H. P. Lovecraft – Necronomicon

Gefühlvoll vorgetragene Schauergeschichten

Das verbotene Buch „Necronomicon“ ist die älteste und erschreckendste Erfindung, die Howard Phillips Lovecraft mit seinem Cthulhu-Mythos hervorgebracht hat. Es öffnet mit seiner dunklen Magie den Weg in eine fremde und unmenschliche Welt. (Verlagsinfo)

 

Dieser Erzählband versammelt sechs Geschichten vom Horror-Altmeister in neuer Übersetzung durch den Festa-Verlag, darunter „Das gemiedene Haus“ und „Gefangen bei den Pharaonen“. Neben den Storys des Cthulhu-Zyklus schrieb HPL vor allem in jüngeren Jahren, wie hier zu sehen, kürzere fabelhafte Erzählungen, die andeuten und anklingen lassen, was er später intensiv darstellte. Zusätzlich enthalten ist der Essay „Geschichte des Necronomicons“.

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft, 1890-1937, hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Als Howard acht Jahre alt war, starb sein Vater und Howard wurde von seiner Mutter, seinen zwei Tanten und seinem Großvater großgezogen. Nach dem Tod des Großvaters 1904 musste die Familie wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr viktorianisches Heim aufgeben. Lovecrafts Mutter starb am 24. Mai 1921 nach einem Nervenzusammenbruch. Am 3. März 1924 heiratete Lovecraft die sieben Jahre ältere Sonia Haft Greene und zog nach Brooklyn, New York City. 1929 wurde die Ehe, auch wegen der Nichtakzeptanz Sonias durch Howards Tanten, geschieden. Am 10. März 1937 wurde Lovecraft ins Jane Brown Memorial-Krankenhaus eingeliefert, wo er fünf Tage später starb. Am 18. März 1937 wurde er im Familiengrab der Phillips beigesetzt. Nach seinem Tod entwickelte er sich bemerkenswerterweise zu einem der größten Autoren von Horrorgeschichten in den USA und dem Rest der Welt. Sein Stil ist unvergleichlich und fand viele Nachahmer. (abgewandelte Verlagsinfo)

Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman [„Der Flüsterer im Dunkeln“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1961

Mehr über Lovecraft: http://de.wikipedia.org/wiki/H.P.Lovecraft

Der Sprecher

David Nathan, geboren 1971 in Berlin, gilt als einer der besten Synchron-Sprecher Deutschlands. Seine herausragende Erzählkunst erweckt den Horror zum Leben. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Stimmband-Vertretung von Johnny Depp und Christian Bale. Nathan liest die ungekürzte Fassung.

Für Produktion, Regie und Dramaturgie zeichnet Lars Peter Lueg verantwortlich. Für Musik, Arrangements und Instrumente war Andy Matern zuständig.

Der Komponist

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=524 zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

Die Erzählungen

1) Das Fest (The Festival, 1925)

Unser Chronist ist ein junger Mann, der zur Stadt seiner Väter am Ostmeer (= Providence an der US-Ostküste) gereist ist, von der er nur aus seinen Träumen weiß, aber wohin man ihn gerufen hat. Es ist die Zeit des Julfestes, das unter Christenmenschen als „Weihnachten“ bekannt ist. Nur ist unser Berichterstatter alles andere als ein Christenmensch. Das Land wurde vor 300 Jahren besiedelt, doch sein Volk ist weit älter und kam aus dem Meer, weshalb es noch die alten Riten ehrt.

Er trifft in Kingsport ein, der uralten, verwinkelten Stadt unter dem kirchengekrönten Berggipfel, wo der Friedhof noch viele alte Grabsteine beherbergt, darunter auch die von vier Verwandten, die im Jahr 1692 wegen Hexerei hingerichtet wurden. Er findet das Haus an der Green Lane, das noch vor dem Jahr 1650 erbaut worden ist.

Auf sein Klopfen öffnet ein alter Mann, doch weil der stumm ist, schreibt er dem Besucher seinen Willkommensgruß auf ein Stück Papier. Sein Gesicht ist so wächsern bleich, dass es aussieht, als trage er eine Maske. Zwischen Möbeln aus dem 17. Jahrhundert sitzt eine Alte an einem Spinnrad, die ihm zunickt. Nach der Lektüre bekannter Bücher wie dem verbotenen „Necronomicon“ schließt sich der junge Mann seinen Gastgebern an. In Kapuzenmäntel gehüllt, machen sich die drei auf den Weg, um am Julfest teilzunehmen. Er wundert sich, dass er und seine Begleiter im Schnee keine Fußabdrücke hinterlassen …

Mein Eindruck

In dieser frühen Geschichte befolgt Lovecraft konsequent die Forderung des von ihm glühend verehrten Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes („unity of effect“) ausgerichtet sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – teilweise verbürgte, meist aber gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte, ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: „Xenophobie“ nennt man dieses Phänomen. Zudem hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb.

