Juan Muntaner – Scharlachrote Nächte. Erotische Erzählungen

Schneeweiße Federn, scharlachrote Hintern

Anne und Cathérine, Sylvia und Véronique, Hilda und Lucile sind die leidenschaftlichen geschöpfe dieser phantastischen Erzählungen. Angetrieben von der rätselhaften Macht des Blutes sind sie auf der Suche nach dem einzigen, alles verzehrenden Genuss, der ihren überreizten Sinnen Erfüllung schenken soll und Frieden.“ (Verlagsinfo)


Der Autor

Der Verlag informiert nicht über den Autor Juan Muntaner, und auch das Internet gibt nichts her. Der Familienname Muntaner scheint katalanischen oder mallorquinischen Ursprungs zu sein. Sowohl Mallorca als auch die Pyrenäen spielen eine Rolle im vorliegenden Buch.

Die Erzählungen

1) Anne und die Spiegel

Anne ist in einem Schloss aufgewachsen, und nach dem Tod ihrer Eltern erscheint ihr hier der Erzengel, der sie heiratet. Ursprünglich war sie der Wahrheitssuche verpflichtet, die ihr Vater, ein Wissenschaftler, ihr eingeflößt hatte. Doch ihre Mutter war eine Spiritistin, die von großen Verstorbenen wie Julius Caesar oder Napoleon Botschaften empfing. Ihr Vater hatte seine Tochter vor seinem Ende gewarnt, dass dunkle Versucher auftauchen würden, um sie, Anne, die Lichtsucherin, mit Dunkelheit zu verderben. Sie fragt sich, ob ihr Erzengel, nachdem er sich nach acht Jahren Ehe verlassen hat, so ein dunkler Versucher gewesen sei.

Zu was er sie alles gebracht hatte, wundert sie sich, allein im Spiegelsaal des Schlosses sinnend. Er hatte ihr eine andere Art von Wahrheit gezeigt, die Wahrheit des Fleisches und seiner Lust. Er hat sie gepeitscht und sie sich streicheln und kratzen lassen, damit sie sich spürte. Er hatte sie einen Pelz anziehen lassen, mit nichts darunter, und so mit ihr ins Restaurant gegangen. Er hatte ihr befohlen, sich in ihrem Seidenkleid auf die nasse Wiese zu werfen, die sich vor dem Schloss erstreckt, und sich wie eine Schlange vorwärtszubewegen. Sie hatte gehorcht und war durch nasse Gras und über harte Kiesel gekrochen, bis sich ihr Kleid hochschob und ihren strahlendweißen Hintern entblößte. Doch seine Liebesbeteuerungen und Peitschenhiebe waren das Süßeste, das sie von ihm bekommen hatte.

Sie erinnert sich an die alten Bücher ihres Vaters, die sie auf den Befehl des Erzengels auf den Dachboden verbannt hatte. In ihrer Einsamkeit, verlassen vom Erzengel ihres Herzens, stöbert sie wieder danach und siehe da: Sie findet ein unbekanntes Notizbuch. Darin offenbart sich, wie ihr Vater selbst sündige Gedanken und Empfindungen für seine Tochter hegte, wie er ihre erblühende Schönheit begehrte und sie durch ein Guckloch beim An- und Auskleiden beobachtete. Er berichtet, wie er ihre Mutter, seine Isis, im Ehebett Gewalt angetan hatte. Er war zweifellos kein Engel.

Ein Brief wird ihr überbracht: Der Beherrscher ihres Herzens gibt sie frei, vermacht ihr das gesamte Schloss zum Besitz und lässt die Möglichkeit offen, wiederzukehren, falls er nicht gefunden hätte, was er sucht. Sie hat ihm dies offenbar nicht geben können, denkt sie reumütig. Tagelang ist sie wie in Katatonie, dann holt sie eine Peitsche hervor und beginnt, ihr Fleisch zu geißeln, wie er es einst zu tun pflegte…

Mein Eindruck

Dies ist kein Aufguss nach de Sade, sondern von Pauline Réage. Anne ist weder eine Nachfolgerin der leidenden Tugend Justine noch eine absichtsvolle Frevlerin wie Juliette, und auch die „120 Tage von Sodom“ werden nicht als Programm abgespult. In Anne befinden sich die Vorgaben ihres Vaters, dem Wissenschaftler, und der Mutter, der überspannten Spiritistin, im Konflikt. Als ihr der Erzengel im vollen Licht des Himmels erscheint, wie hätte sie ihm widersprechen können, als er um ihre Hand anhielt?

