MacBride, Stuart – Cold Granite (Logan McRae 1)

_Kein Weihnachtsmärchen: Zwischen Kindermord und Lynchjustiz_

Winter in Aberdeen: Morde, Chaos und schreckliches Wetter. Kaum ist Detective Sergeant Logan McRae nach einem Jahr im Krankenhaus wieder zurück im Dienst, als auch schon die erste Leiche im kalten Raum des Leichenkellers seines Hauptquartiers landet: ein vierjähriger Junge, David Read, wurde entführt, stranguliert und danach geschändet. Doch woher weiß der schmierige Journalist Colin Miller, dass man Davids Leiche in einem Graben gefunden hat? Als noch mehr kleine Jungen vermisst gemeldet werden, entbrennt ein Wettlauf zwischen Cops und Presse …

_Der Autor_

Stuart MacBride war schon alles Mögliche: Ein Grafikdesigner, dann ein Anwendungsentwickler für die schottische Ölindustrie und jetzt Kriminalschriftsteller. Mit seiner Frau Fiona lebt er in Nordostschottland. Seine Krimis um Detective Sergeant Logan McRae spielen in Aberdeen. Mehr Infos finden Sie unter [www.stuartmacbride.com]http://www.stuartmacbride.com

|Logan McRae:|

1) _“Cold Granite“_ (2005) = [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
2) „Dying Light“ (2006) = [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
3) „Broken Skin“ (2007) = [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
4) „Flesh House“ (2008) = [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?
5) „Blind Eye“ = „Blinde Zeugen“
6) „Dark Blood“ (2010) – noch ohne dt. Titel
7) „Shatter the Bones“ (2011) – noch ohne dt. Titel
8) – für 2014 angekündigt –

_Handlung_

Kaum ist Detective Sergeant Logan McRae nach einem Jahr im Krankenhaus wieder einen Tag zurück im Dienst, als er bereits einen neuen Chef bekommt – Detective Inspector Insch – eine Aufpasserin, Police Costable Jackie Watson, und eine Leiche. Der vierjährige David Reid wurde von einem Spaziergänger in einem Graben am Fluss Don gefunden. David wurde entführt, stranguliert und dann geschändet und verstümmelt. Doch als McRae bei der Mutter eintrifft, ist diese bereits katatonisch, während ihr wütender Vater Logan einen Boxhieb in den Bauch versetzt. Logan muss schon wieder ins Hospital, aus Angst, die Nähte der 23 Stichwunden, die er bei einem Einsatz erlitten hat, könnten wieder aufgehen.

Aber woher wussten die Reids überhaupt schon vom Tod des Jungen? Der Verdacht fällt auf den Autor der entsprechenden Schlagzeile in der Tageszeitung. McRae und Watson statten Colin Miller einen Besuch ab. Er scheint der bestgehasste Mann in der ganzen Redaktion des „Aberdeen Press & Journal“ zu sein, behängt mit Goldklunkern, als wäre es Lametta. Seine Kolleginnen sind neugierig, ob man ihn endlich verhaftet, und ein Kollege packt ungefragt schmutzige Details aus. Miller selbst mauert: Quellen sind vertraulich.

Aber sie haben ihn nicht das letzte Mal gesehen, denn wenige Stunden später wird ein weiterer Junge als vermisst gemeldet: der fünfjährige Richie Erskine, Sohn der ledigen und erst 21-jährigen Elisabeth Erskine. Hier kommt McRae das Verhalten der Mutter nicht ganz koscher vor und teilt das Insch auch mit. Immer schön vorsichtig mit Verlautbarungen, und die Medien schön bei Laune halten – so lautet die Gratwanderungsparole Inschs. Doch auch diesmal scheint der Journalist mehr zu wissen, als er aus den Verlautbarungen wissen kann. Logan und Insch werden wütend: Es muss einen Verräter in den eigenen Reihen geben.

Und wie nicht anders zu erwarten, fällt der Verdacht bald auf Logan – schließlich hat er sich mit Miller getroffen, um Informationen über einen Mordfall zu erhalten, den Inschs Kollegin Steel bearbeitet. Ein Mann ist tot im Hafenbecken gefunden worden – mit abgehackten Knien. Offensichtlich handelt es sich um einen Mord unter Gangstern, denn die abgehackten Kniescheiben senden eine Botschaft. Doch wie lautet sie und an wen ist sie gerichtet? Logans Ermittlung wird von Millers Infos beflügelt: Es soll sich um einen Mann aus Edinburgh handeln, der für den Gangster Malcolm Maclennan Geschäfte einfädeln sollte. Doch mit Malk the Knife treibt man keine Scherze. McRae befürchtet, ein Gangsterkrieg könne in Aberdeen ausbrechen.

