Lawhead, Stephen – Tochter des Pilgers, Die (The Celtic Crusades)

VORGESCHICHTE

Da es sich bei „Die Tochter des Pilgers“ um den letzten Teil der Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ von Stephen Lawhead handelt, möchte ich eine kurze Zusammenfassung voranstellen:

Im Jahre 1095 erhören viele Adelige den Ruf des Papstes, der zum Kampf gegen die Ungläubigen im fernen Outremer auffordert. Auch der Vater und die beiden älteren Brüder Murdo Ranulfsons begeben sich auf den Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems.

Band 1: Das Kreuz und die Lanze (Taschenbuch: Der Sohn des Kreuzfahrers)
In ihrer Abwesenheit verliert die Familie durch Intrigen der Kirche ihr Hab und Gut, und Murdo den Glauben an Gott. Er reist seinem Vater nach, um mit ihm und seinen Brüdern ihre Rechte geltend zu machen. Doch sein Vater stirbt, seine Brüder wollen nicht mehr nach Hause. Stattdessen verschreibt sich Murdo der Sache der Célé Dé („Fromme Aufgabe“), einer Gemeinschaft frommer Mönche, die sich dem „wahren Glauben“ verschrieben hat und dem Papst und seiner Kirche kritisch gegenüberstehen. Er rettet die heilige Lanze, mit der Jesus Christus‘ Tod festgestellt wurde, vor Moslems und dem Kaiser von Byzanz und versteckt sie in einem Kloster in seiner Heimat.

Band 2: Der Gast des Kalifen
Sein Sohn Duncan begibt sich Jahre später ebenfalls auf eine abenteuerliche Pilgerfahrt, auch er schließt sich den Célé Dé an und bringt einen Teil des wahren Kreuzes Christi zurück in die Heimat, trotz der Nachstellungen von Templern und Assassinen.

Band 3: DIE TOCHTER DES PILGERS

Im letzten Band der Trilogie wird Duncan in Byzanz von Templerkomtur de Bracineaux ermordet, seine Töchter Caitriona und Alethea schwören Rache für den Tod ihres Vaters. Doch auch Caitriona wird auf die Sache der Célé Dé eingeschworen: Anstelle die Gelegenheit zu nutzen und de Bracineaux zu erdolchen, stiehlt sie ihm ein geheimes Schriftstück, das von einer geheimnisvollen mystischen Rose spricht, die in Spanien in die Hände der Mauren zu fallen droht. Es stellt sich bald heraus, dass es sich um den heiligen Gral selbst handelt. Mit von ihr aus der Sklaverei freigekauften norwegischen Rittern macht sich Caitriona auf die Reise. Doch die Templer verfolgen sie, ihre Schwester Alethea wird von maurischen Banditen verschleppt und Caitriona droht den Verführungskünsten des Maurenfürsten Hassan zu erliegen. Beim Hort des Grals treffen der mordlustige Templerkomtur und seine Schergen mit Caitriona, ihren Begleitern und den Mauren zusammen…

Soweit die Zusammenfassung der Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ von Stephen Lawhead. Der Autor, ein Kenner der britisch-keltischen Geschichte und Sagenwelt, wurde in Deutschland vor allem durch das „Lied von Albion“ und den Pendragon-Zyklus bekannt. Sein Bestseller „Byzantium“ wurde in Deutschland unglücklich in zwei Bände aufgespalten, die in Deutschland „Aidan, Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“ heißen.

Interessanterweise hat dieses Buch Pate für weite Teile der Handlung der gesamten Trilogie gestanden, in der jedes der drei Bücher nach dem Schema „Reise nach Jerusalem“ abläuft. Im Handlungsverlauf ergattert der jeweilige Held aus der Familie Murdosson dann eine heilige Reliquie, wird vom Zweifler zum frommen Christen und kehrt damit in die Heimat zurück – grob vereinfacht.

