Ronald A. Knox – Die drei Gashähne

knox-gashaehne-cover-1962-kleinHat sich Mr. Mottram selbst mit Gas umgebracht oder wurde er auf geschickte Art ermordet? Ein Versicherungsdetektiv und ein Polizist ermitteln manchmal gemeinsam, manchmal getrennt und decken einen gänzlichen unerwarteten Tathintergrund auf … – Einer der ganz großen Klassiker des britischen „Whodunit“-Krimis hat als ebenso intelligentes wie witziges Spiel mit den Regeln des Genres seinen Unterhaltungswert ungemildert bewahren können.

Das geschieht:

Jephta Mottram, leicht exzentrischer aber vermögender Fabrikant aus Pullford in den englischen Midlands, gehört zu den prominenten Kunden der exklusiven „Indescribable“-Versicherungsgesellschaft. In seinem Vertrag existiert eine „Euthanasie-Police“, die seinen Erben die gewaltige Summe von 500.000 Pfund beschert, sollte sein Tod vor dem 65. Lebensjahr eintreten.

Eine Verweigerung der Auszahlung wäre nur möglich, sollte Mr. Mottram Selbstmord begehen. Möglicherweise ist genau dieser Fall eingetreten, denn in seinem 63. Lebensjahr findet man Mottram tot in einem Bett des Gasthauses „Zum heulenden Elend“. Dort bzw. in dem abgeschiedenen Dörfchen Chilthorpe verbrachte er angelnd seinen Sommerurlaub. In dem alten Gasthaus gibt es keine Elektrizität. Die Beleuchtung funktioniert mit Azetylen-Gas, und dem ist Mottram in seinem von innen verriegelten Zimmer zum Opfer gefallen.

„Die Unbeschreibliche“ schickt Miles Bredon, der einem möglichen Versicherungsbetrug nachgehen soll. Er wird begleitet von Gattin Angela, die ihn stets bei seinen Untersuchungen unterstützt. In Chilthorpe trifft Bredon einen alten Kameraden aus dem Krieg: Inspektor Leyland arbeitet inzwischen für die Kriminalpolizei und ermittelt im Fall Mottram, den er als Mordopfer betrachtet: Der verhängnisvolle Gashahn wurde eindeutig nach Mottrams Tod wieder geschlossen.

Bredon und Leyland beschließen gemeinsame Ermittlungen. Die Indiziendecke ist dünn, die Verdächtigen wirken nicht wirklich verdächtig. Spannender wird die Spurensuche, als sich ein leibhaftiger Bischof zu den möglichen Übeltätern gesellt. Die schließlich doch gelingende Auflösung gibt dem Rätsel eine gänzlich unerwartete Wende …

Mord ohne Schmutz und Hässlichkeiten

Mr. Mottram ist tot. Die Leiche bietet keinen erschreckenden Anblick; der Verblichene ist friedlich im Schlaf in seinem Bett gestorben. Selbst als er gefunden wird, hält sich der Schock in Grenzen. Eine echte Gräueltat ist nicht geschehen. Damit entfällt die Herausforderung, einen bösartigen Mörder möglichst schnell zu fassen. Sie wird ersetzt durch die intellektuelle oder sogar sportliche Herausforderung. Nicht grundlos schließen Versicherungsdetektiv und Polizist eine Wette ab, ob sie einen Selbstmörder oder einen Mörder entlarven werden; im Laufe der Ereignisse wird der Einsatz mehrfach erhöht.

Miles Bredon ist ein Detektiv, der Verhöre hasst und sich schämt, als „Spion“ seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Dass 500.000 Pfund Versicherungsgeld auf dem Spiel stehen, beschäftigen weder ihn noch seinen Arbeitgeber; schön, wenn Bredon einen Selbstmord aufdeckt, aber kein Beinbruch, wenn ein Mord geschehen ist. „Die Unbeschreibliche“ wird zahlen, wie es sich für ein Unternehmen von Rang und Namen gehört.

Inspektor Leyland kann sich alle Zeit der Welt nehmen, um die von ihm favorisierte Mordtheorie zu verfolgen. Die Wahrheit – und nur die Wahrheit – soll ans Licht, denn Gerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Kardinaltugend, die durch Zeitdruck, Arbeitsüberlastung oder knappe finanzielle Ressourcen keineswegs in Mitleidenschaft gezogen werden darf.

Mord als intellektuelle Herausforderung

Kurz gesagt: Willkommen in der Märchenwelt des klassischen englischen Kriminalromans. Dass Autor Ronald Knox „Die drei Gashähne“ als reines Planspiel mit dem Ziel der intellektuellen Unterhaltung betrachtet, verdeutlicht schon der Untertitel: „Ein Kriminalroman ohne moralische Nutzanwendung“ wird geboten, und sein Verfasser lässt nie einen Zweifel daran, dass er die Geschichte nicht nur erzählt, sondern seine Leser dabei begleitet, wobei er seine Unsichtbarkeit problemlos aufgibt: Knox liebt es, sich in die Ereignisse einzumischen bzw. sie zu kommentieren, wobei er gern abschweift und sich lustig macht.

