Karin Slaughter – Pieces of Her (Thriller)

Mutter und Tochter im Überlebenskampf

Ein schrecklicher Akt der Gewalt ist alles, was nötig ist, Andrea Olivers Leben auf den Kopf zu stellen. Ein Mörder, der in einen Schnellimbiss eindringt und zwei Frauen erschießt. Dann gerät auch Andrea in sein Visier, denn sie trägt eine Art Polizeiuniform. Doch ihre Mutter Laura stellt sich dem Mann entgegen. Stellt ihn, redet auf ihn ein. Tötet ihn.

Andrea hat überlebt, Laura hat überlebt, doch es nicht der Mörder, den die Polizei nun zu jagen beginnt, sondern die beiden Überlebenden. „Tötungsmaschine“, nennt eine angebliche Freundin Andreas Laura, ihre Mutter. Nicht Heldin. Und im Handyvideo, das ein anderer Imbissgast gedreht, sieht sie genau so aus. In der nächsten Nacht muss Andrea die Anweisungen ihrer Mutter befolgen und verschwinden. Denn nun hat auch sie selbst getötet…

Dieser Thriller, der keiner Serie zugehört, soll demnächst von Netflix verfilmt werden. Das gleiche gilt für „The Good Daughter“ und „Cop Land“.

Die Autorin

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thriller-Autorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind über 120 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch, Pädophilie und Selbstjustiz zurück. Sie ist die Gründerin der „Rettet-die-Büchereien“-Projekts. Auch in „Pieces of Her“ spielt eine Stadtbücherei eine wichtige Rolle.

Zu den bislang veröffentlichten 19 Romanen gehören die Serien „Grant County“ (Sara Linton) und die um Will Trent. Mehr Info: www.KarinSlaughter.com.

Handlung

Andrea Oliver trifft sich mit ihrer geschiedenen Mutter Laura in einem Schnellimbiss in ihrem Küstenwohnort Belle Isle. Laura lebt schon rund 30 Jahre hier, ungefähr so alt ist auch ihre Tochter. Andrea hat fast zehn Jahre in New York City versucht, etwas auf die Beine zu stellen, doch nicht einmal ihr Studium der Theaterwissenschaften zu Ende gebracht. Ein Anruf ihrer Mutter hat sie voriges Jahr veranlasst, nach Belle Isle zurückzukehren: „Ich habe Krebs, Andy.“ Andrea und ihr Adoptivvater, der von Laura geschiedene, schwarze Anwalt Gordon Oliver, haben Laura durch eine schwere Zeit geholfen. Bestimmt werde jetzt alles besser, meint Laura, die sich selbst bereits eine Brust amputieren lassen musste, um die Ausbreitung der Tumore zu stoppen.

Da macht es „Plop!“ in Andreas Ohr. Aber es handelt sich nicht um Einbildung, denn gleich danach ertönen weitere Plops. Eine junge Frau kippt vom Stuhl, gleich darauf auch ihre Mutter. Blut überall. Andrea, die am Fenster steht, versteht nicht, ist wie gelähmt. Da steht ihre rufende Mutter auf, packt sie wie ein Footballer und reißt sie zu Boden.

Der Schütze ist wie ein Revolverheld aus dem Wilden Westen angezogen. Sein Aufzug sieht lächerlich aus, aber sein Revolver ist es nicht. Er zielt auf Andrea, denn sie trägt in ihrem Job als Notruftelefonistin eine polizeiähnliche Uniform. Andrea versteht immer noch nicht. Dafür übernimmt ihre Mutter jetzt das Kommando. Sie steht an und beginnt dem jungen Schützen zu erklären, dass er alle Kugeln in seinem Revolver bis auf eine verbraucht habe: „Erschieß mich!“ Doch er weigert sich, steckt die Kanone weg und zieht stattdessen ein langes Bowiemesser. Doch bevor er es ihr ins Herz stoßen kann, hebt sie die Hand – und was dann passiert, versteht Andrea, deren Leben bis zu diesem Augenblich, völlig friedlich verlief, noch viel weniger…