Auch Caitriona, die namensgebende „Tochter des Pilgers“ (Duncan), stellt hier keine Ausnahme dar. Die Trilogie leidet jedoch sehr unter diesem Schema: Im Eiltempo wird man durch zahlreiche Orte Europas und des nahen Ostens gehetzt, wobei meistens nur Zeit für oberflächliche Betrachtungen bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass der dritte Teil keinen wirklich befriedigenden Abschluß der Trilogie bietet: Alle drei Bände wurden von einem Nachfahren Murdos, der zur Zeit des 1. Weltkriegs lebt, als Erinnerung aus der Familienchronik erzählt. Er wird gerade in den inneren Kreis des Ordens der Célé Dé initiiert und berichtet quasi zu jeder Reliquie die Geschichte des jeweiligen Buches. Mehr aber auch nicht – die mystische Verbrämung der ersten beiden Bände um die Ziele der Célé Dé, was ziemlich verwirrend wirkte und die Bücher unvollständig erscheinen ließ, wird auch im letzten Band nicht aufgeklärt. Diese unnötig aufgeblasene Rahmenhandlung, die nur dem Zwecke der Erzählung diente und den Leser mehr erwarten ließ, ist aber nur eine der Schwächen der Konzeption der gesamten Trilogie.

Ob sich Caitriona nun in Spanien bei den Mauren oder in Damaskus aufhält: Moslems haben hier und dort die gleichen Sitten, die gleiche Sprache. Da das Buch dialoglastig ist, könnte man eigentlich auch völlig auf die jeweilige Beschreibung der Örtlichkeit verzichten. Man muss nur die Kapitelüberschrift austauschen und darauf achten, in Spanien natürlich spanische Ritter als Eskorte zu bemühen.

Historische Patzer und/oder Übersetzungsfehler finden sich in Hülle und Fülle; hier zeigt sich, dass Lawhead zwar ein Keltizismus-Experte und Kenner des alten Byzanz ist, aber in Bezug auf die Templer sowie die Geographie und Geschichte Spaniens erlauben er und sein Lektor sich einen Fehler nach dem anderen: Orte werden irrtümlich zwischen Kastilien, Leon und Aragorn vertauscht, das Königreich Navarra hat Lawhead wohl ganz übersehen. Abgesehen von der Geographie sind Verhalten und Bräuche ebenso verfälscht worden: Bei einer Leichenverbrennung als Bestattungsform hätten sowohl Odin als auch Allah sich gewundert, besonders wenn diese von einem schon vor Jahrhunderten christianisierten Norweger und einem Almohaden durchgeführt wird. Wenn der zuvor als superfromm geschilderte norwegische Ritter Rognvald dann auch noch einen Erzbischof belügt, dass sich die Balken biegen, dann ist das noch lange nicht so schlimm wie die Groschenroman-Show von Fürst Hassan: Dieser versucht durchaus gekonnt und lesenswert – hier dachte ich kommt etwas Feuer und Würze in die Geschichte – Caitriona zu verführen, die ihm auf den Leim geht und den Warnungen ihrer Begleiter kein Gehör schenkt. Aber wie endet es? Grundlos peitscht Hassan seine Frau, die er bisher als seine Schwester ausgegeben hat, aus, Caitriona erwischt ihn und er entschuldigt sich, verspricht ihr weiterhin Unterstützung und damit ist die Sache gegessen – Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn mir jetzt jemand erklären könnte, wie ein Maure auf die Idee kommt, seine Frau zu verheimlichen und als Schwester auszugeben, nur weil er eine Christin verführen will, und warum es an dieser Stelle keinen weiteren Konflikt mehr gibt, wäre ich sehr dankbar…

