King, Stephen – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V)

Die surreale Jagd des Revolvermanns Roland von Gilead auf den Mann in Schwarz und seine Suche nach dem „Dunklen Turm“ durch die westernähnliche Mitt-Welt begann bereits im Jahre 1982.

Stephen King spukten die Ideen zu seinem selbsterklärten Lieblingswerk schon seit seiner Jugend im Kopf herum. Man kann an der Serie, die alle 5-6 Jahre fortgesetzt wurde, auch gut stilistische Veränderungen Kings erkennen. Verglichen mit dem noch unausgegorenen ersten Band, in dem mit Roland eine der eindrucksvollsten Romanfiguren Kings entstand, ist der 5. Band „Wolfsmond“ („Wolves of the Calla“) bereits ein Brilliant. Die abschließenden zwei Bände werden im Sommer bzw. Herbst 2004 erscheinen.

King höchstpersönlich empfiehlt in dem fünfzehn Seiten langen Vorwort, das einen Überblick über die bisherige Handlung des Turmzyklus gibt, aber dennoch nicht ausreicht, um die Charaktere und Zusammenhänge dem Neueinsteiger wirklich nahezubringen:

Wer die Vorgängerbände „Schwarz“, „Drei“, „Tot“ und „Glas“ nicht kennt, der kann Wolfsmond nicht allzu viel abgewinnen. Er verdirbt sich selbst den Spaß! In der Tat ist der Dunkle Turm von King für sich und seine Fans geschrieben worden: Auch Wolfsmond enthält wieder zahlreiche Referenzen auf und sogar Charaktere aus anderen Werken Kings. Diese Kritik ist, wie das Buch, nur für Kenner des Turmzyklus gedacht. Alle anderen sollten etwas anderes lesen oder den Zyklus von vorne beginnen.

Die Handlung von „Wolfsmond“ ist schnell erzählt: King hat mit dem aus „Brennen muss Salem“ bekannten Pater Callahan eine neue Figur ins Spiel gebracht und die Weichen für die finalen Bände gestellt, der Großteil der Geschichte beschäftigt sich mit den Überfällen der namensgebenden Wölfe („Wolves of the Calla“) auf das Mitt-Welt-Farmernest Calla Bryn Sturgis.

Dort werden seit langer Zeit fast ausschließlich Zwillingspärchen geboren. Einigen der Zwillinge steht ein grausiges Schicksal bevor: Knapp alle 20 Jahre verkündet der Kurierroboter Andy den Angriff der Wölfe. Die Wölfe sind menschenähnliche Wesen mit Masken und futuristischer Bewaffnung, die mit ihren grauen Pferden auf Menschenraub gehen. Das geraubte Kind kehrt einige Wochen später zurück – „minder“ im Sprachgebrauch der Calla: Sie können oft kaum noch sprechen, sind unfruchtbare, lallende Idioten. Sie wachsen unheimlich schnell zu gigantischer Größe heran und sterben früh. Teilweise nutzt man sie als Zugtiere für Pflüge, damit sie einen Beitrag zu ihrer Ernährung leisten und nicht nur gefüttert werden müssen.

Die Dörfler suchen Hilfe; der nächste Überfall steht an und Pater Callahan gibt ihnen einen Rat: Wenn man selbst zu schwach ist, sich gegen die Wölfe zu wehren, muss man Killer anheuern. Roland und sein Ka-Tet befinden sich in der Nähe und werden von den Bewohnern um Hilfe gebeten…

Während Roland noch die Verteidigung der Calla plant, birgt Callahans Kirche ein dunkles Geheimnis: die mächtigste Zauberkugel der Hexe Rhea, die „schwarze Dreizehn“. Diese schickt seine Begleiter „flitzen“: Sie tauchen im New York des Jahres 1977 auf. Dort wollen Schergen des Turms ein Grundstück von Calvin Tower kaufen, auf dem die „Rose“ wächst, die Manifestation des dunklen Turms in dieser Welt.

Nur Susannah bleibt meist in Mitt-Welt: Sie ahnt noch nicht, was Roland den anderen nach und nach mitteilt: Sie ist schwanger – aber nicht von Eddy, scheinbar trägt sie die Brut eines Dämonen in sich. Nachts ergreift eine andere Persönlichkeit, Mia, von Susannahs Körper Besitz und füttert den Dämonenembyro mit rohem Fleisch, frisst Frösche und Ratten.

Der aus „Brennen muss Salem“ bekannte Pater Callahan erzählt von seinen Erfahrungen mit Vampiren: Sie haben ihm großes Leid zugefügt und seine Freunde angefallen, während er von ihnen gebissen, aber nicht zum Vampir gemacht wurde. Er hat dadurch besondere Fähigkeiten gewonnen und Erfahrung mit der „schwarzen Dreizehn“ und dem durch sie verursachten „Flitzen“. So kämpft das nun um Callahan verstärkte Ka-Tet in Mitt-Welt gegen die Wölfe und versucht in New York durch eine kleine Zeitreise mit Hilfe von Susannahs Vermögen das Grundstück mit der Rose zu erwerben… Erschwerend kommt hinzu, dass man diese über ihren Zustand aufklären muss und die Geburt des Dämonenkinds in Kürze bevorsteht. In letzter Minute vor dem Angriff können Jake und sein Bumbler Oy das wahre Wesen der Wölfe herausfinden und ihnen mit Rolands Hilfe eine Falle stellen.

