Karl Timlich – Fiekchen oder Die zärtlichen Briefe (auch „Schule des Amor“)

Von Weibsteufeln, Mannsbildern und Galgenstricken

Beim Papaspiel bringt das junge Fiekchen dem unerfahrenen Wilhelm die Liebe bei. Ihr Spiel fliegt auf, und sie brennen durch. Sorgen müssen sie sich nicht machen, denn Fiekchen sorgt für den Unterhalt… (Verlagsinfo) Ein Roman in 25 Briefen, im 18. Jh. geschrieben von vier jungen Menschen. „Fiekchen“ nannte übrigens der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I von Preußen seine Frau.

Der Autor

Karl Temlich alias Carl Timlich war Schriftsteller, doch Ort und Jahr seiner Geburt wie seines Todes sind unbekannt. Er lebte im achtzehnten Jahrhundert als Fechtmeister und Kupferstecher zuerst in Salzburg, dann in Wien. Über sein Lebens ist laut BLKÖ ((https://de.wikisource.org/wiki/BLK%C3%96:Temlich,_Karl )) Näheres nicht bekannt.

Im Druck hat er folgende Schriften herausgegeben: „Der österreichische Robinson oder Leben und merkwürdige Reisen Andr. Geissler’s; von ihm selbst geschrieben (und herausgegeben von Karl Temlich)“ (Frankfurt und Leipzig [Salzburg] 1791, Mayr); – „Der Teufel auf Reisen. Ein Roman von T. K. A.“, zwei Theile (ebd. 1789, Mayr). Die Tatsache, dass er vom „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“ (BLKÖ) auch als Autor des Romans „Priaps Normalschule. Die Folge guter Kinderzucht“ ((http://www.zeno.org/Literatur/M/Timlich,+Karl/Briefroman/Priaps+Normal-Schule+die+Folge+guter+Kinderzucht)) aus dem Jahr 1789 genannt wird, lässt ihn als Autor weiterer erotischer Werke infragekommen. Im gleichen Jahr soll auch Fiekchen“ bzw. „Schule des Amor“ veröffentlicht worden sein, das aber schnell verboten wurde.

Handlung

Irgendwo im nördlichen Deutschen Reich im späten 18. Jahrhundert. Auf dem Lande ist die Jugend zwar gewandt im Briefeschreiben, aber ahnungslos in der Liebe und in Angelegenheiten der menschlichen Anatomie. Wilhelm schreibt an seinen Bruder Heinrich, dass er das Fiekchen in der Stube nebenan für eine Hexe halte, denn sie sorge bei ihm für die Verhärtung eines gewissen Körperteils. Sie sei wohl ein Fall für den Scheiterhaufen.

Ernestinchen wiederum schreibt an Fiekchen, was bei ihr auf dem Dorf und im Haus der Herrschaft so zu beobachten sei. Was sei beispielsweise davon zu halten, dass der Rittmeister a.D. die Frau des Pfarrers regelmäßig hinter der Mauer des Kirchhofs reite? Danach habe sie immer Appetit für drei, was wiederum das volle Lob des Pfarrers finde. Tinchen berichtet von dem Bauern, den sie heimlich bei einem gar seltsamen Geschäft beobachtet habe. Was er da in seinem Hosenladen verstaute, müsse entweder ein sonderbares Tier oder ein neuartiger Geldbeutel sein.

Das spröde Theichen

Heinrich hat unterdessen das Theichen (von Thea) ins Visier genommen, doch es erweist sich als äußerst spröde. Da beide noch Teenager sind, müssen sie erst noch durch „die Schule des Amor“. Mithilfe gewisser Beschreibungen, die ihm sein Bruder Wilhelm bei Fiekchens Eroberung geschrieben hat und die er Theichen zu lesen gibt, wagen sie das „Papaspiel“, wie Fiekchen es nennt. Dabei soll Heinrich darauf auch, nicht seitlich mit dem Hintern zu wackeln, denn das führe zu gar nichts, sondern sich gefälligst vor und zurückbewegen. Später, als er mit Theichen und Friederike Verstecken spielt, lässt Theichen ihn unter ihre Röcke, wo er seine Hände auf Entdeckungsfahrt schickt…

Der Rittmeister

Ernestinchen macht ihre ersten Erfahrungen mit dem Rittmeister, dem Liebhaber ihrer Tante. Er lehrt sie die Tempi eines Paraderitts, allerdings auf seinem Schoß. Außerdem lernt sie alles über Patronen und Granaten. Später klagt Fiekchen Ernestinchen ihr Leid: Sie soll aus dem Elternhaus verbannt werden und zu ihrer Tante, die in wahrer Zerberus sein muss. Und was ist schuld daran? Sie hat wieder einmal mit Wilhelm das Papaspiel gespielt und darüber die Zeit vergessen und war eingeschlafen. Als die Eltern das Pärchen in flagranti erwischen, nimmt Fiekchen alle Schuld auf sich. Aber die Eltern verriegeln ihre Stube. Zusammen mit Wilhelm, der ihr von ihrer Verbannung berichtet und in der angrenzenden Stube logiert, plant sie ihre Flucht.

