Lee Child – In letzter Sekunde (Jack Reacher 5)

Hitzige Action: Showdown in der Wüste

Ganz gegen seine Gewohnheit beschließt Jack Reacher, der ehemalige geniale Ermittler der Militärpolizei, in der sengenden Hitze von Texas per Anhalter zu fahren. Tatsächlich stoppt ein weißer Cadillac mit der schönen jungen Carmen Greer am Steuer – die ihn anheuert, ihren Ehemann umzubringen. Doch was sich so perfide anhört, ist eine aus tiefer Verzweiflung geborene Idee. Jacks Interesse – und Mitgefühl – ist geweckt. Er verdingt sich als Hilfsarbeiter auf der Ranch, um Carmen zu beschützen. Mit mäßigem Erfolg, denn der gewalttätige Ehemann wird im gemeinsamen Schlafzimmer erschossen – und die Ereignisse überstürzen sich mit tödlichen Konsequenzen… (Verlagsinfo)

Der Autor

Lee Child verdankt seine außerordentliche Karriere als Krimiautor einer eher unangenehmen Lebenssituation: 1995 wurde ihm wegen einer Umstrukturierung sein Job beim Fernsehen gekündigt. Der Produzent so beliebter Krimiserien wie „Prime Suspect“ („Heißer Verdacht“) oder „Cracker“ („Für alle Fälle Fitz“) machte aus der Not eine Tugend und versuchte sich in den USA als Schriftsteller.

Was selbst wie ein Roman klingt, entspricht in diesem Fall der Wahrheit: Bereits mit seinem ersten Thriller um den Ermittler Jack Reacher landete Child einen internationalen Bestseller. Er war zugleich Auftakt der heute mehrfach preisgekrönten „Jack-Reacher“-Serie. Child, der 1954 in Coventry in England geboren wurde, ist heute in den USA und Südfrankreich zu Hause. (Amazon.de)

1) Größenwahn (Killing Floor, 1997)
2) Ausgeliefert (Die Trying, 1998)
3) Sein wahres Gesicht (Tripwire, 1999)
4) Zeit der Rache (Running Blind/The Visitor, 2000)
5) In letzter Sekunde (Echo Burning, 2001)
6) Tödliche Absicht (Without Fail, 2002)
7) Der Janusmann (Persuader, 2003)
8) Die Abschussliste (The Enemy, 2004)
9) Sniper (One Shot, 2005)
10) Way Out (The Hard Way, 2006)
11) Trouble (Bad Luck and Trouble, 2007)
12) Outlaw (Nothing to Lose, 2008)
13) Underground (Gone Tomorrow, 2009)
14) 61 Hours (61 Hours, 2010)
15) Wespennest (Worth Dying for, 2010)
15.5. Second Son (2011)
16. The Affair (2010)
16.5. Deep Down (2012)
17. A Wanted Man (2012)
17.5. High Heat (2013)
18. Never Go Back (2013)
18.5. Not a Drill (2014)
19. Personal (2014)
20. Make Me (2015)
21. The Night School (2016)

Handlung

Jack Reacher, der ehemalige Militärpolizist, hat die Army schon längst verlassen und streift nun durch die Weiten Amerikas, ohne Ziel, ohne Gepäck, aber mit viel Erfahrung. Eine dieser Erfahrungen sagt ihm, dass er einer Herausforderung niemals aus dem Wege gehen darf. In Lubbock, Texas, schlägt er einen Mann nieder, der sich später als Cop erweist. „Später“ heißt: am nächsten Morgen, als sich Reacher gerade rasieren will. Reacher verdünnisiert sich durch das Rückfenster seines Motelzimmers und streckt bei nächster Gelegenheit den Daumen raus. Schon nach wenigen Minuten hält ein weißer Cadillac, der von einer jungen Frau gesteuert wird. Reacher sagt nicht nein, auch wenn er kein Ziel angibt.

Carmen fährt zu dem Dorf Echo, das noch weit hinter Pecos am gleichnamigen Rio Pecos liegt, über 300 Meilen entfernt. Zu Reachers Erstaunen sagt sie, dass sie genau so einen Typen wie ihn gesucht habe: stark, erfahren, bereit, einer Frau einen Gefallen zu tun. Dass er auch noch Cop und Soldat war, ist umso besser, denn das würde ihn dazu verpflichten, ihr zu helfen: Sie werde von ihrem Mann geschlagen und wolle mit ihrer Tochter abhauen.

