Jonathan Latimer – Der enthauptete Großonkel

latimer großonkel cover kleinEin alter, reicher Mann ruft die ungeliebte Verwandtschaft in sein einsames Heim. Bevor er diese über den Inhalt seines neuen Testaments in Kenntnis setzen kann, wird ihm der Kopf abgeschlagen. Die Sippe fahndet nach dem Erbe und setzt dabei grobe Mittel ein … – Die uralte Geschichte vom Mord im isolierten Haus wird mit Spannung und Schwarzhumor erzählt, bis mit des Onkels Schädel auch die reizvoll verwickelte Lösung gefunden wird: ein betagter aber putzmunterer Krimi-Klassiker.

Das geschieht:

Zwanzig Jahre hat Peter Coffin, Professor für Englische Geschichte an einer kalifornischen Universität, seinen Großonkel Tobias nicht mehr gesehen. Nun erhält er die Einladung in dessen abseits am Lake Crystal gelegenen Landsitz in Michigan. Der alte Mann will vor seinem Tod noch einmal die Verwandtschaft um sich versammeln. Da es viel zu erben gibt, sperren sich auch die übrigen Coffins nicht. Sie werden von Tobias unfreundlich empfangen. Der Alte wirft ihnen Versagen im Leben und Erbschleicherei vor. Die Empörung ist groß aber eine Abreise unmöglich: Ein Unwetter tobt, und um das einsame Haus schleicht Elmer Glunt, ein aus der Irrenanstalt entsprungener Massenmörder, der seinen Opfern den Kopf abzuschlagen pflegt.

Peter ist es, dem Tobias interessante Offenbarungen über sein jüngst geändertes Testament ankündigt. Was er damit meint, wird sein Geheimnis bleiben: In der Nacht findet man Tobias in seinem Arbeitszimmer: tot und enthauptet, der Kopf ist verschwunden! Eine Suche im Haus bleibt erfolglos. Sheriff Wilson, hauptberuflich im Samenhandel tätig, zeigt sich nicht als Ausbund kriminalistischer Begabung. Wohl oder übel nimmt Peter die Fäden in die Hand. Leider nimmt seine Verwandtschaft ihn nicht ernst. Dieser führt sich als Amateur-Ermittler zunächst in der Tat ungeschickt auf. Als noch in der Mordnacht Tobias’ Arbeitszimmer durchsucht wird, ist er es, dem der unerkannt bleibende Einbrecher einen heftigen Hieb mit dem Schürhaken versetzt.

Trotzdem wird Peter deutlich, dass nicht unbedingt Glunt der mysteriöse Schurke ist. Die Mitglieder der Familie Coffin benehmen sich selbst verdächtig. Wollte womöglich jemand dem enterbenden Zorn des alten Tobias zuvorkommen? Pech für Peter, dass er offenbar als Haupterbe vorgesehen war. Das lässt seine Beliebtheit weiterhin schwinden, lockt aber den Mörder aus der Reserve. In dem alten Haus am See belauern sich die Coffins, während der wahnsinnige Glunt weiterhin sein Unwesen treibt. Und wo ist eigentlich Tobias Coffins Kopf geblieben …?

Grusel-Thriller mit pechschwarzem Humor

Bereits eine Skizze der Handlung verrät, dass „Der enthauptete Großonkel“ nicht gerade ein ernsthafter Vertreter seiner ehrwürdigen Gattung ist. Prinzipiell gehört dieser Roman ins Genre des „Whodunit“, dessen Autoren gern eine Gruppe verdächtiger Personen an einem isolierten Ort versammeln, der dann Schauplatz eines ‚unmöglichen‘ Mordes wird.

Aber der Verfasser heißt Jonathan Latimer, den die in der Kriminalliteratur bewanderten Leser als echten Witzbold kennen. Er schuf einige der schönsten Thriller der 1930er Jahre, die Spannung mit Humor zu verbinden wissen. „Sophisticated“ nennt man den Ton, in dem Geschichten von bizarren, durchaus blutigen Verbrechen erzählt werden. Mit knochentrockenem aber pechschwarzem Humor präsentiert der Autor ein kunstvoll gestricktes, völlig unwahrscheinliches Garn, wie es in den überdrehten „Screwball“-Komödien Hollywoods – Latimer war ein erfolgreicher Drehbuchautor – überaus beliebt war.

Die „Thin-Man“-Reihe mit dem ständig angesäuselten Hobby-Detektiv Nick Charles und seiner neugierigen, schwerreichen Gattin Nora fällt einem dabei ein, aber „Der enthauptete Großonkel“ spielt gleichzeitig mit Klischees, die Gruselklassiker wie „The Cat and the Canary“ (1927) oder „The Old Dark House“ (1932) zu Kino-Blockbustern ihrer Ära machten.

