Kim Stanley Robinson – Das wilde Ufer (Kalifornien-Trilogie 1)

Huckleberry Finn auf dem Friedhof der Zivilisation

Es gab einmal eine Zeit, da war Amerika die mächtigste Nation der Erde. Doch nach einem nuklearen Krieg ist das Land verwüstet, die großen Städte sind zerstört, die Bevölkerung ist nahezu ausgerottet. Die Völker der Vereinten Nationen wachen mit aller Strenge darüber, dass die wenigen, in kleinen Siedlungen verstreut lebenden Nachkommen der Kriegsgeneration nie mehr eine Chance bekommen, das Land wieder aufzubauen. Bis eines Tages in einem kleinen Fischerdorf an der kalifornischen Küste zwei Fremde auftauchen und in dem siebzehnjährigen Henry der Traum von einem wiedervereinten Amerika erwacht … (Verlagsinfo)

Kim Stanley Robinson schreibt seit rund 40 Jahren. Mit seinem Erstlingsroman „Das wilde Ufer“, dem ersten Band seiner Kalifornien-Trilogie, errang Robinson sogleich höchste Auszeichnungen im Genre „Zukunftsroman“. Nur William Gibsons SF-Roman „Neuromancer“ verhinderte, dass „Das wilde Ufer“ beim Nebula Award 1984 auf den ersten Platz kam. Und das ist beileibe keine schlechte Konkurrenz.

Der Autor

Kim Stanley Robinson, geboren 1952 und passionierter Bergsteiger, gehört seit seiner Doktorarbeit über Philip K. Dick und diversen Romanen zur Autoren-Mannschaft, die Mitte der achtziger Jahre als „Humanisten“ bezeichnet wurde. Damit stellte man ihn in Opposition zu den neuen „Cyberpunks“ um William Gibson und Bruce Sterling, die neue Techniktrends aufgriffen und kritisch verarbeiteten. KSR selbst hat es stets als lächerlich abgelehnt, dieses Etikett auf sich selbst anzuwenden. Er legte in seiner bekannten Orange County Trilogie (The Wild Shore; The Gold Coast; Pacific Edge; 1984-1990) mehr Wert auf gute Charakterisierung der Figuren, eine Vision gesellschaftlicher Entwicklung und die Überzeugungskraft seiner Ideen. Das hat mir immer am besten an seinen Büchern gefallen.

Wesentlich bekannter wurde Robinson mit seiner Mars-Trilogie Red Mars, Green Mars und Blue Mars, die einmal zu einer Kurzserie fürs Fernsehen gemacht werden sollte. Danach folgten die umfangreichen Romane „Antarktika“ (Umweltthriller) und „The Years of Rice and Salt“ (Alternative History), dem eine Romantrilogie über den Klimawandel folgte. Im Herzen ist KSR stets ein Erforscher und Warner.

Übersetzte Werke

1) Das wilde Ufer
2) Goldküste
3) Pazifische Küste
4) Roter Mars
5) Grüner Mars
6) Blauer Mars
7) Flucht aus Kathmandu
8) Geschöpfe der Sonne
9) Die Marsianer
10) Antarktika
11) New York 2312
12) New York 2140
13) Aurora
14) Schamane
15) Die eisigen Säulen des Pluto
16) Sphären-Klänge

Handlung

Nach einem Atomkrieg, der mit Neutronenbomben geführt wurde, versuchen die Menschen in einem Kalifornien des Jahres 2047 ohne jede Technologie zu überleben. Die USA sind zum unbedeutenden Agrarland geworden. Die Vereinten Nationen haben die Oberhoheit über die Ununited States of America übernommen und schotten das Land völlig ab, um so einen Krieg um das Gebiet unter den Weltmächten – allen voran Nippon – zu verhindern.

