Lemony Snicket – Das teuflische Hospital (Betrübliche Ereignisse 8)

Schneewittchen zum Gruseln: Kalamitäten im Krankenhaus

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 8 sieht unsere drei jungen Helden auf der Flucht, denn wegen eines falschen Berichts in der Tageszeitung (Fake-News!) werden sie überall für Mörder gehalten. Werden sie im halbfertigen Henry-J.-Heimlich-Hospital in Sicherheit sein? Als eine unheimlich vertraute Stimme aus dem Lautsprecher hallt, wissen sie: Graf Olaf ist nahe! Ob ihnen wohl die Freiwilligen Freudenspender helfen können?

Das Buch eignet sich für Leser ab acht Jahren.

Der Autor

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L.S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L.S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ Soweit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“
(mit den dt. Titeln der Verlage Manhattan bzw. von Beltz Gelberg)

1) Der schreckliche Anfang / Der schlimme Anfang
2) Das Haus der Schlange / Der Reptiliensaal
3) Der Seufzersee / Das zerbrochene Fenster
4) Die unheimliche Mühle (dito)
5) Die schreckliche Schule / Das Internat des Schreckens
6) Die dunkle Allee / Der finstere Fahrstuhl
7) Das Dorf der schwarzen Vögel
8) Das teuflische Hospital
9: Der grausige Jahrmarkt
10: Der finstere Fels
11: Die grimmige Grotte
12: Das haarsträubende Hotel
13: Das erstaunliche Ende

Vorgeschichte

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm. Aber dafür muss er sie erst einmal in seine gierigen Finger kriegen.

Handlung

Die drei Waisen hoffen, im „Kaufhaus zur letzten Gelegenheit“ ein Telegramm an ihren Vormund Mr. Poe aufgeben zu können. Zunächst geht auch alles gut, doch als der Besitzer des „Tagespedanten“ in die Hände bekommt, liest er, dass drei Kinder, die genau ihrer Beschreibung entsprechen wegen Mordes gesucht würden. Sie können sich im Kaufhaus nur für begrenzte Zeit vor ihm verstecken. Dann finden sie endlich den Hinterausgang. Davor steht ein Bus voller Leute, die singen. Sie nennen sich die Freiwilligen Freudenspender und halten Luftballons in Herzform. Die optimale Tarnung, finden die Kinder, steigen in den anfahrenden Bus und entkommen der Polente so um Haaresbreite.

Im Hospital

Doch es gilt, mehrere Rätsel zu lösen, die sich aus ihrem letzten Aufenthaltsort ergeben haben. Um die Fragen beantworten zu können, wäre ein Archiv der ideale Ort, um Informationen zu finden. Aber wo landen sie mit dem Bus voll fröhlich singender Freudenspender? Ausgerechnet vor einem Hospital. Das henry-J.-Heimlich-Hospital sieht zudem nicht sonderlich vertrauenerweckend aus, denn eines seiner Flügel ist nicht fertiggestellt worden und eine windige, kalte Baustelle. Indem sie sich von der Truppe absetzen, machen sie diese Baustelle zu ihrem neuen Zuhause.

Am nächsten Morgen fragen sie, ob eine Arbeitsstelle frei sei, denn sie wollen Geld für ein Essen verdienen. Babs, die Personalleiterin, kommuniziert nur per Lautsprecher mit ihnen: In der Tat gibt es eine Stelle und was für ein Glück: Sie befindet sich im Archiv. Hal, der dicke Herr über das Archiv, ist froh über die drei Gehilfen. Er sieht schlecht und hat bestimmt schon viele Unterlagen falsch abgelegt. Nicht aber das Korrigieren der Unordnung sei ihre Aufgabe, sondern das Einsortieren der neu hereinkommenden Informationen. Diese Unterlagen pflegen aus einem Schacht in der Decke herabzutrudeln und in einen Korb zu fallen.

