C. G. Jung – Synchronizität, Akausalität und Okkultismus

Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung, Erfahrungsbericht und Geistergeschichte

Jung warnt in einer Vorrede (1950) die Leser dieser Aufsatzsammlung. Man habe sich nicht nur auf Exkursionen in die dunklen, zweifelhaften und von Vorurteilen behafteten Gebiete einzustellen, die Artikel- und Aufsatzsammlung zu spiritistischen und okkultistischen Phänomenen bürde durchaus auch gewisse Denkschwierigkeiten auf. Jung meint hiermit in erster Linie seine „akausale Theorie“ der Synchronizität, die in der Tat das in den Kategorien Raum und Zeit zementierte Denken unserer westlichen Hemisphäre ins Wanken bringen kann.

Was dem einen als Warnung vorausgeschickt, mag dem anderen ein Anreiz sein. Ich gehörte gewiss zur zweiten Lesergruppe. Mein anfänglicher Elan drohte sich jedoch alsbald in statistischen und stochastischen Abhandlungen zu verlieren. Doch ich hielt aus, kämpfte mich durch die ersten 25 Seiten und: wurde belohnt!

Der erste Aufsatz im Buch, „Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge“ (1952), liefert die wissenschaftlichen Grundlagen für einen Bereich, der allzu oft in die Hände von Scharlatanen gerät. Die Herleitung eines akausalen Prinzips ist der große Gewinn an Jungs Theorie des Okkultismus. Es geht – bei derartiger Untermauerung – weder um Pseudowissenschaft noch um Ersatzreligion. Jungs persönlich-literarischer Stil, wissenschaftliche Empirie und sein umfassendes Wissen um die Mythologien von West und Ost macht dieses Buch zu einem wichtigen Werk der Parapsychologie und des Okkultismus. Gelingt es einem nämlich, die wissenschaftlichen Grundlagen im ersten Aufsatz zu verstehen, wird man mit vergleichbar grandiosen Aufsätzen wie „Die psychologischen Grundlagen des Geisterglaubens“ (1928) oder „Über spiritistische Erscheinungen“ (1905) belohnt.

In diesen knappen Skizzen beschreibt Jung ein bahnbrechendes Erklärungsmodell für okkulte Phänomene, welches – in einer gesunden Mischung aus tiefen- bzw. parapsychologischem Kalkül und der Bewunderungsfähigkeit eines literarisch arbeitenden Subjekts – jene Theorien des Spiritismus und des Animismus zu verbinden weiß. Nur so viel: Spiritismus ist eine psychologisch deutbare Projektion eines animistischen Schlüsselreizes. Die okkulten Symbole, Phänomene und Synchronizitätsanzeichen entstammen dagegen aus dem kollektiv-unbewussten Potenzial – gespiegelt im Archetyp – der menschlichen Psyche.

Recht spannend sind auch die umfangreichen Berichte von Geistererscheinungen, Jungs eigenem „Initiationserlebnis“ – der „Fall von Prof. C. G. Jung, Zürich“ (1920) – sowie Sitzungsberichte spiritistischer Veranstaltungen. Das Buch ist eine Mischung aus anspruchsvoller wissenschaftlicher Abhandlung, persönlichem Erfahrungsbericht und Geistergeschichten. Diese Mischung macht den Reiz und gleichsam die Tragweite der beschriebenen Phänomene erkennbar. Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die sich mit den okkulten Lehren befassen. Den einen vermag das Buch ernüchternd wirken, erwartet er gar „esoterisches Dogma“, für den anderen, ernsthaft denkenden Leser kann es bewusstseinserweiternd sein!

Taschenbuch: 267 Seiten
www.dtv.de

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