Der Reiz des folgenden Liebesspiele, die den Formen der Obszönität à la Georges Bataille frönen, liegt für den Leser in der Frage, ob der Erzengel wirklich eine Himmelsmacht darstellt – denn das griechische Wort „angelos“ bedeutet „Bote Gottes“ – oder doch eher ein dunkler Versucher, vor den Anne ihr Vater gewarnt hat. Der Leser hat die Wahl. Sind die Qualen, denen sich Anne wie O in Roissy unterwirft, des Teufels oder eher himmlisch? Annes Problem ist ein sozialpsychologisches: Ihr Schloss ist der goldene Käfig, aus dem sie sich nicht befreien will. Das Schloss ist, wie bei Kafka, ein Mitspieler, der seine Figuren nicht entlässt, selbst wenn das Spiel bereits vorüber ist.

2) Mein Freund, der General

In einem abgelegenen Departement Frankreichs hat der Dichter Augustin in einem ererbten Landstrich wieder den Feudalismus eingeführt. Das heißt, alle Bewohner gehören ihm, insbesondere die jungen Frauen. Mit diesen möchte er seinen Gast, den General Adhémar, beglücken. Sie brauchen nicht lange zu wandern, bis sie in einem verschwiegenen Flusstal zwei junge Frauen beim Baden erspähen.

Der General schnappt sich die Blonde, die von einem Ukrainer abstammt und Hilda heißt. Sie versucht sofort zu fliehen. Augustin erjagt sich Cathérine mit den langen Zöpfen und versetzt ihr ein paar Ohrfeigen, um sie gefügig zu machen. Nachdem der General erfolgreich auch Hilda zur Strecke gebracht hat, beginnt er zunächst mit „Manus tapindi“, dem Schinkenklopfen. Das heißt, er versohlt Hilda kunstgerecht den hübschen Hintern. Augustin folgt seinem Beispiel.

Nach dieser schweißtreibenden Arbeit folgt das verdiente Vergnügen, das offenbar auch die Damen zu genießen verstehen. Währenddessen erzählt der General eine Anekdote, wie bei einer Bühnenshow in Tirol die einheimischen Madln einen Schinkenklopfer-Reigen getanzt hätten. Da dieses Ereignis von einem gewissen Kurd per Brief berichtet wurde, ist sein Wahrheitsgehalt ungesichert. Wie auch immer: Cathérine und Hilda wollen das sinnliche Vergnügen fortsetzen…

Mein Eindruck

In einer anderen Staatsform als dem Feudalismus würde man das Verhalten der beiden Hauptfiguren gegenüber den erbeuteten Damen als Vergewaltigung bezeichnen. Man könnte sich aber auch fragen, was die beiden jungen Frauen mutterseelenallein draußen allein in der Natur zu suchen haben – vom Baden mal abgesehen. In anderen, zumal orientalischen Ländern hätten sie mindestens einen männlichen Aufpasser dabei gehabt. Dies alles ist also lediglich eine Phantasie.

Hingegen stellt der hier beschriebene Genuss des auf den Hintern Hauens bzw. Gehauenwerdens eine handfeste, uralte Praxis aus dem Fundus der Erotik dar. Bei den römischen Luperkalien zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Lupercus ließen sich die Frauen von dessen Priestern mit Ruten oder Riemen auf das entblößte Gesäß schlagen, in der Hoffnung, fruchtbar zu werden. Die Rute stellt dabei das Phallussymbol eines Baumgeistes dar, ähnlich wie bei den Germanen (Quelle: Borneman, „Lexikon der Liebe“, Ullstein) Das hat nichts mit Flagellantismus zu tun, sondern mit der manuellen Erzeugung von Schmerzlust in der so traktierten Frau. Als Folge soll sie den eigentlichen Geschlechtsakt besser „genießen“ können. Soweit die Theorie.

