Ken Follett – Die Nadel

Anno 1944: Ein deutscher Spion in der Liebesfalle

April 1944. Vor der schottischen Küste wartet ein deutsches U-Boot auf einen Spion. Man nennt ihn „Die Nadel“. Er hat bereits vier Mal getötet. Zwischen ihm und seinem Erfolg steht nur noch Lucy Rose, eine junge Engländerin. Doch wie soll eine einsame Frau, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und lange verdrängter Leidenschaft, einem Mann widerstehen, der zu allem bereit ist, um sein Ziel zu erreichen? (korrigierte Verlagsinfo)

„Die Nadel“ ist ein 1978 beim Futura-Verlag erschienener Roman von Ken Follett (Originaltitel: „Storm Island“ (GB) bzw. „Eye of the Needle“ (USA)). Er wurde 1981 unter dem gleichnamigen Titel verfilmt (u. a. mit Donald Sutherland) (engl. Titel: „Eye of the Needle“). Es gibt also einen erheblichen Wirrwarr um diesen Roman. Mehr dazu in der Wikipedia unter ((https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Nadel)). Leider ignoriert deren Inhaltsangabe den Epilog, kann also nicht auf der vollständigen Ausgabe beruhen.

Ich bespreche die 40. Auflage von 1998, die ungekürzt und illustriert ist.

Der Autor

Der Waliser Ken Follett, geboren 1949, von Beruf Journalist, war 27 Jahre alt, als er den Thriller „Die Nadel“ schrieb, in dessen Mittelpunkt ein deutscher Spion im englischsprachigen Ausland stand (großartig verfilmt mit Donald Sutherland in der Titelrolle). Damit wurde er schlagartig bekannt. Er ließ viele weitere Thriller folgen. Folletts größte Bucherfolge war indes die historische Kingsbridge-Trilogie („Die Säulen der Welt“ usw.), „Die Pfeiler der Macht“ und die Trilogie über „Kinder des Millenniums“, u.a. „Der Sturz der Titanen“ (2010) und „Winter der Welt“ (2012). Follett lebt abwechselnd in London und auf dem Land.

Handlung

Januar 1940.

Es ist bitterkalt, findet „Henry Faber“, als er sein Fahrrad durch verbarrikadierte Londoner Straßen schiebt. Er schaut sich gründlich um und merkt, wie sich die hauptverändert hat. Er lebt seit Jahren in England und erkennt die drastischen Unterschiede. Er weiß, dass schon zahlreiche seiner Standeskollegen vom Geheimdienst Seiner Majestät König Georges festgenommen worden sind. Der MI5, der für die Inlandsaufklärung zuständig ist, zeichnet auch für die Radiosendung „It’s that man again“, in der nach einem Spion gesucht wird. (Henry Fabers richtiger Name, unter dem das MI5 ihn kennt, lautet Henrik Rudolph Hans von Müller-Guder und er wurde am 26. Mai 1900 in dem Dorf Oln in Westpreußen geboren.)

Auch an diesem Abend sendet die BBC dieses Hörspiel. Mrs Garden, Henrys Vermieterin, wird unruhig und fängt an zu trinken. Die anderen Mieter sind ausgegangen, und da ist dieser gutaussehende, alleinstehende Mann im oberen Stockwerk. Sie überlegt sich, was er dort wohl so einsam und allein treiben mag. Sie ist ja keine Scheintote, ganz im Gegenteil. Als sie der Alkohol genügend ermutigt hat, geht sie nach oben und öffnet mit ihrem Generalschlüssel seine Tür.

Er sitzt vor einem Funkgerät und dreht sich schnell zu ihr herum. Als sie auf ihn zugeht, um ihr amouröses Anliegen zu verdeutlichen, nimmt er sie freundlich in den Arm. Plötzlich verspürt sie einen scharfen Stich im Rücken, doch der Schmerz will einfach nicht verschwinden. Sie wird schwach und sinkt zu Boden. Die Nadel hat wieder zugestochen. Mrs Garden hat zwei Fehler begangen. Sie hat das Gesicht des Top-Spions gesehen – und das Funkgerät, mit dem er die Zentrale der Abwehr in Hamburg über die englischen Kriegsanstrengungen informiert. Henry Faber macht sich schleunigst aus dem Staub.

Herbst 1940.

