Karsten Kruschel – Galdäa: Der ungeschlagene Krieg

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Science Fiction Preis 2012!

Der Deutsche Science-Fiction-Preis ist der einzige dotierte Genrepreis in Deutschland und damit sicherlich für die Autoren auch der interessanteste. Karsten Kruschel ist mit seinem Romanzweiteiler „Vilm“ Preisträger des Jahres 2010 und macht damit aufmerksam auf seinen neuesten Roman „Galdäa“, mit dem er sich fernab der verschollenen Siedler von Vilm den Ereignissen im zivilisatorischen Zentrum seiner Weltenschöpfung widmet.

Auf Penta V, der Universitätswelt der menschlichen Zivilisation, übernimmt ein Student eine scheinbar uninteressante Abschlussarbeit, die ihn mit einem unbedeutenden Krieg mit der wenig bekannten Welt Galdäa konfrontiert. Von einem unerklärlichen Eifer gepackt dringt er mit seinen Nachforschungen in die Details des Krieges vor und entdeckt Ungereimtheiten, eine beängstigende Anhäufung von logistischen und administrativen Fehlern und ein Komplott des Flottenkommandos zur Vertuschung der folgenden brutalen Ereignisse, mit denen man das außer Kontrolle geratene Projekt auf Galdäa in einen vorindustriellen Zustand zurück zu bomben versuchte. Mit von der Partie ist eine mächtige Gruppierung, die als „die Goldenen“ bekannt ist und in ein missbräuchliches Projekt auf Galdäa verstrickt ist, während sie selbst nur Handlanger einer unbegreiflichen übergeordneten Macht zu sein scheint.

Schnell zerfasert die Erzählung und betrachtet in wechselnder Kapitelfolge die Protagonisten, deren unterschiedliche Erlebnisse langsam ein schlüssiges Bild formen – nicht nur vom Thema des Romans, sondern auch mit Nuancen und Bemerkungen gezielt die Zustände, Machtverhältnisse und Geschichte des kruschelschen Weltentwurfs einflechten. Hier gibt es also wieder eine von Menschen besiedelte Sphäre, während die Erde selbst unter Quarantäne zu stehen scheint. Es gibt genetisch angepasste Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten, die mal geheimnisvoller, mal beinahe komisch ein großes Spektrum an Welten, Menschen und Eigenarten als Grundierung für den Roman schaffen und mit Sicherheit Ausgangssituation für viele noch unerzählte Geschichten bieten können.

Aber um die Streifzüge durch den Weltentwurf geht es nur indirekt, sie machen das Bild plastisch und fügen dort, wo die Handlung realistische Züge bekommt, das Charisma einer faszinierenden Komposition hinzu. Als Ansatz für die Handlung dient das plötzliche Interesse des Studenten am galdäischen Krieg. Dadurch entsteht ein unsagbares Chaos in der Datensphäre der Welten, das langsam die Ignoranz der Öffentlichkeit untergräbt. Gleichzeitig entflieht eine Galdani aus einer Versuchsklinik und ruft die Eliteagenten des Flottenkommandos auf den Plan, weil diese Flucht unabsehbare Folgen haben könnte. Und ein Musiker mit unstillbarer Sehnsucht nach Galdäa wird in diesen militärischen Konflikt verwickelt, als er der Galdani über die ersten Hürden nach ihrer Flucht hilft.

Ein interessanter Aspekt ist die gespaltene Persönlichkeit der Galdani, die dadurch und durch spezielle körperliche Fähigkeiten zu einer Gefahr für das System wird. Kruschel scheint selbst überrascht zu sein, als sich ihre Tarnidentitäten derart manifestieren, dass sie neben den ursprünglichen Charakteren der Galdani selbstständig werden und sogar in ihre inneren Auseinandersetzungen eingreifen. Sie leidet schließlich unter der Furcht, ihre zu Tarnzwecken reduzierten und getrennten Geiste nicht mehr zur Vollständigkeit einer echten Galdani vereinigen zu können oder sich gänzlich in einer einzelnen dieser Manifestationen zu verlieren.

Nebenbei sorgt diese Galdani auch für den emotionalen Bereich der Erzählung. Zwar haben die anderen Protagonisten auch irgendwelche Arten von Beziehungen oder Ängsten, doch in keiner Seele findet sich die Zwiespältigkeit dieser Frau, die einerseits kühl ist und – kontrolliert von einem Aspekt ihres Ichs – analysiert, sich und ihren Körper zu Überlebenszwecken auch der kontrollierten Vergewaltigung unterwirft, mit der sie sich ihren Macho hörig macht und ihre Freiheit und das Überleben sichert, andererseits aber die Ängste um ihre Freunde verarbeiten muss und sich an die Menschen ihrer Umgebung gewöhnt, ihnen nachtrauert und mehr am Sex empfindet als bloßes Kalkül.

Was anfangs – gerade durch Aspekte wie die übermenschlichen Fähigkeiten der Galdani oder die unbeeinflussbaren Bauten auf Galdäa – wie eine Fährte in die kosmischen Geheimnisse wirkt, verläuft konzentrisch auf einen relativ menschlichen Punkt zu und entwickelt sich zu einer intriganten Verschwörungsgeschichte von Machtmissbrauch, Vertuschung unmenschlicher Gewalttaten und genetischer Manipulation. Dass sich hinter der Auflösung dann doch noch ein größerer und unbeschreiblicher Auftraggeber verbirgt, rettet die Geschichte vom einfachen Verschwörungsthriller in die Spielwelt kosmischer Mächte, die auch bei Kruschel wieder ihre Gleichgültigkeit nach menschlichen Maßstäben unter Beweis stellen. Der Roman funktioniert allerdings auch ohne diese Seite, ja, man kann sogar den Eindruck gewinnen, mit dem Kapitel um Tasso Sanderstorm und dem Schlusskapitel hätte Kruschel einen künstlichen Stempel von höherer Macht auf seine Erzählung gedrückt, die derlei nicht bedurft hätte. Hierin verdeutlicht sich die Verschmelzung zweier unterschiedlicher Geschichten in einem Roman, der nicht auf einen Aspekt verzichten wollte.

„Galdäa – Der ungeschlagene Krieg“ hebt sich durch den sparsamen kruschelschen Stil aus der Masse hervor und fasziniert mit seinen Schöpfungen weltlicher, technischer und menschlicher Bilder, die sich live und in Farbe vor dem Leserauge ausbreiten. Kruschel ist die Entdeckung unter der deutschen Science-Fiction-Sonne. Die Lektüre seiner Romane ist unbeschreiblich wie der Blick über die Schulter eines Malers, der mit wenigen Strichen die gesamte Komplexität seines Motivs zu erfassen vermag.

Broschiert, 446 Seiten
ISBN 978-3-938065-72-3
http://www.wurdackverlag.de

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