Die Regeln des Kriminalromans nimmt Knox dabei bitterernst. Aus seiner Feder stammen die berühmten „10 Gebote der Kriminalliteratur“, mit denen er 1929 zum „fair play“ aufrief und unrealistische Todesarten, Zufälle oder den Eingriff übernatürlicher Mächte als unzulässige Tricks geißelte. Mit „Die drei Gashähne“ erlegt Knox sich in diesem Sinne eine Herausforderung auf, die nur durch die verfemten Tricks gemeistert werden kann – so scheint es jedenfalls: Mottram liegt tot in einem verriegelten Raum, der Schlüssel steckt innen, das Fenster ist vergittert. Gleichzeitig wurde der verhängnisvolle Gashahn definitiv nach Mottrams Tod geschlossen: Weder Selbstmord noch Mord greifen als Erklärung. Viele Seiten verwenden Detektiv Bredon und Polizist Leyland darauf, entsprechende Theorien zu entwickeln und durchzuspielen. Jede Version klingt plausibel, bis sie an einer Kleinigkeit scheitert und die beiden Ermittler mit dem Leser ratlos zurückbleiben.

Die Faszination des geistreichen Stillstands

Der Fall Mottram wird im Sitzen und redend gelöst. Was auf diese Weise zusammengefasst denkbar langweilig klingt, wird durch das geschickte Schüren von Spannung ebenso belebt wie durch einen geschliffenen Stil, der ohne Scheu vor dem ihm innewohnenden Element leichter Herablassung das Geschehen ironisiert.

Außer den Regeln des ‚fairen‘ Kriminalromans nimmt Verfasser Knox gar nichts ernst. Die weltfremde Exotik seiner Geschichte ist ihm bewusst. Schon der Schauplatz ist quasi Parodie: Chilthorpe ist ein pittoreskes Dorf, das eigentümliche Personen ihre Heimat nennen. Das Gasthaus „Zum heulenden Elend“ trägt einen kuriosen Namen und wird ihm auch gerecht: Hier tischt Wirtin Davis traditionell Ungenießbares auf, hier kommen bevorzugt Angelgäste unter, obwohl der Fluss, der durch Chilthorpe fließt, praktisch fischfrei ist.

Treibt Knox nicht selbst seine Späße mit Land und Leuten, springt ihm der Schulmeister Edward Pulteney sarkastisch und die Narrenfreiheit des Alters beanspruchend zur Seite: „Was mich betrifft: wenn ich je beschließe, meinem Leben ein Ende zu setzen, so würde ich in irgendein abscheuliches Nest fahren – beispielsweise Margate – und versuchen, es dadurch in Verruf zu bringen, dass ich mich gleich unterhalb des Piers anspülen ließe.“ (S. 36) Pulteney gibt nicht einmal vor, schockiert zu sein, als in seinem Urlaubsquartier ein Mann stirbt. Er freut sich über die Abwechslung und genießt in vollen Zügen Verdacht und später die Beteiligung an einer (slapstickhaften) Verfolgungsjagd.

Wer ist Holmes, wer Watson?

„Die drei Gashähne“ entstand 1927. Diese Tatsache sollte man sich vergegenwärtigen, um die erstaunliche Figurenzeichnung der Angela Bredon würdigen zu können. Die Ehefrau des klassischen Detektivs – so er überhaupt die Nähe zu einer Frau wagt – tritt zwar manchmal in Erscheinung. In der Regel beschränkt sie sich auf einige geistreiche Bemerkungen, bevor sie sich taktvoll zurückzieht.

Miles und Angela Bredon sind ein Team. Angela muss dabei nicht auf vom Gatten entliehene Vorrechte pochen, sondern besteht als Detektivin aus eigener Kraft. Ganz selbstverständlich begleitet sie Miles nach Chilthorpe; sie unterstützt ihn regelmäßig bei seinen Ermittlungen. Ganz selbstverständlich teilt sich das Paar die Detektivarbeit, wobei Miles heilfroh über die Unterstützung seiner Frau ist. Wenn Polizist Leyland sich unter vier Augen mit Miles austauschen will, macht ihm Angela unmissverständlich klar, dass sie ohnehin erfahren wird, was er nicht in ihrer Anwesenheit besprochen will. Ganz selbstverständlich nimmt Angela an der Jagd auf einen Verdächtigen teil. Als dabei ein Automobil ins Spiel kommt, übernimmt sie das Steuer.

Die Beziehung zwischen Miles und Angela ist bemerkenswert entspannt. Die beiden ziehen sich auf, aber sie ergänzen einander perfekt und sind sich dessen bewusst. Dabei gelingt Knox das Kunststück, ihre tiefe Liebe deutlich zu machen, ohne sie jemals zu erwähnen. Peinliche Sentimentalität kommt niemals auf; eine Leistung, für die man den Verfasser nicht genug loben kann!

