Larry Niven – Geschichten aus dem Ringwelt-Universum

Nur für Niven-Komplettisten: Storys aus dem Known Space

„Zum ersten Mal vollständig und in deutscher Sprache werden hier alle Kurzgeschichten Nivens vorgestellt, die sich mit dem Universum beschäftigen, dessen wichtigste Welt die Ringwelt ist.

Vom 20 bis 31. Jahrhundert spannt sich der Bogen der Storys, in denen Larry Niven eine Vision der Eroberung des Weltraums und der Kolonisierung der Galaxis durch den Menschen entwirft.“ (Aus der Verlagsinfo)

Der Autor

Der Mathematiker Larry Niven (*1938) ist einer der wichtigsten Vertreter der naturwissenschaftlich orientierten Science-Fiction. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der „Ringwelt“ Zyklus (ab 1971). Seine bekannteste Kooperationsarbeit mit Pournelle ist der Katastrophenroman „Luzifers Hammer“, aber auch „Der Splitter in Gottes Auge“ ist sehr beliebt. Niven ist ein Spezialist im Austüfteln und Schildern fremder Welten. Seine These: Technischer Erfindergeist erweist sich letztlich als vorteilhaft. In seinem zusammen mit David Gerrold verfassten Roman „Die fliegenden Zauberer“ treten Magier ebenfalls als Erfinder einer gewissen Art auf.

Die Erzählungen

1) Der kälteste Ort (The Coldest Place)

Auf der stets sonnenabgewandten Seite des Merkur finden Doc Howie und sein cybernetischer Freund Eric das neue Helium II und analysieren es.

Mein Eindruck

Helium II gibt es nicht, könnte es aber geben. Dummerweise aber nicht an diesem Ort, denn Merkur, so stellte sich zwei Jahre nach Veröffentlichung der Story heraus, rotiert und hat eine Atmosphäre. Der Autor ist der erste, der darauf hinweist. Interessanter ist da schon die Idee, das Gehirn des schwerverletzten Eric zu nehmen, einzulagern und mit Prothesen sowie Nährstoffzufiuhr usw. zu versehen. So kann Erics Geist weiterexistieren. Leider ist er ein klein wenig herrisch, findet Howie.

2) Die Probe aufs Exempel (Becalmed in Hell, 1965)

Eric und Howie erforschen die Venus: der heißeste Ort des Sonnensystems – 612 Grad Celius! Hübsch warm, findet auch Eric Donovan, der das Gehirn ihres Schiffes bildet. Da fallen seine Rammjetdüsen aus: Sie sind manövrierunfähig. Aber was ist due Ursache dafür, dass er seine Düsen nicht mehr spürt: Einbildung oder ein echter Defekt?

Um das zu prüfen, müssen sie landen: hübsch warm mit über 700°C. Howie steigt aus, checkt die Verbindungen und beschließt ein gewagtes Experiment…

Mein Eindruck

Die Howie & Eric-Geschichten erinnern an nichts so sehr an die Robotergeschichten von Isaac Asimov, von denen sie Niven abgeguckt hatte. Wie dort ein Mensch mit einem Roboter regelmäßig schräge Abenteuer erlebt, so auch hier. Nur dass Niven sein ganzes Physikerwissen einsetzt. Das fordert vom Leser ein ebenso kompetentes Physikerwissen, um mithalten zu können.

Am verständlichsten ist sicher die total schräge Story von dem betrunkenen Typen, der auf der Kühlerhaube eines Autos fuhr. Als sein Bruder den Wagen unvermittelt bremst, rutscht er mit dem Hosenboden über die Kühlerfigur und wird durch den Verlust seiner Familienjuwelen zum Eunuchen … Was das hier soll? Nun, es gibt gewisse Parallelen zwischen Eunuchen und nervenamputierten Schiffsgehirnen …

3) Gestrandet auf Pluto (Wait It Out, 1968)

Die Landefähre, die Jerome und den Erzähler auf dem Pluto abgesetzt hat, hat das Eis des Bodens geschmolzen und ist darin eingesunken. Da hier die Temperatur bei minus 223°C liegt, ist das Wasser im Handumdrehen wieder gefroren – die Fähre sitzt fest. Was tun? Das Mutterschiff, das von Sammy gesteuert wird, soll zur Erde zurück – es kann nicht landen. Bis Hilfe kommt, ist es für Jerome und den Erzähler zu spät.