2) Stadt ohne Namen (The nameless city, 1921)

Der Ich-Erzähler ist entweder ein Abenteurer oder ein archäologischer Forschungsreisender. Er hat sich in die tiefste arabische Wüste begeben, um jene Stadt ohne Namen zu suchen, die den Arabern solche Furcht einjagt. Er stößt zunächst auf harmlose Hausruinen, aber dann auch auf tempelartige Artefakte. Als er am Abend das Heulen eines Windes hört, das nicht aus der Umgebung, sondern aus einer Tempelöffnung hervordringt, begibt er sich sogleich mit einer Fackel dorthin und dringt in den höhlenartigen Tunnel ein.

Die Tunnel, durch die er kriecht, sind seltsam niedrig und eng. Sollten hier wirklich menschliche Bewohner gelebt haben? Gerade als er in einer Halle anlangt, geht seine Fackel aus. Er gerät jedoch nicht in Panik, sondern setzt auf seinen Tastsinn. Nach einer Weile glimmt ein Leuchten auf, so dass er besser sehen kann. Da sind Massen von Kästen aufgestapelt, in denen reptilienköpfige Wesen in prächtigen Gewändern ruhen. Auf den Wandmalereien erblickt er die Geschichte einer vorsintflutlichen Zivilisation, ihren Aufstieg und Untergang. Auf dem letzten (jüngsten?) Bild ist dargestellt, wie ein Mann von den Reptilienwesen zerrissen wird.

Hinter dieser Freskenhalle führt ein Tor zu einer Treppe, die hinunterführt zu einer Ebene leuchtender Unendlichkeit. Doch die Treppenstufen sind wie die engen Tunnel offenbar nicht für Menschenfüße ausgelegt, sondern für jene Wesen, die er nun am Fuß der Treppe knurren hört. Da hebt der Wind wieder an, heulend und kreischend fährt er in jenen leuchtenden Schlund hinunter. Die Morgendämmerung hat begonnen. Die Wesen klettern die Treppe herauf. Sie tragen Reptilienköpfe …

Mein Eindruck

1921 veröffentlicht, ist die Geschichte zwar noch im Geiste Lord Dunsanys, HPLs erstem Lehrmeister, geschrieben, weist aber schon klare Einflüsse anderer Vorbilder auf, so etwa von Lost-Race-Autoren wie Henry Rider Haggard („Sie“) und Abraham Merritt („Das Volk der Fata Morgana“, „Das Gesicht im Abgrund“, „The Ship of Ishtar“ und viele weitere), die alle in jener Zeit reüssierten. Auch ein gewisser Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer von „Tarzan“, war sich nicht zu schade für zwei solche Serien: „Pellucidar“ und die Marsianer, die nach Fantasyregeln leben.

Der typische HPL-Sound unterscheidet diese Story aber ganz beträchtlich von den Machwerken jener Konkurrenten. Erst einmal geht es sehr unheimlich, menschenleer und klaustrophobisch zu, zweitens ist der typische Schauplatz eine versunkene Stadt, die tief ins Erdinnere reicht, und drittens sind am Höhepunkt der Story die vermuteten Kreaturen jener angeblich versunkenen Zivilisation immer noch quicklebendig. (Was die Frage nach dem Überleben des Chronisten aufwirft, aber die Antwort soll hier nicht verraten werden.)

Das alles kann aber nicht verhindern, dass dieser Story irgendwie die Pointe abhanden kommt. Denn was ganz am Schluss folgt, ist viel zu schwach in der Wirkung, um aus der Story viel mehr als eine stimmungsvolle Studie in Horrorphantasien zu schmieden.

3) Die Katzen von Ulthar (The cats of Ulthar, 1920)

Die sehr kurze Story erklärt, wie es kam, dass in dem Städtchen Ulthar keine Katze mehr getötet werden darf. Eines Tages kommen Wanderer mit Wagen in das ansonsten so idyllische Städtchen Ulthar am Flusse Skai. Hier scheint alles in Ordnung zu sein, bis am nächsten Tag ein Junge sein kleines Kätzchen verliert. Da er ein einsamer Waisenjunge ist, bedeutet ihm das Kätzchen das Liebste auf der Welt. Deshalb wendet sich der Junge mit einem inbrünstigen Gebet an jene Götter, welche die Katzen beschützen. Und in der Tat ballen sich die Wolken zu seltsamen, unheimlich vertraut erscheinenden, aber dennoch geisterhaften Formen zusammen.

