King, Stephen – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V)

Ihre Reise durch die Mittwelt, eine parallele Welt, die durch mysteriöse Portale mit unserer Erde verbunden ist, hat den Revolvermann Roland Deschain von Gilead und seine drei durch Dimension und Zeit zu ihm gekommenen Gefährten Susannah (aus 1964), Jake (1977) und Eddie Dean (1987) ein Stück näher an den mystischen „Dunklen Turm“ gebracht, der das symbolische Zentrum des geordneten Universums darstellt. Die Mächte des Chaos versuchen unter dem Einfluss des Scharlachroten Königs diesen Turm in ihre Gewalt zu bringen. Gelingt ihnen das, ist die Welt, wie wir oder die Bewohner von Mittwelt sie kennen, verloren – dann herrscht der König mit Schmerz und Tod.

Zur Zeit ziehen Roland und die Seinen durch ein Grenzland im Westen der Mittwelt. Hier leben die Menschen nach eigenen Gesetzen und Regeln und fahren gut damit. Der Alltag ist hart, der Boden karg, gefährliche wilde Bestien streifen durch die Nacht. Aber die Männer und Frauen, die in oder um die kleine Stadt Calla Bryn Sturgis leben, kennen es nicht anders und sind zufrieden.

Doch nun kündigt sich Böses an: Die „Wölfe von Calla“ sind wieder auf einem ihrer seltenen, aber unbarmherzigen Raubzüge. Söldner des Bösen sind es, die in Werwolf-Gestalt für noch grässlichere Herren kämpfen, munkelt man. Sie ziehen durch das Land und fordern von den Farmern Ausrüstung, Verpflegung – und Zwillingskinder! Diese werden einer unbekannten Prozedur unterzogen, die sie als hirnlose, in groteske Höhe wachsende „Minder“ zu ihren Familien zurückkehren lässt.

Tian Jaffords will seinen Nachwuchs nicht den Wölfen opfern. Er ruft seine Mitbürger zum Widerstand auf. Pere Donald Callahan, der Dorfgeistliche, stellt sich auf seine Seite. Die Männer von Calla sind keine Kämpfer und scheuen die Gewalt. Doch Callahan, der einst aus den USA des Jahres 1983 nach Mittwelt kam, kennt eine Alternative. Er hat von Roland und seinen Gefährten erfahren und weiß, dass die Revolvermänner von Gilead verpflichtet sind, den Schwachen ihrer Welt zu helfen, wenn diese sie darum bitten.

Die uralte Verpflichtung wird von Roland ernst genommen, obwohl nicht alle Bewohner der Calla hinter ihm stehen. Viele fürchten die Rache der Wölfe oder haben keine Kinder, die in Gefahr sind. Außerdem gibt es Verräter, die für die Wölfe spionieren. Der Feind weiß Bescheid, bevor die eigentliche Schlacht beginnt. Ohnehin kämpfen Roland und seine Gefährten an zwei Fronten: Im fernen New York gilt es die geheimnisvolle Rose, Symbol für den Fortbestand der universellen Ordnung, vor den Schergen des Scharlachroten Königs zu schützen …

„Wie man Überdruss und Ideenarmut zum Programm erhebt“: Auch das wäre ein passender Titel für diese Besprechung. Schon längst hat sich Stephen King entweder geistig von seinem einstigen literarischen Lieblingskind, der „Saga vom Dunklen Turm“, verabschiedet, oder sich in den filzigen Schlingen des Monumentalwerkes verheddert; vermutlich trifft beides zu. Aber die Fans heulen nach Fortsetzung, Verträge wurden geschlossen. So muss King wohl oder übel immer wieder ran, um sich neue Episoden einer inzwischen recht sinnfreien Reise aus dem Hirn zu wringen.

Zwanzig Bände hatte der Verfasser ursprünglich angedroht; sieben werden es letztlich bleiben, denn King hat die Notbremse gezogen. Freilich sind die Teile 4 und jetzt 5 auf ein Seitenmaß angeschwollen, welches das Gesamtwerk, sollte sich King nicht disziplinieren, zum Stapel getürmt zu einem ganz eigenen Turm formen wird.

