Jenny-Mai Nuyen – Nacht ohne Namen

Nicki gehört nicht unbedingt zu den Leuten, die mit sich und der Welt im Reinen sind. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist angespannt, und seit sie bei ihr wohnt, hat sie sich auch vor ihren früheren Freunden zurückgezogen. Der einzige Mensch, bei dem sie so etwas wie Halt findet, ist ihr Freund Canon, den sie regelmäßig in der S-Bahn trifft. Doch eines Nachts ruft er sie an, um ihr zu sagen, dass er nächstes Mal nicht da sein wird, und übernächstes Mal auch nicht und danach …

Jenny-Mai Nuyens Bücher waren schon immer ausgefallene Lektüre. Ihr neuester Roman ist da keine Ausnahme.

„Nacht ohne Namen“ spielt in Berlin und ist damit das zweite Buch der Autorin nach „Noir“, dessen Schauplatz in der Realität liegt. Zumindest zum größeren Teil. Und doch spielt das Element des Phantastischen die Hauptrolle.

Denn neben der menschlichen Welt gibt es noch eine weitere, die der Dämonen. Allerdings sind die Dämonen in diesem Buch zum größten Teil ausgesprochen menschlich. Das ist nicht weiter verwunderlich, da ein Dämon im Prinzip nicht mehr ist als ein Gedanke. Ein menschlicher Gedanke!

Aus diesem einfachen Grundsatz hat die Autorin eine ganze Parallelwelt aufgebaut. Dabei hat sie sich in Philosophie, Religion und Mythen gleichermaßen bedient, ohne sich allzu sehr zu verheddern. Lediglich die hier dargelegte Geschichte des Teufels bedeutet einen logischen Knacks, denn der wurde bereits in der Schöpfungsgeschichte erwähnt.

Zwangsläufig zeigt auch diese dämonische Gesellschaft jede Menge Ähnlichkeiten mit der menschlichen: Da gibt es Tratsch und Intrigen, es geht um persönlichen Vorteil, Macht oder Liebe. Nur dass Auseinandersetzungen hier auf anderen Wegen ausgetragen werden, da Dämonen nicht stofflich sind.

Allein schon die Ausarbeitung und Darstellung dieser Welt und ihrer Beziehungen zur menschlichen Ebene fand ich sehr gelungen und faszinierend. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Jenny-Mai Nuyens Dämonen keine Höllenmonster sind. Zwar sind sie durch den jeweiligen menschlichen Gedanken, der sie schuf, definiert, dennoch gelingt es der Autorin, jedem von ihnen zusätzlich eigenes Profil zu verleihen.

Die Charakterzeichnung war bisher stets die größte Stärke der Autorin. Das gilt auch für dieses Buch, und am deutlichsten wird es natürlich an der Hauptfigur: Nicki ist mit ihrer Mischung aus Unsicherheit und Gewissheit, aus Idealismus und Resignation, Fragen und Antworten so echt und glaubhaft geraten, wie man einen Teenager nur darstellen kann.

Aber auch Canons Mutter oder Gretchens Vater, obwohl sie nur in einer Handvoll Szenen auftauchen, besitzen eine intensive Präsenz, die massiv zur Stimmung beiträgt.

Unterm Strich muss ich sagen, dass „Nacht ohne Namen“ mich wieder mehr gefangen nahm, als „Noir“ das vermochte. Das lag vor allem daran, dass ich zu Nicki wesentlich leichter Zugang fand als zu Nino. Aber auch den gelegentlich aufblitzenden Humor im Zusammenhang mit Tallis und Theo fand ich erfrischend. Allerdings ist auch dieses Buch – wie alle Bücher der Autorin – nicht frei von Schatten, tatsächlich überwiegt die Melancholie. Und man kann es auch nicht einfach mal so runter lesen. Es mag nicht so viel Konzentration erfordern wie ihr letztes Buch, aber Oberflächlichkeit verzeiht es nicht. Alle anderen werden mit einer stimmungsvollen und fesselnden Lektüre belohnt, die trotz der vielen Anleihen bei bereits Bekanntem eine völlig neue und ungewöhnliche Geschichte erzählt, und die man nur unfreiwillig unterbricht.

Jenny-Mai Nuyen stammt aus München und schrieb ihre erste Geschichte mit fünf Jahren. Mit dreizehn wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden wollte. „Nijura“, ihr Debüt, begann sie im Alter von sechzehn Jahren. Inzwischen ist eine ganze Reihe von Büchern aus ihrer Feder erschienen. Nach einem abgebrochenen Filmstudium lebt sie heute in Berlin und studiert Philosophie und Religionswissenschaften, während sie weiterhin nebenher Romane schreibt.

Gebundene Ausgabe 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-423-76109-3

www.jennymainuyen.de
www.dtv.de

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