Kate Atkinson – Die Unvollendete

„Ursula Todd kann ihr Leben wieder und wieder leben und die Fehler, die sie macht, korrigieren.“ – so liest man es auf dem Klappentext des Romans „Die Unvollendete“ von Kate Atkinson. Das erinnert sofort an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus den 1990er Jahren, der auch heute noch häufiger im TV wiederholt wird. Der Komiker Bill Murray, der in diesem Streifen einen übellaunigen Reporter spielt, muss jeden Tag aufs Neue ein und denselben Tag durchleben, bis er endlich alles richtig macht und am nächsten Morgen aufwachen darf. Witzig! Ist es aber auch noch witzig, wenn der Murmeltiertag ein ganzes Leben umfasst? Nein, ganz und gar nicht.

Atkinsons Ursula, die den Tod bereits im Namen trägt, stirbt so oft wie vermutlich noch keine Heldin vor ihr in einem Roman, denn sie wird wieder und wieder geboren. Manchmal erlebt sie nicht einmal die Stunde ihrer Geburt im Jahr 1910. Manchmal schafft sie es bis zum Zweiten Weltkrieg. Mal ist sie glücklich verheiratet mit Kind, mal mit einem brutalen Ehemann geschlagen. Immer wieder ereilt sie ein anderes Schicksal, denn im Laufe ihrer diversen Leben entwickelt sie ein dé-ja-vu-ähnliches Gespür dafür, welche Situationen sie vermeiden muss, damit ihr und den Menschen um sie herum nichts geschieht. So gelingt es ihr, ihren Lebensfaden immer ein Stückchen weiterzuspinnen, ja, ihr Leben vielleicht am Ende sogar bewusst zu lenkens.

So zahlreich wie die Schicksale Ursulas sind, so zahlreich sind auch die Emotionen, die der Leser mit ihr durchlebt: Trauer und Entsetzen, Erleichterung, Glück und Freude, Verwirrung und Klarheit. Die Geschichte ist von vorn bis hinten schlüssig konzipiert und, was in dem einen Leben noch weniger wichtig ist, kann im nächsten schon eine tragende Rolle spielen. Daher ist man als Leser zu ständiger Aufmerksamkeit gezwungen. Trotz der etwas langsamen Erzählweise kommt bei der Schilderung besonders der mit dem zweiten Weltkrieg verbundenen Lebensabschnitte, auch Spannung auf. Diese resultiert daraus, dass man als Leser darauf wartet, wie Ursula eine schwierige Situation aus einem vorhergehenden Leben aktuell meistern wird. Hervorheben kann man da beispielsweise den Zeitstrang in dem sie zum Bekanntenkreis von Eva Braun gehört. Man hofft sogar mit ihr, obwohl man bereits weiß, wie die Geschichte ausgehen wird.

Dabei erzählt die Autorin nicht nur die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern die Geschichte einer ganzen Familie, die sich im Spannungsfeld zwischen der traditionellen Lebensweise auf einem englischen Landsitz und der sich rasch verändernden Metropole London, der Technisierung des Lebens, dem Krieg sowie der Emanzipation der Frau entwickelt. Um diese Umgebungen detailliert darzustellen und die Stimmung dieser einzelnen Jahre heraufzubeschwören, nimmt sich Kate Atkinson viel Zeit. Wer kein Anhänger von historischer Detailverliebtheit ist, der wird bei den ausführlichen Beschreibungen von Handlungsorten und den zahlreichen Nebenfiguren auf eine harte Probe gestellt. Der Roman ist wesentlich anspruchsvoller als „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Doch er lohnt sich. Was wäre schließlich, wenn man sein Leben stets neu leben und alle Fehler korrigieren könnte?

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 585 Seiten
Originaltitel: Life After Life
Übersetzung: Anette Grube
ISBN: 9783426199817

www.droemer-knaur.de

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