille des Todes über das Lager senkt…

Unterm Strich

Ich habe den Roman im Original gelesen, das ich in Atlanta kaufte (ja, es existieren dort noch Buchläden). Deshalb kann ich nichts über die Übersetzung sagen, die bei Kunstmann und Knaur veröffentlicht worden ist. Es ist kein einfacher Text, denn er voller Schachtelsätze und in seiner Bildersprache hochverdichtet. Auch die Rückblenden sich nicht gerade wenige. Doch sie bringen uns das Innere der Chronistin nahe und erlauben es uns, mit ihr als Stellvertreterin die schrecklichen und wundersamen Dinge zu erleben, ja, zu erfahren, die ihr widerfahren.

Der Verlauf der sogenannten „Expedition“ ist natürlich ein Desaster, denn schon der Plan weist etliche Webfehler auf, die erst nach und nach sichtbar werden. Aber das Format einer „Expedition“ ist so als wie die Zukunftsliteratur selbst: Schon die Fahrt der Argonauten nach Kolchis lässt sich Expedition bezeichnen. Allerdings ist der Zweck laut Sage nicht das Erschließen der georgischen Goldvorkommen (die es dort heute noch gibt), sondern der profane Diebstahl des Goldenen Vlieses. Wie jeder weiß, ging auch dieser Plan gründlich in die Hose. Spätere Expedition wie etwa die der „Space Beagle“ stießen auf Ungeheuer aller Art.

Die Stimmung in Area X mag zwar weitgehend friedlich erscheinen, doch schon die Entdeckung von posthypnotischen Befehlen macht die Erfahrung dort beklemmend und verstörend. Eine ganze Reihe von innovativen Einfällen wie der Bio-Leuchtschrift lässt den Leser neugierig bleiben. Der Wortlaut der Leuchtschrift wird wie ein schräges Mantra immer wieder wiederholt, erweitert und transformiert, so dass es mir wenig sinnvoll erscheint, den Leser durch Zitate daraus zu verwirren.

Nicht ganz neu ist hingegen der Einfall, dass diese Region mithilfe einer unbekannten Kraft Kopien aus ihren Besuchern erschafft und diese entsendet, um die Region zu erweitern. Die Grenze wird verschoben, unmerklich, in Brachland, in unbeachteten Tümpeln, auf Abbruchgrundstücken (Detroit vielleicht) und durch solche Abgesandte.

Herausforderung des Lesers

SF-Kenner werden noch weitere Ideen erkennen, aber für Leser, die nur 08/15-Produkte aus Endlosserien kennen, wird der Roman eine große Herausforderung darstellen, ähnlich etwa wie „Das Auge der Königin“ von Phillip Mann, oder ein Buch von Jorge Luis Borges, Angela Carter oder Vladimir Nabokov (s.o.).

Wie der Bericht der Biologin erkennen lässt, stößt sie in ihrer Fähigkeit zur Beschreibung an ihre Grenzen. Und wer weiß? Vielleicht hat auch sie ebenso gelogen wie Southern Reach. Traue keinem, schau selbst nach, scheint sie unterschwellig zu rufen. Doch man sollte sich der Risiken bewusst sein. Eines davon lautet Transformation, eine weitere Auslöschung.

Taschenbuch: 198 Seiten
Sprache: Englisch
Originaltitel: Annihilation
Farrar Straus & Giroux, New York City 2014
ISBN-13: 978-0374104092

www.fsgbooks.com

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