Doch es gibt einen verwegenen Trick, der nur einem Physiker einfallen kann: Man muss sich nur dazu bereitfinden, sich auf die Temperatur der Umgebung abzukühlen. Doch wenn man nur mit einer Unterhose auf dem Pluto steht, wird es verdammt schnell saukalt…

Mein Eindruck

Auch hier ist wieder der Physiker im Leser gefragt. Wie überlebt Mann den Ausflug auf die kälteste Oberfläche im Sonnensystem? Und wie kann es sein, dass der Erzähler am Leben bleibt, um auf die Rückkehr seiner Retter zu warten? Um das herauszufinden, muss man die Story lesen – und glauben. Wir fragen uns nämlich, warum die beiden ihre Fähre überhaupt verlassen. Bloß weil sie eine „Nerva-K-Rakete“ ist?

4) Das Oktopusauge (Eye of an Octopus)

Chris und Henry sind Teil einer kleinen amerikanischen Marsexpedition. Eines Tages stoßen sie mitten in der Marswüste auf einen Brunnen. Er ragt kreisrund bis auf Brusthöhe empor und in seiner Tiefe befindet sich eine Flüssigkeit. Die Analyse ergibt, dass die Steine härter sind als Diamant und es sich bei der Flüssigkeit um Salpetersäure handelt. Ein Rätsel: Ist das wirklich ein Brunnen der verschwundenen Marsianer gewesen? Oder etwas ganz anderes.

Da fällt Chris ein Objekt am Rande einer Wanderdüne auf. Henry legt es mit den Düsenstrahlen der Fähre frei: eine Mumie. Und daneben liegt Drähte, ein Rahmen, kurzum: „ein Fahrrad“, meint Chris. Henry erklärt ihn für verrückt. Sie tragen die Mumie in die Fähre, wo sie unvermittelt zu rauchen beginnt. Als Henry das Feuer mit Wasser löschen will, kommt es zu einer verheerenden Explosion. Chris wirft die gar nicht so tote Mumie in die Luftschleuse – raus damit!

Teufel auch! Vielleicht ist dieser „Brunnen“ doch etwas ganz anderes gewesen – aber was? Da hat Chris wieder eine seiner Ideen …

Mein Eindruck

Die erste Story in diesem Band, die wirklich jeder halbwegs gebildete Chemiker verstehen kann. Wasser und Salpetersäure – das ist keine gesunde Mischung, wird schnell klar. Auch das Material des „Brunnens“, das selbst einem Diamanten widersteht, könnte interessant sein.

Am allerinteressantesten ist indes der Marsianer, bzw. dessen gefriergetrocknete Mumie. Chris meint, es handle sich bei diesem Hominiden um eine Parallelentwicklung zum Menschen, ähnlich wie das Auge des Oktopus eine parallele Entwicklung zum Menschenauge darstellt.

Das Beste an dieser Geschichte ist allerdings der trockene Humor, der sich aus dem Gegensatz zwischen den beiden Figuren ergibt. Chris stellt den kompetenten, aber auf originelle Weise einfallsreichen Techniker dar, während Henry mehr den unterbelichteten Otto-Normal-Piloten spielt, der von Physik und Chemie null Ahnung hat, aber weiß, wie man eine Fähre steuert.

5) Wie die Helden sterben (How the Heroes Die, 1966)

Die Blasenstadt auf dem Mars hat ein echtes Problem: Hier leben nur Männer. Kein Wunder, dass sie nach einer Weile homosexuell werden. Das findet John Carter nicht okay, und als Lew Harness ihn anmacht, legt er ihn um. Nun ist ihm Lews Bruder Alf, der Linguist, der Stadt, auf den Fersen, um Rache zu nehmen.

