John Howe – Reise durch Mittelerde. Illustrationen von Beutelsend bis Mordor

Zwischen Angmar und Mordor: Entdeckungen auch für Fans

John Howe führt in diesem prächtigen Bildband zu allen bekannten und unbekannten Schauplätzen des »Hobbit« und des »Herr der Ringe«. Er zeigt ihre Wildheit, Anmut und Abgründigkeit und wahrt dabei stets ihre geheimnisvolle Einzigartigkeit. Eines der schönsten Bücher zu Tolkiens Mittelerde. Die Landschaften zwischen Bree und Gondor, zwischen Angmar und Mordor haben sich tief in das Gedächtnis von ganzen Leser-Generationen eingeschrieben. Diese phantastischen Auen und Flüsse, Schluchten, und Stollen, Wälder und Gebirgszüge sind in der Literatur wie im Film einzigartig.

Auf seiner Reise durch Mittelerde nimmt der berühmte Künstler John Howe nicht nur die bekannten Schauplätze wie das Gasthaus zum Tänzelnden Pony, das Pferdereich Rohan, Elronds Haus in Bruchtal, oder den gefährlichen Düsterwald und Helms Klamm in den Blick. Er widmet sich auch den entlegeneren Orten und wagt sogar einen Blick auf die Lande jenseits des Meeres. Die Texte zu den Farbillustrationen und Zeichnungen erhellen, wie John Howe sich Tolkiens Welt erschlossen hat. (Verlagsinfo)

Der Illustrator

John Howe (* 21. August 1957 in Vancouver, British Columbia) ist ein kanadischer Buchillustrator.
Er gilt zusammen mit Alan Lee und Ted Nasmith als einer der bedeutendsten Illustratoren der Werke J. R. R. Tolkiens.

Howe besuchte 1976 das College in Straßburg (Frankreich), wechselte aber schon im nächsten Jahr zur École supérieure des arts décoratifs. Heute lebt er mit seiner Frau Fataneh – ebenfalls einer Illustratorin (u. a. mehrere Cover für die Bücher von Federica DeCesco) – und seinem Sohn Dana in Neuchâtel in der Schweiz.

Neben zahlreichen Kinderbüchern illustrierte er auch den „Herrn der Ringe“ und „Das Silmarillion“. Er zeichnete zahlreiche Tolkien-Kalender (u. a. 1987 und 1988 teilweise, die vollständigen Kalender 1991, 1995, 1997, 2001) sowie auch einige Bilder zur Feier des 50. Jahrestages der Erstveröffentlichung des „Hobbit“. Er arbeitete auch als Conceptual Artist an der Produktion der Herr-der-Ringe und der Hobbit-Filmtrilogie mit.

John Howe ist zudem ein Experte für Waffen, Rüstungen und Alltagsleben im Mittelalter, im Weltbild Verlag erschien das viel beachtete Werk Söldnerleben im Mittelalter, an dem er mitgearbeitet hat.

Seine neuste Publikation ist Myth & Magic – The Art Of John Howe, erschienen bei Harper Collins. (Quelle: Wikipedia.de)

INHALTE

Die Überschriften der einzelnen Kapitel verraten bereits den Inhalt der darin gezeigten grafischen Motive, seien es nun Zeichnungen oder Gemälde. Der Leser wird mit Motiven aus allen vier Zeitaltern überrascht, von denen Tolkien berichtet. Fans mit Wissen über die Geschichten des „Hobbit“, des „Silmarillion“, des „Herrn der Ringe“ und der „Nachrichten aus Mittelerde“ sind klar im Vorteil.

1. Prolog: Die Entstehung von Mittelerde

Vor der Entstehung von Sonne und Mond gab es erst die vier hohen Säulen mit Laternen und später die beiden Bäume im Segensreich Aman alias Valinor. Auf diese beiden Bäume hetzte Melkor der Verderber die erste große Spinne Ungoliant an, damit die deren Saft aussaugte. Kankra, die im Cirith Ungol lebte, war die letzte der vielen Nachkommen dieser ersten Riesenspinne. Außerdem wird im Zweiten Zeitalter von Melkors Diener Sauron der Eine Ring geschmiedet sowie alle anderen Ringe der Macht, mit Ausnahme der drei Elbenringe.