Betrübt ziehen die Wanderer wieder ab, denn das Kätzchen bleibt verschwunden. Der Verdacht der Dörfler richtet sich jedoch gegen die Einzigen, von denen sie wissen, dass diese Katzen schlachten und essen: ein altes Ehepaar, das am Waldrand wohnt. Beunruhigt hören sie, wie die Katzen des ganzen Dorfes jaulen und Lärm machen, ja, einige Beobachter meinen sogar ein richtiges Ritual der Katzen vor der Hütte jenes Ehepaares gesehen zu haben.

Am nächsten Morgen sind alle Katzen wieder zurück, doch sie wollen zwei Tage lang weder fressen noch trinken. Da sich das Ehepaar nicht mehr zeigt, suchen die Dörfler nach ihnen. In der Hütte stoßen sie auf zwei sauber abgenagte Skelette und jede Menge Käfer. Fortan ist es deshalb jedem Menschen untersagt, in Ulthar eine Katze zu töten.

Mein Eindruck

HPL liebte Katzen. In der Geschichte macht er sie zu wissenden Trägern der Mysterien des uralten Ägypten. Stilistisch ist die kleine Erzählung den legendenhaften Erzählungen Lord Dunsanys nachempfunden. Wie Dunsany erfand HPL sein eigenes kleines Universum. Dessen Landkarte findet sich nur selten in deutschen Ausgaben, geschweige denn in Taschenbüchern. Aber dort findet sich nicht nur Ulthar am Skai, sondern auch der Weg zum unbekannten Kadath.

4) Der Alchemist (The alchemist, 1916)

Der letzte Angehörige eines verfluchten französischen Adelsgeschlechtes berichtet, wie es ihm gelang, dem Fluch zu entgehen. Er ist bereits 90, doch der Fluch bringt den männlichen Erben der Familie den Tod, wenn sie erst 32 sind. Es war im 13. Jahrhundert, als der herrschende Graf den sogenannten „Alchimisten“, den Vater eines Zauberers, im Zorn erdrosselte. Der plötzlich verwaiste Sohn Charles le Sorcier belegte den Grafen mit dem Fluch, dass keiner seiner Nachkommen älter werden sollte, als er jetzt war, und tötete ihn mit einem Gift.

600 Jahre lang zeigte der Fluch Wirkung, bis unser Chronist nur noch eine Woche hat, bis er selbst an der Reihe ist. Da durchstöbert er die letzten Winkel und Ecken der längst verlassenen Burg seiner Vorfahren und stößt tatsächlich auf ein unbekanntes Verlies. Wer ist der mittelalterlich gekleidete Mann, der ihn da in heruntergekommenem Lateinisch anschnauzt?

Mein Eindruck

Eine schaurige Geschichte, in der sich die Einflüsse der Schwarzen Romantik E.T.A. Hoffmanns mit den ästhetischen Vorgaben Edgar Allan Poes zu einer effektvollen Geschichte verbinden. Erst in der allerletzten Zeile wird uns enthüllt, was es mit dem geheimnisvollen Mann aus dem Keller auf sich hat, der weder weißes Haar noch Krankheit aufweist, aber kein modernes Französisch zu sprechen in der Lage ist. Was ist sein entsetzliches Geheimnis? Alles ist auf diese eine Pointe hin geschrieben, und Lovecraft liefert sie wie einen Degenstoß.

5) Geschichte des Necronomicons (A history of the Necronomicon, 1938)

Dieser Lexikonartikel ist ein kurzer Abriss über die Biografie Abdul Alhazreds, des Autors von „Al Azif“, dem späteren „Necronomicon“. „Al Azif“ bedeutet „Geheul der Dämonen“. Der Araber habe es angeblich um 730 n. Chr. geschrieben, acht Jahre vor seinem Tod. Eine Chronologie listet die allesamt unterdrückten Ausgaben auf. Aber nirgendwo steht, warum Alhazred das verfluchte Buch schrieb, noch, was darin steht. Eine Andeutung liefert lediglich der Umstand, dass der Autor angeblich von einem selbst beschworenen Dämon verschlungen worden sei. Motto: Caveat auctor!