Einen besonderen Reiz bietet die Erzählung durch die ausgefeilte Darbeitung des „Schinkenklopfens“ in einer Tanzaufführung à la „Folies Bergères“, die in Tirol beobachtet worden sein soll. Eine Beschreibung würde den Reiz des Selberlesens mindern.

3) La Désirade

Gisela ist eine Schwätzerin, die nur an ihr eigenes Vergnügen denkt. Luis ist ihr schweigsamer Begleiter, der zum Komplizen ihrer erotischen Phantasien wird, möglicherweise per Telepathie. So glaubt sich Luis an eine Zugfahrt während des Krieges zu erinnern, als er in Ostpreußen auf der Flucht vor den anrückenden Russen einen Fluss durchquerte, in einen Zug voller Flüchtlinge gelangte und sich im vollgestopften Abteil einer schönen Frau gegenübersah. Als er seine kalten Füße in ihr Schoß schob, verweigerte sie sich dem Eindringling nicht, sondern begann ihrerseits, Vergnügen zu empfinden…

Nun reist Luis mit Gisela in den heißen Midi, wo sie ihn zur sagenumwobenen und von Apollinaire besungenen Insel Désirade mitnimmt. Ihr nackter Körper, der sich in die Wellen des Meeres wirft, lockt ihn durchaus, doch er kann weder schwimmen noch tauchen. Daher nimmt sie ihn zu einem großen, am Strand stehenden Andreaskreuz mit. Diese x-förmigen Konstruktion weist interessante Stützen für die Füße und Schlaufen für die Handgelenke auf.

Doch nicht Gisela wird hier gefesselt, sondern eine junge, zufällig vorbeikommende Schülerin aus England. Unter Giselas Regie fallen sie beide über sie her, fesseln und entkleiden sie. Während Luis das Mädchen auf den Hintern haut, bis es um Gnade fleht, verschafft sich Gisela selbst mit dem Finger Vergnügen.

Aber auch das ist möglicherweise lediglich eine Phantasie, denn am nächsten Tag erwähnt Gisela beiläufig, dass ihre Freundin Martine auf La Désirade ein paar Engländerinnen zu Gast habe. Ob er mitkommen wolle? Er und zwei Italiener und eine Rumänin sagen alle ja. Was für ein reizvoller Einfall.

Mein Eindruck

Der Kontrast zwischen dem kalten Ostpreußen und dem flirrend heißen Midi könnte nicht größer und reizvoller sein. Hier die kuschelige Enge eines Zugabteils mit zahlreichen potentiellen Zeugen, dort die Weite des Meeres und die Einsamkeit einer südlichen Insel, die alle vorstellbaren Möglichkeiten zu erotischem Schabernack bietet.

Das Problem dabei ist jedoch Luis, der durch seine emotionale Trägheit und Mangel an Initiative alle Aktivitäten der etwas überkandidelten Gisela überlässt. Wo es Luis an Phantasie mangelt, schlägt sie über die Stränge. Als ein englisches Mädchen auftaucht, spannt sie es gleich für eine amouröse Inszenierung ein, in der das Schulmädchen und ihr Lover in spe die Hauptrolle spielen.

Wieder gibt es eine Menge Haue auf den Hintern, wie schon in „Mein Freund der General“. Aber der Erzähler beschwichtigt den Leser, indem er erwähnt, dass englische Schulmädchen ja sowieso den Rohrstock gewöhnt sind. Also, was kann ihnen da schon die blanke Hand anhaben? Da lügt sich der Autor bzw. Luis wohl selbst in die Tasche.

4) Isabelle

Es geht um vier Personen, wovon nur zwei real sind. Unser Chronist träumt mithilfe eines „Besuchers“ in seinem Geist von Isabelle, einer schönen jungen Frau, mit derer wollüstige Nächte in einem Schloss verbringt. Am nächsten Tag erhält er eine Einladung zu einer Vernissage. Das erinnert ihn, was Isabelle ihm im Traum ins Ohr flüsterte: „Erwarte mich morgens um 17 Uhr in der Galerie Arnheim“, also an genau diesem Ort. Um das Rätsel zu lösen, vertraut er sich seinem Partner Jean vom Antiquariat an. Jean macht ihm Hoffnung statt Angst und will mitkommen. Das verspricht nämlich ein interessanter Abend zu werden.