2. Runde Türen und gefällige Hügel

Über das Auenland, Hobbits und insbesondere Beutelsend, Herrn Bilbo Beutlins heimelige Hobbithöhle.

3. Ein tiefer, wilder Wald: Die Wälder Mittelerdes vom Alten Wald bis zum Düsterwald

Auf der vom Alten Wald bis zum Düsterwald darf natürlich der Fangorn ebenso wenig fehlen wie der Wald von Lórien. Sehr schön ist die Erwähnung des Alten Weidenmanns im Alten Wald.

4. Einsame Behausungen, lange Wanderungen

Zu den einsamsten Waldbewohner zählt vermeintlich Tom Bombadil, der hier eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem gewissen neuseeländischen Filmregisseur (Peter Jackson) aufweist (S. 42). Tom hat eine Gefährtin namens Goldbeere. Er selbst existierte bereits, bevor Melkor in die Zwischenwelt Mittelerde kam, um Unheil zu stiften. Deshalb hat der Eine Ring keine Macht über ihn.

Der Zauberer Radagast lebt in Rhosgobel, dem Haus, das in einem Baum steckt – oder umgekehrt. Danach folgt eine schöne Beschreibung von Beorn und seinem Haus, in dessen Dekoration Howe mehrere Elemente der nordischen Mythologie geschmuggelt hat.

Schließlich verliert Howe ein paar Worte über die von den Valar entsandten Istari: Radagast, Saruman (Curunír), Gandalf (Mithrandir) und die beiden BLAUEN Zauberer Alatar und Pallando. Deren Namen sind selten zu lesen. Anmerkungen über die Drúedain in West-Gondor, über Wichte (in gewissen Gräbern) und Getüme beschließen dieses Kapitel.

5. Schneebedeckte Höhen und stolze Horste

Tolkien hat eine Reihe von sehr hohen Bergen erfunden, so etwa den höchsten Berg in Valinor, Taníquetil, und in Númenor, Meneltarma.

Praktisch jeder dieser Berge wird von den Adlern Manwes bewohnt. Der erste und größte war Thorondor, von dem beispielsweise Gwaihir abstammt und der es selbst mit Melkors Drachen aufnahm. Gwaihir, Landroval und Melendor kommen zwei vorwitzigen, aber erschöpften Hobbits am Schicksalsberg Orodruin zu Hilfe.

Der Einsame Berg Erebor und das Nebelgebirge sind alles andere als unbewohnt. Allerdings möchte man ihren Bewohnern nicht immer die Hand schütteln. Smaug liegt auf seinem Hort im Erebor, und nur Gandalf kann es mit dem Balrog aus den Tiefen des Nebelgebirges aufnehmen. Er trägt Narya, den elbischen Ring des Feuers.

Der Schicksalsberg Orodruin beschließt dieses Kapitel.

6. Orkhöhlen

Ein Kapitel über Orkstadt aus dem „Hobbit“, die Orks von Moria und seltsamerweise auch über Gollum, der ja ein Hobbit ist.

7. Menschenstädte

Diese Illustrationen zeigen Minas Tirith und das Land Gondor, Esgaroth (Seestadt) am Langen See und schließlich das blühende sowie das von Smaug zerstörte Thal im Königreich Rhovanion. Anschließen sehen wir die Stadt Bree unweit des Auenlandes. Aber es gibt auch drei Länder im Süden, nämlich Khand, Harad und Umbar – von dort kommen die Piraten zur Schlacht auf den Pelennor-Feldern.

8. Grasmeere

In diesem Kapitel geht es nur um das Königreich Rohan, seine Hauptstadt und dessen große Halle Meduseld, seine Reiter im Krieg, schließlich stehen auch die Hornburg und Helms Klamm im Mittelpunkt.

9. Verlorene Schlacht, gewonnener Ruhm

Das Kapitel eröffnet mit der Zerstörung des Schwertes Narsil, das Jahrhunderte später im Ringkrieg von Elronds Elben Andúril neu geschmiedet wurde, um die Klinge des neuen Königs Aragorn zu werden (der danach einen anderen Namen annahm).