Mein Eindruck

Eine pseudo-literaturhistorische Abhandlung, die zentrale Fragen außer Acht lässt. Nur für HPL-Anhänger interessant.

6) Das gemiedene Haus (The shunned house, 1928)

Providence, Rhode Island. Im Jahr 1763 legte der Kaufmann und Seefahrer William Harris den Grundstein zu seinem neuen Haus in der Benefit Street (ehemals Back Street), ohne zu ahnen, dass sich unter dem Keller etwas weitaus Älteres befindet: der Friedhof, auf dem Angehörige der Hugenottenfamilie Roulet begraben wurden. Der erste bekannte Vorfahr der Roulets war ein Wolfskind.

Nun, von dieser Vergangenheit ahnen er und seine vielköpfige Familie nichts, doch schon als das fünfte Kind nur tot geboren wird, merken die Leute, dass etwas nicht stimmt. Auch der durchdringend üble Geruch scheint der Gesundheit nicht förderlich zu sein. Selbst die kräftigsten Mitglieder der Familie sowie ihrer Bediensteten klagen unter fortschreitender Schwächung, und der Arzt stellt eine Blutarmut fest. Nach mehreren Todesfällen, unter denen auch Harris ist, lebt seine Frau wahnsinnig im Obergeschoss und ihre Schwester führt das Haus. Schließlich äußert die aus einem rückständigen Teil der Gegend stammende Zofe Ann White den schlimmsten Verdacht: dass ein Vampir den Bewohnern dieses Hauses die Lebenskraft entziehe.

Im Jahr 1919 hat der Ich-Erzähler Whipple zusammen mit seinem achtzigjährigen Onkel Elihu Whipple in mühseliger Kleinarbeit diese Zusammenhänge herausgearbeitet. Eine Inaugenscheinnahme vor Ort hat in der Tat einen penetranten Geruch wie von Salpeter oder Schwefel zutage gefördert, und Whipple vermeint einen Schatten von etwas Übelriechendem in den Kamin und durch den Schornstein verschwinden zu sehen.

Doch abschließende Sicherheit kann es nur geben, wenn die Beobachtungen nicht tagsüber, sondern in der Nacht durchgeführt werden. Also richten sich die beiden Gentlemen mit Erlaubnis des gegenwärtigen Besitzers, ebenfalls eines Harris‘, im Keller des gemiedenen Hauses aus, das seit langen Jahren als unvermietbar leersteht.

Einer von ihnen wird es nicht mehr lebend verlassen.

Mein Eindruck

Wer zuvor nur die früheren Erzählungen HPLs gelesen hat, wird von der sorgfältigen Ausarbeitung und der modern anmutenden geistigen Kultur in diesem gediegenen Stück Prosa überrascht sein. Die tiefste Vergangenheit – zunächst das Frankreich des 17. Jahrhunderts – ist den modernen physikalischen Theorien wie der Quantenmechanik gegenübergestellt. Dazwischen liegen die Familiengeschichten der Harris‘ und der Roulets als Bindeglied.

Räumlicher Mittelpunkt ist stets das gemiedene Haus, insbesondere dessen tiefer, übelriechender Keller. Wie sich herausstellt, befindet sich dort ein Etwas, das noch älter (und größer) sein muss als der älteste hier begrabene Roulet. Denn vor den Kolonisten waren die Naragansett-Indianer hier sesshaft. An diesem Punkt knüpfen die Motive der Erzählung an andere Geschichten HPLs an, die im Hinterland von Neu-England spielen, so etwa „The Dunwich Horror“. Möglicherweise hat HPL auch vom indianischen Walddämon Wendigo gehört oder gelesen und dessen Bild übernommen. Daher ist die Geschichte keine Vampirstory, sondern etwas weitaus Komplexeres.

Dafür braucht der Autor allerdings sehr lange, um dem Leser klarzumachen, um was es eigentlich geht. Obendrein versucht er noch ein wenig Name-dropping, um das Interesse des Lesers zu reizen. Edgar Allan Poe sei einst täglich auf dem Weg zu Sarah Helen Whitman, der von ihm verehrten Dichterin, am gemiedenen Haus vorübergegangen. Isn’t it ironic?

