Jessica Salmonson (Hg.) – Amazonen!

Heroic Fantasy: Frauen mit Schwert, Herz und Köpfchen

Für ihre Fantasy-Anthologie „Amazonen!“ erhielt die Herausgeberin den World Fantasy Award. Die engagierte Fantasy-Autorin und Feministin Jessica Amanda Salmonson, eine Freundin der feministischen Autorin und Literaturdozentin Joanna Russ, legte mit diesem Band phantasievolle, bewegende Geschichten um kämpfende Frauen vor.

„Die Erzählungen in diesem Buch wollen sicher in erster Linie unterhalten. Aber die Tatsache, dass Frauen zum ‚Schwert‘ greifen, bedeutet in einer Gesellschaftsform wie der unseren einen Akt der Revolution… In diesem Kontext ist ‚Amazonen‘ keine eskapistische Fantasy, sondern hat einen unleugbaren subversiven Charakter.“ Jessica A. Salmonson (Verlagsinfo)

Die Herausgeberin

Jessica Amanda Salmonson ist das Pseudonym von Melanie Kaye, auf die auch das Copyright lautet.

Das Vorwort (S. 9-26)

Die Herausgeberin führt zahlreiche historische Beispiel für kämpfende Frauen, so etwa die Trung-Schwestern, die Vietnam von einem tausendjährigen Joch der Unterdrückung befreiten. Weitere Beispiele stammen aus den Jahrtausenden zwischen dem 3. vorchristlichen Jahrhundert und dem 19. Jahrhundert. In Palmyra herrschte einst die mächtige Königin Zenobia über ein gewaltiges Reich, das sich von Kleinasien über Persien bis nach Ägypten erstreckte. Erst der römische Kaiser Aurelian besiegte sie und führte sie nach Rom, wo sie eine Dynastie gründete. Es gäbe noch etliche weitere Beispiele anzuführen, von Japan, China über Peru bis nach Jamaika und die amerikanischen Prärien.

DIE ERZÄHLUNGEN

1) C.J. Cherryh: Der Traumstein (The Dreamstone)

Es ist eine Zeit des Übergangs in der Frühzeit der Welt. So wie das Zeitalter des Eisen beherrschenden Menschen anbricht, so muss das Zeitalter der zaubermächtigen Elben vergehen. Nur noch an einem Ort auf der Welt existieren Elben, im magischen Eald-Wald nahe der See. Der von unheimlichen Wesen bewohnte und belagerte Wald bedeckte einst die gesamte Welt, doch nun ist nur noch ein letztes kleines Stück übriggeblieben. In seinem Mittelpunkt steht der „Baum der Schwerter und Juwelen“, der mit den Traumjuwelen des davongegangenen Elbenvolkes geschmückt ist. In den Juwelen, den Traumsteinen, sind die Erinnerungen der Angehörigen ihres Volkes eingefangen.

Hier lebt die düstere letzte Elbenkönigin Arafel. Sie allein ist von ihrem Volk, den Sidhe, geblieben, weil sie die Erde mehr liebt, als sie die Menschen fürchtet. Sie bewacht die Grenzen ihres Refugiums. Als der Harfner Fionn vor König Evalds Wut fliehen muss, stolpert er in Arafels Waldreich. Weil er die den Elben heilige Harfe spielt, nimmt sie ihn auf, muss aber Evald einen hohen Preis entrichten: ihren Traumstein.

Durch diesen ist sie nun mit Evalds Bewusstsein verbunden und nimmt das Elend, das der brutale Krieger verbreitet, wahr. Die Lage spitzt sich zu, als der von elbischen Träumen geplagte Evald den Eald-Wald abzuholzen beginnt. Arafel gerät in Bedrängnis und wird mit jedem gefällten Baum schwächer. Die Ursache erkennt schließlich auch Fionn.

Um Arafel zu retten, bietet Fionn König Evald seine Harfe im Tausch gegen den Traumstein, muss dies aber durch Verrat mit seinem Leben bezahlen. Nun bleibt Arafel nichts anderes übrig, als sich Evald selbst entgegenzustellen und auf eine höhere Macht zu hoffen. Finstere Wolken brauen sich zusammen, und Sturm kommt auf…

Mein Eindruck

Caroline Cherryh hatte die Ehre, diese berühmte Story-Sammlung zu eröffnen, und sie meistert die Aufgabe mit Bravour. Ihre Erzählung führt die letzte Elbenkönigin Arafel, die hier rein gar nichts mit Galadriel, der Elbenkönigin von Lórien, verbindet: dunkelhäutig, zerlumpt, schwertlos, sich der Gewalt beugend. Doch am Ende ist sie es, die über Evald triumphiert, gebietet sie doch über alle Kreaturen in und vor allem ÜBER dem Wald.

Diese Geschichte verwendete die Autorin später als kleines Bestandteil ihres schönen, bewegenden Fantasyromans „Der Traumstein“, der in „Der Baum der Schwerter und Juwelen“ eine würdige Fortsetzung und seinen packenden Abschluss fand (siehe meine Berichte dazu).