Es ist Lucys glücklichster Tag. Sie heiratet David Rose, heimlich bereits von ihm schwanger, und macht ordentlich einen drauf, bevor er wieder zu seinem Fliegerhorst zurückkehrt. David will unbedingt die Deutschen als Fliegerass der Royal Air Force bekämpfen. Schließlich drohen die Krauts ja schon mit einer Invasion. Doch auf dem Heimweg fährt David viel zu schnell und kann dem ebenfalls mit abgeblendeten Scheinwerfern fahrenden LKW nicht mehr ausweichen.

Beide überleben, doch David verliert seine Unterschenkel. Ein Glück, dass seine Familie eine Insel vor Schottlands Ostküste ihr Eigen nennt: Auf Storm Island wird David Schafzüchter, freundet sich mit dem alten Tom an, der zur Königlichen Luftbeobachtertruppe gehört und über ein leistungsstarkes Funkgerät verfügt. Lucy bringt in Aberdeen ihr Baby zur Welt und zieht den Jungen, Jonathan, groß. Ihr größter Kummer: Seit dem Unfall will David nicht mehr mit ihr schlafen, weiß Gott warum. Sie beschließt, tapfer zu sein. Die 16 km lange Insel ist groß genug, dass vier Menschen auf ihr leben können.

Frühjahr 1944.

Professor Percival Godliman ist eigentlich Historiker in Cambridge, doch seit Herbst 1940 arbeitet für den MI5. Sein „Onkel Terry“ hat ihn angeworben. Inzwischen muss er sich eingestehen, dass ihm das Entziffern und Entschlüsseln von feindlichen Funksprüchen Spaß macht. Außerdem mag er es, Lücken zwischen Indizien zu füllen. Das ist ihm schon bei seinem Buch über Heinrich II. zugutegekommen, das zu einem heimlichen Bestseller gemausert hat.

Inzwischen bereiten die Alliierten die Invasion des Kontinents vor. Die Landungen in Nordafrika, Sizilien, Süditalien und Südfrankreich reichen natürlich nicht: Sie haben nur den Charakter von Nadelstichen. Den Hauptschlag soll die Invasion in der Normandie bringen. Aber die Deutschen sollen möglichst lange glauben, dass die Invasion an der engsten Stelle, bei Calais, erfolgen werde. Dort soll das FUSAG, General Pattons Panzerarmee, landen. Der Pfiff dabei: Das FUSAG besteht nur aus Attrappen, die die deutschen Aufklärungsflugzeuge täuschen sollen. Nicht auszudenken, was passierte, wenn es der „Nadel“ gelänge, die Tarnung auffliegen zu lassen. Es ist von höchstem nationalem Interesse, dass die „Nadel“ keine Bilder davon machen und diese außer Landes schaffen kann, beispielsweise per U-Boot.

Ostengland

Doch genau dies passiert. Henry Faber hat es geschafft, sich bis in Sperrgebiet vorzuarbeiten und dort mit erstaunten Augen zu knipsen, was man nur als eilends zusammengenagelte Attrappen bezeichnen kann. Doch auf dem Rückweg verlässt ihn sein Glück: Eine Patrouille der Bürgerwehr erwischt ihn. Die vier Leichen, die er hinterlässt, machen keinen guten Eindruck auf die lokale Polizei. Diese verständigt lieber den Scotland Yard und der wiederum MI5. Prof. Godliman, Onkel Terry und der junge Detective Bloggs, ebenfalls ein Witwer, begeben sich an den Tatort. Die Handschrift der „Nadel“ ist eindeutig: winzige Stiche von einem Stilett ((https://de.wikipedia.org/wiki/Stilett)), mitten ins Herz. Bloggs löst eine Großfahndung aus und beteiligt sich selbst daran.

Glücklicherweise hat er einen Augenzeugen, einen jungen Mann, der in der Pension der unglückseligen Mrs. Garden logierte, als dieser „Mr. Faber“ ebenfalls dort wohnte. Durch diesen Vorteil gelingt es Bloggs, die „Nadel“ im Zug nach Glasgow einzukreisen. Leider ist der junge Mann dem Stich kalten Stahls in seinem Herzen nicht gewachsen. Die „Nadel“ entkommt nach Aberdeen…

Storm Island

Lucy Rose traut ihren Augen kaum, als sie in der Nacht nach dem Beginn des Orkans Klopfgeräusche hört und nachsehen geht: ein fremder Mann in zerrissenem Ölzeug fleht sie um Hilfe an. Sie kann nicht anders, als ihn ins warme Innere ihres Hauses zu ziehen. Der verkrüppelte David kann ihr dabei ebenso wenig helfen wie der kleine Jonathan. Erst als sie dem halb bewusstlosen Fremden die nassen Kleider auszieht, bemerkt sie das ungewöhnlich lange Messer, das er an seinen Unterarm geschnallt hat. Doch da ist es bereits zu spät, um das Unheil noch aufzuhalten…

