John Harvey – Der Kinderfänger. Ein Fall für Charlie Resnick

Verschwundene Kinder, zerstörte Träume

Ein neuer Krimi aus der Serie, mit der sich John Harvey an die Spitze der britischen Kriminalliteratur geschrieben hat. Als die 6-jährige Emily Morrison an einem ruhigen Sonntagnachmittag aus dem Garten ihrer Eltern verschwindet, befürchtet ihr Vater Michael das Schlimmste. Erst kurz zuvor wurde die in einen Müllsack verpackte Leiche eines gleichaltrigen Mädchens in einem verlassenen Lagerhaus gefunden. Keine leichte Situation für Detective Inspector Charlie Resnick: Die Öffentlichkeit ist alarmiert und ein Kindermörder auf freiem Fuß, der jederzeit ein drittes Mal zuschlagen kann … (Verlagsinfo)

Der Autor

John Harvey, 1938 in London geboren, wurde durch seine Drehbücher für britische TV-Krimiserien bekannt. Für seine Krimis, Erzählungen und Lyrik erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Diamond Dagger für seinen Lebensweg. Bei dtv sind seine Serien um Frank Elder, Charlie Resnick und das Ermittlerduo Will Grayson und Helen Walter erschienen. Mehr Info: www.mellotone.co.uk. (gekürzte Verlagsinfo)

Die Charlie Resnick-Reihe (wikipedia.de):

• Lonely Hearts. Penguin, London 1989, ISBN 0-14-010416-X.
o Verführung zum Tod. Dtv, München 2009, ISBN 978-3-423-21112-3 (EA München 1993).[1]
• Rough Treatment. Viking, London 1990, ISBN 0-670-82644-8.
o Spezialbehandlung. Goldmann, München 1993, ISBN 3-442-41454-7.[2]
• Cutting Edge. Viking, London 1991, ISBN 0-670-83186-7.
o Tiefer Schnitt. Dtv, München 2009, ISBN 978-3-423-21146-8.[2]
• Off Minor. Mandarin Books, London 1996, ISBN 0-7493-2155-5 (EA London 1992).
o Vermisst. Goldmann, München 1994, ISBN 3-442-41456-3.[2]
o Der Kinderfänger. Dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-21202-1.[1]
• Wasted Years. Viking, London 1993, ISBN 0-670-84534-5.
• Cold Light. Heinemann, London 1994, ISBN 0-434-00119-8.
o Nebel über den Fluß. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-43138-7.[2]
o Nebel über dem Fluß. Dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-21242-7.[1]
• Living Proof. Heinemann, London 1995, ISBN 0-434-00121-X.
• Easy Meat. Heinemann, London 1996, ISBN 0-434-00314-X.
o Das Fleisch ist schwach. Dtv, München 2011, ISBN 978-3-423-21279-3.[3]
• Still Water. Heinemann, London 1997, ISBN 0-434-00326-3.
• Last Rites. Heinemann, London 1998, ISBN 0-434-00328-X.
• Now´s the Time. Heinemann, London 2002, ISBN 0-434-01027-8 (Erzählungen, EA London 1999).
• Cold in Hand. Heinemann, London 2008, ISBN 978-0-434-01694-5.
o Pass auf dich auf. Dtv, München 2012, ISBN 978-3-423-21346-2.[3]

Handlung

Raymond arbeitet in Nottingham im Schlachthof. Er ist kein geselliger Mensch, und wenn er angegriffen wird, macht er eher einen Rückzieher. Deshalb trägt er erstens ein Messer bei sich, zweitens freut er sich, als Sara Prine mit ihm geht, als er sie im Pub anschaut. Sie haben nichts Romantisches im Sinn, als sie zu einer einsamen, ziemlich im Dunkeln liegenden Lagerhalle am Stadtrand gehen. Nachdem sie ihn befriedigt hat, fällt ihr der eklige Geruch auf. Aber anders, als er erst schuldbewusst dachte, stammt der nicht aus seinen Kleidern – der Gestank kommt aus einem losen Bretterverschlag, in dem Ratten wuseln. Darin entdecken sie im Licht von Saras Feuerzeug die Überreste einer Kinderhand…

Gloria

Es ist Gloria Summers. Da ist sich Chief Inspektor Charlie Resnick einigermaßen sicher. Sie gilt seit September, also seit mehreren Monaten, vermisst. Ihre Mutter Susan, eine Gelegenheitsnutte, interessiert das Schicksal ihres kleinen Blondschopfs nicht, wohl aber ihre Großmutter Edith. Die lebt verwitwet an der rauen Nordseeküste und gibt sich die Schuld, als Charlie sie besucht.