2) Janrae Frank: Die Wölfe von Nakescht (Wolves of Nakesht)

Die Kämpfer Tomrys, die von allen für einen Mann mit dem Ehrennamen Chimquar gehalten wird, kehrt mit ihren Kindern Makajia und Hazier zurück in ihre Heimat, um dort ihre jüngere Schwester Anaria um Vergebung und Wiederaufnahme in die Familie zu bitten. Doch diesem ehrenwerten Unterfangen stehen hohe Hürden entgegen.

Zum einen verfolgt ein alter Feind namens Bakran sie mit seinem Hass – und mit den Werwölfen von Nakescht. Zum zweiten werden die zwei erwachsenen Kriegerinnen Meadusea und Katalla immer misstrauischer, was Tomrys‘ Zugehörigkeit und Geschlecht anbelangt. Sie stammt von den Nomaden, trägt aber ein unübliches Langschwert bei sich. Sie gibt zu, eine Art Halbblut zu sein, was Katalla erst richtig wütend macht.

All dieser Streit fördert nicht gerade die Kampfkraft ihres kleinen Trupps, der von den Werwölfen attackiert wird. Sie schickt die flinke, leichte Makajia auf ihrem großen Hengst Adoni voraus zu Anaria, bevor sie sich entschließt, in den Ruinen einer versunkenen Stadt Bakran und den Werwölfen ein letztes Gefecht zu liefern. Wird Anaria rechtzeitig zu Hilfe eilen?

Mein Eindruck

Dieses verblüffend actionreiche Stück Heroic Fantasy wirft den logisch denkenden männlichen Leser erst einmal durch eine Fülle von Namen und Bezeichnungen aus der gewohnten Bahn. Hier muss er auf Multitasking umstellen, was sicherlich nicht einfach ist. nach einer Weile der ständigen Wiederholungen wird endlich klar, was es mit Chimquars Schicksal auf sich hat. Hätte die Autorin ihre Prosa ein wenig „ordentlicher“ strukturiert, wäre sie zwar verständlicher, aber weitaus weniger ungestüm und dynamisch geraten. Als Roman könnte ich mir Chimquars Schicksal und Abenteuer jedenfalls gut vorstellen.

3) T.J. Morgan: Die Frau aus der weißen Wüste (Woman of the white waste)

Die feindlichen Yarls überfallen das friedliche Dorf, in dem die hässliche Ellide lebt, und massakrieren die Männer, die sich ihnen in den Weg stellen. Danach werden alle anderen gefangengenommen, die jungen Frauen vom Anführer meistbietend versteigert. Nur mit der hässlichen Ellide gibt es ein Problem: Keiner will für sie bieten. Der Anführer wirft sie daher seiner Mannschaft vor, und 30 Männer fallen über sie her.

Im Dunkel der Nacht kann sie sich unbehelligt davonschleichen, denn alle Eroberer sind betrunken und schlafen. Sie schafft es bis zum Fuße der kalten Schneeberge, wo sie nackt und erschöpft zusammenbricht. Da sie noch die alten Gebete und Lieder kennt, fleht sie die Göttin der weißen Wüste an, ihr zu Hilfe zu eilen. Als sie erwacht, tobt ein Schneesturm, doch sie ist geschützt: eine Eisbärin stellt sich dem Wind entgegen.

In einem Zwiegespräch mit der Göttin, die aus der Bärin spricht, entdeckt sie, wer sie beschützt und ihr eine Waffe gegeben hat. Sogar ein Kettenhemd, ein Umhang und ein Paar Stiefel liegt bereit, sie zu bedecken. Doch ist sie wirklich bereit, der Göttin zu dienen? Diese Wahl verschiebt Ellide und macht sich auf den Weg ins Dorf, um alle Yarls zu töten und ins Verderben zu führen. Danach wird sie weitersehen…

Mein Eindruck

So werden also moderne Heldinnen geboren: Sie müssen nur die Göttin um Beistand anflehen, ihr ihr Leben weihen und schon werden sie mit allem Nötigen ausgestattet, das sie für die Erfüllung der Gebote der Gerechtigkeit benötigen. Es ist daher kein Wunder, dass die Hauptwaffe der Heldin die Göttin verkörpert – einen Dolch aus Eis, der das Opfer mit Kälte lähmt. Damit ist unüberwindlich, und die Windgeister der Weißen Wüste erledigen den Rest.

Die ganze Sache mag zwar schön aussehen, aber sie hat definitiv einen Pferdefuß: In ihrer Heldenhaftigkeit ist Ellide nun eine Halbgöttin und somit kein Teil der menschlichen Gemeinschaft mehr. Sie muss wie weiland Herakles und Perseus hinaus in die Welt ziehen, um weitere Ungerechtigkeit zu beseitigen. Denn derlei gibt es unter den Frauen stets genug…

4) Emily Bronte: Der Tod der Augusta (The Death of Augusta)

Zeit ihres Lebens erfanden die Bronte-Schwestern Emily, Charlotte usw. Phantasiewelten. Eine davon ist das von Emily ersonnene Gondal, das aus vier Königreichen besteht. In Alcona wächst die spätere Königin Augusta auf, die allerlei Umstürze erleben, bevor der Bürgerkrieg sie zwingt, vor den Rebellen ins Ausland zu fliehen, wo sie ihr Töchterlein zum Sterben zurücklassen muss.

