Lette, Kathy – Zu gut für diese Welt

_Hirn oder Hintern, Busen oder Bildung?!_

Lizzie nähert sich unaufhaltsam ihrem Verfallsdatum: der schrecklichen 40. Kann es ein Leben danach geben? Ihre Schwester sagt nein, ihr Gatte nimmt sich eine Jüngere, und Lizzie verliert ihren Job. Das Urteil der Welt ist also eindeutig. Warum nur will sich Lizzie nicht mit ihrem unausweichlichen Schicksal abfinden, dass sie mit Erreichen der 40 zu einem weiblichen Nichts schrumpfen wird? Antwort: Weil sie mehr Hirn und Bildung hat als alle Busenwunder der Welt zusammengenommen.

_Die Autorin_

Kathy Lette, „Englands beliebtestes Enfant terrible“, wenn man dem Verlag glauben darf, begann ihre Karriere als Kabarettistin, arbeitete danach als Sängerin in einer Rockband, als Fernsehjournalistin, Kolumnistin für Zeitungen in Sydney und New York. Sie schrieb Drehbücher für Seifenopern, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte.

_Handlung_

An Lizzie McPhee, der ebenso hingebungsvollen wie schlagfertigen Ehefrau und Mutter zweier Bälger, nagt sichtbar der Zahn der Zeit: Die Krähenfüße in ihrem Gesicht breiten sich mit rasender Geschwindigkeit aus, meint sie. Eben noch wähnte sie sich in ihren diversen Tätigkeiten als Nachrichtensprecherin, Hausfrau, Fulltime-Gattin und Familienmanagerin glücklich und erfolgreich, da wird sie an ihrem 39. Geburtstag von ihrer Schwester Vicky, einem adretten Model, zum alten Eisen geworfen. Ausgerechnet von Vicky, dieser Rabenmutter, die sich kaum um ihr wohlgebautes Töchterlein Marrakesch kümmert.

Schwester Vicky, die stets nur auf ihr Äußeres und dessen kostspieligen Erhalt achtet, wird jedoch von ihrem angehimmelten Verehrer Sven schmählich beiseite geschubst – und ein wandelndes Busenwunder, das ausgerechnet den lächerlichen Namen „Britney Amore“ trägt, kommt bei Sven zum Zuge. Nicht nur bei Sven: Um dem Abend die Krönung zu verpassen, ertappt Lizzie nichts ahnend ihren Göttergatten Dr. med. Hugo Frazer mit ebenjener Britney in verfänglicher Umarmung.

Mehr Demütigungen kann eine rechtschaffene Frau wahrlich nicht verkraften noch hinnehmen, so viel steht für Lizzie fest. Doch sie wehrt sich, denn sie verfügt zum Glück über wesentlich mehr Hirn als Hintern, mehr Bildung als Busen.

Zwar muss sie ihre Stelle als Nachrichtensprecherin für ein hohlköpfiges, aber hübsches Ding räumen, und Hugo verliebt sich in jene unsägliche Britney, doch Lizzie beschließt, nicht die Flinte ins Korn zu werfen oder sich kampflos der Midlifecrisis zu ergeben. Aber was kann man schon mit Prinzipien gegen dürre Sexgöttinnen und tobende Hormone ausrichten? Sie will ihren Mann zurück, ihren Job und ihr Glück. Soll sie sich vielleicht erst einmal unters Messer legen, bevor das Leben es ihr in den Rücken stößt?

Doch vorerst muss alles noch viel schlimmer kommen, bevor es besser werden kann, und in der Not wächst das Rettende auch, wie der Dichter sagt. Leider kommt für Lizzie beides aus völlig unerwarteten Richtungen, und so dauert ihre Leidensgeschichte noch mehrere Monate an – bis sie vom Blitz getroffen wird, in jedem Sinne des Wortes.

_Mein Eindruck_

Wie schon in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman „Mein Bett gehört mir“ geht Tante Kathy wieder einmal schwer mit Männlein und Weiblein ins Gericht. Einfach alle bekommen ihr Fett weg. Die untreuen Männer à la Hugo Frazer sowieso, aber die skrupellosen Sexprotze à la Sven erst recht. Als die beiden zusammen eine Klinik für Schönheitschirurgie eröffnen, strömen ihnen die Frauen zu, doch mit der Chirurgenkunst ist es, wie sich vor Gericht zeigt, nicht besonders weit her.

Eben diese Frauen, die so erpicht auf eine radikale (und extrem teure) Rundumerneuerung ihrer Fassade sind, nimmt die Autorin fortwährend aufs Korn. So sehr, dass es schon fast wieder penetrant wirkt. Brustimplantate für „Giga-Titten“, gespritzte Lippen, gezupfte Augenlider, abgesaugte Fettpolster, vergiftete (Botox verursacht Lebensmittelvergiftung!) Gesichtsmuskeln (gegen Faltenbildung), tonnenweise Schönheitscremes, landschaftsgärtnerisch rasiertes Schamhaar, entfernte untere Rippen (Cher!) – die Kammer des Schreckens, die Lette zeichnet, ist erfüllt mit solchen erfrischenden Details.

Kein Wunder, dass sich Lizzie irgendwie benachteiligt fühlt: Als Mutter ist ihre Figur etwas aus der Fassung geraten. Vicky flößt ihr weitere Minderwertigkeitsgefühle ein, die Hugos Zuwendung zum Busenwunder Britney Amore nur noch verstärken. Mel Gibsons Kapriolen in „Was Frauen wollen“ sind nicht wunderlicher als das, was die gute, arme Lizzie mit sich anstellt. Dass beim Entwachsen ihre Küche nicht in Flammen aufgeht, grenzt an ein Wunder. Sie selbst überlebt das Explodieren des Wachstopfes mit knapper Not.

|Doch worauf läuft das alles hinaus?|

Tante Kathy hat sich offensichtlich sehr viel mit ihren in der Danksagung erwähnten Freundinnen unterhalten und etliche wunderbar bissige Bonmots formuliert, die sie hier zum Besten gibt. Es gibt einiges zu lachen, auch wenn so mancher Lacher auf Kosten Lizzies geht. Aber wichtig ist, wer zuletzt lacht.