Generalmajor Shute, der von den 13 verbliebenen Männern der Blasenstadt nur „Bürgermeister“ genannt wird, will der Erde einen Report über die prekäre Lage hier schicken. Er gibt ihn dem Hobby-Schriftsteller Cousins zum Probelesen, und der hat etliche Vorschläge. Wenn der Bericht wie geplant rausgeht, wird er auf der Erde, die sich gerade im Funkschatten des Mars befindet, wie eine Bombe einschlagen.

Unterdessen jagt Alf den Mörder seines Bruders weiter. Allerdings hat er etwas weniger Sauerstoffvorräte mitgenommen als Carter. Carter denkt, er sei schlauer als Alf, doch am Ende zieht er den Kürzeren …

Mein Eindruck

Diese Story ist eine kuriose Kombination aus marsianischem Wettrennen, Mordkrimi und Sozialkritik. Der Autor beantwortet die Frage, wie man auf dem Mars mit einem Buggy ein Wettrennen fährt, wenn man nur über einen begrenzten Sauerstoffvorrat verfügt. Außerdem klärt er die Frage, was passiert, wenn die Marsluft mit dem menschlichen Blut in Berührung käme (nichts Schönes, soviel ist klar).

Und drittens scheinen die titelgebenden „Helden“ alles andere zu sein, nur keine Helden. Aus dem John Carter, den noch E. R. Burroughs in seinen „Barsoom“-Romanen als edlen Retter und Abenteurer zeichnete, ist ein sehr moderner Schatten jener Ideale geworden.

6) Der total verpflanzte Mensch (The Jigsaw Man, 1967)

Warren Lewis Knowles denkt, er sei unschuldig zum Tode verurteilt, als er im Knast landet. Denn man schreibt das Jahr 1990, in dem zahlreiche Bundesstaaten und Länder den verurteilten Verbrecher dazu verurteilen, als Organbank zu dienen. Eingesperrt zwischen einem alten Arzt, der als Organräuber gearbeitet hat, und einem Teenager, der diesem die Opfer zugeführt hat, packt Lew das kalte Grausen.

Doch da zerreißt eine Explosion die Ruhe im Trakt. Blut spritzt überall umher. Denn der Arzt hat ein probates Mittel eingesetzt, um der Strafe zu entgehen: eine in seinen Oberschenkelknochen eingepflanzte Bombe. Auf einmal ist für Lew der Weg nach draußen frei, als ein Loch in der Außenwand klafft.

Doch er gelangt lediglich in das angrenzende Krankenhaus. Er schlägt einen Mediziner nieder und flüchtet mit dem Fahrstuhl nach unten. Er steigt im falschen Stockwerk aus und glotzt die Plastikbehälter mit den Leichenteilen und entnommenen Bänken an. Da packt ihn die kalte Wut. Er hat erst ein Drittel der Bestände zerstört, bevor der Ultraschallalarm ihn in die Knie zwingt …

Mein Eindruck

Ja, die Schwelle, an der die Todesstrafe angesetzt wird, ist im Jahr 1990 (vom Jahr 1968 aus gesehen) beträchtlich gesunken: Verkehrsdelikte reichen völlig aus. Der grund für die häufige Vrhängung der Todesstrafe ist simpel: Die Organe verschaffen den Privilegierten praktisch Unsterblichkeit. Deshalb ist ihr Interesse zu stark, um die Todesstrafe abzuschaffen.

An dieser Idee ließe sich jedoch aussetzen, dass die Entwicklung der Bevölkerung ziemlich negativ verlaufen dürfte. Erstens durch die vielen Hinrichtungen und zweitens durch fehlende Motivation für Frauen, noch Kinder in die Welt zu setzen.

Mit dazwischengeschalteten essayistischen Passagen polemisiert der Autor gegen das hier von ihm fiktiv in Aussicht gestellte Strafverfahren. Er hält Organbanken bereits im Jahr 1967 für eine unausweichlich kommende Einrichtung. Und er sollte recht behalten. Aber mit der Umwandlung der Todesstrafe zur Ausschlachtung ist es noch nicht soweit. Kommt wohl noch.

