Judith & Garfield Reeves-Stevens – Die Föderation (Star Trek)

Das geschieht:

2061: Der geniale Physiker Zefram Cochrane wird zum Vater der überlichtschnellen Raumfahrt. Auf der Erde beginnt Adrik Thorsen, der Anführer der faschistoiden „Optimum-Bewegung“, seinem Vernichtungsfeldzug gegen alles „Schwache“ und „nicht Lebenswerte“, der schließlich direkt in den III. Weltkrieg mündet. Cochrane, der sich dem Diktator verweigert, macht sich Thorsen zum ewigen Todfeind, der ihn auch nach dem Sturz seines Regimes unerbittlich verfolgt. Um sich und die Menschen in seiner Umgebung vor den Anschlägen Thorsens zu schützen, macht sich der alt und müde gewordene Cochrane auf seine letzte Reise und verschwindet spurlos in den Weiten des Weltalls …

2167: Die „Enterprise“ unter ihrem Captain James T. Kirk geht einem Notruf nach. Der „Companion“, ein ursprünglich körperloses Wesen unbekannter Herkunft, war einst auf das Raumschiff Zefram Cochranes gestoßen und hatte Freundschaft mit dem Menschen geschlossen. Das seltsame Paar ließ sich auf dem Heimatplanetoiden des „Companions“ nieder. Dort stellte Cochrane fest, dass ihn ein Kraftfeld, das den Himmelskörper umgab, wieder verjüngte. Nun wurde er entführt. Die „Enterprise“ nimmt den „Companion“ an Bord und die Verfolgung auf. Die Kidnapper werden gestellt und Cochrane kann befreit werden, doch da meldet sich aus dem Hintergrund der eigentliche Gegner: Adrik Thorsen hat seinen eigenen Weg gefunden hat, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen. Darüber endgültig wahnsinnig geworden, will er sich an Cochrane rächen, den er für sein bizarres Schicksal verantwortlich macht …

2366: Das Föderationsraumschiff „Enterprise“ unter Captain Jean-Luc Picard macht eine ungewöhnliche Entdeckung: ein romulanisches Raumschiff mit einer Ferengi-Besatzung, deren Anführer ihm ein interessantes Geschäft vorschlägt. Angeblich ist das Fragment eines Borg-Raumschiffs in seinem Besitz, das wertvolle Aufschlüsse über die Technik dieser die Föderation bedrohenden Kollektiv-Volkes liefern könnte. Das Misstrauen, womöglich in eine geschickt gestellte Falle zu gehen, verflüchtigt sich, als Picard im Inneren des Fragments ein Artefakt der „Ur-Rasse“ entdeckt, die vor Jahrmilliarden den Kosmos beherrschte und von der praktisch alle hominiden Lebensformen abstammen: ein archäologischer Fund höchster Bedeutung – und ein Lockmittel, das die „Enterprise“ in die Gewalt des Fallenstellers bringt: Da aller guten Dinge auch im „Star-Trek“-Universum drei sind, meldet sich noch einmal Adrik Thorsen in seiner aktuellen Inkarnation zu Wort …

Seitenabteil einer künstlichen Chronik

Unter den mehr unzähligen Romanen, die im „Star-Trek“-Universum spielen, nimmt „Die Föderation“ eine Sonderstellung ein. Bereits aufgrund seines. Voluminöser fallen höchstens die „Kirk Must Return!“-Trilogien des William Shatner aus, die allerdings in mehreren Bänden erscheinen.

„Die Föderation“ scheint zunächst einer bekannten Bestseller-Schmiede entsprungen zu sein. Das Ehepaar Judith und Garfield Reeves-Stevens gehört zu den bevorzugten ‚Co-Autoren‘ des zwangspensionierten und deshalb schriftstellerisch tätig gewordenen „Enterprise“-Ex-Captains. Doch „Die Föderation“ ist ein eigenständiges Werk der Reeves-Stevens – und siehe da: Der nun mögliche Vergleich mit ‚Shatners‘ „Star-Trek“-Romanen fällt nicht zu Gunsten ihres angeblichen Urhebers aus.

Tatsächlich beinhaltet „Die Föderation“ alles, was einen „Shatner“ lesenswert macht: einen sauber entworfenen und umgesetzten Handlungsbogen, den präzise getroffenen ‚Tonfall‘ des TV-Vorbilds, das immense Wissen um die Mechanismen und die Geschichte des „Star-Trek“-Universums und – als Krönung – Darstellungssorgfalt bis ins Detail hinein. (Die Ableitung des trek-archetypischen Kommunikator-Layouts von der Energiebilanz des Cochranes Hyperantriebs ist beispielsweise genial.)

Was unvermisst fehlt, sind Captain Kirk und seine bodenlose Wundertüte mit großer Geste präsentierter schlauer Tricks zur Rettung der in seiner Abwesenheit stets vom Untergang bedrohten Galaxis. Stattdessen erleben wir einen Kirk, der unkonventionell und agil aber gleichzeitig ein Teamspieler ist und neben sich noch andere große Geister duldet. Ebenso prominente und beliebte Figuren wie Spock oder McCoy werden nicht in bloße Statistenrollen gezwungen. Erst im Finale, als sich Kirk und Picard immer wieder fast treffen, wird es ein wenig zu feierlich, aber Pathos gehört seit jeher zu „Star Trek“.