Von der Urgemeinschaft über die Familie bis zur ersten Vereinigung von Siedlungen zeichnet der Roman die erste Phase der menschlichen Kulturgeschichte nach. Der Leser erlebt diesen Prozess durch die Augen des halbwüchsigen Jungen Henry, der ebensolche Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden hat wie etwa Huckleberry Finn – und genauso abenteuerlustig ist.

Dies ist das nachträglich geschriebene Tagebuch unseres „Helden“ Henry. Es beginnt frech und unerschrocken mit einem nächtlichen Streifzug über einen alten Friedhof auf der Suche nach silbernen Sarggriffen. Liebe spielt eine (humorvolle) Rolle, aber auch die Begegnung mit fremden Besuchern und ihren Dorfgemeinschaften. Das Tagebuch endet mit mehr oder weniger melancholischen Überlegungen über Sinn oder Unsinn eines wiedererstarkten Amerika (es war die Reagan-Ära!) und seine eigene Rolle dabei.

Mein Eindruck

Neben einem Entdeckungs- und Abenteuerroman steht als auch die Selbstfindung Henrys im Mittelpunkt. Seine Erfahrungen, Erlebnisse, sein allmähliches Bekanntwerden mit dem wenigen noch vorhandenen Wissen über die versunkenen USA sowie seinen Überlegungen darüber wird dezent eine gewisse Sorge über die damals aktuelle Reagan-Politik deutlich. Dieses Buch ist also ein amerikanischer Bildungsroman in der Tradition von Steinbeck und Hemingway, mit Anklängen an Mark Twains Satiren.

Der Ton ist ruhig und unaufgeregt, bis auf ein paar brisante Situationen, die die Spannung aufrechterhalten. Action gibt es nur wenig und noch weniger Genre-Gimmicks. Dieser Roman kommt nicht aus dem Science-Fiction-Ghetto, sondern bricht in es ein. Deshalb besteht ein wichtiger zweiter Aspekt um das Erzählen von Geschichten und Historie. Das Thema wird so ganz nebenbei in Henrys Begegnungen mit dem alten Legendenerzähler Tom angeschnitten. Kann Henry Toms Erzählungen wirklich Glauben schenken, fragt er sich.

Es geht auch um die Bedeutung von Schreibenden und Lesenden, ihre Notwendigkeit füreinander, zuweilen ihr Einssein. Wozu schreibt man (eine) Geschichte auf, fragt sich der junge Entdecker. Für einen selbst oder für die Nachwelt? Und wenn man dann geschrieben hat, ist das Buch dann die Wahrheit – oder nur Halb-Wahrheit, die einen bestimmten Zweck erfüllen soll? All diese Fragen sind grundlegend für die moderne kritische Literatur, und der Autor kannte sie aus dem Effeff, hat er doch selbst eine Doktorarbeit in Englischer Literatur verfasst, die Philip K. Dick zum Thema hatte.

In Inhalt, Sprache und Atmosphäre ähnelt dieses fesselnde Buch am ehesten noch John Crowleys wunderbar schrägem Bildungsroman „Maschinensommer“, ist aber wesentlich realitätsnäher und Yankee-hafter (Hemingway usw.). Die Übersetzung bringt den Ton angenehm ins Deutsche.

Robinson, der im Orange County an der kalifornischen Küste südlich von Los Angeles aufgewachsen war, kehrte hier wieder in seine Heimat zurück. Tatsächlich wurde eine ganze Trilogie daraus. Die Folgebände zu „Das wilde Ufer“ (1984) sind „Goldküste“ (1988) und „Pazifische Grenze“ (1990). Das Buch wurde seinerzeit sowohl von den Linken als auch von den Rechten angegriffen. „An einem Roman, den man von beiden Seiten angreifen kann, muss wohl etwas dran sein“, meinte dazu Robinson verschmitzt.

Das Buch gibt es mittlerweile auch als Kindle-E-Book aus dem Heyne-Verlag.

Taschenbuch: 494 Seiten
Originaltitel: The wild shore, 1984
Aus dem Englischen von Michael Kubiak
ISBN-13: 9783404240838

www.luebbe.de

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