7) Am Grunde eines Loches (At the Bottom of a Hole, 1966)

Der Belter Müller hat wertvolle Mineralien geklaut und flieht durch den Weltraum Richtung Mars. Jeder Belter, der im Asteroidengürtel aufgewachsen, würde den Schwerkraftschacht eines Planeten scheuen, doch Müller hat keine Wahl mehr: Der Mars ist UN-Territorium, und die Raumpolizei darf ihn hier nicht verfolgen.

Soweit so schön, doch dann beginnen die Schwierigkeiten. Er landet am Grunde eines Kraters, der mit halbflüssigem Staub gefüllt ist. Dieser erweist sich später als hinderlich beim Neustart, aber zuvor entdeckt Müller etwas anderes: einen Erdstützpunkt voller Leichen. Es sind 15 Männer, um genau zu sein, und alle sind mumifiziert. Die trockene Luft voller Stickstoffdioxid scheint sie umgebracht zu haben. Sie hatten ursprünglich eine Luftblase über ihrer Basis, doch Müller zählt nicht weniger als acht Schnitte in deren Außenhaut. Die Männer erstickten – es war Mord.

Aber wer oder was hat sie umgebracht? Und ist es immer noch da, um auch Müller zu bedrohen? Zu seinem größten Bedauern muss Müller feststellen, dass es auf dem Roten Planeten noch andere Bewohner gibt …

Mein Eindruck

Dies ist gewissermaßen die direkte Fortsetzung zu der feinen Story „Das Oktopusauge“ (s.o.) und zu „Wie die Helden sterben“. Der Autor, das spürt der Leser, ist sehr gut darin, eine Kriminalermittlung in einen naturwissenschaftlichen Hintergrund einzubetten. Er hat mit „Mord auf dem Mond“ schon einmal vorexerziert, wie das wirkungsvoll gemacht wird.

Ich will dem Leser nicht vorenthalten, dass es eine zweite Ebene in dieser Geschichte gibt. Müllers Beitrag ist ein Logbuch aus dem April 2112. Ein Polizist oder Jurist spielt es einem uralten UN-Senator vor, der sich deswegen extra auf eine Belter-Welt begeben hat. Letzten Endes, so meint der Senator, gehe es darum, was den Menschen hinausgetrieben hat, um die Sterne zu erforschen. Entgegen den Annahmen des Belters waren es nicht konkrete Nutzanwendungen von Wissen, sondern das abstrakte Wissen selbst, das zunächst gewonnen werden sollte.

8) Betrugsabsicht (Intent to Deceive, 1968)

Erneut tritt hier Lukas Garner, der UNO-Kommissar von 174 Jahren, auf. Diesnmal begleitet ihn der gegenwärtige Superintendent der Polizei von Groß-Los-Angeles, sein Nachfolger in diesem Amt. Zusammen sitzen sie in einem Restaurant, das von Robotkellnern betrieben wird.

Das bringt Garner dazu, Masney zu erklären, warum er Robotkellner generell ablehnt. Und das beruht auf seinem Erlebnis im ersten New Yorker Robotrestaurant …

Mein Eindruck

Die kurze Erzählung ist eine Art Kriminalkomödie, wie sie auch von Isaac Asimov hätte kommen können. Die Robotkellner verwehren einem Betrüger, der mit Garner speist, den Weggang und wollen ihn dazu zwingen, eine überhöhte Rechnung zu zahlen. Das lässt der sich nicht bieten. Aber die Robots haben ihre Methoden, Stromstöße beispielsweise, um sich gegen rabiate Gäste zur Wehr zu setzen.