„Killermaschine“

Im Krankenhaus von Belle Isle warten Andrea und ihr Ziehvater Gordon darauf, dass Laura operiert und gepflegt wird. Während sie warten, erscheinen zwei Cops des Georgia Bureau of Investigation GBI. Sie wollen mit den Olivers sprechen, denn die wurden als einzige Zeugen noch nicht vernommen. Der Special Agent kommt offenbar nicht mit Gordons schwarzer Hautfarbe klar, deshalb schickt die Frau ihn spazierengehen. Special Agent Palazzolo versucht an Andrea heranzukommen, doch die ist von ihrer Mutter ebenso wie von Gordon zum Schweigen vergattert worden. Und sie versteht nicht, warum sich ein Opfer rechtfertigen muss. Nachdem sie Andy das Handyvideo des Imbissgastes gezeigt hat, muss Palazzolo unverrichteter Dinge abziehen, aber sie hinterlässt ihre Visitenkarte.

Gleich darauf findet im Foyer des Hospitals eine Szene statt, an die sich Andy später noch gut erinnert. Alle möglichen Leute starren auf die TV-Nachrichten, die auf einem Bildschirm gezeigt werden. Ungläubig sehen sie zu, wie ihre Mutter Laura den Killer schein kaltblütig stoppt – und anschließend mit seinem eigenen Messer tötet. Da kommt Laura auch schon: Sie hat sich selbst entlassen und will, dass Gordon sie und Andy nach Hause bringt. Andy ist bestürzt, doch dann kommt noch ein Schocker: „Du musst aus der Wohnung sofort ausziehen, noch heute!“

Der nächtliche Besucher

Gordon versucht vergeblich, Andy zu trösten und ihr beim Packen zu helfen. Andy lebt allein in einem winzigen Kabuff über der Garage ihres Elternhauses. Aber er gibt ihr ein wenig zuviel Alkohol zu trinken. Anstatt zu packen, redet sich Andy den ganzen Horror von der Seele – und schläft dann ein.

Als sie sechs Stunden später erwacht, entdeckt sie im Elternhaus Laura nicht. Als sie nachsieht, bemerkt sie Spuren eines Einbruchs. Unbemerkt schleicht sie sich ein, denn sie will auf Lauras Handy den Polizeinotruf alarmieren. Ihr Kopf ist jetzt viel klarer. Doch Mutter ist nicht allein: Im Wohnzimmer sitzt der Einbrecher und redet mit ihr. Während Andy den Notruf absetzt, belauscht sie das Gespräch: Es ist eine Morddrohung.

Sie legt auf und hört, wie der Mann ihrer Mutter eine Plastiktüte über den Kopf stülpt, um sie zu ersticken. In ihrer Panik schnappt sich Andy die erstbeste „Waffe“, die ihr in die Hände fällt – eine große Bratpfanne. Damit stürmt sie auf den Mann ein, um ihre Mutter zu retten…

Flucht

Nun ist auch Andy eine „Mörderin“. Der Mann verendet qualvoll auf dem Boden des Wohnzimmers, doch Laura gelingt es, die von Panik und Horror erfüllte Andy zu einem vernünftigen Plan zu überreden. Aus einem Versteck holt sie eine Notfalltasche, einen Kulturbeutel. In dem sind Geld, ein Autoschlüssel und ein Handy – aber nur für den äußersten Notfall.

Als Andy endlich den Wagen des Killers findet, aufbricht und damit nach Atlanta fährt, fragt sie sich, wer ihre Mutter wirklich ist. Denn das, was Laura nun an den Tag gelegt hat, ist eine völlig andere Mutter. Doch das ist erst der Anfang vieler Entdeckungen und Andy muss sich schließlich fragen: Wer bin ich überhaupt?