Und worin liegt nun das Problem, will Reacher wissen. Tja, ihr Mann Sloop Greer komme in zwei Tagen aus dem Bundesgefängnis frei, wo er wegen Steuerhinterziehung sitzt – und sie habe ihn beim Bundesfinanzamt angezeigt. Da sie selbst über keinerlei Geld verfüge, könne sie nicht so einfach abhauen und sich woanders eine neue Existenz aufbauen. Und außerdem: Wenn sie ihre kleine Tochter über die Grenze von Texas bringe, würde sie sich des Kidnappings schuldig machen. Dann sei ihr das FBI auf den Fersen.

Und seine Rolle sei also welche, fragt Reacher. Carmen sucht jemanden, der bereit ist, ihren Mann umzulegen und diskret zu entsorgen. Doch die Rolle des Auftragskillers aus Barmherzigkeit will Reacher nicht spielen und steigt aus. Leider herrschen draußen über 40 Grad im Schatten und kein Fahrer hält an der Autobahn für ihn an. Also fährt er mit Carmen weiter – um ihr zu helfen, nichts weiter, sagt er. Doch dann kommt alles ganz anders.

Carmens Haus wird heimlich beobachtet und jede Bewegung auf der Farm protokolliert. Zudem ist ein Killerkommando auf dem Weg und hat ein Auge auf Ellie Greer geworfen. Diese Killer, geführt von einer Frau, kommen aus L.A. und wissen genau, wie man Auftragsmorde anpackt und ausführt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das erste Opfer ihrer aktuellen Tour haben sie bereits „entsorgt“, nun ist das nächste dran…

Mein Eindruck

Flüssig zu lesen

Das Buch liest sich sehr flüssig. Sich die Szenen vorzustellen ist sehr einfach, denn der Autor, der 20 Jahre lang britische Krimisendungen fürs TV produzierte, beschreibt jedes wichtige (und unscheinbare) Detail genau und mit treffenden Worten. Auffallend sind die genauen Beschreibungen von Kleidung und Innenausstattungen. So etwas findet man selten in US-Krimis. Außerdem benutzt Child gerne kurze Sätze. Der Leser braucht sich also nicht den Kopf über syntaktische Konstruktionen zu zerbrechen, sondern kann einfach und direkt jeden Satz verstehen. (Ich habe das Buch in drei Tagen ausgelesen.) Die Kürze bezieht sich allerdings nicht auf die Länge der Kapitel. Anders als bei James Patterson sind die Kapitel nicht nur drei bis vier Seiten lang, sondern mitunter 20.

Ein Berg von Lügen

Ein Berg von Lügen macht mindestens 90 Prozent des Buches aus. Es kommt also darauf an, die wahren Sätze zu finden. Sie werden meist von der jungen New Yorker Anwältin gesprochen, die in Pecos fünf Jahre „Frontdienst“ absolviert. Allerdings ist Alice häufig auch nur Stichwortgeberin und Gehilfin für Reacher. Durch sie kommt er allerdings auch einem zwölf Jahre zurückliegenden Verbrechen an illegalen Einwanderern auf die Spur, dessen Vertuschung noch in der Gegenwart höchste Priorität hat.

Pecos ist nämlich quasi eine Grenzstadt. Unweit des Grenzflusses Rio Grande gelegen, ist es allnächtlich Ziel von Mexikanern, die illegal die Grenze überwinden wollen – offenbar ging das 2001 noch. Heute ist die ganze 3000 km lange Grenze zu Mexiko durch einen hohen Zaun gesperrt. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die TV-Dokumentationen darüber. Alle offiziellen Grenzübergänge sind Hochsicherheitszonen; das kann man beispielsweise in dem Thriller „Sicario“ sehr gut beobachten. Aber es gibt bestimmt noch viele inoffizielle Grenzübergänge, die mitten in der Halbwüste liegen: Tunnel nämlich.

Die Grenzpatrouille hat die Aufgabe, illegale Einwanderer aufzuspüren und festzusetzen. Aber das Verbrechen an den Einwanderern begingen offenbar keine Cops, sondern bis dato unbekannte weiße Texaner, die die „Bohnenfresser“ aus Jux und Tollerei einfach abknallten, als wären es keine Menschen, sondern Gürteltiere. Diese geschützten Säugetiere sind die bevorzugte Jagdbeute von Bob Greer, dem Bruder von Carmens Mann Sloop Greer, der bald aus dem Bundesgefängnis in Abilene entlassen werden soll – wovor Carmen sich fürchtet..