Sie kehrt heimlich zurück, wird aber eines Tages von ihrer alten Feindin (und enttäuschten Freundin) Angelika entdeckt wird. Doch Angelika hat sich mit Douglas verbündet, dem Anführer der Räuber in den Bergen. Zusammen schalten sie Augustas Leibwächter aus und stellen die einstige Königin am Ufer eines klaren Bergbachs. Hat ihr letztes Stündlein geschlagen?

Mein Eindruck

Von der Heroic Fantasy der bisherigen Beiträge ist nur noch ein kleiner Rest übriggeblieben, und der Leser zweifelt, wer denn nun eigentlich die Heldin ist: Augusta, die gefallene, enterbte Ex-Königin oder ihr Widersacherin, die Räuberbraut Angelika? Wie auch immer: Die Literaturdozentin und Autorin Joanna Russ (die ansonsten in dieser Auswahl fehlt) hat Emilys überlieferte Gedichte über Gondal und Augustas Schicksal zusammengetragen und herausgegeben. Herausgekommene ist eine literarische Kuriosität, die sehr an Emilys romantische Liebesgeschichte wie etwa „Sturmhöhe“ erinnert. Aber wo ist Heathcliff, wenn man ihn braucht?

5) Janet Fox: Moriens Hexe (Morien’s Bitch)

Die Festung Ultebre ist von den Truppen Captain Moriens umlagert, doch es gibt ein Tunnelsystem, um unter den Mauern hindurch in den Palast der Festung zu gelangen. Riska kennt das Labyrinth seit Kindesbeinen und nutzt ihre Ortskenntnisse, um als „Gespenst“ beide Seiten zu bestehlen und sich so ein bequemes Leben zu verschaffen. Eines Tages wird sie von Moriens Männern eingefangen.

Sie hat etwas anzubieten – solange die Soldaten sie freilassen. Mit Moriens Untergebenen kann sie nichts anfangen, erst mit Morien selbst gelingt es ihr, einen Deal abzuschließen. Sie führt ihn in den Palast der Festung, wo er mit einem gewissen Herrn Amery, der seine Braut tötete, noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Auf dem Rückweg spielt Riska wieder Spielchen. Vorsichtshalber macht Morien sie zu seinem zweiten Leutnant. Das eine führt zum anderen, und schon bald landen sie miteinander im Bett. Doch wer behält hier die Oberhand?

Mein Eindruck

Die Autorin hat eindeutig zu viele Angelique-Romane über die romantische Zeit des 18. Jahrhunderts in Frankreich gelesen. Allein, es gebricht ihrer Erzählung an amourösen Wortgefechten, eleganter Garderobe und ritterlichen Degenduellen. Stattdessen geht Riska – nomen es omen – eher hemdsärmelig vor, quasi als Junge in Mädchenkleidern, der kein höheres Ziel hat als sich einen schönen Tag zu machen. Das fand ich denn doch zu erbärmlich, und die stilistische Ausführung lässt ebenfalls einiges zu wünschen übrig.

6) Charles R. Saunders: Agbewes Schwert (Agbewe’s sword)

In Zentralafrika vor der Kolonialzeit leben die Abomey als recht kriegerisches Volk, denn schließlich stammen sie von den legendären Kämpfern Anansi, dem Spinnengott, und Agbewe, seiner legendären Schwertkämpferin, ab. Doch mittlerweile haben die feindlichen Ashanti in Schiffen den Golf überquert und die abomeyische Hafenstadt Oidah eingenommen, mit der Absicht, den Rest des Reiches zu unterwerfen. Da sie einen Zauberer dabei haben, konnten sie das Abomey-Heer mit Blitzen in die Flucht schlagen.

Der Leopardenkönig der Abomey ruft die Kämpferinnen aus dem Klan der braunen Spinnen zu sich. Dossouye, eine dieser Ahosi, hat einen Traum gehabt und wird vom Zauberer des Königs aufgefordert, ihn zu erzählen. Sie sei im Traum in eine hochgelegene Grotte gelangt, wo auf einem Altarstein gebogenes Schwert lag, das leuchtete. Das Gesicht der Frau, die dahinter stand, sei wohl das von Agbewe gewesen. Auch andere haben diese Frau im Traum gesehen, verrät der König, doch nur Dossouye hat auch ihr Gesicht erblickt. Also ist sie es, die das Schwert als Zauber holen muss, der die kommende Schlacht entscheiden kann.

Dossouye bricht nach einem Gebet zu ihren Ahnen und zur Göttin auf, um das Schwert zu holen. Doch nicht nur Ashanti-Killersoldaten stellen sich ihr in den Weg, sondern auch eine Kriegerin aus ihrem eigenen Volk…

Mein Eindruck

Der Autor – der einzige Mann unter lauter weiblichen Autoren – erzählt übersichtlich, folgerichtig und doch anrührend eine beeindruckende Geschichte von Heldenmut wider Willen, von schändlichem Verrat und herrlichem Triumph. Die Kultur der Abomey ist bis in die Details ihrer Religion genau geschildert. Dossouye hat beispielsweise drei Seelen, von denen nur eine individuell ist, die anderen beiden aber der Göttin und den Ahnen gehören. Ohne diese beiden ist sie eine wandelnde Tote, und als sie von deren Tod durch die Verräterin erfährt, fällt sie in Ohnmacht. Der Sieg durch Agbewes Zauberschwert rückt in weite Ferne.