Raymonds und Saras Aussagen halten indes für Resnick und seine Mordkommission ein paar Überraschungen bereit. Ray kannte Gloria vom täglichen Sehen und „er hatte ein Auge auf sie“. Dieser Ausdruck macht die Cops stutzig. Steckt in dem ledigen, schüchternen jungen Mann womöglich ein Pädophiler? Aber warum sollte er sich dann verdächtig machen, indem er zur Polizei geht und dort seine Aussage zu Protokoll gibt? Vielleicht ist er nicht dumm, sondern einfach pervers, meint ein geistig nicht sonderlich zimperlicher Kollege. Und dann erwähnt Sara auch noch Rays Messer …

Emily

Emily Morrison ist sechs und mit zwei Elternteilen gesegnet. Nicht viele in ihrer Unterschicht-Wohngegend haben so viel Glück. Und Lorraine ist ja auch nur ihre Stiefmutter, die zweite Frau ihres Vaters Michael. An einem Sonntagvormittag, als sich die Eltern gerade im Bett näherkommen, verschwindet Michaels Goldstück aus dem Garten seines Hauses. Als seine Suche ergeblich verläuft, beginnt er, zum Trinker zu werden.

Parallelen

In den Augen der Nottinghamer Polizei sind die Parallelen zwischen den beiden Fällen offensichtlich. Offenbar geht ein Kinderfänger um. Und da er Gloria umbrachte, befindet sich nun auch Emily in höchster Gefahr. Als die Befragungen einen Verdacht gegen den Handwerker ergeben, der sowohl an Glorias als auch an Emilys Schule arbeitete, kommt es zu einer dramatischen Krise. Aber hat Charlie Resnick wirklich den richtigen Mann im Visier?

Mein Eindruck

Es gibt sicherlich bessere Polizeikrimis. Dieser hier beschreibt auf typisch britische Weise – siehe Val McDermid, Peter Robinson und Mark Billingham – eine mühselige, aber hoffnungsvolle und schließlich von Erfolg gekrönte Ermittlung. Damit die Identität des Täters nicht so offensichtlich ist und somit die Spannung aufrechterhalten bleibt, stellt der Autor uns drei oder vier gleichermaßen wahrscheinliche Täter. Natürlich gehören Raymond und der Handwerker dazu, aber es gibt noch weitere, die nicht so offensichtlich sind. Wer genau auf kleine Hinweise achtet, kommt bald auf nicht nur eine, sondern zwei richtige Spuren.

Soziale Realität

Aber bei einem britischen Krimi steht selten nur die Ermittlung im Mittelpunkt, jedenfalls nie die ganze Zeit. Denn darum geht es ja gar nicht: Es geht um die wirtschaftlich-sozialen und die damit verbundenen psychologischen Probleme der Bevölkerung in Nordengland, wo die wirtschaftliche Katastrophe der späten achtziger Jahre voll zugeschlagen hat. Jetzt, ca. 1991, sieht man schon, welche Überlebenden dieser Katastrophe es gibt, und mit welchen Methoden sie es „geschafft“ haben: nämlich mit denen von Gaunern und Ausbeutern. Das ist das neue England Margaret Thatchers und John Majors. Bravo!

Privatleben

Während die Familien der Opfer diese Misere widerspiegeln, gilt ein weiteres Augenmerk des Autors dem Privatleben der Polizisten. Diese sind ja mit den kriminellen Auswirkungen der Misere direkt konfrontiert. Es gibt unter den Cops rassistische Arschlöcher wie Mark Divine, hilflose Versager wie Kevin Naylor, aber auch einfühlsame und einfallsreiche Polizistinnen wie Lynn Kellogg. Täglich dringen sie in Heime ein oder patrouillieren auf der Straße. Dort treiben sich Banden herum, die alle mit versteckten Messern Schrecken verbreiten, um sich einen Kick zu verschaffen.

Mütter

Die schlimmsten Schicksale erleiden die Frauen, vielfach Mütter, denn sie sind die schwächsten und am meisten auf solidarische Hilfe angewiesenen Mitglieder der Gesellschaft. Da ist Kevin Naylors Frau mit ihrem Baby, die Angst vor ihm hat. Da ist Diana, Emilys leibliche Mutter, die in einer Irrenanstalt ruhiggestellt und abgeschirmt wird; da ist Glorias Mutter, die sich als Teilzeitnutte durchschlägt. Selten, dass sich eine der Frauen, mit denen Lynn redet, berappelt und gegen die Herrschaft der Männer aufbegehrt. Dies tut beispielsweise Lorraine, aber auch die Frau des Handwerkers.