Meine Überschrift bringt den Gegensatz, den Lette herausarbeitet, etwas überspitzt formuliert auf den Punkt. Lizzie steht für innere Werte wie Intelligenz und Bildung, was bei ihr aber konterkariert wird durch zunehmende Selbstzweifel und Eifersucht. Ihr Gegenteil stellt Schwesterherz Vicky dar, die ausschließlich auf äußere Werte fixiert ist: Als Model verdient sie nur mit gutem Aussehen Geld. Leider ist auch die Bulimie ihr ständiger Begleiter: Kotzen für Schönheit – das ist Vickys täglich „Brot“.

Ihre Tochter Marrakesch (vgl. den gleichnamigen Film mit Kate Winslet) ist, kein Wunder, etwas aus der Art geschlagen. Sie beschwert sich bitterlich über ihre „Riesentitten“, weil niemand sie ernst nehme, und versucht, über Amnesty International einen Gefängnisinsassen aus der Todeszelle zu befreien. Als sie mit ein wenig Modeling dessen Anwälte bezahlen kann, die ihn befreien, hat sich also Schönheitswahn in praktischer Anwendung auch zu etwas Gutem einsetzen lassen. Als der befreite Knacki bei Lizzie & Vicky auftaucht, bieten sich den Schönheitsgeplagten noch weit größere Möglichkeiten. Q.e.d.

|Die Sprache des Romans und ihre Übersetzung|

Als Kolumnenschreiberin muss man einen breiten und verfeinerten Wortschatz vorweisen können und täglich unter Beweis stellen – in Großbritannien vielleicht noch mehr als anderswo, denn dies ist schließlich die Heimat der weitest verbreiteten Sprache der Welt.

Wer also diesen Roman liest, wird mit Ausdrücken konfrontiert, die eben diesem verfeinerten und in der Sache vertieften Wortschatz entsprechen. Da ein Glossar fehlt, muss der weniger als Lette gebildete Leser mitunter zum Wörterbuch greifen. Da es jedoch um ziemlich spezielle Ausdrücke aus dem Bereich der Schönheitschirurgie und Kosmetik geht, ist der Griff zum Chemielexikon empfehlenswert. Na ja, so schlimm wird’s wohl kaum kommen: Wer regelmäßig seine „Cosmopolitan“ oder „Freundin“ liest, ist in diesen Dingen sowieso bewandert. Oder?

Kleiner Test gefällig? Dann bitte folgende Begriffe erklären: Botulismus; Bulimie; Collagen; Kryogentechnik; Lifting; Peeling; Pediküre; Lipo. Genug – Test bestanden, setzen, eins!

Meine liebe Not hatte ich vielmehr mit den lautmalerischen Vokabeln, die die Übersetzerin gewählt. Sie kommt aus dem Norden, ich aus dem Südwesten. Verben wie „schuddern“ sind mir böhmische Dörfer. Statt ihres „wabern“ würde ich „wabbeln“ verwenden – und so weiter. Deutschland einig Vaterland? Nicht in diesem Buch.

|Zum Titelbild|

Den Buchdeckel ziert ein Büstenhalter. Der ist knallrot. Nun bin zwar kein BH-Experte (welcher Mann ist das schon?), aber normal scheint der nicht zu sein. Die zwei Körbchen wirken wie rot angestrichene Panzerungen – ein Hinweis auf einen Wonderbra? Nun, nach Lizzie besteht die Definition eines Wonderbra darin, dass sich seine Trägerin „wundert“, dass sie in dem Ding überhaupt noch Luft bekommt.

_Unterm Strich_

Kathy Lette hat eine überkandidelte Satire geschrieben, wie sie so (fast) nur noch in Großbritannien geschrieben wird: mit feiner, überspitzt formulierender Feder geschrieben und gnadenlos alle Ziele und Opfer der Lächerlichkeit preisgebend. Diesmal nimmt sie den Schönheits-und Jugendwahn der Damen- und Männerwelt aufs Korn.

Gleichzeitig bietet Lette Alternativen an: Wenn man nur seine innere Einstellung zu Alter und Schönheitsdogmen ändert, so kann man auch zu Alternativen gelangen, die ein glücklicheres, zufriedeneres Leben erlauben – und die Kosmetikindustrie in den Ruin treiben.

Lette wendet sich mit ihren Ansichten, den verwendeten Figuren und dem verfeinerten Wortschatz an gebildete und kritisch denkende, mitunter sogar engagagierte Geschlechtsgenossinnen. Eine arbeitende Mutter von vier Kindern hätte nämlich weder die Zeit noch (vermutlich) die nötige Bildung, um das Buch zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Sie hätte einfach keinen Spaß an den vielfältigen Wortspielen, urkomischen Bildern und überzogenen Szenen, die die Autorin geschaffen hat. Die Selbstzweifel, die die erzählende Hauptfigur Lizzie plagen, kämen ihr lächerlich und penetrant mitleidsheischend vor, die restlichen Figuren lediglich oberflächlich. Wahre Tragik – in diesem Buch ist sie nicht zu finden, wohl aber Tragikomödie.

|Originaltitel: Nip ’n‘ Tuck, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Ruth Keen|

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