Die Pointe ist reichlich makaber, denn es gibt einen guten Grund, warum man nie wieder etwa von diesem Betrüger gehört hat, nachdem er die Robotküche unbefugt betreten hatte …

9) Der Mantel der Anarchie (The Cloak of Anarchy)

Etliche Jahre in der Zukunft ist der Welt das Öl ausgegangen, und die autofreien Freeways sind bepflanzt worden. Einer dieser Freeways ist nun der King’s Freipark. Hier besteht eine Zone lockerer Rechte, etwa für Freikörperkultur. Ein hüllenloses Mädchen läuft mit einem wehenden 15 m langen Mantel durch den Park, unbelästigt. Damit es zu keinen unerwünschten Übergriffen kommt, wachen nämlich schwebende Flugkapseln über die Besucher des Parks und lähmen jeden mit einem Energiestrahl, der sich so etwas zuschulden kommen lässt.

Das klappt bestens, denkt Russell, als er seine ebenso textilfreie Freundin Jill dort besucht. Doch ein Schlauberger namens Ronald hat einen Weg gefunden, die Überwachungskugeln außer Gefecht zu setzen. Er ist ein Verfechter des Anarchismus und überzeugt, dass Anarchie, also Herrschaftslosigkeit, funktioniert. Die folgende Nacht widerlegt diesen naiven Glauben…

Mein Eindruck

Totale Freiheit durch Herrschaftslosigkeit – geht das denn? Das war eine der größeren intellektuellen Debatten Ende der sechziger Jahre. Das endgültige Wort dazu schien Ursula K. Le Guin 1974 mit dem Roman „The Dispossessed“ geschrieben zu haben, der ihr mehrere Preise und höchstes Ansehen einbrachte.

Niven hingegen steht nicht in Le Guins Lager, sondern ist den Konservativen zuzurechnen. In seinem Gedankenexperiment mit dem Freipark mangelt es schon bald an Essen und Trinken, doch eine Bande von fünf starken Männern monopolisiert den einzigen Trinkbrunnen – unter fadenscheinigstem Vorwand – und terrorisiert jeden, der dagegen aufmuckt, statt dass sie, wie jeder vernünftige Kapitalist, dafür Gegenleistungen verlangen, beispielsweise sexuelle Gefälligkeiten.

Aber Russell findet eine andere Bande, die es mit diesen fünf Bullys aufnehmen kann, und so wird das gleichgewicht der Macht wiederhergestellt. Das Auftauchen neuer Wächterkugeln erscheint dann wie eine Erlösung – genau das Gegenteil von Anarchie.

10) Die Krieger (The Warriors)

Die kriegerischen Kzin haben das erste Raumschiff der Menschen elf Lichtjahre hinter dem Pluto entdeckt. Sie richten ihre zahlreichen Waffensysteme auf die „Angel’s Pencil“, doch als der einzige Telepath an Bord des Kzin-Schiffes keinerlei Waffen bei den Menschen entdeckt, ist der Kzin-Kapitän erst einmal verblüfft. Was sind das für seltsame Wesen, die keine Gewalt noch Waffen kennen? Wie auch immer: Er befiehlt, den Wärmeinduktor auf das fremde Raumschiff zu richten. Die Hitze sollte die Bewohner rösten und töten …

An Bord der „Angel’s Pencil“ kann sich nur noch einer der Crew an so etwas wie Gewalt erinnern. Kein Wunder: Steve ist nicht auf der seit Jahrhunderten psychologisch befriedeten Erde aufgewachsen, sondern im Asteroidengürtel: Er ist ein Belter. In einer Bar, so erzählt er der schockierten Kopilotin, hat er mal erlebt, wie einer der Bergleute einen Koller bekam und anfing, um sich zu schlagen.

Plötzlich spüren alle, wie sich das Metall an Bord erhitzt. Nur Steve hat den richtigen Gedanken. Er dreht das Schiff so, dass sein Antriebsende auf das andere Raumschiff zeigt…

Mein Eindruck

Man schreibt das Jahr 2360, wie die Zeittafel am Anfang des Buches belegt: Erstkontakt mit den Kzin und Beginn des Ersten Kzin-Krieges. „Das Ende einer Ära“, sagt Jim Davis, der Kapitän der menschlichen Besatzung, und das trifft den Nagel auf den Kopf. 250 bis 300 Jahre – die Angaben weichen ab – lang herrschte auf Erden und im Sonnensystem erzwungener Frieden. Psychiatrische Betreuung und Medikamente unterdrückten gewalttätige Impulse. Die Bevölkerung bekam die Antibabyimpfung verabreicht, so dass die Nahrungsmittelproduktion und -versorgung ausreichte. Waffen waren nicht nur überflüssig, sondern verboten.