Die Handlung dreht sich naturgemäß vor allem um die Farm der Greers, auf der Reacher zum Schein als Hilfsarbeiter anheuert. Schon nach dem ersten Streit mit Bob steht Reacher auf der Abschussliste, doch er dreht den Spieß um und beginnt zu ermitteln, was auf dieser Farm faul ist. Als der zurückgekehrte Sloop Greer eines Morgens mit Einschusslöchern in seinem Bett aufgefunden wird, geraten die Dinge sehr schnell in Bewegung. Ein Glück, dass Reacher gerade in einem Polizeiauto sitzt, als der Mord passiert. Er hat das perfekte Alibi. Aber jemand anderes muss ein weniger gutes Alibi haben: der wahre Mörder.

Showdown

Schnell wird Reacher durch seine Erfahrung und die Beobachtungen, die er in Pecos und Echo County macht, auf das Killerkommando aufmerksam. Er stellt dem Trio eine Falle. Ausgerechnet dann, als über das knochentrockene Land ein schweres Gewitter mit sintflutartigem Regen niedergeht, treffen die Killer ein. Reacher empfängt sie gebührend: Nur Blitze enthüllen ihm den Gegner und dessen Position. Das ist mal wieder ein gelungener Actionhöhepunkt.

Doch da mittlerweile die kleine Ellie Greer entführt worden ist, kann es für Reacher und Alice keine Verschnaufpause geben. Es muss einen zweiten Showdown geben – irgendwo dort draußen in Echo County…

Unterm Strich

Ich habe das, wie gesagt, in nur wenigen Tagen gelesen. Zuerst bildet die romantische Spannung zwischen Reacher und der attraktiven Carmen den wichtigsten Anreiz zum Weiterlesen, später dann die Folgen des Mordes an einem Rechtsanwalt und an Sloop Greer. In der Mitte wird die Geschichte etwas zäh, aber durch den Einstieg der New Yorker Stadtpflanze Alice in den Plot kommt neue Energie in die Handlung.

Als Duo bekommen sie es mit dem zwielichtigen Staatsanwalt Walker zu tun, der bald zum Richter gewählt werden will – und die Greers bestens kennt. Walker legt den Ermittlern alle möglichen Steine in den Weg – bis Reacher beschließt, eben diesen Weg abzukürzen und kurzerhand in Walkers Büro einzubrechen. Auch sonst ist Reacher eher für Action zu haben. Der erste Showdown während des Gewitters ist bis ins kleinste Detail exakt vorbereitet und beschrieben, die Ausführung kann man nur „episch“ nennen. John Wayne kann einpacken.

Humor

Es ist erstaunlich, auf welchen Wegen sich Reacher bewegt. Er legt im Buch mindestens tausend Meilen zurück, weil West-Texas so groß ist. Dass er diese Fortbewegung die meiste Zeit in Alices gelbem Volkswagen Käfer der neuesten Generation zurücklegt, trägt nicht gerade zu seiner Bequemlichkeit bei – er ist 1,95 m groß. Diese Szene gehören zum sehr trockenen Humor, den der Autor hier und an anderer Stelle verrät. Befreit atmet Reacher auf, wenn er mal wieder einen „richtigen“ Ami-Schlitten steuern darf.

Engagierte Kritik

Dass in diesem Roman der Autor harsche Kritik an den Zuständen in West-Texas übt, merkt der Leser schnell. Und je mehr sich der Plot entwickelt, desto mehr wird klar, dass sich wahre Abgründe an Verkommenheit und Menschenfeindlichkeit auftun. Diese Impulse richten sich jedoch keineswegs nur gegen die illegalen Einwanderer, sondern gegen jeden Texaner, der sich mit den Mächtigen und besitzenden anlegt. Sogar das Gesetz selbst ist so ausgelegt, dass jeder Straffällige keine Chancen hat – so etwas wie Pflichtverteidiger kennt Texas nicht (zumindest nicht bis 2001).

Temperaturgefälle

Während Reachers Aufenthalt herrschen draußen in Texas‘ Halbwüste meist Temperaturen um die 40-45 Grad C – im Schatten. Klimaanlagen spielen deshalb eine erstaunlich wichtige Rolle. Je lauter und stärker so eine Anlage ist, desto wohlhabender und wichtiger der Besitzer. Die lautesten Anlagen findet Reacher im städtischen Leichenschauhaus, wo er eine wichtige Entdeckung macht. Die zweitlautesten laufen im Büro von Bezirksstaatsanwalt Walker… Als Kontrastprogramm habe ich danach den Reacher-Thriller „61 Stunden“ gelesen. Darin herrschen in South Dakota eisige Temperaturen um die 10 bis 30 Grad C unter null.

Taschenbuch: 512 Seiten
Info: Echo Burning, 2001
www.randomhouse.de/Verlag/Blanvalet

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