Lau, Miller – Rabenkönig, Der (Die Highlander 1)

_Beinahe gute Heroic Fantasy_

Dies hätte ein spannender und unterhaltsamer, sogar innovativer Fantasyroman sein können. Die Zutaten dafür sind alle vorhanden. Doch an der Ausführung gibt es einiges auszusetzen.

_Die Autorin_

„Miller Lau ist das Pseudonym einer renommierten britischen Autorin mit schottischen Vorfahren“, verrät der Klappentext. In der Tat hat sich diese Autorin in der schottischen Mythologie kundig gemacht (siehe unten). Sie greift auf legendäre Motive zurück, die um die Zeitenwende oder noch davor entstanden – und natürlich auf die verbürgte schottische Historie, denn sie verknüpft Legende und moderne Gegenwart.

_Handlung_

Nach fünfzehn schier endlosen Jahren wird Duncan Talisker aus dem Gefängnis im schottischen Edinburgh entlassen. Dort hat er unschuldig als Mädchenmörder eingesessen. Bei einer schweren Prügelei und Misshandlung hat er einen großen Teil seiner Erinnerung eingebüßt. Talisker ist kein gewöhnlicher Mensch, aber das ahnt er nicht, als er in die Sonne der Freiheit zurückkehrt.

Nachdem er sich mit seiner früheren Freundin Shula wiedergetroffen hat, um einen neuen Anfang zu machen, taucht in seiner schäbigen Wohnung ein Geist auf. Malcom MacLeod vom Clan der MacLeods ist ein harter Kämpfer von altem Schrot und Korn – er hat einst in der Schlacht von Bannockburn anno 1314 die Engländer besiegt. Malky spielt so etwas wie den Schutzengel von Talisker, der wiederum einer seiner Nachfahren ist. Und den kann dieser schon wieder gut gebrauchen.

Die Polizei hat nämlich die geköpfte Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Sofort denkt der Polizist Chaplin, der fünfzehn Jahre zuvor Talisker ins Gefängnis gebracht hatte und einst sein Schulfreund war, an seinen alten Pappenheimer. Doch etwas scheint diesmal mit Alessandro Chaplin nicht zu stimmen. Er hat furchtbare Albträume von einem Adlerwesen namens Mirranon, und um seinen Leib schlingen sich blutunterlaufene Prellungen unbekannter Herkunft. Unvermittelt macht er Talisker für den Tod seiner geliebten Frau Diana verantwortlich, die am Tag von dessen Verurteilung bei einem Verkehrsunfall starb.

Nachdem er den unschuldigen Talisker wieder gehen lassen musste, schlägt Chaplin seinen Widersacher im Schutze der Nacht zusammen. Doch nun passiert etwas Seltsames mit den beiden. Malky hat den schwer verletzten Talisker in ein merkwürdiges Zimmer im Rathaus (!) geführt, wo ein strahlendes Wesen namens Deme Taliskers zertrümmerte Hand heilt und ihn bittet, in ihr Reich namens Sutra mitzukommen. Eigentlich bittet sie nicht – was Talisker nicht witzig findet. Inzwischen taucht auch Chaplin auf der Bildfläche auf, mit einer Pistole in der Hand. Deme stößt Talisker in die Anderswelt, wird aber von Chaplin getötet, der seiner vermeintlichen Beute, Talisker, nachsetzt und ebenfalls in Sutra landet.

Was zunächst verwirrt, aber nun mal hinzunehmen ist: Stirbt ein Protagonist in der einen Welt, wacht er lebend in der anderen wieder auf. Dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel nimmt schließlich ziemliche Ausmaße an.

In Sutra herrscht das geheimnisvolle Wesen Mirranon, der Weiße Adler. Noch. Denn Corvus, der Rabenkönig, verbreitet mit seinen Schattenkriegern, die die Seelen der Verstorbenen stehlen, Furcht und Schrecken. Talisker, Chaplin und Malky nehmen mit den Freunden Mirranons, den Gestaltwandlern, den Kampf gegen den zauberkundigen Rabenkönig auf. Denn wie Deme gesagt hatte, ist Talisker ein Krieger aus den Legenden Sutras.

Doch der Rabenkönig entsendet seine Dämonen nicht nur nach Sutra, sondern auch ins heimische Edinburgh – dort fiel den Dämonen das geköpfte Mädchen zum Opfer. Ihre nächsten Ziele sind diejenigen, die Talisker lieb und teuer sind: Shula und ihre Tochter Effie. Taliskers Auseinandersetzung mit Corvus in beiden Welten führt unausweichlich zu einem Kampf auf Leben und Tod.

_Mein Eindruck_

Im Literaturmarkt zwischen David Gemmell, Michael Moorcock und Diana Gabaldon nistet sich dieser Roman behaglich ein. Die Autorin möchte es allen Lesern recht machen, vor allem weiblichen Lesern. Ihre Frauenfiguren stellt sie weitaus genauer und realistischer dar als die männlichen „Helden“. Da aber Talisker und Company schließlich die Entscheidung herbeiführen, jedoch ihre Entscheidungen ständig von irgendwelchen Frauen und Gestaltwandlern beeinflusst sind, erscheinen sie nicht als Helden, sondern als Ausführende weiblichen Willens. Das dürfte Leserinnen entzücken, mich hat es nicht begeistert: Der Begriff „Held“ wird ad absurdum geführt.