Tatsächlich: Da ist Isabelle, wie sie leibt und lebt. Doch sie nennt sich Monique und ist verheiratet mit Monsieur Lorredon, Jeans Partner. Isabelle habe man sie nur in ihren Studentenjahren als Jux genannt. Lorredon war vor Jahren Jeans Partner und Chef, so erfuhr er, wie die beiden zusammenkamen und Lorredon Monique, die damals seine Patientin war, kennen und lieben lernte. Mit Monique hatte es nämlich eine besondere Bewandtnis: Sie war besessen.

Das war offenkundig geworden, als Madame de Morlaincourt, ihr Vormund nach dem Tod von Moniques Eltern, entdeckte, was für wollüstiges zeug sie in ihr Tagebuch schrieb. Drastische Szenen von abartiger Erotik. Monique war völlig entsetzt und verwirrt: Die Handschrift sah zwar aus wie ihre, ignorierte aber alle Regeln der Grammatik. Sie war ein Opfer von „automatischem Schreiben“ geworden, geleitet von einem „Besucher“. Nun braucht Jean nur noch zwei und zwei zusammenzuzählen: Dieser Besucher, ein notorischer Wüstling aus dem Jahr 1750, ist derselbe Besucher, der nun auch unseren Chronisten heimsucht. Das Verbindungsstück ist der uralte Schreibtisch, den ihm, Jean, Madame de Morlaincourt verkauft hat und den nun unser Freund benutzt.

Die Frage ist nun: Kann unser Freund Isabelle alias “ Monique Lorredon“ im Traum wiedersehen – und sie sich an ihn erinnern? Es käme auf ein Experiment an, meint Jean. Wohlan…

Mein Eindruck

Die Handlung folgt den Regeln von Wiederholung und Spiegelung. Entscheidend ist die erste Seite, in der der namenlose Erzähler erstmals von Isabelle träumt. Alle Attribute der Traumgeliebten, insbesondere Federn, spielen weiterhin eine Rolle. Dieses Urbild stammt aus dem Jahr 1750, als ein Wüstling eine junge Frau als Sexsklavin hielt, bis er aufflog und vertrieben wurde. Der Vorgang wiederholt sich nun wieder, nur dass Monique die Rolle der Isabelle einnehmen soll.

Da Seelenwanderung eine wichtige Rolle spielt, dienen Spiegel als Durchgänge für die Seele, die nun von Monique Besitz ergreifen soll: Isabelles Seele. Die gegenwärtige Monique wird zur Spiegelung der längst vergangenen Isabelle. Als sie in dem Erzähler ihrem früheren Gebieter begegnet, leistet sie nur anfänglich Widerstand, unterwirft sich dann aber allem, was er von ihr verlangt. Plötzlich kommt sich der Leser mitten in einen Gor-Roman von John Norman versetzt vor, so heftig ist die BDSM-Szenerie geschildert.

Doch wird die Unterworfene kein Trauma erleben und erleiden müssen, fragt sich der Erzähler. Jean beruhigt ihn. Durch einen fingierten Autounfall glaubt alle Welt, dass Monique gestorben sei. Leicht kann man sie wiederauferstehen lassen. Voraussetzung dafür ist eine Auslöschung der Erinnerungen, die Monique/Isabelle inzwischen gesammelt hat. Dafür ein Tropfen guter alter Chemie. Alles klappt wie am Schnürchen. Monique genest und entbindet neuen Monate später ein gesundes Baby. Glückwunsch! Doch auf dieses Baby, ein Mädchen, müsse man in 20 Jahren ein Augen haben, mahnt Jean, wer weiß?

Die erste Seite hatte mich abgeschreckt, denn der Traum scheint kein Thema zu haben – hat er aber: Es ist eine Liebesszene im Traum, den DER ANDERE im Erzähler mit Isabelle erlebt. Dem folgenden Text ist leicht zu folgen, sobald man begriffen hat, dass es um Wiederholung, Seelenwanderung, Besessenheit und Spiegelung geht. Alles geht gut aus, keine Sorge.