Wie auch immer: „Das gemiedene Haus“ von 1928 ist eine ebenso gute Erzählung wie viele der auf mittelguter Ebene angesiedelten HPL-Storys und sollte jedem HPL-Verehrer bekannt sein. Der Italiener Ivan Zuccon verarbeitete die Geschichte zusammen mit „Die Musik des Erich Zann“ (1922) und „The dreams in the witch house“ (1932) zu einem Horrorfilm im Jahr 2003.

7) Gefangen bei den Pharaonen (Entombed with the pharaohs, 1924)

Der berühmte Entfesselungskünstler Harry Houdini alias Erich Weisz erzählt von einem Erlebnis, das er 14 Jahre zuvor im Jahre 1910 in Ägypten hatte. In seinem anfänglichen Reisebericht erweist sich der Erzähler als kenntnisreicher Berichterstatter, der auch über Tutanchamun Bescheid weiß, dessen Grab bekanntlich erst 1922 entdeckt wurde. Geführt von einem Fremdenführer, der sich Abdul Reis Drogman nennt, besucht Houdini nicht nur Kairos Altstadt und Museen, sondern selbstverständlich auch die Pyramiden von Gizeh.

Ganz besonders fasziniert ist Houdini von der löwenköpfigen Sphinx, die das Gesicht des Königs Chephren trägt, der die mittlere der drei großen Pyramiden zwischen 2800 und 2700 v. Chr. erbauen ließ. Verblüfft stellt der Reisende eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht seines Fremdenführers und der Chephren-Statue im Ägyptischen Museum von Kairo fest.

Bei einem Streit zwischen Abdul Reis und einem jungen arroganten Reiseführer geht Houdini vermittelnd dazwischen. Beim folgenden Zweikampf darf er Abdul Reis sekundieren. Das Duell findet um Mitternacht auf der Spitze der Cheops-Pyramide statt, welche bekanntlich keine Außenverkleidung mehr besitzt, wodurch die Spitze ziemlich breit ist. Doch der mitternächtliche Ringkampf stellt sich als Vorwand heraus, den die Araber benutzen, um den berühmten Entfesselungskünstler zu verhöhnen. Sie fesseln ihn und lassen ihn in einen sehr tiefen Schacht hinunter, der sich offenbar im Sphinx-Tempel Chephrens befindet.

Sich zu befreien, ist einfach, doch nun geschieht etwas, mit dem Houdini nicht gerechnet hat. Die Geister von zusammengesetzten Mumien – Kombinationen aus Tier und Mensch – marschieren zu einem riesigen Tor in der Tiefe. Auch Chephren (Abdul Reis?) und dessen Königin Nitokris, die stets nur „Königin der Ghoule“ genannt wird, wohnen der Opferungszeremonie bei. Doch wem oder was opfern sie? Als Houdini dies herausfindet, rennt er um sein Leben.

Mein Eindruck

HPL schrieb diese wunderbar farbenfrohe Erzählung, die zunächst an Karl Mays Orient-Romane erinnert, 1924 für seinen Freund, den berühmten Entfesselungskünstler Harry Houdini. Selbstredend darf Houdini seine entsprechenden Fähigkeiten hierin eindrucksvoll demonstrieren. Zudem kommen die altägyptischen Gottheiten zu ihrem Recht und vollführen, ganz im Geschmack von Houdinis Zeit, einen theatralischen Bühnenzauber, der den ansonsten so wackeren Helden in die Flucht schlägt. Liebhaber von H. R. Haggard oder anderen Orientalisten können sich über Mangel an unterhaltsamem Kolorit und actionreicher Spannung nicht beklagen.

Der Sprecher

David Nathan stellt wieder einmal seine Meisterschaft beim Vortragen unheimlicher Texte unter Beweis. Es ist nicht nur seine Flexibilität in Tonhöhe und Lautstärke: Er flüstert und krächzt, dass für Abwechslung gesorgt ist. Aber sein eigentlich effektvoller Kniff ist die winzige Verzögerungspause vor einem wichtigen Wort. Der Eindruck entsteht, als gebe es einen Zweifel an diesem Wort und als zöge dieser Zweifel ein gewisses Grauen nach sich oder leite sich daraus ab.

Es ist der Unglaube angesichts des Schreckens, der sich dem jeweiligen Betrachter bietet, der den Zuhörer in den Bann von Nathans Vortrag zieht. Es ist die hintergründig mitschwingende Frage: Kann das wirklich wahr sein? Und wenn es wahr ist, dann ist es grauenhaft! Es ist dieses Grauen, das die Figuren angesichts des Grauenerregenden erfasst, dass wir über Nathans Vermittlung mit ihnen spüren können.