Galaktische Eiertänze

„Die Föderation“ ist ein Werk, das im Entwurf schon recht alt ist und als Idee noch auf Gene Roddenberry zurückging. In einem kurzen aber interessanten (wenn auch ein wenig wirrem) Nachwort schreiben die Garfield-Reeves über die Schwierigkeiten, den profitorientierten und ansonsten wenig visionären Paramount-Funktionären ein „Crossover“ der ‚klassischen‘ „Enterprise“-Crew mit der „Next Generation“ schmackhaft zu machen. Während dies heute eher die Regel als die Ausnahme ist, wurde lange streng zwischen den Serien differenziert; Kirk, Picard, Sisko, Janeway und Archer durften sich keineswegs über den Weg laufen.

Die Jahre des Reifens haben der Idee als solcher nur gut getan; „Die Föderation“ weist für einen „Star-Trek“-Roman eine ungewöhnliche Vielschichtigkeit auf. Dies bezieht sich nicht nur auf den Einfall, die Geschichte auf gleich drei Zeitstufen parallel voran zu treiben! Das Spiel mit der Zeit gehört zu den ‚Spezialitäten‘ des Franchises. Oft wurde Expeditionen in Vergangenheit und Zukunft als Spannungsvorwände missbraucht. Manchmal jedoch gelang es, die Problematik einer solchen Zeitreise mit einer spannenden Story zu verknüpfen. „Die Föderation“ kann in dieser Hinsicht weit vorn mitspielen.

Natürlich ließe sich bemäkeln, dass der Geschichte im großen Finale längst die Luft ausgegangen ist. Die alte und die neue „Enterprise“, die im Inneren eines Schwarzen Lochs umherkariolen und dabei noch das eine oder andere Raumgefecht schlagen, während der vom erschreckend glaubhaften zum beschämend lächerlichen Bösewicht degenerierte Colonel Thorsen seine jahrhundertealte Rache zu vollenden versucht, bewegen sich hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit und gehen oft ein gutes Stück darüber hinaus. Es spricht für das erzählerische Talent des Autorenduos, dass sich der Leser trotz einiger Irritationen darauf einlässt.

Rückgriffe auf die „Star-Trek“-Geschichte

Die Garfield-Reeves greifen auf mehrere berühmt gewordene Episoden der „Star-Trek-Fernsehserie zurück. Kirks erste Begegnung mit Zefram Cochran und dem „Companion“ beschreibt die Folge „Metamorphose“. „Die Reise nach Babel“ kennt natürlich jeder „Trekker“, und Micah Brack, der geistige Vater der Föderation, taucht in „Planet der Unsterblichen“ auf. Der „Wächter der Ewigkeit“, der in der (seltsam überflüssigen) Rahmenhandlung von „Die Föderation“ dem müde gewordenen Admiral Kirk die seltsame Geschichte Zefram Cochranes in Vergangenheit und Zukunft vorstellt (sowie Kirk den notwendigen Tritt in den Hintern versetzt, der ihn dazu veranlassen wird, sich und die „Enterprise“ durch sechs und einen halben Kinofilm zu führen), tritt in der wahrscheinlich berühmtesten ‚klassischen‘ „Star-Trek“-Folge „Griff in die Geschichte“ auf.

Die deutsche Ausgabe gibt zu wenigen Klagen Anlass. Die Übersetzung besorgte mit Ronald M. Hahn ein SF-Profi, der vor und hinter der Feder sein Handwerk versteht. Allerdings verfällt Hahn an allzu vielen Stellen in einen unangemessen lockeren Tonfall, der an den gequälten, peinlich künstlichen Jugendslang öffentlich-rechtlicher Fernsehsender erinnert.

Autoren

Judith und Garfield Reeves-Stevens schreiben Romane und Drehbücher. Außerdem sind sie Produzenten für Kinofilme und Fernsehserien, Ideenlieferanten für SF- und Fantasy-Games und, und, und … Im „Star-Trek“- Universum zählen die Reeves-Stevens zu den Besten unter den Fließband-Literaten des Franchises. Garfield allein schrieb bisher fünf Thriller, die Elemente der Science Fiction mit der des Horrors verknüpfen.

Garfield und Judith sind kompetente „Star-Trek“-Chronisten, die über die verschiedenen Serien großformatige, sehr informative und unterhaltsame Sachbücher verfasst haben.

Taschenbuch: 600 Seiten
Originaltitel: Federation (New York : Pocket Books/Simon & Schuster, Inc. 1994)
Übersetzung: Roland M. Hahn
www.randomhouse.de/heyne

eBook: 966 KB
ISBN-13: 978-3-641-11751-1
www.randomhouse.de/heyne

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