5) Clarissa

Unser junger Chronist bemüht sich um die Aufnahme in einen sehr exklusiven Pariser Klub. Ein Richter, ein Baron, ein Senator und Lady Gabrielle spielen Bridge, als sich Clarissa, die Tochter der Lady, völlig nackt auszieht und bewundern lässt. Unser junger Mann liebkost zum Zeichen seiner Verehrung den goldfarbenen Busch und wohlgerundeten Hintern der jungen Dame. Volle sechzig Sekunden lang. Bravo! Dafür wird er gnädig in den Klub aufgenommen, wenn auch vorerst unklar ist, worin seine Pflichten und Privilegien bestehen werden.

Clarissa bedient die maskierten Herrschaften zunächst, führt sie dann aber zusammen mit ihrer Mutter in den Keller des herrschaftlichen Anwesens. Hier gibt es einen Saal, der mit seinen Kerzen, Wandteppichen, Betstühlen usw. unseren Chronisten an ein Kloster erinnert. Clarissa führt ihre Mutter, die Lady, in einen gesonderten Betstuhl, in den diese sich knien muss. Sie schlägt die Rückseite ihres Gewandes auf, so dass alle des gloriosen Anblick ihres breiten Hinterns teilhaftig werden können. Denn darauf findet anschließend die weitere Action statt.

Clarissa ist die erste, die diesen weiß strahlenden Hintern mit einer Peitsche rot zeichnen darf. Die maskierten Pseudo-Mönche, die nun erregt aufstehen, dürfen nun entweder mit dem Peitschen weitermachen oder sich der Körperöffnungen der Lady bedienen. Nach einer Weile geschieht etwas Ungewöhnliches: Ein geisterhafter Doppelgänger der Lady löst sich von ihr und verschwindet durch eine der Wände. Ein bedauerlicher Unfall oder eine geplante Tat?

Mein Eindruck

Wie schon in „Anne“ und „General“ versetzt die Erzählungen den Leser in ein Ambiente des 18. Jahrhunderts, das an die Seelenlandschaften eines Marquis de Sade erinnert. Wuchtige Mauern schließen die Akteure ein, düstere Kellergewölbe entsprechen den niederen Regionen der Seele. Hier hätte sich Matthew Leis „Mönch“ bestens zu Hause gefühlt. Während die Männer die Autorität ausüben, sind die Frauen entweder Opfer oder, wie Clarissa, Handlanger, um die Exerzitien der Pein und Lust zu praktizieren.

Das erinnert an die altrömische Luperkalien, als es den Priestern des Gottes Lupercus für einen Tag im Februar erlauben war, Jungfrauen in einer Fruchtbarkeitsfeier mit Ruten und Peitschen zu traktieren. (Siehe dazu auch Mussets „Gamiani“.) Was damals eine heilige Handlung war, wird nun als Schauspiel inszeniert. Dass Clarissa willig ihre Mutter zum Opferaltar führt und darbietet, ist bemerkenswert. Sie ist die Priesterin eines älteren als des christlichen Gottes, und zweifellos hat sie ihm, wie die Männer, längst abgeschworen.

6) Das nächtliche Fest

Jedes Jahr im August findet in der uralten Abtei eines Pyrenäendorfes ein Orgelkonzert statt. Der Meister weiß dem Tasteninstrument geradezu himmlische Obertöne zu entlocken, und die Damenwelt, die vielköpfig anzureisen pflegt, ist hingerissen. So auch die junge Engländerin Bella Dandoren, die sich mit unserem Chronisten, einem Nervenarzt, anfreundet. Eines Tages erzählt sie ihm die abgefahrenste , die er je gehört hat.

Sie saß im Publikum, als ihr Blick auf die Loggia der Abtei fiel und dort auf einem schwarz gewandeten Granden zu ruhen kam. Man stelle sich ihren Schrecken vor, als sie in seinem Gesicht statt zweier weißer Augen zwei kohlschwarze Diamanten erblickte, die sie bis in ihre Träume verfolgten. Tatsächlich erschien ihr im Traum der Grande A. am Fenster und rief ihre Seele zu einem Ausflug in sein Haus, wo er sie bereits erwartete. Doch um ihre Lust zu erhöhen, traktierte er sie mit Peitschenhieben, bevor er sie penetrierte. Zu ihrem Erstaunen wies ihre Haut nach dem Erwachen genau die erlittenen Striemen auf.