Mein Eindruck

„Henry Faber“ trifft Lucy am Ende seiner Fluchtstrecke, die ihn durch das halbe Königreich geführt hat. Lucy lernt Henry kennen, als es mit ihrer Ehe schon längst aus ist und sie keine Perspektiven mehr hat: Kinder wird vom verbitterten David bestimmt keine mehr bekommen – er verweigert ihr den Beischlaf, obwohl er dazu körperlich in der Lage wäre. Es treffen also zwei relativ verzweifelte Menschen aufeinander, die am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt zu sein scheinen. Doch das ist nicht von Dauer.

Henry hat einen Auftrag, eine Botschaft und einen Abholer – das U-Boot, das ihn nach Deutschland bringen soll, direkt zum Führer. Hitler ist nach Angaben des letzten (tödlichen) Kontakts voll im Bilde, was Faber gerade durchmache. Schließlich wird der britische Funkverkehr abgehört wie umgekehrt auch der deutsche. Deshalb hat er mit der Kriegsmarine die Abholung per U-Boot angeordnet, zu einer bestimmten zeit an einem bestimmten Ort an der schottischen Ostküste.

Während Faber auf diese Übergabe hinarbeitet, unterläuft ihm ein fataler Fehler: Er findet dennoch genügend Zeit, sich mit Lucy, der erotisch völlig ausgehungerten Frau, den Freuden der Liebe hinzugeben. Dabei gelingt es ihm routiniert, seine Fassade als Seemann und Gentleman aufrechtzuerhalten – bis auf einmal David verschwindet.

Romeos und Julias Utopia

Auf der Ebene des Ich und Du funktioniert diese Romeo-und-Julia-Geschichte: Mann und Frau stammen aus feindlich gegenüberstehenden Ländern, können sich aber einer körperlich-emotionalen Ebene bestens verständigen und Vertrauen herstellen. Wäre es nicht schön, wenn dies auch ihren jeweiligen Nationen gelänge, sobald sie ihre Animositäten überwunden haben?

Misstrauen

Auf der Wir-Ebene hört dieses Vertrauen allerdings auf: David misstraut dem Fremden nicht ohne Grund, sind doch die Umstände von Fabers Ankunft höchst ungewöhnlich, um nicht zu sagen: verdächtig. David hat wahrscheinlich per Funkgerät – sein Kumpel Tom ist ein registrierter Luftraumbeobachter – auch etwas von der Hetzjagd auf den deutschen Spion mitbekommen. Und als er dessen „gut versteckte“ Fotos von Flugzeugen statt von Booten entdeckt, erhält sein Misstrauen neue Nahrung. Warum sollte jemand Bomber fotografieren, wenn er doch vorgibt, Seemann oder gar Angler zu sein?

Aggression

Faber möchte eigentlich nur möglichst bald von der Insel runter und per U-Boot abhauen. David lässt ihm dazu keine Chance: Er bedroht den angeblichen Spion mit einer Schrotflinte. Wie vorauszusehen, geht aus dem anschließenden Kampf zwischen einem topfitten Agenten und einem Krüppel der Spion als Sieger hervor. Das Verschwinden Davids bleibt Lucy nicht lange verborgen: Sie hat einen Mörder und routinierten Lügner in ihrem Haus. Ihr Mutterinstinkt, der ihr den Schutz ihres kleinen Sohnes befiehlt, schaltet sofort auf Verteidigung, Täuschung und Abwehr, so als wäre sie ein Ableger des MI5.

In der Verfilmung kommt Lucys verzweifelter Überlebenskampf gegen ihren Liebhaber ebenso gut zum Ausdruck wie im (vollständigen) Roman. Jetzt endlich kommen alle Handlungsstränge zusammen: Godliman und Bloggs sprechen über Funk mit der verzweifelten Lucy, der einzigen Kämpferin auf dem mit zwei Männerleichen gespickten Eiland. Wird die Frau den Kampf für sich entscheiden können?

Die Übersetzung

Mal von den zusätzlichen Illustrationen, die jeden der sechs Buchteile einleiten, abgesehen wurden in dieser erweiterten Ausgabe offensichtlich die ursprünglich gekürzten Nebenszenen wieder eingefügt. Diese haben rein illustrativen Charakter und bringen die Handlung nicht weiter. Aber sie belegen, dass die Jagd nach der „Nadel“ (im Heuhaufen) eine landesweit betriebene und wahrgenommene Angelegenheit ist, nicht bloß ein geheimer Nebenschauplatz.