Man sieht also, dass der Autor das Geschäft mit der Spannung und dem Spannungsbogen ausgezeichnet versteht. Die Actionszenen sind nur Beiwerk, das aber nötig ist, um den Leser zu unterhalten – und die Spannung noch weiter zu erhöhen. Außerdem hat er verstanden, was die alten griechischen Sagen bedeuten: Der Held bzw. die Heldin ist notwendigerweise ein(e) Außenseiter(in). Durch ihre Macht wird sie nämlich dem König gefährlich, und um sich dieser Gefahr zu entziehen, muss die Heldin ihr Volk verlassen, um woanders Heldentaten zu vollbringen.

Kurzum: Unter den Erzählungen dieses Auswahlbandes nimmt diese längere Geschichte eine herausragende Stellung ein, nicht zuletzt durch ihre exotischen Anklänge an H.R. Haggards Romane über afrikanische Helden wie etwa Shaka Zulu.

7) Josephine Saxton: Die Fahrten der Jane Saint (Jane Saint’s Travails)

Jane Saint hat es nicht leicht. Auf ihrer Agentenmission wird sie von den Behörden dieses Landes erwischt, verurteilt und zur Giftspritze verurteilt. Man taucht sie in warmes Wasser, so dass sie sich wieder wie im Mutterleib fühlt. Ihr Bewusstsein gleitet in eine Parallelwelt, in der sie aus der Ebene zu einem hohen Turm emporsteigt. Sie klopft an die Tür, und eine Bäuerin öffnet ihr, die sie gastlich aufnimmt – zu einem ganz bestimmten Zweck.

Die Bäuerin ist offenbar eine alte Hexe und ihr Mitbewohner ein Zauberer. Nachdem sie Jane einen Tropfen Blut abgenommen und diesen in eine Glasflasche gefüllt haben, bereiten sie ein Experiment vor: Sie wollen einen Homunculus erschaffen. Nachdem sie ungeniert dem Beischlaf gefrönt haben, warten sie darauf, dass sich das Gas im Ofen formt.

Sie haben Erfolg, und der Glasflasche entsteigt ein goldener Vogel, der sich selbst (statt als Phoenix) als Zilp bezeichnet. Zilp weiß, o Wunder, alles über Jane und ihre drei Töchter, die bereits sehnsüchtig auf ihre Rückkehr warten. Er weist ihr den Weg zur Rückkehr in ihre eigene Welt…. wo sie schließlich aus dem Koma erwacht, in der Hand eine goldene Feder…

Mein Eindruck

Der Mittelteil hat auffallende Ähnlichkeit mit Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ oder dessen Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“. Die Logik ist die des Traums und die Motive die der Sagen und Märchen, auch wenn der Turm eher an Orthanc in Isengard erinnert. Es wäre ein Fehler, die Geschichte wörtlich oder gar ernst zu nehmen: Sie ist eine Metapher von A bis Z. Von „Fahrten“, wie sie der deutsche Titel behauptet, kann jedenfalls keine Rede sein. „Travails“ sind vielmehr Wehen oder Prüfungen. Wer mehr in dieser Art lesen will, ist wohl bei Angela Carter goldrichtig.

8) Margaret St. Clair: Die Tränen einer Hexe (The Sorrows of Witches)

Noch nie hat jemand zu der wunderschönen Königin und Zauberin Morganor von Enbatana nein gesagt! Doch dieser hünenhafte Fremdling, in den sie sich verliebt hat, weist alle ihre Liebesbezeugungen ab. Frustriert und wütend gibt sie schließlich auf überantwortet ihn dem Foltermeister. Leider hat sie vergessen, dass sie diesen (unter vielen) einst aus ihrem Bett geworfen hatte. Nun rächt er sich, indem er dem Fremden nicht die angewiesen zehn Peitschenhiebe verabreicht, sondern ihm die Beine abreißt. Anschließend erhängt er sich, denn er weiß, dass Morganors Rache keine Gnade kennt.

Morganor indes ist untröstlich und weint, bis ihr langes schwarzes Haar einem Putzlappen gleicht. Erst ihre Amme kann sie wieder zur Vernunft bringen. So viel ist zu tun! Als Zauberin beschließt sie, den Leichnam, den ihre Zaubersprüche konserviert haben, durch dämonische Magie wieder zum Leben zu erwecken. Der Preis ist hoch, und ihr bleiben nur noch zwei Magiebücher und ein Amulett übrig. Doch der Lohn ist herrlich: Der Fremde ist ein großartiger Liebhaber und die Erfüllung ihrer bislang schlaflosen Nächte. Am Morgen muss er allerdings wieder in den goldenen Sarg, den sie für ihn hat machen lassen. Er soll ihr Geheimnis bleiben. Da Tote keine Kinder zeugen können, bleibt ihr eine Schwangerschaft verwehrt.