Gleich darauf geht der Blick Jahrtausende zurück zur Schlacht der ungezählten Tränen, in der die Heere Morgoths die Armeen der Noldor-Elben, der Zwerge und der Menschen zerschmetterten. Es war jedoch eine Glanzstunde der Zwergenfürsten, denn sie konnten unter großen Opfern den Drachen Glaurung verstreiben. Die Schlachten der Fünf Heere im „Hobbit“ und auf den Pelennor-Feldern vor den Toren Minas Tiriths. Doch danach begann der Niedergang und das Verschwinden der drei Elbenkönigreiche in Mittelerde.

10. Tiefe Hallen

Dieses Kapitel stellt die Königreiche der Zwerge vor. Als erstes und größtes wird Khazad-dûm genannt, auch als Moria bekannt, danach Erebor in Rhovanion. Die Moria-Zeichnung zeigt eine feine Darstellung der Auseinandersetzung zwischen Gandalf und dem Balrog. Die Zwerge in Dáins Königreich in den Eisenbergen schufen wunderbare Maschinen und Geräte. Die letzte Szene gehört indes Bilbo, der die Treppen im Erebor hinabsteigt.

Den Abschluss bilden Bilder und Informationen zu den untergegangenen Königreich Belegost und Nogrod, die beim Untergang Beleriands verschwanden. Diese Zwerge tauchen immerhin schon in den frühesten Geschichten auf, die Tolkien ab 1916 für sein „Silmarillion“ usw. verfasste. Dort heißen sie Naugrim, und ihr größtes Werk ist das Nauglafring, das mit seinem Silmaril dem Elbenreich von Doriath das Verhängnis bringt.

11. Hier sind Drachen

Über die ersten und größten Drachen wie Glaurung und Ancalagon sowie über Scatha, den letzten, ist wenig bekannt, umso mehr aber über den berühmtesten aller Drachen: Smaug, den goldenen. Howe weiß viel Kluges darüber zu sagen, was ein Drache symbolisiert: Er ist das Schicksal. Nicht nur in seinem Zerstörungswerk, sondern auch hinsichtlich der verderblichen Informationen bzw. Wahrheiten, die ein Drache verbreitet. Wegen einer dieser Wahrheiten, die ihm Glaurung verklickerte, stürzte sich der Held Túrin Túrambar in sein Schwert. Denn Blutschande und Heldentum vertragen sich schlecht.

Howes Gemälde von Turambar als Drachentöter stammt aus dem Jahr 1992. Damals hieß es noch „Turambar and Glorund“ (Tolkiens erster Name für Glaurung). Schön, dass es hier so hoch wie eine Seite gezeigt wird (S. 139). Auf der nächsten Doppelseite wird Ancalagon vorgestellt, anschließend sind Smaug und Scatha (148/49) an der Reihe.

Wenig ist bekannt über den Kampf der Zwerge gegen die Drachen des Eisengebirges. Der 20 Jahre während krieg führte dazu, dass das Zwergenkönigreich des Grauen Gebirges aufgegeben wurde, nachdem König Dain I. und sein Sohn Fror gefallen waren. Das war 200 Jahre vor dem Erscheinen Smaug über dem Erebor. Schön, dass diese Geschichte hier auf S. 150/51 aufgegriffen wird.

12. Letzte Häfen

Wie schon erwähnt geben die Elben ihre drei letzten Königreiche auf: Bruchtal, Lothlórien und Thranduils Reich im Düsterwald. Dieses Kapitel zeigt ihre Schönheit und Errungenschaften.

13. Die dunklen Lande: von Angmar bis Mordor

Nur kenntnisreiche Fans wissen viel über Angmar, seine Lage jenseits von Gundabad und v.a. seinen Hexenkönig zu sagen. Obwohl die Bilder toll sind (man kennt schon ein paar aus „HOBBIT 3“) wird leider nichts über den Angriff Angmars auf die Elbenfestung Fornost nördlich vom Auenland gesagt. Diese Aufgabe hat ein entsprechendes Computerspiel erfüllt.