Doch die Reihe der verschwundenen Kinder reißt nicht ab. Peter Lumley verschwindet auf dem Gang zum Supermarkt an der Ecke. Der Stiefvater ist untröstlich. Nicht genug damit, findet eine Schulklasse, die eine Ökolehrstunde absolviert, auf einer Müllkippe eine Mädchenleiche. Die Pathologin stellt fest, dass das in eine Packklebrolle eingewickelte Mädchen nicht aus dem Königreich stammen kann: Es hatte mal Tuberkulose, und die entsprechenden britischen Melderegister kennen dieses vierjährige Mädchen nicht. Zum Glück findet Jackie Watson einen Kassenzettel, der zu einem bestimmten Mann führt …

Colin Millers Schlagzeile versetzt die Gemüter der Stadt in Aufruhr. Als ein Staranwalt für den verurteilten Kinderschänder Colin Greaver vor Gericht einen Freispruch erreicht, schlägt die Empörung hohe Wogen. Der Anwalt, der gerade strahlend seinen Triumph verkünden will, bekommt von einem Opfer Greavers einen Fausthieb ins Gesicht. Das entsprechende Video besorgt sich Inspector Insch als Bildschirmschoner.

Kaum hat Logan den verschwundenen Richard Erskine wiedergefunden, als er von der Nachricht erschüttert wird, auf dem Grundstück eines städtischen Einsammlers von überfahrenen Tieren sei eine weitere Mädchenleiche entdeckt worden. Selbstverständlich wird sofort der Kadaversammler verdächtigt, der bei vielen Cops unter dem vielsagenden Beinamen „Roadkill“ bekannt ist. Natürlich wird der Mann, ein früherer Gelehrter, sofort auch für den verschwundenen Peter Lumley und das Mädchen im Müllsack verantwortlich gemacht – dafür sorgt allein schon Colin Miller, der Schmierfink.

Doch McRae hat seine Zweifel an Roadkills Schuld. Der Mann ist schließlich schizophren und somit unzurechnungsfähig. Als er eine überzeugende Tötungstheorie für das unbekannte Mädchen präsentieren kann, muss Insch den Verdächtigen zähneknirschend freilassen. Doch Roadkill kommt nicht weit. Die aufgeputschte öffentliche Meinung will Blut sehen …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hängt alles mit allem zusammen, und die vielen Handlungsstränge führen zueinander. Zwar kann die Hauptfigur Logan „Lazarus“ McRae zwei oder drei Fälle aufklären, aber er muss hilflos miterleben, wie der unschuldige Roadkill praktisch nicht nur einmal, sondern zweimal hingerichtet wird. Aber er selbst ist gehörig durch die Tatsache abgelenkt, dass ein alter Schurke ihn mit seinem Messer in kleine Stücke schneiden will. Dafür, dass er einen Rentner zusammengeschlagen hat (um sein Leben zu retten), wird er sofort vor die Dienstaufsicht gezerrt. Deren Vertreter hat ihn sowieso bereits auf dem Kieker, weil McRae angeblich ein Verräter ist, der mit der Presse kollaboriert.

|Showdown|

Als schließlich alle Unklarheiten beseitigt zu sein scheinen und nur noch ein Täter übrig bleibt, kommt es durch unglückliche Umstände zu einem sagenhaft spannenden Showdown in einem Steinbruch. Auch hier muss McRae wieder sein Leben einsetzen und Bauchtritte einstecken, denn er will unbedingt Police Constable Jackie Watson vor dem Tod bewahren. Wenn die Frau, die McRae liebt, nicht an einem Messerstich stirbt, dann an Unterkühlung. Und das gilt es um jeden Preis zu verhüten.

Leichter gesagt als getan. Denn der Winter hat Aberdeen fest im Griff und lässt die Granitstadt zwei Wochen vor Weihnachten im Schneegestöber versinken. Dieses Romandebüt ist das Weihnachtsgeschenk des Autors an seine Heimatstadt, und welches bessere Thema könnte es zur Geburt des Jesuskindes geben als eben die Serienmorde an kleinen Kindern?

|Kleine Opfer|

Schon viele Krimiautoren – nicht zuletzt auch schottische wie Ian Rankin oder Val McDermid – haben sich des Themas angenommen. Interessant war jedes Mal, welche Ursachen und Gründe für diese Verbrechen gefunden und präsentiert wurden. Die Gründe, die MacBride liefert, sind vielfältig. Dass Kinder verschwinden, hat mehrere Ursachen: Das eine Kind wurde entführt, das andere angefahren „Roadkill“ wäre dafür die zynische Bezeichnung), das dritte fiel einem Unfall zum Opfer. Doch was ist mit David Reid, Peter Lumley und dem neuesten Opfer?