Nach ihrer Abreise scheint sie zur Freude des Doktors wiederzukehren, doch es handelt sich Eileen, ihre Zwillingsschwester. Sie bringt schlechte Nachrichten: Bella sei im Irrenhaus gelandet. Zu allem Überfluss erleidet Eileen genau das gleiche Schicksal, ebenso wie eine Spanierin. Offenbar sucht sich der Grande immer die schönsten Frauen aus, um sie im Land der Träume schmerzhaft zu traktieren. Alle erleiden das gleiche Schicksal: das Irrenhaus. Der Arzt beschließt, dieser Heimsuchung ein Ende zu bereiten, bevor auch Eileen dem Wahnsinn verfällt.

Als er sich vorm Haus des Granden nächtens auf die Lauer legt, sieht er, wie ein Geistwesen zwischen den Büschen hervordringt und sich ins Haus des Granden begibt. Er folgt ihm und wird Zeuge der erwähnten Auspeitschung. Als er am nächsten Tag den Granden selbst aufsucht und ihm die Angelegenheit schildert, wird er diesmal selbst hypnotisiert: Offenbar ist auch er ein gutes Medium. Seine eigene geistreise führt ihn zurück ins 10. Jahrhundert, als die Mönche die Abtei gründeten. Die Rede ist von einem Meister Bergeuil. Doch von dem hat der Grande nie gehört. Er betrachtet sich selbst nur als Mittler. Aber kann das sein? Immerhin verspricht der Grande, nicht mehr in die Abtei zu kommen.

Die schlechten Omen häufen sich. Diverse Einwohner geben dem herumschnüffelnden Arzt nur noch zwei tage Zeit, bis das nächste Opfer fällig ist. Er befragt den Museumsdirektor Chaura, der das Orgelfestival in der Abtei ins Leben gerufen hat. Dessen uralte Pergamente deuten auf einen außerirdischen Ursprung der unheilvollen Schwingungen in der Abtei hin, die sich nur während des Orgelspiels verbreiten. Aber es werden auch zwei schwarze Kugeln kosmischen Ursprungs erwähnt, die jener Mönch namens Bergeuil im Fundament der Krypta eingemauert haben will.

Mit geeigneten Werkzeugen ausgestattet, begeben sich der Doktor und Msr. Chaura in die Krypta, um den verborgenen Zugang zu den schwarzen Kugeln offenzulegen und die Kugeln im nahen See zu entsorgen…

Mein Eindruck

In dieser langen Novelle trifft die in diesem Band bereits vertraute Peitschen-Erotik auf H.P. Lovecrafts Faszination mit dem unheilvollen Einfluss kosmischer Besucher und ihrer Hinterlassenschaften. Die zahlreichen Erzählungen aus dem Cthulhu-Mythos legen davon ein düsteres Zeugnis ab. Bei Muntaner kommen noch weitere Zwischentöne aus dem Bereich Mystizismus hinzu, so etwa die rätselhafte Rolle der Orgel in den katholischen Kirchen Frankreichs. Eine nach der anderen fällt aus, nur die in den Pyrenäen nicht. Hat der Teufel seine Hand im Spiel? Zu dieser banalen Metaphysik lässt sich der Autor nicht herab. Nur so viel sei verraten: Sobald die schwarzen Kugeln entsorgt sind, weicht der Wahnsinn der weiblichen Opfer. Die Welt ist wieder heil.

Es gibt nur weibliche Opfer. Sie bzw. ihre Astralleiber werden Opfer eines flagellantistischen Rituals, das ihre Hemmungen beseitigt und ihrer tieferen Wollust den Weg bahnt. Bei den meisten Frauen führt der Weg in den sogenannten „Irrsinn“, denn sie können die Erfahrung nicht mit ihrem realen Leben in Einklang bringen. Und wenn sie es täten, würde ihre Umgebung sie als Hexe oder Nymphomanin abqualifizieren. Über den guten Ausgang des Abenteuers kann sich am Ende vor allem der Doktor freuen, denn Eileen Dandoren hat weitreichende Absichten, zusammen mit ihm die „verbotenen“ Regionen der Sinnenlust zu erkunden. Alles, was sie sich wünscht, ist ein kompetenter Führer in das Reich der Sinne.