Wie aber konnte sich dann die „Angel’s Pencil“ (Bleistift des Engels) verteidigen? Das eben ist die Pointe der Story: Ein Laser – eben der Engelsbleistift – kann zum feinen Schreiben wie auch zum Zerstören von Materie verwendet werden. Man muss sich nur daran erinnern, dass er für beide Verwendungsweisen gut ist.

11) Im Grenzland der Sonne (The Borderland of Sol, 1975)

Diese Geschichte spielt im Jahr 2600 in Nivens bekanntem Weltraum, in dem sowohl die Kzin als auch die Ringwelt (entdeckt ab 2800) vorkommen. – Beowulf Shaeffer, der Ich-Erzähler, war mal Pilot auf Linienschiffen, jetzt ist er in Rente und besucht den erdähnlichen Mond Jinx, der um einen riesigen Gasplaneten kreist. Hier trifft er unvermutet Carlos Elephant an, dem er noch einen Gefallen schuldet, weil der Beo und seiner Frau Sharrol auf der übervölkerten Erde zu einer Zeugungslizenz verhalf. Carlos macht ihn in einer Bar mit dem Privatunternehmer Sigmund Ausfaller bekannt. Und Ausfaller hat einen ausgefallenen Vorschlag.

Im Grenzland zum Solsystem verschwinden in letzter Zeit immer mehr Schiffe auf unerklärliche Weise. Stecken die Piraten dahinter, die Bandersnatchis? Wer weiß das schon genau. Aber seit der Sohn des Patriarchen von Kzin mit diversen Schätzen dort verschwand, könnte sich die Suche nach den verschollenen Schiffen lohnen. Denn die raubtierhaften Kzinti könnten sich als dankbar erweisen, wenn man ihnen ihre Schätze zurückgäbe.

Das überzeugt Beo noch nicht, wohl aber die Bewaffnung, die Ausfallers Schiff „Hobo kelly“ aufweist: Der äußerlich unansehnliche Trampfrachter ist schwer bewaffnet und verfügt über Tiefenradar. Jeden Angreifer könnte man damit frühzeitig aufspüren, mit den bestens getarnten Waffen abwehren oder ihm entkommen. Möglicherweise handelt es sich sogar um eine Konstruktion der verschlagenen Puppeteers. Beo Shaeffer schlägt ein.

Nach vier Wochen Flug durch den Hyperraum passiert es: Das Schiff schwankt und stürzt unvermittelt zurück in den Normalraum. Ein Angriff? Es sind nur ein paar harmlose Asteroidenschlepper und ein Komet in Sichtweite. Carlos fängt an zu kichern – immer ein schlechtes Zeichen: Der Hyperraumantrieb ist weg! Eine Singularität hat ihn glatt aus seinem Gehäuse gefräßt und ins Nirwana gerrissen. Welche Macht jongliert mit Schwarzen Löchern rum?

Der einzige in Frage kommende Stützpunkt hier draußen ist der von Julian Forward, ein Wissenschaftler. In der Tat scheint der alte Bekannte von Carlos etwas zu verbergen zu haben…

Mein Eindruck

Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man das Universum, in dem Niven seine Romane und Storys spielen lässt, schon ein wenig kennengelernt hat. Da ist die Rede von Kzinti, von Puppeteers, von Bandersnatchi (ein Name aus Lewis Carrolls Nonsensgedicht „Jabberwocky“), sogar von Flatlandern (Planetenbewohnern) und Crashlandern (vermutlich Schiffbrüchigen). All diese Bezeichnungen tauchen in Nivens Romanen und Shared-World-Anthologien über die Man-Kzin-Kriege wieder auf. Und in letzter Zeit lässt er wieder über die Puppeteers schreiben.

