Rhiannon Lassiter – Böses Blut

Mary Hoffman und Rhiannon Lassiter beweisen, dass Schreibtalent vererbbar ist. Hoffman, die Mutter von Lassiter, ist vor allem durch ihre Kinderbuchreihe „Stravaganza“ bekannt, während ihre Tochter in Deutschland bislang noch nicht so viel Beachtung gefunden hat. Mit „Böses Blut“, das als Hardcover bei der |Fischer Schatzinsel| veröffentlicht wurde, soll sich das nun ändern.

Verrückter könnte eine Familie nicht sein: Seit Peter und Harriet geheiratet haben, gibt es ständig Streit in der sechsköpfigen Patchworkfamilie. Schuld daran sind die Teenager Katherine und Catriona, während John und der ältere Roley sich gegenseitig ignorieren. Beide Mädchen lassen sich „Cat“ bzw. „Kat“ nennen, doch wem gehört der Spitzname nun? Dieser Streit sorgt für eine gespannte Atmosphäre, auch als die sechs im Urlaub zu dem verwinkelten Haus fahren, in dem Katherines und Johns verstorbene Mutter aufgewachsen ist. Die beiden waren noch nie dort und sie wünschen sich auch schnell, dass es dabei geblieben wäre. Das Haus ist unheimlich, scheint ein Geheimnis zu verbergen. Schließlich passieren seltsame Dinge. Katherine findet eine Geheimkammer mit vielen alten Büchern, in denen die Namen einiger Charaktere herausgestrichen sind, Catriona wird von einer mysteriösen Puppe verfolgt, und dann ist da auch noch Alice, das unscheinbare Mädchen aus dem Dorf, das es Roley angetan hat …

Niemand möchte glauben, dass hier etwas Übersinnliches im Spiel ist. Einzig Alice ahnt etwas, als sie im Wald von einem Baum angegriffen wird. Eines Abends kommt es schließlich zum großen Finale: Nach einem Streit rennen Catriona und Katherine in den Wald und Roley macht sich auf, um sie zu suchen. Er ahnt nicht, wie gefährlich dies für ihn, aber auch für die anderen Mitglieder seiner Familie werden wird …

Rhiannon Lassiter zeigt sich, was Genres angeht, sehr wandelbar. Während ihre ersten Bücher Science-Fiction waren, hat sie auch Fantasy geschrieben und widmet sich mit „Böses Blut“ dem Horrorgenre. Das gelingt ihr allerdings eher mittelmäßig. Sie versucht, neben der eigentlichen unheimlichen Handlung eine authentische und realistische Handlung zu konstruieren. Dieser Vorsatz schadet zwar den Charakteren nicht, aber die Familienkonstellation stört die Handlung vor allem am Anfang des Buches erheblich. Um das Ausmaß der Feindschaft zwischen den Geschwistern darzustellen, rafft Lassiter verschiedene Situationen zusammen, um möglichst schnell und ausführlich vom ersten Kennenlernen der Eltern bis zur gemeinsamen Urlaubsreise zu kommen. Sie geht dabei viel zu schnell vor. Der Leser ist sich nicht mehr sicher, wo er sich gerade befindet und was das Ganze mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat.

Eine flott erzählte Handlung ist an und für sich nicht schlecht, aber in diesem Fall ist es zu viel des Guten. Im weiteren Verlauf des Buches begeht die Autorin den Fehler, sich an einigen Stellen zu viel Zeit zu lassen. Die Geschichte wird langatmig – trotz eines gelungenen und spannenden Höhepunkts und Finales! – und erinnert doch sehr stark an das, was sich ein Horror-unerfahrener Leser darunter vorstellt: mörderische Puppen, undurchsichtige Gestalten und lebendige Bäume. Einzig die Stellen, an denen Lassiter beinahe im Fantasygenre siedelt, wissen zu gefallen. Hier zeigt die Autorin, wie einfallsreich sie sein kann und dass sie die Genregrenzen zu sprengen weiß. Allerdings zieht sie diesen Ansatz nicht konsequent genug durch und verschenkt Potenzial.

Lobenswert ist ihre Figurenzeichnung. Die jungen Heldinnen und Helden wirken realistisch und zeichnen sich durch unterschiedliche, klar definierte Wesenszüge aus. Die Erwachsenen bleiben beinahe etwas schattenhaft, spielen aber auch keine große Rolle in der Geschichte. Lassiter geht das Wagnis ein, vier Personen auf einmal in den Mittelpunkt zu stellen, doch es gelingt ihr, diese so stark voneinander zu differenzieren, dass der Leser die Kinder stets auseinanderhalten kann. Positiv ist außerdem anzumerken, dass Lassiter es gelingt, die Figuren modern und zeitnah zu gestalten, ohne in Klischees zu verfallen oder sich zu sehr darauf zu konzentrieren, Catriona als cool darzustellen.

Zudem ist die englische Autorin eine gute Erzählerin. Sie verfügt über einen großen Wortschatz und wählt ihre Worte sicher und bedacht daraus. Anders als andere Schriftsteller in ihrem Alter schreibt sie nicht flapsig oder zerstückelt ihre Geschichte in künstliche Emotionsbeschreibungen. Man möchte ihre Erzählweise beinahe schon traditionell nennen, denn weder Jugendsprache noch ein Übermaß an Anglizismen (in der deutschen Übersetzung) findet Eingang darin. Stattdessen erzählt sie flüssig und klar strukturiert, mit dem Vorsatz, die Handlung entsprechend darzustellen.

Alles in allem hat Rhiannon Lassiter einen interessanten Jugendroman geschrieben, der gut erzählt ist, aber einige Schwächen im Aufbau aufweist. Lobenswert ist außerdem ihre realistische Figurenzeichnung, die ihren Charme wegen der durchschnittlichen Handlung aber nicht richtig entfalten kann.

Originaltitel: Bad Blood
Aus dem Englischen von Anna und Christine Strüh
393 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Empfohlen ab 12 Jahren
www.fischerschatzinsel.de
www.rhiannonlassiter.com

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