Der Anschlag (26. Juli 1986)

Oslo am 26.7. 1986 ist der Tagungsort für eine Konferenz über sozialverträgliche Ökonomie. Hier soll der Milliardär Martin Queller, Leiter der Queller-Pflegeheime, seine Theorie verteidigen, dass es ökonomischer ist, Pflegeklienten wieder auf die Straße zu setzen, als sie ewig zu betreuen. Seine schärfste Gegnerin ist Professorin Alexandra Maplecroft.

Laura Juneau tritt als Maplecroft auf. Nur ein kleiner Kreis von Verschwörern weiß, wo sich die echte Professorin befindet, als sie Laura helfen, Zutritt zum Tagungshotel zu erlangen. Das sind Nick und Andrew und ein Dozent und schließlich sogar Jane. Jane Queller alias Jinx, Tochter des Milliardärs, einst eine gefeierte Pianistin – bis ihr abgöttisch geliebter Nick ihr diesen Unsinn ausredete. Niemand weiß, dass es Jane ist, die den Revolver auf die Toilette und hinter die Spülung klebte, als wäre sie eine Figur in „Der Pate“.

Wie auch immer: Statt der erwarteten Päckchen mit rotem Farbstoff findet Laura Juneau einen geladenen Revolver vor – und zögert, als wäre sie Michael Corleone, keine Sekunde, ihn in ihre Handtasche zu stecken und mit zur Podiumsdiskussion zu nehmen. Dort sitzt Martin Queller, der Mann, den sie mehr als alle anderen auf Gottes Erdboden hasst…

Mein Eindruck

Zunächst der Leser dieses wunderbar effektvoll konstruierten Thrillers, dass Andrea Eloise Oliver die Hauptfigur des Romans sei. Doch wie schon die vielen Rätsel zeigen, die im Zusammenhang mit ihrer Mutter Laura aufgedeckt werden, gibt es eine höchst interessante und fesselnde Vorgeschichte. In dieser ist Jane Queller, die sich später Laura Oliver nennt, die Hauptfigur. Schon am 26. Juli 1986, dem Tag des ersten Anschlags, ist sie mit Andrea schwanger, hat es aber Nick noch nicht gesagt. Überhaupt bekommen ihre Mitmenschen immer nur ein bestimmtes Stückchen von ihr (siehe den O-Titel) zu sehen.

Das größte Rätsel besteht darin, wie aus der weltbekannten Pianistin Jane „Jinx“ (die Verfluchte) Queller die unscheinbare Sprachtherapeutin Laura Oliver werden konnte. Zwischen diesen beiden Polen entspinnen sich zwei Handlungen: die um die flüchtige Mörderin Andy Oliver und die um die Terroristin Jane Queller. Auf ihre jeweils unnachahmliche Weise versuchen beide Frauen, sich aus den Schlingen ihres Charakters und ihrer Umgebung zu befreien – nicht nur, um die Stücke ihrer Persönlichkeit zusammenzusetzen, sondern um sich als selbstständige Frau zu behaupten.

Das ist gar nicht so einfach, wie sich herausstellt. Andy ist über 30 Jahre lang so behütet aufgewachsen, dass sie fast das Sprechen und Denken verlernt hat. Mutter ist zu einer Göttin geworden, die ihr einen kompletten Fluchtplan mit nur zwei Sätzen einprogrammieren kann, und Andy befolgt ihn, fast ohne einen einzigen Fehler zu begehen.

Jane Queller hat 1986 ihren eigenen Gott in Gestalt von Nick Harp – zumindest nennt er sich so, als ihr Bruder Andrew ihn anschleppt. Nick ist ein Gossenkind, das gelernt hat, die Schwächen seiner Mitmenschen skrupellos auszunutzen. Er ist der Charles Manson, der der Queller-Familie noch gefehlt hat, um eine Aktion auf die Beine stellen zu können: den Oslo-Anschlag. Schon bald sind ihm Andrew, der heroinsüchtige Junkie, und Jane, die missbrauchte und missachtete Prinzessin des Queller-Imperiums, ihm hörig. Eine Berührung von ihm genügt, Jane in Ekstase zu versetzen.