Nur einmal unterläuft Nathan ein Aussprachefehler, und zwar mit dem türkischen Wort „Dragoman“, was Fremden- und Reiseführer bedeutet, wie jeder Karl-May-Leser weiß. Nathan spricht es auf englische Weise aus, als wäre es ein amerikanisches Wort, also [drägomän].

Die Musik

Es gibt zwar kaum Geräusche, doch dafür eine ganze Menge Musik. Diese wird als Intro und Outro sowie in den Pausen zwischen den Erzählungen hörbar. Auch als Hintergrundmusik wird Materns Komposition eingesetzt. Wie es sich gehört, stimmen die musikalischen Motive den Hörer auf die unheimlich-angespannte Atmosphäre der Geschichte ein. Diese Motive sind in der Lage, jeder Erzählung ein charakteristisches Soundgepräge zu verleihen. Besonders ist mir der sehr tiefe Bass in „Gefangen bei den Pharaonen“ aufgefallen. Er sorgt unterschwellig für ein Gefühl der Bedrohung, ohne bewusst wahrgenommen zu werden. Für Menschen mit Angstpsychosen ist das sicher wenig empfehlenswert.

Die Hintergrundmusik ist äußerst dezent eingesetzt und stört zu keiner Zeit den im Vordergrund stattfindenden Vortrag der Erzählung. Das erweist sich jedoch auch als Problem, denn mehr als einmal stellte ich zu meinem Missvergnügen fest, dass im Vordergrund der Sprecher eine lebhafte Szene mit viel Dynamik vortrug, die Hintergrundmusik aber in keiner Weise darauf abgestimmt war, sondern vielmehr weiterhin sehr ruhig und langsam vor sich hinwaberte.

Unterm Strich

In dieser Auswahl findet sich, wie eingangs erwähnt, eine ganze Reihe früher Erzählungen, die uns heute wie pure Fantasy anmuten, ja, die sogar antike Schauplätze haben. Sie sind unterhaltsam zu lesen, aber allzu viele dieser literarisch mittelmäßigen Leicht- oder Fliegengewichte möchte man dann doch nicht über sich ergehen lassen.

Wohltuend werden diese Leichtgewichte, die als Vorspiel dienen, von den gediegenen Erzählungen „Das gemiedene Haus“ und „Gefangen bei den Pharaonen“ aufgewogen. Auf das „Necronomicon“ des Titels nehmen nur die ersten Erzählungen Bezug, so etwa „Das Fest“ und „Die Stadt ohne Namen“. Die „Geschichte des Necronomicons“ ist überhaupt keine Geschichte, sondern ein pseudoliteraturhitorischer Artikel inklusive Chronologie. Dieser Text beantwortet aber nicht die Frage, warum sein Autor überhaupt dieses verbotene Buch schrieb, noch die, warum es überhaupt noch Exemplare davon geben sollte. (Wenn von Arkham und Miskatonic University die Rede ist, so handelt es sich um Namen aus HPLs Privatkosmos.)

Das Hörbuch

Das Hörbuch ist eine in weiten Teilen saubere Arbeit, wie ich sie von LPL records inzwischen erwarte. Lediglich die mangelnde Kopplung der ruhigen Hintergrundmusik mit dem lebhaften Vortrag wirkt mehr als einmal wie eine seltsam anmutende Diskrepanz zwischen Untermalung und Erzählung. Ansonsten ist die Musik Materns recht wirkungsvoll eingesetzt. Vor den sehr tiefen, unterschwellig bedrohlich wirkenden Bässen seien Hörer mit schwachen Nerven gewarnt.

Der Titel passt ausgezeichnet in die bisherige Lovecraft-Reihe und bietet demjenigen, der die Vielfalt von Lovecrafts Werk kennenlernen möchte, einen guten Einstieg: Die unterschiedliche Machart der Storys vermittelt einen Eindruck davon, dass es in Lovecrafts Werk drei große Phasen gab, die es zu erkunden gilt. Für Sammler ist diese Auswahl eine wichtige Ergänzung und Abrundung der HPL-Hörwerke, aber für Einsteiger bietet das Hörbuch zwar leichte Kost, aber keinen zutreffenden Eindruck von dem, worauf sich HPLs Einfluss gründet: auf den Cthulhu-Mythos.

300 Minuten auf 4 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Diesel, A. F. Fischer, Felix F. Frey, Malte Sembten
ISBN-13: 978-3-7857-3692-0
www.lpl.de
www.luebbe-audio.de
www.festa-verlag.de