Kay, Guy Gavriel – Komplott, Das (Sarantium 1)

Der vierteilige Doppelroman entführt den Leser in eine spätantike Zeit mit anderen Namen und anderem Geschichtsverlauf, doch es ist deutlich, dass Sarantium dem alten Byzanz (Ost-Rom) entspricht: Den Bänden sind Zitate aus dem Gedicht „Sailing to Byzantium“ des irischen Dichters W. B. Yeats vorangestellt.

Der 2001 bei |Heyne| veröffentlichte Zyklus besteht aus folgenden Bänden:

1) Das Komplott (06/9141)
2) Das Mosaik (06/9142)
3) Der neunte Wagenlenker (06/9165)
4) Herr aller Herrscher (06/9166)

_Der Autor_

Der kanadische Autor Guy Gavriel Kay, geboren 1954, erlangte frühe Verdienste, indem er Christopher Tolkien half, den Nachlass J.R.R. Tolkiens so aufzubereiten, dass die riesige Vorgeschichte des „Herrn der Ringe“ in einem Band namens „The Silmarillion“ 1977 veröffentlicht werden konnte. Ein schönes Stück Arbeit, aber eigentlich nur etwas für Tolkien-Fanatiker.

Acht Jahre später begann Kay, selbst eine Fantasy-Trilogie zu veröffentlichen „The Fionavar Tapestry“: Fünf amerikanische Studenten geraten in eine Anderwelt, die zwischen einem Patriarchat und einem Matriarchat zerrissen ist. Die mythischen Gestalten, auf die sie stoßen, erweisen sich als Vorbilder für unsere eigenen Götter und Mythen, quasi die Vorlagen. (Dies erinnert an Robert Holdstocks Mythago-Gestalten in „Mythenwald“ und den nachfolgenden Romanen.)

Auch seine späteren Romane erkunden Konflikte zwischen unterschiedlichen Kulturen, ebenfalls in Welten, die von unserer leicht abweichen, allerdings in neuzeitlichen Dimensionen. Fantasy und historischer Roman vermischen sich in den Büchern „Tigana“, „Das Lied von Arbonne“, [„Die Löwen von Al-Rassan“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=558 und zuletzt „Die Reise nach Sarantium“.

Dies sind keine eskapistischen Fantasien, sondern realistische Spekulationen, in die sich fantastische Elemente ebenso mischen wie die dunkleren Aspekte des Lebens. Der Leser muss darauf gefasst sein, dass die eine oder andere seiner Lieblingsfiguren den Ausgang nicht erlebt.

_Handlung_

Kaiser Valerius II. von Sarantium hat den Bau eines gewaltigen Tempels zu Ehren des Sonnengottes Jad beschlossen. Das Bauwerk soll sein Lebenswerk krönen. Natürlich muss die große Kuppel mit einem entsprechend prächtigen und kunstvollen Mosaik geschmückt werden. Seinem Obersten Kämmerer Gesius ist der Name Martinian genannt worden: Er sei der beste Mosaikmeister des sarantinischen Reiches.

Und so macht sich ein trotteliger kaiserlicher Kurier auf den langen Weg nach Batiara zu Meister Martinian. Er braucht viel länger als vorgesehen, und als er endlich ankommt, tritt er so ungeduldig und hochnäsig auf, dass sich der wahre Martinian verleugnen lässt und ihn weiterschickt zu Caius Crispus, kurz Crispin. Und Crispin aus Varena ist die Hauptfigur der Geschichte.

Crispin ist ein ernster und rechtschaffener Mann. Er hat seinen Vater in den Kriegen gegen die nördlichen Barbaren verloren, seine Frau und seine zwei geliebten Töchter aber an die Pest im vorigen Sommer. Dennoch sind seine Mosaiken die besten, die man in Batiara kaufen kann. Martinian sieht im Auftrag des Kaisers die Chance, Crispin zur ruhmreichen Krönung seines Lebens, ja, vielleicht sogar zu neuer Lebenshoffnung zu verhelfen.

Doch bevor er abreisen kann, muss Crispin noch zwei wichtige Menschen treffen. Der eine ist die Königin Gisel. Ihr Auftrag besteht in einer Top-Secret-Botschaft an den Kaiser im Osten: Sie könne seine Frau werden, wenn er beschließe, Batiara vom Vasallenstaat zur Provinz zu machen. Dadurch hofft sie, ihr Leben, das verschiedene Adelige und Stammesführer bedrohen, zu bewahren. Sie versiegelt Crispins Lippen mit der Androhung der Todesstrafe.

Der zweite Mensch ist der Alchimist Zoticus. Der Magier beherrscht den Transfer von Seelen in künstliche Körper, und einen solchen beseelten Vogel namens Linon gibt er Crispin mit auf die Reise, nebst einer Straßenkarte und einer Liste von Kontakten in Sarantium. Ein äußerst hilfreicher Mann, der alte Zoticus, wie sich zeigt. Mit Linon spricht Crispin per Gedankenübertragung: Telepathie.