Drama

Raymonds seelische Entwicklung ist vielleicht mit am besten eingefangen. Der einzelgängerische junge Mann wird von allen Kollegen und vor allem seinem Boss unterdrückt und schikaniert. Er hat aber nicht einmal Sex mit Sarah als Ventil. Schließlich kommt es eines Abends zu einer Kurzschlussreaktion, die die Cops ganz direkt trifft…

Legal, illegal, scheißegal

Der Originaltitel „Off Minor“ hat eine doppelte Bedeutung, die der Handlung eine weitere Ebene hinzufügt. „Off minor“ ist gleichbedeutend mit „nicht für Minderjährige zulässig“. Nach dem Recht des Vereinigten Königreichs (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Minor_%28law%29) betrifft die für Minderjährige verbotenen Handlungen usw. eine ganze Reihe, so etwa das Trinken von Alkohol, das Tragen von Messern (besonders relevant bei Raymond und seinen Gegnern), das Fahren ohne Führerschein und vieles mehr.

Der Autor weist also mit seinem Buchtitel direkt auf den Verlauf der Grenze zwischen Minderjährigem und Erwachsenem hin. Erwachsene können sich durchaus wie Jugendliche verhalten, und Jugendliche Dinge tun, die nur Erwachsenen erlaubt sind. Dies ist besonders für alle jungen Figuren von besonderer Relevanz, aber ganz besonders natürlich für die zwei verschwundenen bzw. getöteten Kinder.

Hinsichtlich der ermordeten Gloria tritt die zweite Bedeutung von „Off Minor“ zutage: „to off“ bedeutet im britischen Englisch, jemanden zu töten. Es ist ein salopper, umgangssprachlich gebrauchter Ausdruck – und nimmt daher eine sehr finstere Bedeutung an, wenn es um Kinder geht. Der zynische Anklang soll beim Leser Empörung hervorrufen. Das ist die traditionelle Absicht hinter einem Krimi.

Übrigens gibt es laut Wikipedia eine Band, die sich „Off Minor“ nennt, und auch hier dürfte die Doppeldeutigkeit des Ausdrucks volle Absicht sein.

Die Übersetzung

Der Text ist außergewöhnlich arm an Druckfehlern und von hoher stilistischer Qualität. Sandberg-Ciletti ist schon seit Jahrzehnten eine ausgewiesene Übersetzerin für viele Verlage. Ich bin nur auf zwei Fehler gestoßen.

S. 261: „Der reine Zeitvertreib.“ Gemeint ist aber „die reine Zeitverschwendung“. Wie könnte auch ein Zeitvertreib „rein“ sein?

S. 333: „Seine Freunde schar[r]rten sich um ihn.“ Ein R reicht hier völlig.

Unterm Strich

Ich habe für den durchschnittlich umfangreichen Krimi mehr als eine Woche gebraucht. Er ist nicht sonderlich sensationell, sondern grundsolide aufgebaut: Jede Szene trägt ein kleines Bausteinchen bei, sei dies nun in sozialer, privater, wirtschaftlicher oder psychologischer Hinsicht.

Auch Charlie Resnick selbst, der Ermittler, nach dem die Serie benannt worden ist, ist nur ein solches Bausteinchen, ein Rädchen im Getriebe der Ermittlung – wenn auch ein tonangebendes. Hier findet der Leser also keine genialen Übermenschen wie Lincoln Rhyme, sondern nur Teamarbeiter, die einen nicht besonders attraktiven Job machen (sollen).

Und sie machen ihn mit Erfolg. Allerdings stellt sich der Erfolg und somit die Identität des oder der Täter (zum Glück) ein wenig anders ein, als es der Leser, der nicht mitdenkt, erwartet. Immerhin: Der Autor bricht eine Lanze für Außenseiter, seien es Unterdrückte oder Homosexuelle (wie Emilys leibliche Mutter Diana), seien es Pakistani oder Arbeitslose.

Der von Maggie Thatcher herbeigeführte „Strukturwandel“ – ein Euphemismus voll zynischer Bedeutungen – hat seine Opfer gefordert, und hier führt sie der Autor nacheinander vor. Seine Absicht, anzuklagen und Empörung hervorzurufen, dürfte seinerzeit, also 1991, in Erfüllung gegangen sein. Heute, ab 2010, erscheint sie als Anachronismus, und seine damals relevante Kritik läuft ins Leere. Schade eigentlich.

Aber wo?

Eines der ärgerlichen Details an diesem Krimi ist die undefinierte Lokalität: An keiner einzigen Stelle verrät der Autor, in welcher Stadt das Polizeihauptquartier liegt. Wir erfahren nur die Namen von Vororten wie Lenton und Sneinton usw., machen auch mal einen Ausflug in die wildromantischen Pennine-Berge. Erst eine Webrecherche ergibt, dass es sich um Nottingham in Lincolnshire handeln muss, die Stadt des Robin Hood. Der deutsche Titel „Kinderfänger“ erinnert mehr an den Rattenfänger von Hameln, dem ja auch Kinder gefolgt sind, die dann mit ihm in einem Berg verschwanden. Der deutsche Titel ist also durchaus passend.


Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: Off Minor, 1991
Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti
ISBN-13: 978-3423212021
www.dtv.de

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