Nach einer Doppelseite über Dol Guldur (aus dem „Hobbit“-Film) schließt sich eine Doppelseite über das Meer von Rhûn an. Dieses ausgetrocknete Salzmeer liegt östlich der Totensümpfe und nordöstlich von Mordor. Seine Entwicklung zwischen dem Ersten und dem Ende des Dritten Zeitalters ist ein Beispiel für eine ökologische Katastrophe. Danach folgt ein Abschnitt über die Pfade der Toten, die unter dem düsteren Dwimmorberg verlaufen.

Über die abschreckenden Festungen und Tore Mordors führt der Weg zum Schwarzen Turm, der eng mit dem Schicksalsberg verbunden ist. Auf S. 179 ist ein ausgezeichnetes Panorama zu sehen, in denen die Nazgûl mit ihren Drachen fliegen: „das Herz der Finsternis“.

14. Einsame Kaps und wilde Ufer: die Küsten Mittelerdes

Von Anfang spielen Ozeane und ihre Küsten eine wichtige Rolle in den Geschichten über Mittelerde. Der Autor schildert, wie der Schöpfer Eru Iluvatar die Welt und ihre Ozeane krümmte sowie Valinor außerhalb ansiedelte. Das hat zur Folge, dass nur Privilegierte das Segensreich erreichen können (etwa Earendil), nicht aber Rebellen wie der letzte König von Númenor (S. 183).

Die Weißen Türme von Beleriand wurden von Gil-galad für Elendil erbaut, so dass er mithilfe eines Palantirs bis zum Lande Valinor sehen konnte. Sie gehören im Vierten Zeitalter zur Westmark des Auenlandes und befinden sich unweit des Mithlond-Meeresarmes. Dort liegen die Grauen Anfurten. Von dort brachen die beiden Hobbit-Ringträger und zwei der drei Elbenkönige in ihren Schiffen in See, um ins Segensreich zu segeln.

Einführung

So mancher Leser fragt, woher Tolkien die Einfälle für seine Beschreibungen erfundener Orte wie Bruchtal oder Seestadt nahm. Nun, der werte Herr Professor war in seinen jungen Jahren anno 1911 – er war 19 oder 20 Jahre alt – auf einer Tour durch die Schweiz. Von Lauterbrunnen aus kann man, so Howe, genau die Felswände und Wasserfälle (die schon Goethe bewunderte) erspähen, die Bruchtal so einzigartig mchen. Die jungsteinzeitlichen oder bronzezeitlichen Pfahlbautenbewohner der Schweiz müssen damals ebenfalls ziemlich en vogue gewesen sei. Zweifellos inspirierten sie Ideen von Seestadt. Erebor ist ein verkapptes Matterhorn und die Jungfrau könnte als Vorbild für Celebdil alias Zirakzigil gedient haben, wo Gandalf den Balrog erschlug.

Diese und viele weitere Details sind in die Karten und realistischen Vorstellungen Tolkiens von seiner Sekundärschöpfung eingegangen. Magie spielt kaum eine Rolle. Wer würde schon Berge aufeinandertürmen? Aber alle Landschaften, Flüsse, Länder sind symbolisch – sie dienen sie einem höheren Zweck: der Phantasie. Die Filme entführen analog dazu den Zuschauer daher nicht in das real existierende Neuseeland, sondern an Stellen in dieser Region, die so auch in Mittelerde existieren KÖNNTEN. Diese Orte enthalten vier Schichten, und Howe hat als Designkünstler eine davon beigetragen. Erschlossen wird sie von einem Wanderer: Bilbo und später Frodo.

Der Autor hätte gerne die orte besucht, wie die Eisenberge und das Meer von Rhûn, die sich noch im ersten Drehbuchentwurf befunden haben sollen. Viele davon wurden gestrichen, doch Howe hat sich den Traum von diversen Radtouren erfüllt, etwa an der Küste – und hier seine Eindrücke und Vorstellungen mitgebracht.