Auf seiner Reise heuert Crispin einen Diener namens Vagros an und kehrt in der Nähe des Alten Waldes von Sauradia in einer kaiserlichen Poststation ein. Dort fleht ihn die Sklavin Kasia an, sie vor dem Geopfertwerden am Fest der Toten, das am folgenden Tag stattfindet, zu retten. Eine knifflige Sache, denn mit einheimischen Sitten ist bekanntlich nicht zu spaßen. So eine Einmischung kann übel enden. Doch Kasia erinnert Crispin an seine Töchter und so versucht er sein Bestes, sie davor zu bewahren, dem barbarischen Waldgott Ludon geopfert zu werden. Götter wie Ludon stammen aus der real existierenden „Zwischenwelt“, mit der sich Zoticus gut auskennt.

Die Rettung gelingt zwar zunächst aufgrund von Crispins Listen, doch Gott Ludon besteht auf einem Opfer. Und mit seiner riesigen Gestalt eines Bisons sieht er eindrucksvoll genug aus, dass selbst einem Mann wie Crispin das Herz schier stehen bleibt. Da erhält Crispin Hilfe von unerwarteter Seite.

_Mein Eindruck_

Der erste Band des umfangreichen Doppelromans „Die Reise nach Sarantium“ besteht also, nach einem umfangreichen Prolog, vor allem aus einer Reise und der Bewältigung ihrer Gefahren. Dabei erfährt Crispin, was in ihm steckt und stellt überrascht fest, dass ihm doch etwas am Leben liegt. Aber auch er hat nicht mit einem solchen Wesen wie Ludon gerechnet. Auch nicht damit, dass er imstande sein würde, wieder eine Frau zu lieben oder einen Offizier des sarantinischen Heeres herumzukommandieren.

Die Reise nach Sarantium ist also für Crispin nicht nur eine Erkundung seiner Welt, sondern vor allem auch eine Erfahrung dessen, was in ihm steckt. An seinen Erfahrungen wächst er. Und erstaunt stellt er fest, dass ihm sowohl sein Diener als auch die Sklavin Kasia, nachdem er sie freigelassen hat, freiwillig in die Metropole folgen wollen. Was mag wohl an ihm sein, das solche Loyalität weckt?

Crispin ist anders als alle Männer, die seine Gefährten sonst kennen gelernt haben. Die Welt dieser Spätantike mit ihrer erfundenen Historie ist eine Welt, die ständig von Barbaren und ihren unmenschlichen Sitten bedroht ist. Was nicht heißen soll, dass auch Sarantiner gegen barbarisches Verhalten gefeit seien. Und dann kommt auf einmal ein gebildeter Mann daher, der sich als einfacher Handwerker ausgibt, aber einen kaiserlichen Geleitbrief vorweisen und Philosophen zitieren kann. Kein Wunder, dass es etliche Leute gibt, die mit ihm nicht einer Meinung sind. Er handhabt die Dinge auf eine neuartige, ungewöhnliche Weise. Und wer weiß, was er in der Metropole verändern wird.

Diese Metropole ist, wie der siebzigseitige Prolog veranschaulicht, das reinste Haifischbecken, in dem Volksaufstände, Auftragsmord und Intrigenspiele an der Tagesordnung sind. Kaiser Valerius II. selbst ist durch einen inszenierten Putsch an die Macht gelangt, seine Gattin Alixana war früher mal, obwohl man das nur zu munkeln wagt, eine Prostituierte. Valerius zahlt den Barbaren an seinen Grenzen lieber hohe Bestechungssumen statt sie zu unterwerfen. Kein Wunder, dass die Truppen mit ihm keineswegs zufrieden sind: Sie haben deswegen seit einem halben Jahr keinen Sold mehr gezahlt bekommen.

Es brodelt an allen Ecken und Ecken – der Normalzustand für die Hauptstadt eines Weltreiches. Ob Crispins Botschaft der Königin des fernen Batiara wohl auf offene Ohren stoßen wird? Zweifel sind berechtigt.

_Unterm Strich_

Der erste Band stellt die Hauptfigur Crispin vor: ein ungewöhnlicher Mann für diese spätantike Zeit. Wir lernen seine Vergangenheit und sein offensichtliches wie auch verborgenes Innenleben kennen. Er erhält zwei Aufträge, einer so gefährlich wie der andere, lernt zwei Gefährten kennen und begegnet zwei Göttern. Seine Reise ins ferne Sarantium scheint nicht nur sein Leben umzukrempeln, sondern auch seine Umgebung zu verändern. Das könnte ziemlich spannend werden.

Dabei ist Kays Roman durchaus nicht auf die gewohnte Action ausgerichtet, obwohl er es an Tempo nicht vermissen lässt. Religion, Philosphie, Kunst, Lebensbedingungen – alles findet hier seinen Platz und bildet den reichhaltigen Hintergrund eines fiktionalen Mosaiks, das sich mit jedem Band detailreicher und faszinierender ausbreitet. Die Landkarte erweist sich als hilfreich, um Crispins Reiseweg, der über Land führt, zu verfolgen.

|Originaltitel: Sailing to Sarantium, Part 1, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Irene Holicki|