Der Rest ihrer Geschichte dreht sich darum, sich aus Nicks Umschlingung zu befreien, indem sie sich für ihr ungeborenes Baby und Andrews Rettung – er hat AIDS im Endstadium – einzusetzen. In der letzten Szene des Buches gelingt es ihr endlich. Die rätselhaften Männer, die Laura umgeben und sie mal beschützen, mal angreifen, vertreten die beiden Seiten der Gesellschaft, auf der sie agiert hat: erst als Terroristin, dann als Verräterin der Verschwörer. Der Autorin gelingt es ausgezeichnet, die Kämpfe, die auf dieser Frontlinie im Abstand von 32 Jahren stattfinden, zu beschreiben, ohne Laura oder gar Andy zu verurteilen.

Unterm Strich

Ich habe diesen packenden Thriller in nur wenigen Tagen gelesen. Schon der Auftakt ist der Hammer, doch es wird immer besser. Zunächst wunderte ich mich, dass eine derart naive und kampfunfähige Frau wie Andrea Oliver zu einer Heldin werden könnte, die sich ihrer Haut zu wehren weiß. Sie bewegt sich entlang einer Krümelspur von kleinsten Hinweisen, bis sie schließlich zu ihren ersten Pflegeeltern gelangt. Hier findet der erste Showdown mit einer Ex-Terroristin statt. Viele Rätsel in ihrem Leben, so etwa die gefälschte Vergangenheit, finden ihre Aufklärung.

Der Weg, den die arme Jinx Queller gehen muss, ist ebenso bewegend, und sie ist sogar noch schwächer als Andrea: Sie ist ihrem Geliebten, dem Sektenführer Nick Harp, hörig. Ein langer Weg führt sie zur Abkehr von ihrem Abgott. Jinx ist in den Augen des FBI eine Terroristin und immer haarscharf davor, für ihre Verwicklung in die Taten von Nicks Revoluzzergruppe verhaftet zu werden.

Doch nicht sie ist es, die die Fehler begeht, sondern Nick, denn in seiner arroganten Selbstüberschätzung missachtet die Bedürfnisse der Beteiligten – und er unterschätzt sogar Prof. Alex Maplecroft, die er gekidnappt hat. In diesem Zusammenhang kommt es zu einer packenden und bleihaltigen Verfolgungsjagd in San Franciscos Mission District, die eines Jason Bourne würdig wäre. Nicks Ziel ist eigentlich, Janes zweiten Bruder, Air Force Major Jasper Queller, zu Fall zu bringen. Aber am Ende des Buches kandidiert Queller, der das Imperium seines Vaters geerbt hat, für das Amt des US-präsidenten. Ein Schelm, wer dabei an einen gewissen Immobilienhai denkt, der nun im Weißen Haus sitzt.

Kunstverweise

Musik spielt eine wichtige Rolle im Buch, was ja bei einer Pianistin wie Jane Queller alias Laura Oliver naheliegt. Das Stück „Love Me Two Times“, das The Doors veröffentlichten, spielt dabei die Rolle eines Rondos – es erklingt 1986 erstmals und dann 32 Jahre später noch einmal.

Auch auf den irischen Dramatiker Samuel Beckett verweist die Autorin. Sie nennt ihn aber auf S. 110 indirekt einen irischen Avant-garde-Dichter. Wir drücken mal beide Augen zu und lassen das gelten. Sicher hat der echte Beckett ab und zu auch mal eine lyrische Zeile verfasst und veröffentlicht.

Hardcover: 495 Seiten
Originaltitel: Pieces of Her
ISBN-13: 978-0008150877

www.harpercollins.de

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