„Getretener Quark wird breit, nicht stark“ – eine alte Binsenweisheit, die hier einmal mehr Bestätigung findet. Wer meinte, nach Turmband 4 – „Glas“ – könne es unmöglich noch schlimmer kommen, muss sich hier eines Schlechteren belehren lassen. Es stört nur beiläufig die Unmöglichkeit, als nicht Eingeweihter noch in die Geschichte „einzusteigen“ – der Verfasser selbst warnt in seinem Vorwort allzu wagemutige Leser: Es gilt sich durch vier Bände zu kämpfen, will man den Anschluss finden.

Gravierende Kritik richtet sich gegen die Kluft zwischen Ambition und Ausführung. Lässt man sich durch Kings Wortgedonner oder seine allgegenwärtigen Andeutungen auf angeblich gewaltiges Geschehen im geheimnisvoll multidimensionalen Gefüge des Universums (das bei ihm eher ein Multiversum ist) nicht beeindrucken, kann man „Wolfsmond“ in zwei simpel gestrickte Handlungsstränge zerlegen.

Da ist zum einen die Fortsetzung der Reise zum Dunklen Turm. Obwohl es inzwischen angeblich eilt, ihn zu erreichen, bevor der böse Gegner sich seiner bemächtigt, bummeln Roland & Co. recht gemächlich durch Zeit und Raum. Sie haben mehr als genug damit zu tun, das immer schwerer werdende Gepäck unbewältigter Konflikte mit sich zu schleppen, das ihnen King in den vergangenen vier Bänden aufgebuckelt hat. Identitätskrisen, üble Flashbacks, Streitigkeiten, diverse Besessenheiten – ständig sucht eine neue Plage unsere kleine Schar heim, die stets ausführlich diskutiert werden muss.

Strang Nummer Zwei ist wahlweise als genialer Schachzug oder als bodenlose Unverfrorenheit zu bewerten. King macht gar keinen Hehl daraus, dass der Kampf gegen die Wölfe der Calla eine (sacht) ins Fantastische verfremdete „Hommage“ an den Westernklassiker „The Magnificent Seven“ (dt. „Die glorreichen Sieben“) aus dem Jahre 1960 ist: Die friedlichen Bewohner eines abgelegenen Dorfes werden regelmäßig von Banditen überfallen. Um sich zu wehren, heuern die Bürger eine Schar professioneller Revolvermänner an, die den Schurken nach vielen Schlachten und unter großen Verlusten den Garaus macht.

Zwar weist King darauf hin, dass sich auch Hollywood diesen Stoff bereits „entliehen“ hatte (er basiert auf Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ von 1954), aber er kann anders als die Macher der US-Version ganz sicher nicht für sich beanspruchen, aus der Vorlage etwas Originelles geschaffen zu haben. Also versucht er es erst gar nicht bzw. will seine Leser auf seine Seite ziehen, indem er sie mit allerlei Insider-Mätzchen ablenkt. So finden wir unter den Bewohnern der Calla viele, die in Gestalt und Benehmen den Figuren klassischer Westernfilme und -geschichten gleichen. Einige tragen sogar bekannte Namen; so heißt ein prominenter Dorfbürger Wayne D. Overholser – im „realen Leben“ ein bekannter Verfasser von Wildwest-Romanen. Und „Calla Bryn Sturgis“ erinnert an John Sturges, der „Die Glorreichen Sieben“ inszeniert hat.

Weil es inzwischen kaum noch möglich ist, sich im Gestrüpp der „Turm“-Saga zurecht zu finden, schaltet King immer wieder Rückblenden – und noch mehr Rückblenden. Ständig komplizierter wird das Geschehen. King täuscht auf diese Weise eine Tiefe vor, die seine Geschichte bei kritischer Betrachtung einfach nicht (mehr) hergibt.

Womit die Verflechtungen gerade erst anfangen. King hat damit begonnen, nicht nur die „Turm“-Saga“, sondern auch sein eindrucksvolles Gesamtwerk zu einem eigenen Kosmos zu formen. Er bezieht sich immer wieder auf Ereignisse, die nicht in der Mittwelt ihren Ursprung nahmen. So ist Pater Callahan, den unsere Reisenden in der Calla treffen, eine Figur aus „Salem’s Lot“ (1975; dt. „Brennen muss Salem“). Plötzlich mischen auch die Vampire aus dem Marstenhaus beim Kampf um den Turm mit. King scheint es gleichgültig zu sein, wie bemüht das wirkt.