Ein Ende mit Überraschung

Knox zeigt Miles nie als verkopfte Denkmaschine, sondern als unkonventionellen Denker, der die Lösung findet, weil er sich helfen lässt und anders als Leyland in der Lage ist, eine trügerisch logische Indizienkette zu sprengen, um ihre Glieder neu und dann korrekt zusammenzufügen. Auf diese Weise findet er für das Krimi-Rätsel nicht einfach eine logische Auflösung: Nachdem Knox seine Leser in regelmäßigen Abständen auf den aktuellen Ermittlungsstand gebracht hat, gelingt ihm im Finale eine Überraschung. Unkompliziert ist die Erklärung nicht, weshalb die drei Gashähne des Titels als Zeichnung dem Text eingefügt werden: Die exakte Stellung jedes Hahns ist von elementarer Bedeutung! Hier zeigt sich der britische Rätselkrimi in seiner reinsten Form und auf seinem Höhepunkt.

Der deutsche Leser profitiert von einer Übersetzung, die nach einem halben Jahrhundert nichts von ihrem Unterhaltungswert eingebüßt hat. Sie bewahrt den ebenso trockenen wie sprühenden Witz der Vorlage, komplettiert das Vergnügen an einer zeitlos kurzweiligen Lektüre und wirft die Frage auf, wieso „Die drei Gashähne“ bzw. die Kriminalromane von Ronald Knox vom deutschen Buchmarkt verschwunden sind, auf dem Regional-Krimis in schier unendlicher Wiederholung grausam eindeutig demonstrieren, was Humor ganz sicher nicht ist.

Autor

Ronald Arbuthnott Knox wurde als vierter Sohn des späteren Bischofs von Manchester und seiner Gattin Ellen Penelope French 1888 in Knibworth, Leicestershire, geboren. Schon im Jahre 1900 sehen wir den jungen Ronald in Eton. Er wurde Mitherausgeber des College-Magazins „The Outsider“ und schrieb noch als Schüler sein erstes Buch: „Signa Severa“ (1906), eine Sammlung englischer, griechischer und lateinischer Verse. Mit dem akademischen Grad eines Baccalaureus Artium in klassischer Literatur und Philosophie verließ er 1910 Balliol College, Oxford, und wurde Lehrer am Trinity College. 1911 wurde Knox zum Diakon der Anglikanischen Kirche geweiht, ein Jahr später zum Priester. Während des I. Weltkriegs lehrte Knox an der Shrewsbury School und arbeitete für den militärischen Geheimdienst.

Zum Schrecken seines Vaters konvertierte Knox 1917 zum Katholizismus. Er wurde 1918 katholischer Priester und ging 1919 ans St. Edmund’s College, Hertfordshire. Von 1926 bis 1939 war er Kaplan an der Oxford University. Dann zog er nach Shropshire, um mit dem Werk seines Lebens zu beginnen: Knox übersetzte im Auftrag der Bischöfe von England und Wales die lateinische Bibel neu ins Englische. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte ihn bis 1955.

Der Krimi-Freund Ronald Knox tat sich erstmals 1912 durch einen quasi-seriösen, satirischen Artikel mit dem Titel „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ hervor, der von der Prämisse ausgeht, der Meisterdetektiv sei eine reale Figur der Zeitgeschichte. Knox‘ Artikel wurde positiv aufgenommen; einer der amüsierten Leser war Arthur Conan Doyle selbst. Später trat Knox dem „Detection Club“ bei.

Seit 1925 schrieb er selbst Romane. Sein Erstling war „The Viaduct Murder“ (1925, dt. „Der Tote am Viadukt“). 1927 gab Versicherungsermittler Miles Bredon in „The Three Taps“ (dt. „Die drei Gashähne“) sein Debüt .Nur sechs Romane umfasst Knox‘ kriminalistisches Werk. (Es heißt, Knox habe seine Krimis zwischen der Acht-Uhr-Messe und dem Lunch verfasst.) Angeblich habe sein Bischof ihm ans Herz gelegt, sich auf theologische Themen zu beschränken. Wahrscheinlicher ist, dass Knox spätestens seit den 1930er Jahren keine Zeit mehr für seine Kriminalschriftstellerei aufbringen konnte.

Neben der Ausübung seiner Ämter beschäftigte Knox sich mit grundsätzlichen theoretischen Fragen des Glaubens. Er galt als eine der wichtigsten katholischen Stimmen in England und verfasste viele theologische Bücher und Schriften zu diversen Themen, die von einer eher konservativen Haltung zeugen. Im Alter zog Knox nach Mells, Somerset, wo er am 24. August 1957 starb.

Taschenbuch: 184 Seiten
Originaltitel: The Three Taps – A Detective Story without a Moral (London : Methuen & Co. Ltd. 1927)
Übersetzung: Gerd van Bebber
http://www.rowohlt.de

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