John Norman – The Usurper (Telnarian Histories 4)

Sinnlich, actionreich, aber langwierig: Nur für Gor-Fans

Im vierten Band der Telnarian Histories Trilogie wird die Handlung aus Band 3 noch einmal detailliert aufgenommen, als die Lady Publennia, getarnt als Sklavin, im Auftrag des kaiserlichen Zeremonienmeisters ein Attentat auf Otto, den König der Otungen, verüben soll. Ottos Freunde Julian und Tuvo versuchen dies zu verhindern, indem sie Filene alias Lady Publennia enttarnen…

Der Autor

In seinem bis dato 34 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der amerikanische College-Professor John Norman (er heißt eigentlich John Lange, ist verheiratet und hat drei Kinder) die Abenteuer von Menschen auf der Welt Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Gor ist somit eine Art Zwillingswelt, allerdings weitaus wilder, altertümlicher, wenig erforscht und von zwei Alienspezies umkämpft, den auf Gor im Verborgenen herrschenden Priesterkönigen und den sie bedrängenden Kurii. Raumschiffe der Priesterkönige verkehren zwischen Erde und Gor: Sie bringen geheime Technik, Gold und entführte junge Damen auf die Gegenerde.

Die Telnarischen Historien hingegen haben nichts mit Gor zu tun, außer dass es hier ebenfalls Barbaren und schöne Sklavinnen gibt. Außerdem gibt es hier ein Galaxien umspannendes Imperium, das wie jenes von Ar um seinen Fortbestand ringt. Science Fiction trifft Fantasy.

Die erweiterte Trilogie:

The Chieftain (1991)
The Captain (1992)
The King (1993)
The Usurper (2015)

Handlung

Die Lady Publennia Casalalia hat einen Mordauftrag erhalten. Sie soll Otto, den König der Otungen, töten, während sie ihm als vermeintliche Sklavin in seinem Zelt jeden Wunsch erfüllt. Die ehemals reiche, aber durch ihre Spiel- und Verschwendungssucht in Ungnade und Armut gefallene Lady wartet nun auf denjenigen Mann, der ihr den vergifteten Dolch bringen wird. Wer wird es sein, den ihr der kaiserliche Zeremonienmeister Iaachus schicken wird?

Das im Niedergang begriffene Imperium, das aus Tausenden von Welten besteht, wird nicht nur an den Grenzen von Drisriaks bedroht, sondern auch aus dem Inneren heraus durch Rebellen, Abtrünnige, Deserteure und Marodeure. Otto, der Otung, soll mit seinem Stamm quasi als Comitates, als Hilfstruppe, die militärische Macht des Sternenreiches verstärken. Corelius, der Abgesandte des Reiches, scheint Ottos Einstellung gegenüber Sklavinnen im besonderen und Freien Frauen im allgemeinen zu verachten.

Der Anschlag

Sicherlich ist er derjenige, hofft Publennia. Ihr Deckname als Sklavin lautet nun Filene, doch ihre Mitsklavinnen nennen die Blondine lediglich „Maishaar“. Auf Befehl des Kapitäns des Raumschiffes, das hierher zur Provinzhauptstadt auf Tangara geflogen ist, soll Filene heute Nacht Otto zu Diensten sein. Sicherlich wird ihr Corelius das Kästchen, in dem sich der Dolch befindet, irgendwo bereitstellen. Dann würde sie diesem Barbaren den Stahl ins Herz stoßen. Selbst ein kleiner Kratzer würde schon genügen, ihn qualvoll verenden zu lassen – vor ihren triumphierenden Augen.

Unterdessen mühen sich Ottos Verbündete Julian Aurelius und Tuvo Ausonius durch den winterlichen Schnee auf Tangara, um ihn vor der Attentäterin zu warnen und so den Anschlag zu vereiteln. Im Schlepptau haben sie Nika, die letzte verbliebene Sklavin der in Ungnade gefallenen Lady Publennia. Sie kann die Attentäterin, wie auch immer sie aussehen mag, sofort identifizieren, hoffen sie. Doch der Weg zum Waldlager Ottos ist weit und gefährlich, belagert von halbmenschlichen Heruls, vor denen sie sich verstecken müssen.

Als sie schließlich Ottos Lager erreichen, kommen sie offenbar zu spät: Publennia scheint ihren Anschlag bereits verübt zu haben, denn Corelius und seine Komplizen haben es auf einmal eilig, das Weite zu suchen…

Mein Eindruck

Mal abgesehen von der bei John Norman üblichen Entwicklung einer freien Frau zu einer Sklavin startet das Buch wie eine echte Agenten-Story. Nur dass nicht James Bond zuschlagen soll, sondern eine heruntergekommene Adlige, die die ungewohnte Rolle einer Sklavin und Attentäterin halbwegs glaubwürdig spielen soll. Das gelingt ihr nur begrenzt. Doch statt sie zu töten, verkauft Otto sie an die Heruls und diese wieder an menschliche Sklavenhändler weiter. So gelangt Maishaar schließlich bis zur Hauptstadt des Reiches, Telnar. Dort sieht sie Julien und Otto wieder…

Invasion

Allerdings ist aus der Agentenstory inzwischen ein Invasionsroman geworden. Das Imperium von Telnar sieht sich einer Invasionsflotte der Alemanni unter König Abrogastes gegenüber – doch die Abwehrgeschütze schweigen. Die Kommandeure der Batterien sind bestochen worden, und der Leser kennt bereits Corelius und seine Helfershelfer.