S. 116: „zu einem staubigen gekalkten italienisches (!) Dorf zu führen.“ Beim Korrigieren der Erstübersetzung wurde hier der Akkusativ ignoriert. Es müsste also „italienischen Dorf“ heißen.

Unterm Strich

Die Thrillerhandlung ist zunehmend spannend inszeniert, folgt aber dem bewährten Muster, das John Buchan in seinem Krimi „Die 39 Stufen“ vorgezeichnet hat; sogar die Flucht nach Schottland gehört zum Muster. Der Krimi wurde unter gleichem Titel von Alfred Hitchcock sehr erfolgreich verfilmt, quasi als Propagandabeitrag für die Erbauung der Heimatfront. Der Titel könnte auch lauten: „It’s that Man Again!“

Aber Follett zeichnet kein Schwarzweißbild mehr, denn die Revisionisten der mittleren und späten siebziger Jahre hinterfragen die alten Propagandalügen, etwa in „Die Brücke von Arnheim“. Waren die Deutschen wirklich alle skrupellose Monster während des Krieges? Die Luftwaffe bombardierte zwar London, die U-Boote versenkten zwar Schiff um Schiff (bis ca. März 1943), das in England dringendst erwartet wurde.

Aber der Roman spielt bereits kurz vor der Invasion 1944, die Wehrmacht ist in Russland auf dem Rückzug, ein Silberstreif am Horizont, Hoffnung keimt auf. Nun kommt es nicht mehr darauf an, Nazis direkt zu töten, sondern, die Deutschen und v.a. Hitler als Oberbefehlshaber darüber zu täuschen, wo die Invasion erfolgen wird. Diese Täuschung um jeden Preis aufrechtzuerhalten, darum dreht sich fast der gesamte Roman.

Ein Frauenherz

Aber lässt sich auch ein Frauenherz so einfach täuschen wie ein Oberbefehlshaber, der auf seinen Astrologen hört? Was ist Wahrheit, wenn jeder jeden täuschen kann? Ist eine verliebte Mutter mit ihren Instinkten in der Lage, die Fassade eines gewieften Spions zu durchschauen und ihn auszutricksen? In der patriotischen Interpretation, die der MI5-Agent Bloggs bevorzugt (und dies auch im Epilog noch betont), sind englische Frauen allesamt Hellseherinnen und potenzielle Heldinnen. Bloggs‘ von der „Luftwaffe“ getötete Frau Christine war so eine Heldin: als Ambulanzfahrerin im Bombenhagel. Als er Lucy als letzte Überlebende von Storm Island kennenlernt, fällt es ihm nicht ganz zufällig wie Schuppen von den Augen: Sie ist eine Heldin, wie sie im Buch steht – und wert, auf der Stelle geheiratet zu werden.

Unterschiede zur Verfilmung von 1981

An dieser Stelle kann ich nicht auf alle der zahlreichen Unterschiede zwischen Verfilmung und Buchvorlage eingehen (die Handlung wurde stark gekürzt). Nur so viel: Donald Sutherland als „Henry Faber alias Baker alias…“ machte seine Sache ebenso gut Nellie Trelligan, die die Lucy spielte. Sutherland wiederholte wohl seine Rolle des Casanovas aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Tatsächlich spielte er für Fellini Casanova selbst, hatte also einen Ruf zu verteidigen. Aber die Rolle als eiskalter Killer steht ihm ebenso gut.

Dass das Stilett der „Nadel“ durch ein ordinäres Schnappmesser ersetzt wurde, fand ich hingegen wenig glaubwürdig. Der Gehalt der Buchvorlage an erotischen Szenen und witziger Ironie ist weitaus höher als im Film, aber das dürfte niemanden wundern, der mit Hollywoods Prüderie vertraut ist.

Auch die deutsche Seite des Geschehens ist mit beachtlichem Kenntnisreichtum in Handlung umgesetzt worden. Ganz einfach deshalb, weil der Autor seinem Leser 30 Jahre nach dem Kriegsgeschehen haarklein erklären muss, warum die deutschen Panzerarmeen nicht in der Normandie standen, sondern weiterhin im Deutschen Reich…

Taschenbuch: 414 Seiten
Originaltitel: Storm Island, 1978;
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter, ergänzt von Walter Bodemer;
ISBN-13: 978-3404100262

www.luebbe.de

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