Jenny-Mai Nuyen – Die Töchter von Ilian

Walgreta hat sich ihr Leben lang nichts mehr gewünscht, als eine Wyka, eine weise Frau zu werden. Doch als ihre Lehrerin Onyx sich am Ende ihrer Ausbildung weigert, Walgreta als ihre Nachfolgerin bei sich zu behalten, kehrt die junge Zwergin enttäuscht zu ihrem Volk zurück. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf …

Jenny-May Nuyens Bücher waren noch nie einfach. Das gilt auch für dieses.

Walgreta ist eine äußerst widersprüchliche Figur. Einerseits ist sie voller guter Vorsätze und Absichten, andererseits ist sie aber auch ein wenig hochmütig und sehr, sehr ehrgeizig. Und dann verliebt sie sich auch noch in zwei Männer.

Noch zerrissener ist Fayanú. Der Waldelf steckt im Körper einer Elfe, was schon schlimm genug wäre. Als Kind wurde er wegen einer Prophezeiung von seinem eigenen Volk in die Sklaverei verkauft. Traumatisiert durch Verrat und Missbrauch hadert er mit der Vorstellung, seinem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein, und kämpft verzweifelt dagegen an, die Prophezeiung zu erfüllen.

Charakterzeichnung gehört zu den größten Stärken der Autorin, und erwartungsgemäß sind beide Hauptfiguren facettenreich ausgearbeitet und sehr eindringlich beschrieben. Das gilt ebenfalls für die meisten Nebenfiguren, wenn auch nicht in derselben Intensität.

So sperrig die Charaktere sind, so verwickelt ist der Plot. Da gibt es das Matriarchat der Zwerge, deren Königin auch über den größten Teil der Menschen herrscht, und deren Macht auf Salz, Metall und Schmiedekunst beruht, die aber ohne die Lebensmittel der Menschen nicht bestehen könnten; da gibt es die Urier, ein menschliches Hirten- und Kriegervolk, das nicht nur untereinander Krieg führt, sondern auch versucht, sich Gebiete im Herrschaftsbereich der Zwerge anzueignen; Rebellen, deren Heimat von den Uriern bereits besetzt wurde, die sich aber nicht nur gegen die Urier, sondern auch gegen die Herrschaft der Zwerge auflehnen; und die Waldelfen, die sich zwar in ihr vor der Welt verborgenes Reich Iliand zurückgezogen haben, denen eine Prophezeiung aber die Rückkehr Iliands in die Welt versprochen hat.

Die einen wollen Macht erlangen, die anderen wollen sie behalten, die nächsten wollen Freiheit, die übernächsten Rache. So weit so einfach, wären da nicht die Iliaden, magische Artefakte, die ihre Macht dadurch erhalten, daß sie verschenkt werden: ein Becher, eine Flöte, ein Spiegel und die Sternenscheibe. Von Becher und Flöte sagt die Prophezeiung, dass ihre Rückkehr nach Iliand gleichzeitig Iliands Rückkehr in die Welt bedeuten wird. Und so wirken die Iliaden wie ein Katalysator! Denn Fayanú, der den Becher und die Flöte nach Iliand zurückbringen soll, verschenkt den Becher aus Liebe an Walgreta, die ihm ihrerseits ebenfalls aus Liebe den Spiegel schenkt. Dadurch erwacht die Macht in den Artefakten aufs Neue, und auf einmal wollen die unterschiedlichsten Parteien die verschollene Flöte finden.

Walgreta und Fayanú beschließen zunächst, die Flöte zu suchen, um sie zusammen mit Spiegel und Becher in die Hände der Wyken zu geben, die der Legende nach einst die gerechten und gütigen Hüterinnen der Artefakte waren, doch sie werden getrennt …
Nachdem die erste Kugel erst einmal angestoßen ist, folgt eine unausweichliche Wendung zum Schlechteren der nächsten. Seit den „Nebeln von Avalon“ habe ich nichts mehr gelesen, das so konsequent und alternativlos in die Katastrophe geführt hat. Nicht, weil die Entwicklung als solche tatsächlich unabänderbar gewesen wäre, sondern weil die Figuren sind, wie sie sind.

Heile Welten oder Happy Ends hat es bei Jenny-May Nuyen noch nie gegeben, auch hier nicht. Eine Gruppe nach der anderen wird als heuchlerisch, egoistisch und rücksichtslos entlarvt, und am Ende sind die ehrbarsten Leute diejenigen, die aus ihrer Zerstörungswut keinen Hehl gemacht haben, ist der einzige, den die Macht nicht korrumpiert hat, derjenige, der am meisten liebte.

Unterm Strich bleibt zu sagen, dass die Autorin ihrer Kompromißlosigkeit treu geblieben ist. Ihre Charaktere sind nicht nur interessant, sondern ausgefallen, was die Identifikation nicht immer einfach macht. So hatte ich, obwohl ihre Entwicklung hervorragend gemacht war, massive Probleme mit Walgreta, und auch zu Fayanú fand ich keinen rechten Zugang. Da die charakterliche Entwicklung stets das Wichtigste an Jenny-May Nuyens Erzählungen ist, hat dieser fehlende Zugang zu meinem persönlichen Pech den Lesegenuss doch stark geschmälert. Trotzdem war die Geschichte noch immer ideenreich, überraschend und spannend, die Beschreibung des Settings malerisch und stimmungsvoll. Wie alle ihre Bücher ist auch dieses sehr lesenswert!

Jenny-May Nuyen schreibt schon, seit sie klein ist. Inzwischen studiert sie in Berlin und schreibt ein Buch nach dem anderen, von Fantasy über Thriller bis hin zu schubladenfreien Büchern wie „Noir“.

Broschiert 656 Seiten
ISBN-13: 978-3-596-29997-3

http://www.jennymainuyen.de/index.html
https://www.tor-online.de/fischer-tor/

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