Im Archiv

Die Kinder können ihr Glück kaum fassen: Ein Ozean von Informationen wartet nur darauf, erschlossen zu werden, um ihre Fragen zu beantworten. Sobald der sehr pünktliche, aber amtsmüde Hal gegangen ist, machen sie sich ans Werk, um die Baudelaire-Akte zu suchen. Aber ach! So viele Aktenschränke! Sie sind noch mitten in der Suche, als eine neue Stimme aus den Lautsprechern dringt: Es habe einen Wechsel im Amt der Personalleitung gegeben. Die Stimme klingt genau wie die von Graf Olaf, der offenbar immer noch hinter ihnen her ist. Er nennt sich jetzt „Herr Matathias“. Wie einfallsreich.

Domino

Wenig später haben sie gerade Seite 13 der ansonsten leeren Baudelaire-Akte gefunden, als keine andere als Esmé Elend, Graf Olafs fiese Freundin, eintritt und sich die Akte krallen will. Die Kinder dürfen keinesfalls die Wahrheit erfahren. Als sie sich verstecken, beginnt Esmé, einen der Aktenschränke nach dem anderen umzustoßen. Sie fallen wie Dominosteine. Um nicht unter einem der Ungetüme begraben zu werden, müssen sich Klaus uns Sunny als die kleinsten in den Postschacht zwängen. So gelingt ihnen die Flucht, doch mit Schrecken müssen sie feststellen, dass Violet, die älteste und größte unter ihnen, es nicht geschafft hat.

Sie bleibt verschwunden und ein grässliches Schicksal erwartet sie – im Operationssaal der Chirurgie…


Mein Eindruck

Wieder ein „schlimmes Märchen“: Diesmal wird „Schneewitchen“ neu inszeniert. Violet spielt bzw. liegt die Hauptrolle, drapiert auf einer Bahre, die von ihren Geschwistern in den Operationssaal geschoben wird. Eine wunderbare Idee ist die Verkleidung: Alle Akteure (außer der narkotisierten Violet, versteht sich) sind in weiße Kittel, Gesichtsmasken und Hauben gehüllt, so dass es schwerfällt, den jeweiligen Träger dieser Montur zu identifizieren.

Was nun zählt, sind Worte. Schon bald verraten sich die Bösewichte hinter den Masken durch ihre rüde Ausdrucksweise und ihre Ungeduld. Das weiß Klaus bestens auszunutzen. Er muss reden, bis Violet aus ihrer Narkose erwacht. Und reden müssen alle, denn sie haben ein ungeduldiges Publikum. Dafür hat der neue Personalleiter (Graf Olaf) gesorgt: Krankenschwestern, Freiwillige Freudenspender und sogar die Reporterin vom „Tagespedanten“ sind zugegen und klatschen Beifall, wenn die Instrumente präsentiert werden.

Dieses bizarre bis makabre Bild dürfte in der Tat für Schlagzeilen sorgen. Die hirnamputierte Reporterin ruft regelmäßig die passende Schlagzeile aus. Das wird besonders dann spaßig, als Esmé Elend mit den wahren OP-Helferinnen erscheint und die falschen, also Sunny und Klaus, als die gesuchten Mordkinder entlarvt…

Der unfaire Vorteil

Schlimme Märchen à la Lemony Snicket zeichnen sich durch mehrere Merkmale aus. Neben dem obligatorischen Element der Überraschung wäre da noch der unfaire Vorteil. Der unfaire Vorteil liegt in den Augen der drei Baudelaires meistens auf der Seite der Erwachsenen – was angesichts der geringen Größe der Kinder und ihres bescheidenen Alters natürlich höchst unfair ist. Aber wer hat je behauptet, dass das Leben gerecht wäre? Also müssen sich die Baudelaires – wieder einmal – etwas einfallen lassen, um den unfairen Vorteil auszutricksen. Was ihnen auch mit den unwahrscheinlichsten Mitteln gelingen wird, soviel sei schon mal verraten. Jedes der Kinder über seine Spezialfertigkeit aus. Am Schluss ist Violet an der Reihe.

Gib dem Bösen eine Chance

Auch das Abenteuer, das sie in „Das teuflische Hospital“ bestehen müssen, beweist, dass das Böse in Gestalt von Graf Olaf und seinen Schergen nur triumphieren kann, wenn die Schwächen der Mitmenschen das zulassen. Esmé Elend möge als Beispiel dienen. Sie ist die Verkörperung von Egoismus und Habgier, aber auch ein Spielball der Mode. Sie hechelt allem hinterher, was in ist und was out. Die Größe ihres gigantischen Penthauses reicht ihr nicht. Besitz befriedigt ihre emotionale Hohlheit. Ihre Boshaftigkeit drückt sich bildlich in den pfennigabsätzen ihrer Schuhe aus, die im wahrsten Sinne des Wortes spitz wie Dolche sind – es sind Dolche.