Abrogastes zwingt dem Protokollchef Iaachus, Publennias Auftraggeber, seinen Willen auf: Er schnappt sich die beiden Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses, um sie mit seinen Söhnen zu verheiraten. Ihre Kinder werden eines Tages rechtmäßige Anwärter auf den imperialen Thron sein. Der aktuelle Kaiser, nur ein Junge, mischt sich in solche Staatshändel überhaupt nicht. Das könnte in Ottos Augen ein Fehler sein, aber er sagt keinem, warum er dies denkt. Der Lese muss wohl auf die Fortsetzung warten.

Publennia

Wie auch immer diese Invasionsgeschichte ausgehen mag, den Fan der Gor-Romane, der bisher auch die drei Romane der Telnarian Histories kennen sollte, interessiert sich sowieso vor allem für das Schicksal der Lady Publennia Calasalia alias Filene alias Maishaar. Der Verlauf dieses Schicksals ist die reinste Achterbahnfahrt. Als Sklavin hat Maishaar nichts zu melden, aber viel zu fürchten. Als größte Gefahr für die wehrlose Sklavin erweisen sich freie Frauen. Sie wollen sich an Sklavinnen wie ihr dafür rächen, dass sie ihnen die Männer abspenstig machen – eine Sklavin ist eben tausendmal attraktiver als eine freie Frau, die man ihres Geldes und ihrer Beziehungen wegen heiratet.

Doch Maishaar hat auch unsichtbare Feinde, die ihr den Tod wünschen: Sie ist eine unerwünschte Zeugin. Kaum gekauft, sollen zwei Söldner sie in den großen Abfallgruben von Telnar versenken. Das gelingt zum Glück nicht, denn eine kleine Invasion kommt dazwischen, nämlich die von Abrogastes. So lebt Maishaar weiter, um einer weiteren freien Frau in die Hände zu fallen, und die hat finstere Absichten: Vergeltung und Verkauf.

Historische Analyse

An Lady Publennia zeigt der historisch beschlagene Autor auf, woran das römische Imperium zugrunde gegangen ist. Dass das antike Rom mit dem Imperium von Telnar identifizierbar ist, haben schon etliche Leser beobachtet. Dass die Gegner des Imperiums Alemanni und Vandali genannt werden, hat sicherlich ebenfalls sehr irdische Gründe. Sie stellen die „Barbaren“ dar, die schließlich das römische Reich überrannt haben, so etwa um 410 die Goten von König Alarich.

Die Frage stellt sich also, warum das Imperium – sei es Rom, sei es Telnar – dem Ansturm der Barbaren nichts Schlagkräftiges entgegenzusetzen hat. Der erste Grund ist die ungeheure Ausdehnung des Reiches über tausende von Welten, so dass es den Flotten nicht gelingt, rechtzeitig zum Schutz des Regierungszentrums herbeizueilen, als die Barbaren angreifen.

Der zweite Grund ist die Schwäche des Herrschers: Nach Angaben des allmächtigen Protokollchefs Iaachus ist der Kaiser jung und schwachsinnig, und so regiert Iaachus nebst der Kaisermutter als Regent. Doch die Regentin hört zunehmend auf die Einflüsterungen einer Religion, die sich als Nachfolgerin der Floon-Sekte ausgiebig, aber aufgrund der Zahl ihrer Anhänger zu einem potentiellen Machtfaktor geworden ist. Der Bischof dieser Sekte spielt die Mächtigen des Reiches gegeneinander aus – und will so aus dem Untergang als Sieger hervorgehen.

Ein weiterer Grund sind die Fehden zwischen Adelsgeschlechtern selbst. Lady Publennia gehört zu den Calasalii, die von den verfeindeten Farnacii besiegt worden ist. Da sie den Pogromen der Farnacii entgangen ist, hat sie nur ihrem Auftrag auf Tangara zu verdanken. Kaum ist sie wieder auf der Hauptwelt, üben die Farnacii Vergeltung, erst Lady Delia, später Rurik, der eine Privatarmee befehligt. Der einzige Umstand, der sie vor dem Tod bewahrt: Sie ist eine Sklavin und ist somit ein soziales Nichts. Einem Haustier würde man ja auch keinen Hass entgegenbringen, es sei denn, man wäre ein Psychopath.