Allein, der Rat ist unzufrieden. Eine Thronfolgerin muss gesichert werden. Der Rät wählt den wackeren und frommen Prinzen Fabius aus, der alsbald Morganor ehelichen darf. Doch ihm kommen seltsame Gerüchte zu Ohren, sein Eheweib habe bereits einen Liebhaber. Als eine Invasion aus der Wüste den Bestand des Königreichs bedroht, kommt es zur Krise. Prinz Fabius rät zu beten und Fasten als besten Maßnahmen. Morganor hält wenig davon. Wer nämlich soll das Heer von Enbatana führen, wenn nicht der hünenhafte Fremde?

Mein Eindruck

Dass Morganor große Ähnlichkeit mit Morgaine le Fay aus der französischen Artus-Sage von „La Morte d’Arthur“ aufweist, dürfte für den Fantasy-Kenner auf der Hand liegen. Sie vereint königliche Haltung, Erbfolge und Zauberei. Zusammen mit Morgaine, seiner Schwester, zeugt Artus seinen Sohn Mordred, der ihn und das Reich schon bald ins größte Unglück stürzen wird.

Wie auch immer: Morganor ist schlauer und entschlossener, als der Leser erwartet, und findet einen Weg, um ihre Ehe, ihren Liebhaber und sogar das Reich zu retten. Der Preis mag fürwahr hoch sein, doch Hochmut kommt vor dem Fall. Und den weiß Morganor zu vermeiden. In seiner steinernen Gruft im goldenen Sarg unterm Berg wartet jedoch der Ritter untot auf den Zauberspruch, der ihn wieder zum Leben erweckt.

9) André Norton: Falkenblut (Falcon blood)

Tanree ist eine Seefahrerin aus dem stolzen Volk der Sulcar. Zusammen mit einem Mann überlebt sie den Schiffbruch der „Kast-Boar“. Da der Mann ein Söldner des Falkenvolks ist, sucht Tanree eine Waffe und findet ein blitzendes Messer in den Schiffstrümmern. Die Falkenmänner sind weithin bekannt für ihren Hass auf Frauen, und der Falke, der zu ihm gehört, starrt sie aus angriffslustigen Augen an.

Doch der Mann lebt und sie kann ihn trotz seines gebrochenen Arms und des Falken davon überzeugen, dass nur der Aufstieg eine steile Klippe hoch sie davor bewahren kann, bei der nächsten Flut ersäuft zu werden. Er ist einverstanden, und mit zwei Seilen, die der zahme Falke zur Klippenspitze trägt, gelingt ihnen der mühselige Aufstieg. Doch oben wartet eine Überraschung auf sie: die Ruinen einer längst verlassenen Stadt. „Salzarat!“ ruft der Mann und stürzt sich in das Gewirr der falkenköpfigen Statuen und Torbögen. Tanree folgt ihm verwundert.

Sie findet ihn vor einer Gruppe von vier Statuen und einem Thron mit einer Leiche darauf. Die Leiche ist die eines alten Mannes, der ein Schwert hält. Dieses will der Falkenmann hervorzerren, um es zu benutzen, aber gegen wen? Als Tanree eine erste Ahnung davon erhält, was das Ziel sein könnte – sie selbst nämlich -, drängt sich eine Stimme in ihren Kopf, die Stimme einer Göttin.

Sie ist böse und hasserfüllt und will Tanree zwingen, den Falkenmann mit ihrem Messer zu töten. Dem Mann gelingt es nicht, das Schwert an sich zu bringen, er ist wehrlos. Da erinnert sich Tanree daran, wer und was sie ist: eine freie Sulcar, und keine Göttin soll sie unterjochen…

Mein Eindruck

Diese wunderbar von einer der routiniertesten Autorinnen von SF und Fantasy erzählte Geschichte berichtet von der Beendigung des uralten Hasses der Falkenmänner auf die Falkenfrauen. Tanree beendet nämlich nicht nur den Bann, den die Göttin Jonkara auf alle Frauen in ihrem Tempel ausübt, sondern trägt gleichzeitig zur Zerstörung des Tempels und der ihn umgebenden Ruinenstadt bei. Als sei es eine Art Machu Picchu, den man erst erklettern muss, der dann aber zu Staub zerfällt, sobald der Bann gebrochen ist. Nun ist der Weg frei, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, frei wie der Falke, der über dem Paar durch die Lüfte gleitet.

10) Michele Belling: Rape-Patrol (The rape-patrol)

Die Vergewaltigungspatrouille besteht aus sieben Frauen, die etwas dagegen haben, dass ihresgleichen verprügelt, vergewaltigt und ermordet wird, ohne dass es jemanden schert. Die nötige Bestrafung übernehmen sie. Kaum ist das jüngste Opfer gemeldet, machen die Meldungen die Runde. Der Täter wird geortet und identifiziert: Jim Sutter. Er sitzt gerade beim Kartenspiel mit seinen Kumpels.