Schein und Sein

Was Wunder also, dass unsere braven drei Kids Probleme zu beurteilen haben, was wirklich, wahr und echt ist und was nicht. Wieder ist Sherlock Klaus gefragt, der Forscher und Bücherwurm. Er hat ein eidetisches Gedächtnis. Wenn es um Erfindungen geht, ist Violet, die Ingenieurin, gefragt. Leider kommen ihre Erfindungen nicht immer zur richtigen Zeit: Sie ist ihrer Zeit manchmal ein wenig voraus. Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Genies. Und Sunny? Sie ist ebenfalls genial, aber wenns drauf ankommt, setzt sie lieber die vier Zähne ein, die sie schon hat. Ihre verbalen Äußerungen sind zwar meist unverständlich – sie ist ja erst vier – aber der Erzähler übersetzt sie für uns.

Der Erzähler

Lemony Snicket, der untergetauchte und im Verborgenen lebende Erzähler, wendet sich unzählife Male an den jungen Leser, ja, er sorgt sich sogar sehr um dessen seelisches Wohl. Er warnt den geneigten Leser vor schrecklichen Dingen, die er zu lesen haben wird, vor Gräueltaten, von denen zu berichten ist, und ob es Licht am Ende des Tunnels geben wird, sei höchst ungewiss.

In diesem Band beginnt die Erzählung im Telegrammstil, nämlich mit einem wiederholten großgeschriebenen STOPP. Das gewinnt sicherlich die Aufmerksamkeit des Lesers. Und da das Buch anno 2001 veröffentlicht wurde, kommen weder Handyträger noch das Internet vor. Vielmehr spielen so altertümliche Phänomene wie Archive, Papierzeitungen und Telegramme eine tragende Rolle.

Unterm Strich

Auch Band 8 ist also voller Action, spannender Ermittlungen, dramatischer Szenen, falscher Identitäten und grotesken Leuten und Orten. Es vergeht kein Kapitel, in dem nicht für genügend Nervenkitzel und/oder für Lacher gesorgt wird. Diese Lacher werden allerdings stark strapaziert, weil das gezwungen-fröhliche Lied der Freiwilligen Freudenspender so häufig wiederholt wird (um Zeilen zu schinden?), dass man es bald nicht mehr lesen mag.

Die FF sind notwendig, weil sie einem bemerkenswerten Lebensmotto anhängen. Es lautet: „Keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten“. Über die Sinnhaftigkeit einer solchen Einstellungen, weiß der Erzähler trefflich mit sich selbst zu streiten. Am Schluss ist klar, dass für jeden Pessimisten – und Snicket ist das Inbild eines Pessimisten – dieses Motto ein rotes Tuch sein muss: „Keine Neuigkeiten sind meist schlechte Neuigkeiten, um genau sein: überhaupt keine Neuigkeiten“. Kein Wunder also, wenn die Freiwilligen Freudenspender erst als dämliche Trottel dargestellt werden und am Schluss selbst ihres wirkungslosen Treibens müde werden. Einen Komapatienten weckt auch kein noch so fröhliches Liedchen auf.

Wie auch immer: Wer schon mal eine gruselige Version von „Schneewittchen“ lesen wollte, ist hier genau richtig.

Hinweise

Weil die lieben und entführten Quagmeir-Kinder so häufig zitiert werden, ist es wohl ratsam, vorher Band 5, 6 und 7 zusammen und hintereinander gelesen zu haben. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber nicht jeder hat alle Bände vorliegen oder kann sie gar in chronologischer Reihenfolge lesen. In dieser Ausgabe fehlen die Illustrationen des Originals. Die bekommt man nur in der Ausgabe des MANHATTAN-Verlags geboten.

Hardcover: 210 Seiten
Info: A Series of Unfortunate Events – The Hostile Hospital, 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann
www.beltz.de

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