Dean Koontz – Irrsinn

Billy Wiles arbeitet als Barkeeper in einer Kneipe. Er ist ein ruhiger Mensch, der den Gästen lieber zuhört als selber erzählt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Holzschnitzereien. Sein Lebensmittelpunkt ist seine Freundin Barbara, die seit vier Jahren im Koma liegt und die er, so oft es geht, in der Klinik besucht, ohne große Hoffnung darauf, dass sie je wieder erwacht.

Eines Tages findet Billy einen Zettel an seiner Windschutzscheibe. Ein Unbekannter kündigt einen Mord an: Geht Billy zur Polizei und macht Meldung, wird eine ältere Frau sterben, geht er nicht, stirbt eine junge Lehrerin. Verunsichert fragt Billy einen befreundeten Polizisten um Rat, der die Nachricht für einen harmlosen Streich hält. Am nächsten Tag jedoch ändert er seine Meinung, denn tatsächlich wurde eine junge Lehrerin zu Tode gequält.

Von nun an ist Billy Teil des perversen Spiels, das der Mörder mit ihm treibt. Er erhält neue Botschaften, die Billy zur Entscheidung aufordern, welche Person der Täter töten soll. Der Fremde beobachtet Billy und verschafft sich Zutritt zu seiner Wohnung. Bald darauf wird ein Freund von Billy ermordet. Mittlerweile ist es jedoch zu spät, die Polizei einzuschalten, denn der Täter erpresst ihn mit Indizien, die Billy als Mörder ausweisen würden …

„Velocity“ – „Geschwindigkeit“ lautet der Originaltitel des Thrillers, der diesem alle Ehre macht. Das Tempo, das Dean Koontz dem Roman auferlegt, ist hoch und reißt den Leser förmlich von der ersten Seite an mit.

Spannung auf mehreren Ebenen

Das perfide Spiel, zu dem Billy gezwungen wird, sorgt beim Leser für höchste Spannung bis zum Schluss. Es darf gerätselt werden, ob Billy ein Zufallsopfer eines Perversen ist oder der Täter etwa aus seinem Bekannten- oder gar Freundeskreis kommt und eine persönliche Rechnung begleicht. Mit fortschreitender Handlung geraten ein, zwei Personen aus Billys Umfeld in Verdacht, ohne dass man sofort erfährt, ob sie tatsächlich darin verwickelt sind.

Der Ausgang des „Spiels“ ist ungewiss. Weder ist vorherzusehen, wie viele weitere Menschen ihr Leben lassen müssen, noch wie sich Billy jeweils entscheidet, wenn er dazu aufgefordert wird, über Leben oder Tod zu richten. Etwa ab der Mitte des Romans muss Billy zudem darum bangen, selbst ins Visier der Polizei zu geraten, da der Mörder sorgfältig diverse DNA-Spuren an den Leichen drapiert und in den Häusern der Opfer versteckt hat. Neben Billy gerät auch seine Freundin Barbara in Gefahr, denn Billy weiß nur zu gut, dass der Unbekannte ihn mit nichts härter treffen könnte, als ihr etwas anzutun.

Bei der Beschreibung der Leichen wird zwar von blutigen Szenen durchaus Gebrauch gemacht, aber die Darstellung hält sich absolut im Rahmen. Kein Splatter-Gemetzel und keine allzu blutrünstigen Details, die schockieren könnten.

Gelungener Protagonist

Durchschnittstyp Billy eignet sich gut zur Identifikation des Lesers. Er ist ein unscheinbarer Mensch, der zurückgezogen lebt und sich vor allem mit seinen Schnitzereien und mit Besuchen bei seiner Freundin befasst. Barbara, so erfährt man nach einer Weile, fiel nach einer versehentlichen Vergiftung ins Koma. Ein millionenschwerer Treuhandfond bezahlt die laufenden Krankenhauskosten, auch wenn die Ärzte nicht daran glauben, dass sie noch einmal erwacht. Auch Billy kann nicht darauf hoffen, kann sich jedoch andererseits nicht dazu entschließen, sie sterben zu lassen. Stattdessen bewundert er nach wie vor ihre Schönheit und lauscht mit dem Notizblock den seltsamen Worten, die sie bei manchem Besuch im Tiefschlaf von sich gibt. Angenehmerweise nimmt das Drama um Barbara nicht überhand innerhalb des Romans. Koontz vermeidet allzu rührselige Momente, die sich aus dieser Konstellation nur zu leicht ergeben könnten. Zwar schwebt die Frage um Barbaras Schicksal stets im Raum, doch der Fokus liegt eindeutig auf dem rasanten Mörderspiel.

Auch die Zwiespälte, in die der Killer Billy führt, sind gut nachzuvollziehen. Billy handelt
plausibel, ohne zum unbezwingbaren Helden heranzuwachsen. Er bleibt verwundbar und muss immer wieder Niederlagen einstecken, er bereut Entscheidungen, gerät in Panik und ist alles andere als ein unnahbarer Charakter, trotz seiner ungewöhnlichen Erlebnisse.

Kleine Schwächen

Das einzige nennenswerte Manko des Romans ist die viel zu späte Offenlegung von Billys dunkler Vergangenheit. Erst im letzten Viertel wird ein kleiner Rückblick geboten, der das entscheidende Erlebnis des damals vierzehnjährigen Billy erzählt. Eng damit verknüpft ist auch sein Verhältnis zum Deputy Lanny, der, wie man erst dann erfährt, sehr viel mehr als nur ein Freund aus Kindertagen ist. Diese späte Auflösung passt nicht ins logische Konzept, zumal Lanny bereits auf den ersten dreißig Seiten eingeführt wird und dort zumindest Andeutungen über Billys Vergangenheit, die ihn mit Lanny verbindet, fallen müssten.

Das Ende hätte sicherlich konsequenter, härter und zynischer ausfallen können und gehört eher zur Mainstream-Thriller-Kategorie, allerdings ist man dies von Koontz bereits aus vielen anderen Romanen gewohnt, sodass man nichts anderes erwartet.

Fazit: Ein spannender Thriller über einen unbekannten Mörder, der einen Mann zu einem grausamen Spiel zwingt. Bis zum Schluss in mehrfacher Hinsicht fesselnd, ohne Längen und durchweg unterhaltsam. Die Schwächen fallen nicht stark ins Gewicht, sodass der Roman sicherlich zu den Highlights des Autors gehört.

Der Autor Dean Koontz, geboren 1945 in Pennsylvania, gehört zu den erfolgreichsten Horrorschriftstellern Amerikas. Vor seiner Karriere arbeitete er als Lehrer und veröffentlichte zwischendurch immer wieder Kurzgeschichten und Romane, zunächst mit geringem Erfolg. Der Durchbruch gelang ihm mit „Flüstern in der Nacht“, es folgten zahlreiche Bestseller, darunter Werke wie „Unheil über der Stadt“, „Ort des Grauens“, „Intensity“, „Trauma“, „Der Wächter“, „Todesregen“ und die |Frankenstein|-Trilogie.

Taschenbuch: 466 Seiten
www.deankoontz.com
www.heyne.de