Die Karatekämpferinnen dringen in die Wohnung ein und überwältigen die Typen, doch ausgerechnet Sutter entwischt ihnen. Sie stöbern ihn auf: Er sitzt in der Falle, im Keller eines Lagerhauses am Fluss. Die Kellertür ist der einzige Ein- und Ausgang, doch leider sehr stabil. Da kommt nur eine durch: Judith.

Zehn Minuten später trifft die Herbeigerufene ein und bereitet ihre Utensilien vor. Dazu gehören Hühnerfüße, etwas Blut und viele schwarze Magie. Die Kellertür springt auf und Sutter stürzt heraus, um sich Judith zu Füßen zu werfen. Na, bitte! Jetzt kann die Strafe ausgeführt werden, und für Vergewaltigung sieht ihr Gesetz nur eine vor…

Mein Eindruck

Die Patrouille übt zwar Selbstjustiz, aber anno 1979 waren die Zeiten noch andere. Die Innenstädte waren durch die liberalen Siebziger zu beinahe rechtsfreien Räumen verkommen, in denen die Drogenbarone das Sagen hatten. Frauen waren nur Kollateralschäden, ob in L.A., New York City, Miami oder San Francisco. Vigilanten tauchten auf, also Bürgerwehren, und die Rape-Patrol ist nur eine davon. Es ist davon auszugehen, dass diese Story genauso viel Widerspruch hervorrief wie die Texte, die Harlan Ellison in seiner voluminösen Anthologie „Dangerous Visions“ veröffentlichte. Und Widerspruch braucht eine Herausgeberin.


11) Megan Lindholm: In der Grube (Bones of Dulath)

Ki ist eine Fuhrfrau in den nördlichen Landen und mit dem Kämpfer Vandien unterwegs. Leider hat er sich für gutes geld ein schlechtes Pferd andrehen lassen, so dass es auf dem alten Pass achtlos in eine Grube stürzt, die mit angespitzten Pfählen gespickt. Ki muss den jammernden Vandien mit einem Seil aus der Grube ziehe, aber zuvor muss er seinem verletzten Pferd den Gnadenstoß geben.

Welcher Idiot gräbt aber auch mitten auf der Passstraße eine solche tückische Grube, fragt sich Ki, und diese Frage stellt sie auch im nächsten Dorf. Dessen Kneipenwirt verrät nach einiger „Überredung“ das Geheimnis: Es ist das Monster namens Dulath, das sich in den Gruben um die Leichen der Dörfer ringsum kümmert. Wie „kümmert“, will Ki wissen. Das müsse sie schon selbst herausfinden, meint der Wirt und verweist sie wegen Vandiens Verletzung an den alten Rindol.

Der alte Rindol sieht gleich, dass Vandien von Dulaths Gift, das an den Pfählen klebte, vergiftet worden ist. Eigentlich sei er nicht mehr zu retten, sagt er zu Ki, aber er habe mal ein Opfer gesehen, das durch Einnahme von Dulaths Blut wieder genas. Na, jetzt weiß Ki, was sie zu tun hat. Und während Vandien ihr laufend Vorwürfe wegen seines verlorenen Pferdes macht, setzt sie einen heimtückischen Plan in die Tat um. An das Blut eines Monsters kommt man nämlich nicht auf die leichte Tour…

Mein Eindruck

Die Erzählung ist im Handumdrehen gelesen, denn sie ist spannend, actionreich, voll Humor und zudem ein wenig romantisch, wie man an dem sympathischen Gekabbel zwischen der Fuhrfrau und ihrem Freund sehen kann. Obendrein ist die Beschreibung des Monsters wirklich einfallsreich zu nennen: Es hat einen Rückenpanzer, aber eine weiche Bauchseite, in der sich ein gefährlicher Schnabel befindet. Außerdem scheint es anstelle von Klauen Hände zu haben, die richtig zupacken können. Es pflanzt sich durch Eiablage in die Leichen fort, was schon recht absonderlich wirkt. Es ist das letzte Exemplar seiner Art, aber ist das ein Grund, ihren Freund aus Mitleid sterben zu lassen? Nicht wirklich. Dafür ist Ki viel zu entschlossen und dynamisch.

Alles in allem ist dies eine der besten Geschichten dieser Auswahl.

12) Tanith Lee: Schach dem Bösen (Northern Chess)

Jaisel ist seit rund zwölf Jahren eine kriegerische Wanderin. Damals wurde sie das erste (und letzte) Mal vergewaltigt. Sie befindet sich auf dem Weg zur Küste im Norden, als ihr völlig gesundes Pferd unter ihr zusammenbricht. Frustriert macht sie sich, mit Sattel und Gepäck beladen, auf den Weg, stößt aber auf dem nächsten Hügelkamm auf zwei Ritter, die sie anrufen: „Holla, Junge, wohin des Wegs?“

Sie ist schon häufig für einen Jungen gehalten worden, wegen ihrer grazilen Gestalt und weil nur Jungs mit Dolch und Degen bewaffnet zu sein pflegen. Sie enthüllt den beiden Rittern Renier und Cassart ohne Zögern ihre wahre Identität. Sie bringen sie zu ihrem Lager, wo ein trüber Sauhaufen herumlungert wie nach sieben Tagen Regenwetter. Als sich Renier eine Hinterlist ausdenkt, lehrt sie ihn Mores. Das ruft den Hauptmann auf den Plan. Sie nennt ihn einen Feigling und Suffkopp.

