Kim Stanley Robinson – Pazifische Grenze (Kalifornien-Trilogie 3)

Friedliches Ökotopia, in Würde gealtert

Wir schreiben das Jahr 2065. Kevin Claiborne hat sich auf den Bau „grüner“ Häuser spezialisiert, und arbeitet daran, aus El Modena ein modernes Ökotopia zu machen. Er gehört den „Grünen“ an, deren politische Gegner die New Federalists sind. Den einen geht es darum, nachhaltig und umweltschonend zu leben, die anderen verfolgen vor allem wirtschaftliche Interessen. Plötzlich findet Kevin sich in einer Auseinandersetzung wieder, die sich nicht mehr allein auf die politische Bühne beschränkt, und muss erkennen, dass hinter der Öko-Idylle Kräfte lauern, die ihre Ziele um jeden Preis erreichen wollen … (Verlagsinfo)

Der Autor

Kim Stanley Robinson, geboren 1952 und passionierter Bergsteiger, gehört seit seiner Doktorarbeit über Philip K. Dick und diversen Romanen zur Autoren-Mannschaft, die Mitte der achtziger Jahre als „Humanisten“ bezeichnet wurde. Damit stellte man ihn in Opposition zu den neuen „Cyberpunks“ um William Gibson und Bruce Sterling, die neue Techniktrends aufgriffen und kritisch verarbeiteten. KSR selbst hat es stets als lächerlich abgelehnt, dieses Etikett auf sich selbst anzuwenden.

Er legte in seiner bekannten Orange County Trilogie (The Wild Shore; The Gold Coast; Pacific Edge; 1984-1990) mehr Wert auf gute Charakterisierung der Figuren, eine Vision gesellschaftlicher Entwicklung und die Überzeugungskraft seiner Ideen. Das hat mir immer am besten an seinen Büchern gefallen.

Wesentlich bekannter wurde Robinson mit seiner Mars-Trilogie Red Mars, Green Mars und Blue Mars, die in naher Zukunft zu einer Kurzserie fürs Fernsehen gemacht werden soll. Danach folgten die umfangreichen Romane „Antarktika“ (Umweltthriller) und „The Years of Rice and Salt“ (Alternative History), dem im Juni 2004 ein weiterer Roman folgte: „Forty Signs of Rain“, der Startband seiner bislang unübersetzten CAPTIAL-CODE-Trilogie. Im Herzen ist KSR stets ein Erforscher und Warner.

Übersetzte Werke

1) Das wilde Ufer
2) Goldküste
3) Pazifische Küste
4) Roter Mars
5) Grüner Mars
6) Blauer Mars
7) Flucht aus Kathmandu
8) Geschöpfe der Sonne
9) Die Marsianer
10) Antarktika
11) New York 2312
12) New York 2140
13) Aurora
14) Schamane
15) Die eisigen Säulen des Pluto
16) Sphären-Klänge

Handlung

Am Ende der Reagan- und Thatcher-Ära schien zumindest der Start in die Grüne Revolution denkbar. Nun ist in Kaliforniens Orange County-Distrikt die Utopie der Ökologen Wirklichkeit geworden. Entsprechende Gesetze gelten in ganz Nordamerika, schädliche Industrie gibt es nur in der Erdumlaufbahn.

Kevin Claiborne, die Hauptfigur, ist ein grüner Architekt und frisches Mitglied des Stadtrates. In seiner Kindheit hat er sein Herz an Ramona Sanchez verloren, doch die ist mit dem Bürgermeister, Alfredo Blair, liiert. Pikant wird die Sache durch den Umstand, dass Kevin und Ramona in der einen Softball-Mannschaft spielen, Alfredo aber in der gegnerischen.

In Orange County leben die Eltern von Kevin, der Hauptfigur des Romans, der sich in Ramona verliebt, die aber schon von einem anderen umworben wird. Der andere, Alfredo, ist auch Kevins Gegenspieler bei Beratungen des Stadtrats, wenn es um die Bebauung eines bestimmten Hügels geht, der für die Wasserversorgung der Gemeinde wichtig ist.