Postscriptum: In guter Gesellschaft

Der Autor erzählt von seiner Mitwirkung an den ersten drei RING-Filmen, den drei HOBBIT-Filmen und deutet an, er könnte möglicherweise unter Umständen auch an der laufenden RING-Verfilmung teilnehmen. (Eine genauere Bestätigung lassen die Verträge, die Amazon an seine Partner und Mitarbeiter verschickt, nicht zu, wie ich herausgefunden habe, sehr zu meinem Leidwesen.) Wie auch immer: Es ist sehr interessant zu lesen, wie sich Howe bei den Dreharbeiten gefühlt: immer unter Druck, immer im Stress. Und wenn dann auch noch der Kollege Alan Lee einen einzigen Tag krank war, durfte Howe für zwei schuften. Aber immerhin war ein (oder zwei?) OSCAR der Lohn.

Ebenso wertvoller Lohn waren die (kostenlosen) Reisen durch ganz Mittelerde, pardon: Neuseeland. Selbst wenn einen der Hubschrauber nur bis zum nächsten Landeplatz bringen konnte und der Jeep oder ähnliches einen den Rest des Weges bis zum eigentlichen Drehort bringen musste. (Siehe dazu auch die verschiedenen Features „Cameras in Middle-Earth“ auf den Extended-DVDs und Blu-rays. Auf diese Weise kam sich Howe nach den beiden mehrmonatigen Aufenthalten selbst wie ein Hobbit vor: „hin und wieder zurück“, um es mit Bilbo zu sagen.

Die Übersetzung

S. 23: „mit…gekacheltem…Fußboden“. Die Kacheln, von denen hier die Rede, bezeichnet man hierzulande üblicherweise als Fliesen. Kacheln befinden sich an Wänden. (Später taucht der gleiche Fehler erneut auf.)

S. 38: „die Laube, die Baumbart als sein Zuhause bezeichnet“: Eine Laube ist üblicherweise etwas von Menschen Gemachtes, daher fände ich den Ausdruck „Hain“ hier angebrachter. Hain wachsen von allein, an den Rändern von Wegen und Wäldern, aber auch auf Lichtungen.

S. 61: „AncalOgon“ statt „AncalAgon“. Ihm ist auf S. 141 eine ganze Seite gewidmet. Dort ist die Schreibweise korrekt.

S. 62: „sah Adler aus Manwe um den Gipfel kreisen“. Jeder Leser des „Silmarillion“ weiß, dass Manwe kein Ort, sondern ein Gott ist – der oberste der Valar. Richtiger müsste es also „Manwes Adler“ heißen. Die Übersetzerin Held macht keine Heldenfigur: Vielfach verrät sie, dass sie das „Silmarillion“ nie gelesen hat.

S. 97: Ein völlig verdrehter Satz verwirrt den kundigen Leser: „In der Nähe von Harad lag im Süden Gondor.“ Nein, es ist genau umgekehrt: „In der Nähe von Gondor lag im Süden Harad.“

S. 103: „Die Rohirrim tragen Kettenhemden… sowie mit Pferden gekrönte Helme.“ Nun, das müssen ziemlich kleine Pferde sein, und gemeint sind wohl nur die FIGUREN von Pferdeköpfen, die sich an der Front der Helme befinden.

S. 168: „der grüne Wald, verkrümmte und verdorrte, wurde zum Düsterwald.“ Jeder Leser sollte sich seinen eigenen Reim auf diesen seltsamen Satz machen. Mein Vorschlag lautet: „…der grüne Wald, verkümmert/verkrümmt und verdorrt, wurde zum Düsterwald.“

S. 190: „Skulpteure“ werden hierzulande meist als „Bildhauer“ bezeichnet.

Unterm Strich

Hier können vier Zeitalter von Mittelerde besichtigt werden, von den Anfängen bis zur Zeit nach dem großen Ringkrieg, von dem im „Herr der Ringe“ erzählt wird. Dieser Krieg beendete das Dritte Zeitalter und die Thronbesteigung König Elessars (Aragorns) bezeichnet den Beginn des vierten. Diese Kenntnisse werden vorausgesetzt. Der Bildband weist weder eine Zeittafel noch eine einzige Landkarte auf.

Der Autor und Illustrator hat sein Buch nach Landschaften, Völkerschaften, Wesen und sogar Epochen geordnet. So kommt es, dass Hobbits mit Drachen vereint sind, Orks mit Zwergen, Elben aller vier Zeitalter nebeneinander. Am besten gefiel, dass die weniger bekannten Wesen und Schauplätze berücksichtigt worden sind, so etwa sämtliche bekannten Drachen, so etwa, mit denen die Zwerge der Grauen Berge und Eisenberge 20 Jahre lang Krieg führten.