Einen Feigling, weil, wie sie von den Rittern erfahren hat, diese Truppe eine Festung des toten Zauberers Maudras belagert, aber schon dreimal zurückgeschlagen wurde.

Mein Eindruck

Die ironische, actionreiche Geschichte liest sich wie eine Story über Jirel von Joiry, die Catherine l. Moore zu schreiben pflegte. Daran erinnert bereits der Vorname „Jaisel“ der Heldin. Das Fantasy-Genre der „Sword & Sorcery“ (Schwerter und Zauberei) ist vor allem für seine muskelbepackten, zynischen MÄNNLICHEN Helden bekannt, so etwa durch Conan den Kimmerier.

Doch hier wird der Fluch, der auf der Festung des toten Zauberers liegt und zahlreiche Geister auf den Plan ruft, durch eine Frau zunichtegemacht: Der Urheber des Fluchs hat einfach nicht daran gedacht, bei der Formulierung Frauen einzubeziehen. Nun ja, Hochmut kommt vor dem Fall.

13) Elizabeth A. Lynn: Die Frau, die den Mond liebte (The woman who loved the moon)

In den Mittleren Grafschaften von Ryoka (s. o.) liegt der Herrschaftsbereich der Talvelas. Fürst Roko von Issho ist stets in Kriege verwickelt, in deren Verlauf er sein Reich ausdehnen will. Seine Frau Lia ist zaubermächtig und kräuterkundig, während ihre drei Töchter hervorragende Kriegerinnen sind, die allabendlich den Grenzbereich patrouillieren. Kai Talvela ist die älteste, Tei die mittlere und Alin die jüngste der Schwestern. Jede ist mit ihrer jeweiligen Waffe, sei es Schwert, Stock oder Keule, die beste ihrer Zunft in ganz Issho. Kein Freier wagt es daher, um ihre Hand anzuhalten, sehr zum Kummer von Vater Roko.

Der närrische Page, der auf seiner Flöte Kinderlieder spielt, bewundert die drei Grazien unendlich: „Zusammen kommt eure Schönheit der des Mondes gleich!“ schwärmt er. „Sag so etwas nicht“, warnt Kai düster. Wenig später nähert sich eine schwarze Gestalt auf einem Pferd der Gruppe. Es ist offenbar ein Ritter auf einem Rappen, doch nein: eine Kriegerin. Auf Anfrage nennt sie ihren Namen: Sedi, das poetische Wort für Mond. Und sie nennt sich unbesiegt, was sofort eine Herausforderung seitens Alin provoziert. Kai aber fragt sich, ob diese Kriegerin nur ein Trugbild sei.

Der kurze Kampf endet für Alin tödlich, und die Trauer im Hause Talvela ist groß. Nachdem der Winter vergangen ist und der Sommerkrieg vorüber ist, ziehen die Schwestern erneut auf Grenzpatrouille. Wieder taucht Sedi auf und nimmt die Herausforderung an, diesmal von Tei. Doch auch Tei unterliegt der gewandten Sedi und wird zu Hause in Issho bestattet. Ein halbes Jahr später begibt sich Kai allein in die Östlichen Grafschaften, um Sedi zu stellen und ihre Schwestern zu rächen.

Im Silberschein des Mondes taucht Sedi erneut auf und stellt sich Kai zum Kampf. Dieser ist außerordentlich lang, doch am Schluss erweist sich Sedi als zu selbstsicher und unterliegt. Doch statt sie zu töten, erbarmt sich Kai der Unterlegenen: Sie ist zu schön für den Tod. Und so kommt es, dass sie einander umarmen und küssen und Sedi die Menschenfrau in ihre Höhle unter der See führt, wo sie 50 Menschenjahre verbringt.

Endlich vernimmt Kai den Traumruf ihrer Mutter, der Zauberin Lia, und beschließt, wieder in die Außenwelt zurückzukehren. Zum Abschied gibt ihr Sedi einen Silberspiegel mit. Spiegelt sich der Mond darin und spricht Kai ein paar magische Worte, so werde Sedi zu ihr kommen, wo auch immer sie sei.

Doch die Außenwelt hat sich in einem halben Jahrhundert erheblich verändert, muss Kai bald feststellen, ebenso wie die Tatsache, dass die Mondin eine wankelmütige Liebhaberin ist

Mein Eindruck

Schon in ihrem ersten Roman „A Different Light“ (1978) ließ die Autorin einen homosexuellen Menschen auftreten, und in der Erzählung mit dem irreführenden Titel „Die Frau, die den Mond liebte“ schildert sie ebenfalls eine gleichgeschlechtliche Beziehung. Kai wird quasi ins Reich der Elfenkönigin entführt, wo die Zeit anders verläuft, wie man aus vielen Legenden weiß (z.B. Thomas der Reimer und eine Story von Tolkien).