Längst lappt das „Turm“-Universum umgekehrt in die „normalen“ King-Werke hinein. „Black House“ (2001; dt. „Das Schwarze Haus“) ist sogar fast eine „inoffizielle“ Episode. „Hearts of Atlantis“ (1999; dt. „Atlantis“) knüpft ebenfalls Gemeinsamkeiten. „Glas“ spielte u. a. in der Welt von „The Stand“ (1978/90; dt. „Das letzte Gefecht“). Weitere Querverbindungen aufzulisten überlasse ich denen, die solche Nitpicker-Spielereien schätzen. (Ganz zu schweigen von der Fahndung nach kingfremden „Gaststars“ wie den „Schnaatz“ aus den „Harry Potter“-Abenteuern.) Das Ergebnis straft den Aufwand Lügen. King leistet hier eine Fleißarbeit, die er lieber in eine straffe Handlung investieren sollte.

Bleiben bei allem Gemurre eigentlich auch positive Aspekte? Selbstverständlich, denn King war und ist ein gewandter Geschichtenerzähler, der sein Handwerk beherrscht. Zuverlässig stößt man genau dann, wenn man den „Wolfsmond“ eigentlich schon in einem einsamen Winkel des Bücherschranks untergehen lassen möchte, auf eine fesselnde Passage, die den Verfasser auf der Höhe zeigt. Recht souverän weiß er zudem die Genres zu mischen: „Wolfsmond“ ist Fantasy, Science-Fiction, Horror, Western, Thriller, Liebesgeschichte … Die Liste dürfte unvollständig sein.

Im großen Finalkampf zieht das Tempo an. Da spürt man endlich den alten King-Zauber wieder. Hoffentlich hält er an, denn es gilt. sich bald durch die beiden abschließenden Bände der „Turm“-Saga zu kämpfen. King setzt zum Befreiungsschlag an und wirft sie binnen eines Jahres auf den Buchmarkt. Anschließend haben er und wir endlich unsere Ruhe.

Roland von Gilead hat Arthritis. Susannah ist mit einem Dämonenbaby schwanger und wieder schizophren. Gatte Eddie macht sich berechtigte Sorgen. Nesthäkchen Jake wird erwachsen und begehrt gegen Ersatzvater Roland auf. Weiter keine besonderen Vorkommnisse in der Schar unserer Revolverhelden. Was immer diese bewegt, wir kennen es bereits, denn es sind nur Variationen (allzu) bekannter Seelenqualen.

Die Bewohner der Calla sind Statisten aus einem Italo-Western, der in den Kulissen der Cowboy-Seifenoper „Gunsmoke“ (dt. „Rauchende Colts“) gedreht wurde. Handfestes Landvolk, schlicht im Geiste, aber gut und mutig – dieses Lied singt King auf so vielen Buchseiten, dass man es rasch über hat. Er beherrscht die Klaviatur der menschlichen Alltäglichkeit so gut wie bisher, aber was nützt das, wenn es ihm misslingt, uns diese „Howdy“-Phrasen dreschenden Popanz-Pioniere wirklich nahe zu bringen?

Pater Callahan ist keineswegs die tragische Gestalt, die der Autor gern aus ihr gemacht hätte. Für den King-Historiker ist es zweifellos interessant zu erfahren, welche „Fortsetzung“ die Ereignisse aus „Brennen muss Salem“ nahmen. Hier dehnen sie sich allerdings über mehrere Rückblenden aus, die fast schon ein eigenes Buch füllen könnten. Mit dem eigentlichen Geschehen haben Callahans Erlebnisse grundsätzlich nichts zu tun, obwohl King schließlich eine dürftige Verbindung konstruiert.

Was sich sonst diesseits und jenseits der Dimensionsportale tummelt, ist so zahlreich, dass es schwerfällt den Überblick zu behalten. So wichtig ist es allerdings gar nicht. Zumindest die Bösen treten ohnehin in immer neuen Masken auf. Der King-Fachmann erkennt hier erneut manchen alten Bekannten. Immerhin gelingt dem Verfasser auch hier manchmal ein Glückstreffer: Service-Roboter Andy macht als Parodie auf den Blechmann aus „Der Zauberer von Oz“ eine gute Figur. Und wie es aussieht, tritt King im Schatten des Turm womöglich höchstpersönlich in seine literarische Welt.