Natürlich begrenzt der Umfang die Fülle der darstellbaren Epochen und Schauplätze. So ist beispielsweise zwar mehrfach vom Hexenkönig von Angmar, dem Anführer der Nazgûl, die Rede, ebenso vom Gundabad-Berg und Carn Dûm, aber nirgendwo von den Kriegen, die der Hexenkönig gegen die Elben führte, etwa in Fornost. Die Wetterspitze alias Amon Sul war ja nicht immer eine Ruine, sondern wurde irgendwann erbaut und schließlich vom Feind aus Angmar zerstört. (Karen Wynn Fonstad hat in ihrem „Atlas von Mittelerde“ dazu eine sehr aufschlussreiche Landkarte gezeichnet.)

Da die Gemälde die stimmungsvollsten aller Abbildungen bieten, hätte ich mir davon noch etwas mehr gewünscht. Es ist deutlich, dass Howe von den Drachen fasziniert ist, und ganz besonders von Glaurung/Glorund sowie Ancalogon. Das gleiche Interesse am Dramatischen bringt er auch den Bezwingern dieser Lindwürmer entgegen, von Túrin Turambar (1992) bis zu den Zwergenfürsten von Nogrod und Belegost, Zwergenstädte, die mit Beleriand am Ende des Zweiten Zeitalters untergingen. Wer sich über die zahlreichen Darstellungen von Äxten und anderem Kriegsgerät wundert – Howe ist anerkannter Experte für Rüstungen und andere Militärausrüstung. Auf den ersten Blick könnte er einen Bihänder von einem Bastardschwert unterscheiden – und auch selbst handhaben.

Hinweis

Der Tolkien-Fan kann also noch so einige Aspekte von Mittelerde und seiner langen Geschichte entdecken, die es in anderen illustrierten Tolkien-Werken nicht zu sehen gibt. Die meisten sind von Alan Lee illustriert worden. Die neueste Ausgabe der „Nachrichten von Mittelerde“ hingegen vereint die beiden OSCAR-Preisträger und belegt, dass Howes Stil eine wertvolle Ergänzung darstellt. Der dritte im Bunde ist Ted Nasmith, dessen Stil zwar unverkennbar ist, der sich aber mit der Darstellung von Gesichtern schon immer schwergetan hat.

Vor- und Nachwort

Howe belässt es nicht bei Bildunterschriften, sondern erfreute mich mit erhellenden Erläuterungen und Theorien zu den dargestellten Wesen und Schauplätze. Wer würde erwarten, dass ein Drache Stimme und Hand des Schicksals verkörpert? Kluge Worte finden sich auch über Adler, Tom Bombadil, Melkor sowie das Meer von Rhûn, welches nur sehr selten abgebildet zu finden ist.

Die Einleitung und das Postskript verraten einen feinen Sinn für Ironie. Howe sieht sich selbst als eine Art Hobbit, dem es vergönnt war, Mittelerde in Neuseeland zu finden und zu erkunden. Er musste aber auch im Schweiße seines Angesichts schuften, um die Dreharbeiten zu unterstützen. Regisseure und CGI-Künstler, so seine Erkenntnis, dürfe man nicht warten lassen. Die versteckte Botschaft lautet: Ich mag zwar ein OSCAR-Preisträger sein und viel Geld und Ruhm für meine Arbeit bekommen haben, aber, Leute, ich musste dafür auch zu jeder Tages- und Nachtzeit schuften wie ein Ackergaul. Diese Botschaft ist durchaus angekommen.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist qualitativ wie inhaltlich noch ausbaufähig, wie die Liste der Fehler und Zweifelsfälle oben belegt. Dass der Leser feststelle muss, dass die Übersetzerin das „Silmarillion“ nicht gelesen hat, ist etwas ernüchternd. Aber wer liest heute noch elbische Telefonbücher?

Hardcover: 192 Seiten
Originaltitel: A Middle-Earth Traveller, 2018
Aus dem Englischen von Susanne Held.
ISBN-13: 9783608985641

www.klett-cotta.de

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