Durchbrennen

Unterdessen will auch Ernestinchen mit ihrem feschen Rittmeister durchbrennen, um mit ihm auf einen Feldzug zu gehen. Allerdings stößt sie auf heftigen Widerstand seitens ihrer Tante, die den Soldaten als ihr Eigentum betrachtet. Was tun? Der Rittmeister besorgt sich einen Pavian, schlägt ihn tot, macht sein gesicht unkenntlich und steckt ihn in Ernestinchens Kleider. Da die beweise eindeutig genug sind, wird Ernestinchen standesgemäß zu Grabe getragen. Tags darauf entfleucht sie mit ihrem Rittmeister der ahnungslosen Tante, um fortan „untot“ bei den Soldaten zu leben…

Mein Eindruck

Wo das Geschehen hauptsächlich stattfinden soll, ist nicht leicht herauszufinden. Die ländlichen Verhältnisse weisen auf eine etwas rückständige Region hin, doch es gibt einen Pfarrer, der verheiratet ist. Das gibt es nur in protestantischen Verwaltungsterritorien. Außerdem verwendet eine der Schreiberinnen das Wort „Schöps“ anstelle von „Hammel“, und das ist ein Wort aus dem deutschen Norden. Auch Brandenburg wird erwähnt, und das war bereits Teil von Preußen.

An einer Stelle wird von der „Vereinigung der sieben Provinzen“ geschrieben. Das deutet auf das Ende der Kleinstaaterei hin, die kennzeichnend war für die Zersplitterung des „Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation“, das 1806 von der Hand Napoleons sein Ende fand. Die Zeit davor ist hingegen noch so rückständig, dass Diebe am Galgen aufgeknüpft und dort zur Abschreckung hängen gelassen werden.

Dass noch von Zauberei, Hexenglauben und Scheiterhaufen die Rede ist, verweist die Figuren ebenfalls in eine ländliche, hinsichtlich der Aufklärung unterentwickelte Gegend. Ernestinchen weiß aber bereits, was die „Dissenterie“ ist: Dysenterie. An die Rechtschreibung des 18. Jahrhunderts muss sich der heutige Leser etwas gewöhnen. Unter einem „Perr Späck Tüff“ hat man sich ein „Perspektiv“ vorzustellen, was wohl dasselbe ist wie ein Fernrohr oder Opernglas.

Das Abenteuer namens Stadtleben

Die fünf jungen Menschen, die in diesen Briefen auftreten, leben also in einer recht interessanten Zeit des privaten, aber auch gesellschaftlichen Übergangs. Sie machen auf dem Lande allerlei Entdeckungen und geraten dabei in die groteskesten Situationen. Vier brennen durch und gelangen in die städtische Gesellschaft. Die am weitesten entwickelte Dame, das liebe Fiekchen, bekommt es dort mit der Polizei zu tun, doch der Herr Kommissar lässt mich sich reden – solange sie bereit ist, für ihn Spitzeldienste zu leisten und gelegentlich in „Naturalien“ zu bezahlen.

Die Wechselfälle des Schicksals treffen alle vier gleichermaßen, doch nur einer kommt gut davon. Ernestinchen zieht mit ihres Rittmeisters Soldaten, aber als „Frau Vizetrompeter“. Heinrich wird von den Werbern eines Königs (Preußen?) schanghait und eingezogen, worauf er gleich ins Feld muss. Fiekchen verliert all ihr sauer verdientes Geld an einen „Chevalier de la Fortune“ und zieht sich eine venerische Krankheit zu. Nur Wilhelm scheint es gut getroffen zu haben, aber er weiß, wie lange noch, wo er doch mit der Frau seines Brotherrn herumpoussiert?

Unterm Strich

Die 25 Briefe warten mit einer solchen Fülle von Geschehnissen, Namen und Entwicklungen auf, dass ich sie nur portionsweise bewältigen konnte. Dennoch reichen ein bis zwei Tage locker für die Lektüre. Die fünf jungen leute, die im Mittelpunkt stehen, erleben die haarsträubendsten Abenteuer, und das sorgt natürlich für jede Menge Unterhaltung.

Der Roman lässt sin zwei Hälften unterteilen. Die erste spielt auf dem Lande, die zweite in der Stadt. Das sorgt für zahlreiche Kontraste, wobei sich der Leser fragen könnte, ob die jungen Leute nicht besser daheim geblieben wären, so verkommen ist die Gesellschaft, auf die sie in der Stadt stoßen. Besonders auf die Soldaten ist nie Verlass, wie es scheint. Die bürgerliche Schicht ist auf Eigennutz bedacht, und die Polizei weiß ein schlaues Mädel für ihre Zwecke zu nutzen. Wie oben schon angedeutet, geht das Abenteuer „Stadt“ für drei der vier Landeier schlecht aus, und Wilhelm müssen wir unbedingt die Daumen drücken.

Fazit: 3,5 von 5 Sternen.

Hinweis: Bei Moewig erschien dieses Buch unter dem Titel „Schule des Amor“ anno 1981.

Taschenbuch: 86 Seiten
ISBN-13: 9783499148767

www.rowohlt.de

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