Als sich Alfredo und Ramona nach einem Streit trennen, schlägt Kevins Stunde, sollte man meinen. Doch zeitgleich engagiert er sich für eine gute Sache. Blair will den Rattlesnake Hill zum Bauland erklären und darauf ein Technikzentrum bauen. Ein Plan, der ihm persönlich und seiner Firma Vorteile bringt, aber auch der Gemeinde.

Der Hügel ist jedoch für Kevin nicht irgendein x-beliebiger Platz: Es ist ein Stück Wildnis, mit dem er viele persönliche Träume und die Nähe zu seinem verehrten und geliebten Großvater Tom verbindet, einem einst erfolgreichen Anwalt, der sich zurückgezogen hat. Dieser Konflikt spitzt sich im Laufe der Handlung immer weiter zu, bis Kevin der rettende Einfall kommt…

Mein Eindruck

In Einschüben, die dem Tagebuch eines Immigranten aus der Zeit vor der Ökotopie entstammen, wird allmählich klar, wie schwer erkämpft Utopia ist – mit der Schlussfolgerung, dass Utopia nicht im Jahre 2000-irgendwas stattfindet, sondern in der Zeit dessen, der darüber liest, im Hier und Heute. Diese Utopisten versuchten nur das Beste aus einer verfahrenen Situation zu machen. Ein Appell an den Leser, sich für die Erhaltung der Schätze, über die die Menschheit noch verfügt – wie zum Beispiel den tropischen Regenwald – einzusetzen, bevor es zu spät ist.

Dies ist keine Techno-Science Fiction, sondern ganz am Menschen orientiert, an Menschen wie du und ich. Kevin bleibt uns genauso lebendig im Gedächtnis wie sein Großvater Tom, ein rüstiger Eremit, und Kevins Gefährtin aus der Wohngemeinschaft, Doris. Hinzukommen der Anwalt Oscar Baldarama, Nadeshda, deine russische Besucherin, die zu Toms Geliebter wird und Kevins Freund Hank. Die Beziehungskisten, die sich hier öffnen, erinnern aber nicht an Hedwig Courths-Mahler, denn Robinson bleibt genügend Realist, wie oben geschildert, um auch Scheitern zuzulassen.

SPOILER

Um es kurz zu machen: Kevin verliert am Ende beide Kämpfe. Ramona verständigt sich mit Alfredo, kehrt zu ihm zurück und heiratet ihn. Auch der Kampf um den Erhalt der Wildnis geht verloren – die Tage der Grünen sind gezählt, ihr Einfluss schwindet.

Doch Kevin zerbricht nicht an seiner Trauer oder seinem Selbstmitleid. Das Leben geht weiter. Der Gedanke, der unglücklichste Mensch auf der Welt zu sein, bringt Kevin zum Lachen. So endet eine der wenigen glaubwürdigen Utopien, die ich kenne.

Unterm Strich

Dies ist der dritte, abschließende Band in Robinsons Orange County-Trilogie, in der er sich mit der Entwicklung des 21. Jahrhundert auseinandersetzt. In „Das wilde Ufer“ beschrieb er, wie die Menschen nach einer atomaren Katastrophe ihr Land wieder aufbauen. „Goldküste“ war dem Szenario einer High-Tech-Welt gewidmet, in der der einzelne oft genug auf der Strecke bleibt. „Pazifische Grenze“ schildert eine ökologische Utopie. In Orange County liegt nicht nur Disneyland, sondern auch der Moloch Los Angeles – der denkbar ungeeignetste Ort für Ökotopia, sollte man meinen.

„Pazifische Grenze“ hat seinen Platz direkt neben „Das wilde Ufer“, was die lebendige Schilderung glaubwürdiger Charaktere in einer denkbaren Zukunft angeht. „Ufer“ mag zwar etwas heroischer und humorvoller sein, dafür ist „Pazifische Grenze“ entspannter und positiver gestimmt, so richtig kalifornisch in seinem Optimismus – jedenfalls für die Zeit Anfang der Neunziger.

Taschenbuch & E-Book: 349 Seiten
Originaltitel: Pacific Edge, 1990
Aus dem Englischen von Michael Kubiak
ISBN-13: 9783404241514

www.luebbe.de

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