Latimer zieht praktisch jede Szene aus solchen und vielen anderen Filmen und Romanen heran, um sie lustvoll gegen den Strich zu bürsten. In dunkler Nacht krachen Blitz & Donner, ein Irrer geistert durch das riesige, uralte Haus, dessen Bewohner sämtlich etwas zu verbergen haben. Was in Gefahr gerät, veraltet und langweilig zu geraten, entwickelt sich unter Latimers Feder spielerisch nostalgisch, dabei jederzeit flott und zügig und steckt voller Überraschungen.

Die Hölle besteht aus Verwandtschaft

Die Figuren passen zum Ambiente. Sie bewegen sich hart an der Wende zur Karikatur. Da haben wir als zentralen Helden einen ungeschickten Geschichtsprofessor, der – dies ist Latimers Prinzip – quasi gegen jede Ermittlungsregel verstößt. Natürlich gibt es einen verschwiegenen oder besser undurchsichtigen Butler, der sehr leichtfüßig aufzutreten und zu verschwinden versteht, sowie einen seltsamen ‚Doktor‘, dessen Rezepturen man lieber nicht ausprobieren möchte. Der Sheriff ist eher ein Original als ein Kriminalist; er vermeidet es tunlichst, Großonkel Tobias‘ kopflose Leiche zu betrachten und lässt sich lieber aus zweiter Hand davon berichten.

Dann taucht auch noch Colonel Black auf, der lieber über Shakespeares und Viehzucht schwärmt als sich als Detektiv zu betätigen und damit alle Beteiligten hinters Licht führt. Die Ehefrauen der Coffin-Männer sind Megären, die Söhne Tunichtgute, die Töchter oberflächlich. Eine Ausnahme bietet nur die nicht zur Verwandtschaft gehörende Joan, was Absicht ist, denn Peter Coffin benötigt ein „love interest“, ohne gleichzeitig mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.

Nach den Regeln ihrer Zeit ist Joan eine scheinbar selbstbewusste und emanzipierte Frau, die mit beiden Beinen fest in ihrer Welt steht. Den schauerlichen Geschehnissen im Coffin-Haus steht sie gelassen gegenüber. Tatsächlich ist Joan nur ‚frei‘ auf Zeit. Ist der Mord an Onkel Tobias gelöst, hat sie sich in den in der Krise gar nicht mehr so untauglichen Peter verliebt, den sie anschließend heiraten wird: Aus heutiger Sicht aufdringlich ist die Welt wieder in Ordnung gebracht. Dieses Klischee wusste sogar Jonathan Latimer nicht auszuhebeln; es bleibt das einzige Manko eines ansonsten grandiosen Krimi-Vergnügens.

Autor

Jonathan Wyatt Latimer wurde 1906 in Chicago, Illinois, geboren. Er wuchs in Arizona und Illinois auf. Ins Berufsleben trat er als Reporter des „Chicago Herald Examiner“, bevor er sich als Schriftsteller versuchte. Schon mit seinem ersten Roman „Murder in the Madhouse“ – gleichzeitig das Debüt des Privatdetektivs William Crane – fand er 1935 sein Erfolgsrezept: Latimer schrieb „hardboiled screwball comedies“, wobei er sich deutlich von den Hollywood-Erfolgen seiner Zeit inspirieren ließ. Noch viermal ließ er William Crane martinigetränkt auf Schurkenjagd gehen, dann hatte er genug von dieser Figur.

1941 gelang Latimer mit „Solomon’s Vineyard“ ein echter Klassiker des Genres. Der leichte Ton war verflogen, grauer und grausamer Verbrecheralltag prägte die Szene, die Privatdetektiv Karl Craven betrat. Zwischen 1942 und 1945 diente Latimer in der US-Navy. Nach seiner Rückkehr fand er umgehend den Anschluss zur Filmbranche wieder.

Schon in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war es Latimer gelungen, als Drehbuchautor in Hollywood Fuß zu fassen. Wo andere Schriftstellerkollegen (wie sein Freund Raymond Chandler) scheiterten, passte er sich an und wurde zu einem begehrten Schreiber. Zu seinen etwa zwanzig verfilmten Arbeiten gehören die Drehbücher zu Hollywood-Perlen wie „The Glass Key“ (1942, nach Dashiell Hammett) und „The Big Clock“ (1947). Latimer schrieb auch für zeitgenössische Serie wie „Lone Wolf“ und „Charlie Chan“. Als das US-Kino in den 1960er Jahren seinen Niedergang erlebte, wechselte Latimer zum Fernsehen. Schnell setzte er sich auch dort durch und wurde u. a. 1960 bis 1965 zu einem der wichtigsten Script-Lieferanten für die erfolgreiche „Perry Mason“-Serie.

Seine Tätigkeit für das Fernsehen setzte Jonathan Latimer bis zu seinem Tod am 23. Juni 1983 fort. Als Schriftsteller war er da seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr tätig gewesen.

Taschenbuch: 362 Seiten
Originaltitel: The Search for My Great Uncle’s Head (Garden City/New York : The Crime Club/Doubleday 1937)
Übersetzung: Andre Simonoviescz
http://www.diogenes.de

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