Um auf den Punkt zu kommen: Wolfsmond ist der bisher beste Teil der Turm-Saga – auch wenn einige herbe Wermutstropfen den Spaß trüben.

Erzähltechnisch und vom Schreiberischen ist Stephen King auf dem Gipfel seines Schaffens; keiner der Vorgänger konnte so geschickt ein so surreales Szenario wie das der Wölfe und der Calla einführen, ohne dabei in verwirrenden Längen und Belanglosigkeiten auf der Stelle zu treten. Pater Callahan ist eine überraschende, aber gelungene Ergänzung des Ka-Tets um Roland – mit dem Bumbler Oy und ihm mittlerweile ein Sextett.

Der Teil um die Vampire und Callahans Geschichte wird sich leider nur Kennern des Romans „Brennen muss Salem“ zur Gänze erschließen, kann aber auch ohne Kenntnisse als eigenständige Horror-Geschichte überzeugen.

Kritik muss ich an unnötigen Spielereien Kings üben: Die Wölfe werden wunderbar geheimnisvoll aufgebaut, erst hatte ich eine Horde Rocker der Hell’s Angels vor Augen, dann Zombies auf Motorrädern, später… Einfach klasse gemacht. Dann entzaubert King alles, und das auf eine sehr enttäuschende Weise: Erst wird einem die nie genau geschilderte Figur des Kurierroboters Andy als ein blauäugiger C3-PO aus Star Wars serviert, dann werden die Wölfe zu Witzfiguren degradiert: Ihre Bewaffnung haben sie aus den Arsenalen der Jedi-Ritter und sogar von Harry Potter geklaut, ihre Masken und Kostüme aus Marvel Comics. Die surreale Atmosphäre erhält so einen üblen, kitschig-billigen Touch.

Der zweite Kritikpunkt ist der Zusammenhang zum Dunklen Turm selbst: Die Calla ist ein Nebenkriegsschauplatz, das Geheimnis und die Ursache für das Erscheinen der Wölfe bzw. ihre Ziele werden in einem einzigen Satz abgehandelt! Offensichtlich diente sie nur als interessante Nebenhandlung zur bei weitem nicht so interessanten Haupthandlung. Der Grundstückskauf in New York und das „Flitzen“ – im Original übrigens ein von King geschaffenes Kunstwort, „TODASH“ – hätten wohl kein Buch füllen können, ebenso wenig wie Susannahs Dämonenkind. Die Handlung um den Turm geht erst mit dem Cliffhanger am Ende weiter – darüber verrate ich hier aber weiter nichts, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.

Fazit: Schriftstellerisch der beste Band des dunklen Turms, spannender und angenehmer zu lesen als seine Vorgänger. Die schiere Belanglosigkeit der Handlung mit Bezug zum Turm selbst kann nach Jahren des Wartens Fans frustrieren, King muss in den letzten beiden Bänden ordentlich Gas geben, wenn er zu einem zufrieden stellenden Ende kommen will. Die oft vulgäre und direkte Ausdruckweise ist man von King’s Romanen schon gewohnt, die geballte Masse der Hommages an unsere moderne Gesellschaft und ihre Helden wie Harry Potter und die Jedi-Rittern und viele andere hätte er sich jedoch besser sparen sollen.

Kritik hörte ich vereinzelt an der Übersetzung, kann diese jedoch nicht teilen: Das Kunstwort „TODASH“ für das „Flitzen“ konnte man kaum äquivalent übersetzen, ansonsten hat Wulf Bergner hervorragende Arbeit geleistet. Hervorzuheben ist die Umschlaggestaltung durch die Werbeagentur Haupmann und Kampa: Wie Kupfer glänzen Titelbild und Beschriftung, das Buch selbst ist sehr gut gebunden und in gleicher Farbe beschriftet. Da kann man es verzeihen, dass der 939 Seiten (Amazon.de gibt fälschlicherweise 850 an) dicke Wälzer die nicht ganz treffende Übersetzung „Wolfsmond“ für „Wolves of the Calla“ erhalten hat und eine Sonnenfinsternis die Szenerie beleuchtet. Selten habe ich ein schöneres Cover gesehen!

Die edle Aufmachung macht das Buch zum idealen Geschenk für jeden King-Fan, es stellt in meinen Augen trotz erwähnter Schwächen den bisher besten Roman um den dunklen Turm dar.

Homepage des Autors: http://www.stephenking.com