Nach 220 Seiten stirbt denn auch Talisker das erste Mal: Er hat seine Schuldigkeit bei der Verteidigung einer Seestadt der Sutra-Menschen getan. Abgang! Bis hierhin genoss ich das Buch in vollen Zügen, auch wenn das Spannungsfeld zwischen Sutra- und Edinburgh-Szenen gewöhnungsbedürftig ist. Dafür gibt es als Höhepunkte mit Talisker eine Lovestory und eine ellenlange Schlacht zu erleben, würdig eines Gemmell oder Moorcock.

Danach bricht der Spannungsbogen sang- und klanglos zusammen, und es beginnt ein schier endloses Hin und Her zwischen den beiden Welten, sodass schließlich Überdruss und Verwirrung überwiegen: Mal stirbt Mr. T in der einen Welt, um in der anderen aufzuwachen – und dann ist es wieder umgekehrt. Diese nervende Phase dauert nicht weniger als 140 Seiten!

Bleiben also noch rund 170 Seiten, um die ganze Chose zu einem würdigen und halbwegs sinnvollen Abschluss zu bringen. Es gibt wieder eine Schlacht um eine Fluchtburg, doch das Kampfgeschehen ist nur Nebensache, wie’s scheint. Denn ein wichtiger Nebenschauplatz ist die Geburt eines missgebildeten Kindes namens Tristan, der Sohn irgendeines Paares, das bislang überhaupt keine Rolle gespielt hat. Da auch die böse Schwester des Rabenkönigs Talisker ein Kind abgeluchst hat – sie erschien ihm in Gestalt seiner Geliebten – ist für die Fortsetzung gesorgt: In der werden wohl diese beiden Kinder eine Hauptrolle erhalten. Talisker aber lebt mit seiner echten Geliebten für immer glücklich und zufrieden – in welcher Welt auch immer.

Mehrmals hatte ich den Eindruck, als sei das Buch um rund ein Drittel gekürzt worden, wenn nicht mehr. Denn nicht nur im Mittelteil ab Seite 220 fehlen verbindende Szenen, sondern auch im ganzen Rest. Manche Szenen beginnen unvermittelt, als habe ein TV-Redakteur zugeschlagen, der Platz für den nächsten Werbespot schaffen musste. Andere wieder werden nur indirekt berichtet, wären aber interessant gewesen. „Eine renommierte britische Autorin“? Sie muss beim Verlag |Simon & Schuster UK| irgendwie unter die Räder gekommen sein …

|Die Übersetzung|

Marianne Schmidt erlaubt sich nicht nur einige klare Fehler, sondern auch durchgehend ein schlampiges, unbeholfen wirkendes Deutsch. Sie übersetzt beispielsweise „emphatisch“ statt „empathisch“ (also „freudetrunken“ statt „mitfühlend“) und „Boden“, wo man „Erde“ sagen würde. Es gäbe fast ein Dutzend Beispiele. Sicherlich hatte sie Mühe, Malkys schottischen Highlander-Dialekt zu vermitteln, aber dennoch hätte ich das Buch fast mehrmals in die Ecke gefeuert.

_Unterm Strich_

Für die schlechte Übersetzung gibt es ebenso Abzug wie für die verwirrende und kopflos dahinstolpernde Handlung nach der Seite 220.

Ansonsten kann man sagen, dass das Buch einen guten Ansatz enthält, der sich vor allem auf den Rückgriff auf die keltisch-schottische Mythologie stützt. Einen Rabenkönig erwähnen die Legenden wirklich, nur hieß er nicht lateinisch „Corvus“ (= Rabe), sondern der Krähengott* (mit verschiedenen Namen wie etwa Balor) und wurde von den keltischen Ureinwohnern, den schwarzhaarigen, tätowierten Pikten, verehrt.

Doch die Skoten, also rothaarige Kelten aus Irland, führten ihren Lichtgott Lugh Langhand ein, als sie das schottische Festland eroberten und die Pikten vertrieben. Wieder einmal also erzählt die Autorin die Ablösung alter Götter durch neue, strahlendere – so war es schon bei den alten Griechen und Römern: Zeus/Jupiter erschlug die alten Götter wie etwa seinen Vater Uranos/Saturn und bekämpfte die Riesen.

Diese Story hätte vollkommen ausgereicht. Allerdings stapelt die Autorin noch mehrere andere Elemente darüber (Gestaltwandler, Dämonen, Corvus‘ Schwester usw.) und lässt die Hauptfiguren zwischen den Welten springen. Dieser interessante Versuch ging in der Ausführung leider daneben.

|Originaltitel: Talisker. Book One of The Last Clansman, Simon & Schuster 2001
Aus dem Englischen übertragen von Marianne Schmidt|
*: Dies ist der Titel eines Fantasyromans von Stuart Gordon aus dem Jahr 1975, der weitaus befriedigender zu lesen ist als „Rabenkönig“. „Suaine and the Crow-God“ erschien 1978 als Heyne-Taschenbuch Nr. 06/3589 und wurde seitdem nicht wieder aufgelegt, was sehr schade ist.