Dieses Universum spiegelt sich wie in einer Nussschale hier wider. Das Hauptinteresse des Lesers gilt aber nicht den exotischen Bewohnern, sondern vor allem der Frage, die auch Beowulf Shaeffer quält: Womit, zur Hölle, wurde sein Schiff des Hyperantriebs beraubt? Doch der gewiefte Niven-Kenner ahnt bereits, womit sich sein Lieblingsautor am meisten beschäftigt: mit exotischen Sternen, ganz besonders aber mit Schwarzen Löchern, sogenannten Singularitäten. Diese können, wie Niven hier sagt, winziger als ein Molkekül sein, aber massereicher als eine Sonne. Ein wahrhaft exotisches Phänomen – und etwas, mit dem man eine Story voller Geheimnisse, sense of wonder und einem actionreichen Finale inszenieren kann. Niven-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten.

12) Das fremde Raumschiff (There Is a Tide, 1968)

Im Jahr 2830 fliegt Louis Wu – 20 Jahre vor seiner berühmten Exkursion zur Ringwelt – aus Langeweile wieder mal durch die Außenbereiche der Galaxis. Wie immer ist er auf der Suche nach den unschätzbar wertvollen Stasisboxen der vor Milliarden Jahren verschwundenen Slaver. In diesen Boxen vergeht keine Zeit und alles, was sich darin befindet, wird bis in alle Ewigkeit konserviert.

Als er sich einem erdähnlichen Planeten mit einer G3-Sonne wie Sol nähert, entdeckt er einen Mond, der nur drei Meter Durchmesser hat. Eine Stasisbox? Welch ein Glückstreffer! Doch zu früh gefreut – ein Konkurrent will ihm die Beute streitig machen. Doch wozu Krieg führen, wenn man auch ein Glücksspiel bestreiten kann? Dem Sieger die Beute.

Doch Louis wird vom Gegner beim Münzenwerfen am Strand übel ausgetrickst: Sein Raumschiff hebt ab, um sich die Beute zu schnappen. Doch da passiert etwas Unvorhergesehenes: Der Ozean, der eben noch friedlich an den hübschen Strand plätscherte, zieht sich in weite Ferne zurück …

Mein Eindruck (Spoiler!)

Der drei Meter große Mond ist keine Stasisbox, sondern der Splitter eines Neutronensterns. Bei minimaler Masse beträgt seine Gravitation das 20-Millionenfache der Erdschwerkraft! Alles, was zu nahe an dieses Teil degenerierter Masse gerät, widerfährt ein sehr unschönes Schicksal…

Wieder mal beweist Niven seine Physikkenntnisse, indem er einen kleinen Teilaspekt seiner Storysammlung „Neutron Star“ zu einer amüsanten, wendungsreichen Erzählung ausbaut, die den Leser nicht nur bis zum dramatischen Höhepunkt unterhält, sondern zugleich informiert, was es mit Neutronensternmasse auf sich hat.

Der einzige Aspekt, der etwas mystisch wirkt, sind die Slaver und ihre Stasisboxen. Es ist doch recht fraglich, aufgrund welcher Informationsquellen Louis Wu – wiewohl schon 180 von 1000 Jährchen alt – so viel über eine Rasse wissen kann, die schon vor Jahrmilliarden spurlos verschwunden sein soll. Das ist alles recht fadenscheinig – zumindest wenn die Story so aus dem Kontext gerissen ist wie in dieser Auswahl.

13) Funktionstüchtig & narrensicher (Safe at any speed, 1967)

Im Jahr 3100 unternimmt ein recht betuchter Pilot ausnahmsweise eine zweistündige Spazierfahrt in seinem Flugwagen statt die nächste Transferzelle zu benutzen. Aber dies ist schließlich Margrave, eine grüne Welt, eine idyllische Welt – sehr sehenswert. Daher der Flugwagen.