Kai gelangt durch ihre außergewöhnliche Liebe in einen ungewöhnlichen Status: Durch den Spiegel verfügt sie über Magie, doch diese ist nur ein schwacher Trost für den Verlust ihrer alten Mutter, ihres Vaters, ihrer Schwestern und bald auch des Pagen. Daher verwundert es nicht, dass ihr Tod nicht ihr Ende ist. Als „Spiegelgespenst“ feuert sie die hasenfüßigen Soldaten von Issho an, um sie gegen den Feind zu führen. Was natürlich sehr zur Bildung ihrer eigenen Legende beiträgt. Jeder möchte seinen Anteil an ihrer Erhöhung haben, und für die Töchter von Issho ist Kai ein leuchtendes Vorbild.

Die Übersetzung

Wer braucht schon so lästige Dinge wie Rechtschreibung und Kommasetzung? Das wird sich wohl die Übersetzerin gedacht haben. Immerhin ist sie konsequent: Sie ignoriert fortwährend das Komma vor dem erweiterten Infinitiv. Offenbar wollte sie die Hirnzellen des Lesers zur Mitarbeit anregen, und mitarbeiten müssen sie, sonst ergeben die Sätze wenig Sinn. Aber sie hätte wenigstens die Namen konsistent gleich schreiben können. Man heißt es also „Enbatana“, mal „ebatanisch“. Das Aufzählen der zahllosen Fehler würde weitere Textseiten füllen und wäre sinnlos.

Die Übersetzerin schafft es beispielsweise auf S. 256, in einem einzigen Satz vier Fehler unterzubringen.

„Elizabeth A. Lynn hat u.a. „A Different Light“ und „Sardinic Net“ geschrieben, sowie eine Fantasy-Trilogie, die sich an die Leser richtet, die an starken Frauenfiguren interessiert sind, und die mit der Erzählung „The Northern Girl“ gebinnt.“

a) „Sardinic Net“ heißt korrekt „Sardonyx Net“;
b) „The Northern Girl“ ist keine Erzählung, sondern ein Roman;
c) Dieser Roman beendet die Trilogie statt sie zu „beginnen“;
d) „gebinnt“ sollte korrekt „beginnt“ heißen.

Wenigstens gibt es eine alternative Übersetzung zu der Geschichte „Die Frau, die den Mond liebte“. Die steht in der gleichnamigen Story-Sammlung, die 1984 bei Heyne (ISBN 3-453-31076-4) erschien.

Unterm Strich

Die Sammlung lohnt sich hauptsächlich wegen sechs substantieller Texte, die hier zu finden sind. Dazu gehören die Erzählungen von Tanith Lee, E. A. Lynn, Megan Lindholm, Charles Saunders, C.J. Cherryh und André Norton. Hier sind echte Profis am Werk, die den Leser auf glaubwürdige Weise und mit den eigneten Stilmitteln in ihre jeweilige fiktive Welt entführen und die gewünschte Wirkung erzielen.

Das kann man von den anderen Geschichten nicht unbedingt behaupten. Janet Fox ist offenbar noch eine Anfängerin, wie man der Struktur ihrer Story ansieht. T.J. Morgan verfährt aber nach dem Schema F, so dass man das Ende schon kennt, bevor man zwei Sätze gelesen hat. Margaret St. Clair ist zwar eine verdienstvolle Pionierin der weiblichen Heroic Fantasy, aber ihre Geschichte ist so märchenhaft und klischeehaft erzählt, dass gar kein Mitgefühl aufkommt. Janrae Franks Story „Wölfe von Nakesht“ erinnerte mich sofort an die Sword & Sorcery von Fritz Leibers Geschichten aus Lankhmar –ohne den ironischen Humor, aber dafür mit einer Flut von Namen und Bezeichnungen.

Zwei Geschichten fallen eindeutig aus dem Rahmen. „Rape Patrol“ spielt in der Gegenwart und zeigt Frauen, die Vergewaltigung mit dem Tod bestrafen – ohne Verhandlung, ohne Verteidigung. Die Bestrafung geht weit über Vergewaltigung hinaus, so dass von der Anwendung des Prinzip „Auge um Auge, Zahn für Zahn“ keine Rede sein kann. Die Aufnahme von Emily Brontes Geschichte bzw. Erzählgedicht „Der Tod der Augusta“ ist sehr fragwürdig, denn etwas Heldenhaftes konnte ich an Augusta oder ihrer Feindin trotz Bemühens nicht erkennen. So sehen Amazonen sicher nicht aus, nicht mal als Räuberbraut.

Alles in allem überwiegen die guten Beiträge die eher schwachen oder gar fragwürdigen, deshalb und wegen des aufsehenerregenden Themas erlebte diese Anthologie in kürzester Zeit mehrere Auflagen. Für die Unmengen an Druck-, Sach- und Stilfehlern gibt es jedoch Punktabzug.

Hinweis: Mehr von Heldinnen wie Jaisel findet man in der Anthologie „Neue Amazonen-Geschichten“ (1983), in der auch eine bekannte Story von George R.R. Martin abgedruckt ist.

Taschenbuch: 285 Seiten
Info: Amazons, 1980
Aus dem US-Englischen von Andrea Dorfmüller
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