Die Prinzessinnen

Die von Abrogastes entführten Prinzessinnen weigern sich, dem Vermählungsbefehl des Königs zu folgen. Sie würden am liebsten fliehen. Dieser Wunsch wird ihnen zu ihrem Erstaunen gewährt. Doch die Freude über die Freiheit währt nur kurz. Der nächtliche Forst ist nicht nur kalt, nass und einsam, sondern auch noch gefährlich. Die Prinzessinnen ziehen es am Ende vor, ihr Leben dadurch zu retten, indem sie sich versklaven lassen.

Sie machen es also wie die einstige Lady Publennia. Als Vertreterinnen des Imperiums, nicht nur als Frauen, zeigen sie das Schicksal der Reichsbewohner beispielhaft auf. Schon bald werden die Barbaren unter Abrogastes den Thron rauben. Oder? Abrogastes hat etwas übersehen.

Thronräuber

Der Titel des Buches lautet „The Usurper“, also der Thronräuber. Bis zur letzten Zeile muss der Leser rätseln, wem dieses Schicksal vom Autor zugedacht worden ist. Wie oben gesagt, ist der Thron praktisch vakant, umlagert von Regenten, Königen, Sippenführern, einem Religionsführer und einem Schwachsinnigen. All diese Kräfte kämpfen gegeneinander und heben einander in der Wirkung auf. Es muss also ein Zünglein an der Waage geben.

Gemäß der Logik des Imperiums muss dieser ausschlaggebende Faktor Einigkeit anstelle von Zwist bringen. An dieser Stelle kommt das geheimnisvolle Medaillon ins Spiel, das einst von Bruder Benjamin in der mittlerweile zerstörten Festung Sim Giadini gehütet wurde. Es wurde bereits im ersten band erwähnt, doch seine Geschichte wird erneut aufgerollt und beschrieben. Der Leser hat also nichts verpasst. Die Bedeutung des Medaillons: Wer diesen heiligen Gegenstand besitzt, vereint alle Barbarenstämme unter seinem Befehl. Als es Otto gelingt, das Medaillon aus seinem Versteck zu holen, ist der Fall eigentlich klar, nicht wahr?

Fehler im Text

Kaum ein Text ist vollkommen, und dieses Buch bildet keine Ausnahme.

S. 270: „Naturally I know I will be punished if I am [not] displeasing.“ Das Wörtchen „not“ verneint die negative Bedeutung von „displeasing“, macht sie Aussage also positiv. Das ergibt keinen Sinn, wenn dieses positive Verhalten bestraft werden soll. Also ist „not“ überflüssig.

S. 563: „an occasional flash of light[n]ing“. Das N fehlt.

Unterm Strich

Der Leser braucht einen langen Atem und viel Sitzfleisch, um diesen Roman zu bewältigen. Von vornherein ist klar, dass man über die drei Vorgängerbände einigermaßen im Bilde sein sollte. Die immer wieder auftauchenden Rückblicke auf Ottos Werdegang fand ich nicht wirklich hilfreich, denn mit der Vielzahl der Namen kann man wohl als Einsteiger nichts anfangen.

Dass man der goreanischen Philosophie anhängen sollte, derzufolge eine Frau nur als Sklavin ihre Erfüllung und natürliche Bestimmung finden kann, dürfte auch von Anfang an klar sein. Beispielhaft dafür steht das Schicksal Lady Publennias alias Filene alias Maishaar. (Wer nicht weiß, wie Maishaar aussieht, sollte sich mal einen echten, reifen Maiskolben ganz genau anschauen.) Das Los der Sklavin ist indes keineswegs zu beneiden, denn die freien Frauen lassen nicht selten (und in vielen Szenen) ihren Frust über die größere Attraktivität der Sklavin an dieser aus. Einmal soll Maishaar sogar einem wilden Tier zum Fraß vorgeworfen werden, nur weil sie das „Verbrechen“ begangen hat, eine Sklavin zu sein. Unter Nazis wäre sie eine Jüdin gewesen, unter Amerikanern eine Indianerin usw.

Neben dieser sehr speziellen Spielart der Erotik bietet der Roman, aber auch etliche spannende Actionszenen. Diese werden vielfach genüsslich in die Länge gezogen. Das ist schon beim Anfang so, der 120 Seiten dauert und mit einem Betrug endet: Iaachus wird von seinen Schergen über das Schicksal der Lady Publennia und den Ausgang ihres Attentatsauftrags belogen. Deshalb ist er ziemlich erstaunt und misstrauisch, als der angeblich getötete Otto sowie dessen adliger Freund Julian vor seiner Palasttür auftauchen.

Die Gefechte werden teils mit Schwertern, teils mit schweren Gewehren ausgetragen. Letztere kommen in einem Fantasyroman üblicherweise nicht vor, erstere nicht in einem SF-Roman. Doch die telnarischen Chroniken sind typische Crossover-Romane, sowohl Fantasy als auch SF. Das macht ihren besonderen Reiz aus. Diese Romane kann man mittlerweile auch auf Deutsch lesen, das sie vom Basilisk-Verlag übersetzt wurden.

E-Book
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 638 Seiten
Sprache: Englisch
Open Road Media Sci-Fi & Fantasy (3. März 2015)

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