Dieser Täter ist auf Missbrauch aus. Er sucht zwar nur Zärtlichkeit, die er selbst vermisst, doch er ist auch extrem labil und kann jederzeit gewalttätig werden. Er blickt auf eine Geschichte des Kindesmissbrauchs und des Gehasstwerdens zurück: Er wurde selbst von seinem Vater missbraucht und in ein Jugendheim gesteckt, wo sich dessen Leiter Greaver an dem Elfjährigen fortwährend vergehen konnte. Der Täter also als Opfer – ist das nicht ein wenig zu einfach argumentiert, fragt sich der Leser. Andererseits wirkt es plausibel, welchen Abscheu der Täter gegenüber Frauen an den Tag legt. Seine einzige Zuneigung gilt kleinen Jungen, weil er glaubt, die würden sich nicht wehren.

|Rot sehen|

Dass verschwundene und ermordete Kinder einen Nerv der Gesellschaft treffen, wird ebenso deutlich wie die Abschottung der Menschen gegeneinander: Wie die drei Affen wollen die Mieter in einem verdächtigen Haus nichts sehen, nichts hören und nichts sagen. Aber sie informieren sich durch die Medien und kommen zu dem Schluss, dass man der Welt da draußen nicht mehr trauen kann – was sie wiederum in ihrer verdrängenden Haltung bestärkt.

Immer wieder, fast in jeder zweiten Szene, spielen die Nachrichtenmeldungen und die Schlagzeilen der Stadt eine Rolle. Die Medien erzeugen einen ungeheuren Druck, unter dem die Polizei zu agieren hat. Inspector Insch nimmt die Verdächtigen nur zu gerne fest und quetscht sie aus, doch leider handelt es sich allzu oft um die Falschen. Dass Unschuldige freigelassen werden müssen, wirft wiederum kein gutes Licht auf die Effizienz seiner Truppe. Schon bald liegen die Nerven blank. Verräter in den eigenen Reihen werden gesucht, ja, sogar aus der schottischen Hauptstadt Edinburgh wird Hilfe geschickt: So als könnten die Cops von Aberdeen nicht mal ihren eigenen Hintern mit einer Landkarte finden.

Die Lynchjustiz ist nur ein weiterer Dreh an der Schraube der öffentlichen Reaktion auf die Sensationsgier und Panikmache der Medien, die damit ihre Auflagen steigern. Das macht es den Cops nur schwerer, den wahren Täter zu finden. Daran, ihm eine Falle zu stellen, ist überhaupt nicht mehr zu denken – Colin Miller hat schon alles ausposaunt. Doch wer ist seine Quelle, zerbricht sich McRae den Kopf. Bis es ihm voll Entsetzen wie Schuppen von den Augen fällt. Die Antwort stand stets direkt vor seiner Nase …

_Unterm Strich_

MacBrides Debütkrimi zeigt keinen souveränen Inspektor Rebus, der sowohl über Autorität wie auch Durchblick verfügt, sondern eine Polizeitruppe, die eben diesen Durchblick verzweifelt vermissen lässt. Hier ist ein vielköpfiges Netzwerk von Mitarbeitern am Werk, das sowohl unter den Unzulänglichkeiten der Ausbildung und des Menschseins leidet, aber dennoch unter dem Druck der Politik, der Justiz und vor allem der öffentlichen Meinung Glanzleistungen zu vollbringen hat. Als Folge rackert jeder so gut er oder sie eben kann, und es ist ein Wunder, wenn jemand wie McRae mal seine Ausbildung benutzt, um zwei und zwei zusammenzuzählen – und eine Lösung zu finden.

Dadurch, dass McRaes Truppe stets drei oder vier Fälle gleichzeitig zu lösen hat, entsteht ein ganz anderer Eindruck als in Ian Rankins Krimis, die ständig in McBrides Romanen auftauchen. Ian Rankin ist das abgelehnte Gegenbild zum eigenen Entwurf. Wer Rankin liebt, wird deshalb MacBride ablehnen: viel zu nah am Leben, viel zu blutig und grausam, viel zu verwirrend. Oder viel zu wahrhaftig? Vielleicht schafft es der Autor aus diesem Grund nie, über vier Sterne hinauszukommen.

In seinem Debüt ergeht sich der Autor noch in Rankin-typischen Natur- und Stadtbeschreibungen, um eine bestimmte Stimmung heraufzubeschwören. Im sechsten McRae-Krimi „Dark Blood“ ist dieses Element fast ganz verschwunden, zugunsten einer fast theaterhaften Inszenierung des kriminalistischen Geschehens. Doch das Markenzeichen dieser Krimis ist geblieben: der sarkastische Humor, der nicht nur von solchen Beschreibungen getragen wird, sondern nicht zuletzt auch von den Figuren selbst. Das macht die Romane zu unwiderstehlich und unterhaltsam.

Wer die Bücher im Original lesen will – wie ich – sollte über sehr gute Englischkenntnisse verfügen und sich mit dem in Kneipen gesprochenen Englisch auskennen, das man nicht im BBC-Fernsehen hört. Aber wer englische Seifenopern im Original versteht, der hat einen guten Ausgangspunkt.

|Taschenbuch: 592 Seiten
ISBN-13: 978-0007193141|
[www.harpercollins.com]http://www.harpercollins.com