John Brunner – Zeiten ohne Zahl

Zeitabenteuer der Hl. Inquisition in Königin Elisabeths I. Reich

Dass der englische SF-Autor John Brunner (gestorben 1995) nicht nur auf dem Gebiet sozialkritischer Science Fiction Großes zu leisten vermochte, sondern auch mit klassischen Science-Fiction-Themen Beachtliches leistete, beweist er mit diesem Parallelweltroman, der aus drei Anfang der 60er Jahre verfassten Storys besteht, die für die Buchfassung gründlich überarbeitet wurden.

Der Autor

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und –Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: The Jagged Orbit (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in Stand On Zanzibar die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von The Jagged Orbit die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhaß und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman Muddle Earth (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science Fiction Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

Handlung

Brunner geht hier von der Annahme aus, dass die spanische Armada, die im Jahr 1588 das protestantische Großbritannien unter Queen Elizabeth I. Angriff, siegreich war. Das katholische Spanien holte das abtrünnige England sozusagen heim in den Schoß der Römischen Kirche und errichtete ein Weltreich. In diesem stellen die katholische Kirche und die Inquisition die stärksten Mächte dar, was besonders dadurch deutlich wird, dass die Zeitmaschine, die in dieser Welt erfunden wurde, von Jesuiten gesteuert wird, ebenso wie die Zeitforschung.

Doch während die katholische Welt sich auf die 400-Jahr-Feiern anläßlich des Sieges der Armada vorbereitet, mehren sich die Anzeichen, dass eine Gruppe Unbekannter versucht, die Vergangenheit zu ändern. Don Miguel Navarro, ordentlicher Bevollmächtigter der Gesellschaft für Zeitenkunde, wird losgeschickt, diese Verbrecher ausfindig zu machen und die Welt vor dem Sturz in die Welt unserer eigenen Wirklichkeit zu bewahren.

Unterm Strich

„Zeiten ohne Zahl“ ist zum Teil ein Detektivroman, teils ein SF-Buch, in jedem Fall aber ein flott und spannend geschriebenes Zeitreiseabenteuer, auch wenn es solche bereits zuhauf gibt. John Brunners Buch ragt aber handwerklich über den Rest des Feldes hinaus. Das Titelbild dieser Ausgabe ist genial: Es enthält eine Sinnestäuschung à la M.C. Escher.

Taschenbuch: 235 Seiten
Originaltitel: Times Without Number, 1962/74
Aus dem Englischen von Biggi Winter.
ISBN-13: 978-3453312265

www.heyne.de

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