Die Übersetzung

S. 75: „Im Gegensatz zu dieser hübschen kartesianischen Schwätzerin“: Verweis auf René Descartes, der sagte: „Ich denke, also bin.“

S. 87: „Eine englische Kallipygos“: griechisch für „die mit dem schönen Hintern“.

S. 114: Zitat des Sade-Titels „Justine oder vom Missgeschick der Tugend“.

S. 125: In „Isabelle“ fehlt ein entscheidendes Wort: „kniete [ich] mich hinter Monique…“

129: „Wieder in „Isabelle“): „sechs Zoll dicke Stößel befestigt“. 6 Zoll entspricht 6×2,54 cm = 15,24 cm. Das ist ganz breit für einen künstlichen Penis, der sich in weibliches Fleisch graben soll! In der Länge ergäbe dieses Gardemaß jedoch viel mehr Sinn. Offenbar liegt hier eine Fehlübersetzung vor.

S. 141: „das Mi[e]nens. Hier fehlt das E.

S. 161: „Sogleich erblaßste sie mit schreckgeweiteten Augen…“: In “ erblaßste“ ist definitiv ein Buchstabe zuviel, aber welcher?

S. 166: Buchstabendreher sind unter Übersetzern ein allseits beliebter Sport, so auch hier: „mein ganzer Köprer schwebte in der Luft“.

Unterm Strich

Diese erotischen Geschichten haben nur zum Teil das verbreitete BDSM-Motiv im Mittelpunkt. Es bildet nur den Aufhänger, das Ziel, mitunter den Clou der Story. Viel umfangreicher sind die Verstrickungen und Wendungen, denen sich die männlichen Erzähler gegenübersehen. Seelenwanderung ist allenthalben anzutreffen, denn die Vergangenheit ist alles andere als vergangen, sondern wird vielfach zelebriert. In „Clarissa“ ebenso wie in “ Mein Freund, der General“ trifft der Erzähler auf Zustände wie im 18. Jahrhundert, und in „Anne und die Spiegel“ entkommt die Titelfigur ihrem Schlossartigen Gefängnis nicht, denn sie ist von Spiegelbildern umzingelt.

Spiegelbilder spielen auch in der Isabelle-Geschichte eine tragende Rolle, denn damit wird die Vergangenheit sogar herbeizitiert, damit der Erzähler die gleichen Wonnen genießen kann wie sein „Besucher“, der ihm so schöne Träume – aus der Vergangenheit – beschert hat. In der letzten Novelle nimmt die Seelenwanderung Lovecraft’sche Züge an, was der Geschichte einen Anflug von Grauen verleiht. Wie lässt sich der Teufelskreis der ewigen Wiederholung durch Spiegelung der Vergangenheit durchbrechen? In aller Regel ist ein Opfer erforderlich, um eine Transformation oder Erlösung herbeizuführen.

Es handelt sich also um sehr kunstvoll konstruierte, literarisch ausgeschmückte Erzählungen, wie man sie bei Verlagen wie Heyne oder Moewig kaum finden würde. Bei Rowohlt gehört dieses Kennzeichen der literarischen Qualität jedoch zum Markenzeichen der Erotikreihe. Dass der Autor seine Geschichten jeweils einem anderen Autor erotischer Erzählungen gewidmet, belegt diesen Eindruck. Zu diesen Hommage-Autoren gehört unter anderem auch Georges Bataille, dem Erfinder des „Obszönen“ („Clarissa“), und an einer Stelle auch de Sade. Mir persönlich wäre wenig Kunst, aber mehr Gehalt lieber gewesen.

Taschenbuch: 205 Seiten
Originaltitel: Les Escarlates, 1985 (NOE, Pré aux Clercs)
Aus dem Französischen von Ralph Zucker
ISBN-13: 9783499121654

www.rowohlt.de

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