Dumm nur, dass er von einem Riesenvogel, einem Roc, in voller Fahrt verschluckt wird. keine Panik, denkt sich der Pilot, der Wagen hat alles im Griff. Und dem ist auch so: Luft, Nahrung, Waschsalon – null Problemo. Lediglich mit der Kommunikation hapert es. Der Roc kommt wegen des Zusatzgewichts nicht mehr vom Fleck und stürzt in ein vollautomatisiertes Holzfällercamp.

Keine Panik, nun heißt es erst mal abwarten und 3D-Solitär spielen. Fünf Monate später hat sich das Problem von selbst gelöst …

Mein Eindruck

Der betuchte Gentleman beschwert sich natürlich beim Hersteller General Transportation, dass es zu der verhängnisvollen Kollision mit dem Roc kam. Es gab keinerlei Vorwarnung. Man kann nicht mal spazierenfliegen, ohne solch ein Monster zu rammen. Nun, dann muss man eben die Garantie für den Flugwagen, ähm, ein wenig modifizieren.

Die Kurzkurzgeschichte von gerade mal drei Seiten (auch in MFSF #22 abgedruckt) ist eine herrliche Satire auf neumodische Fortbewegungsmittel und ihre versnobbten Piloten, aber auch auf die Garantien, nicht immer das halten, was sie versprechen. Dazu gibt es ebenso herrliche Satiren von John Brunner mit dem Titel „Der galaktische Verbraucherservice“ (siehe meinen Bericht).

Die Übersetzung

Die Übersetzungen mögen in der Sache korrekt sein, aber im Stil sind sie meist lausig und hinsichtlich der Druckfehler unter aller Kanone. Das beste am Buch sind die Zeittafel und die deutsche Bibliografie. Letztere wurde von den Verlegern der Edition Phantasia erstellt, dem Übersetzer Joachim Körber und dem Herausgeber Uli Kohnle.

Unterm Strich

Die sechzig Seiten lange Novelle „Im Grenzland der Sonne“ ragt aus dieser Auswahl heraus wie der Mount Everest über flache Vorgebirge. Sie ist bis zur allerletzten Zeile so exzellent konstruiert, derart sauber von einem Könner (Horst Pukallus) übersetzt und erfüllt den Leser mit dem Gefühl höchster Zufriedenheit – sie ist einfach perfekt. Diese Erzählung findet man im gleichnamigen Heyne-Auswahlband in gleicher Übersetzung (siehe meinen Bericht dazu).

Der Rest der Geschichten fällt dagegen reichlich ab. Das liegt nicht nur an der Kürze – maximal 30 Seiten – oder an den eher mauen Übersetzungen, sondern einfach an den Ideen und deren fiktionale Verarbeitung. Die seltene Ausnahme ist etwa „Das fremde Raumschiff“, bei dessen Ausarbeitung der Autor mehrere Ideen wie Münzenwerfen, Gravitation und Neutronenmasse zusammenbringt, um Louis Wu einzuführen, den Helden seiner Ringwelt-Romane.

Der Niven-Fan wird eine Kette von drei Mars-Erzählungen entdecken, die nicht ohne Pfiff sind, mich aber nicht ganz überzeugten. Ein ganz anderer Fall ist hingegen „The Jigsaw Man“, in der es um das für Niven wichtige Thema der Organverpflanzung und -entnahme geht. Diese actionreiche Story wurde vielfach abgedruckt. Kein Wunder also, dass der Autor die Grundidee 1980 nochmals für „The Jigsaw Girl“ (Ein Mord auf dem Mond) aufgriff.

Zusammen mit der Chronologie des Known Space und der deutschen Bibliografie bildet dieser Erzählband Sammelstoff für echte Niven-Fans. Mehr aber auch nicht. Denn schon der Titel ist ja nicht zutreffend: Die letzte wichtige Story „Das fremde Raumschiff“ spielt 20 Jahre vor „Ringwelt“. Die beiden Highlights „Grenzland der Sonne“ und „Jigsaw Man“ wird man zudem auch woanders finden.

Originaltitel: Tales of Known Space (1975)
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber u. a.
ISBN-13: 978-3404240647

www.luebbe.de

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