Nun, die Handlung erfordert es eben! Ich hatte den Eindruck, hier wurde Lawhead zu einer drastischen Kürzung bzw. Änderung genötigt. Das Buch ist das deutlich kürzeste der Trilogie. Diesmal hat Lawhead auch bei den Figuren geschlampt: Caitriona ist zwar überzeugend und ähnlich streitbar wie der alte Murdo, ihre resolute Art kann unter Umständen nerven, besonders im Gespann mit ihrer – von ihr selbst zu Recht – als Nervensäge bezeichneten kleinen Schwester Alethea. Diese wird, hier möchte ich nicht zuviel verraten, eine Wandlung durchmachen, die hopplahopp und nicht nachvollziehbar geschieht. Über das seltsame Verhalten des Maurenfürsten Hassan habe ich schon geschrieben, ebenso über die Unstimmigkeiten beim ansonsten sehr glaubwürdig charakterisierten Ritter Rognvald. Der Templerkomtur de Bracineaux ist eindeutig überzeichnet als Schurke. Im zweiten Band wurde er weitaus differenzierter geschildert. Hier ist er mordlustig, herrisch und von fanatischem Eifer besessen. Lawhead wollte wohl die wohlbekannte Arroganz der Herren vom Tempel darstellen, macht das jedoch so übertrieben, dass de Bracineaux unglaubwürdig wird. Gelungener ist schon sein Begleiter, ein beherrschter, distinguiert-herablassender Templerbaron aus Frankreich. Nur… seit wann behält man seinen Titel, wenn man in den Templerorden eintritt?

Zusammfassend kann man sagen, dass nicht die zahllosen Fehlerchen dem Buch und der Trilogie das Genick brechen. Es ist vielmehr das andauernd wiederholte Reiseschema, das von einem oberflächlich und glanzlos beschriebenen Schauplatz zum nächsten führt. Die im ersten Band sanft angedeutete Kritik an Papst und Kirche wurde wohl aus Gründen der politischen Korrektheit in den Folgebänden vollständig fallengelassen, ebenso wie eine vernünftige Definition der Ziele der Célé Dé, die zur belanglosen Nebenhandlung bei der so etwas sinnentleerten Reliquiensammlung wurden. Offensichtlich, so zeigt das Auftauchen des geisterhaft-mysteriösen Bruder Andreas, das stets mit der Rekrutierung eines Murdosson endet, handelt die Sekte im Auftrag Gottes. Einen Abschluss schafft der dritte Band nicht. Ein unbefriedigendes „warum?“ bleibt im Raum stehen.

Lawhead kann es besser – „Byzantium“ ist historisch exakter, hat eine spannendere Rahmenhandlung und wiederholt nicht ständig dasselbe Schema. Blasse Charaktere mit unpassenden, unglaubwürdigen Handlungen geben dem Buch den Rest. Nur die grundsätzlich in meinen Augen hochinteressante Thematik der Trilogie sowie der angenehme und gefällige Schreibstil Lawheads bewahren das Buch vor einem totalen Desaster – die Reise nach Spanien war mit Abstand die langweiligste, viel andalusisches Flair habe ich nicht gerade erfahren dürfen.

Auf der Habenseite kann das Buch zusätzlich eine qualitativ hochwertige Bindung und optisch überzeugende Präsentation aufweisen, die sich auch im Buch selbst fortsetzt, abgesehen vom irreführenden und unpassenden Klappentext, der falsche Versprechungen macht.

Das Buch ist eine wunderschöne Mogelpackung, die sich auf Groschenroman-Niveau bewegt, und das schwächste der ganzen Trilogie, die so viel verspricht – und so wenig hält. Wer schon den Anfangsband nicht mochte, sollte dieses Buch gar nicht erst lesen. Ich kann weder „Die Tochter des Pilgers“ noch die Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ empfehlen, die von Band zu Band schwächer wurde, was Lawheads schwacher Konzeption des an und für sich hochinteressanten Stoffes anzulasten ist.

Kritiken der gesamten Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ bei _Buchwurm.info_:
Das Kreuz und die Lanze bzw. Der Sohn des Kreuzfahrers (Hardcover bzw. Taschenbuch)
Der Gast des Kalifen
Die Tochter des Pilgers (diese Kritik)

Homepage des Autors: http://www.stephenlawhead.com/