Manel Loureiro – Apokalypse Z

Das geschieht:

In einem der neuen Staaten, die nach dem Zusammenbuch der Sowjetunion entstanden, ist ein obskures Labor für biologische Forschungen in die Luft geflogen. Dabei wurde ein Virus freigesetzt, der seine Opfer erst grausam tötet, um sie dann als Zombies wiederauferstehen zu lassen.

Dieser Vorfall wird von den Verantwortlichen lange vertuscht, weshalb sich der Zwischenfall zur Katastrophe auswachsen kann: Die Zombies fressen nicht nur Menschenfleisch, sondern infizieren neue Opfer, die ihnen in den Untod folgen. Die Seuche reist zusätzlich per Flugzeug und entfacht auf der ganzen Erde ständig neue Ausbruchsherde. Bald ist die Zahl der Betroffenen so angewachsen, dass man ihrer nicht mehr Herr werden kann. Jeder Widerstand bricht zusammen. Das Militär streckt buchstäblich die Waffen, sämtliche Organisationsstrukturen lösen sich auf. Chaos und Anarchie regieren – und die Untoten, die jede Bastion der Überlebenden durch ihre schiere Überzahl überrennen.

In der nordwestspanischen Stadt Pontevedra verfolgt ein (namenlos bleibender) Anwalt zunächst unbeteiligt die Ereignisse. Hinter einer hohen Mauer führt der immer noch trauernde Witwer mit seinem Kater ein ruhiges Privatleben. Doch binnen weniger Wochen gerät auch Spanien in faulige Zombiehand. Staatlich eingerichtete Schutzzonen erweisen sich als Todesfallen, denn Menschenansammlungen locken die Untoten unweigerlich an.

Als seine Nahrungsvorräte erschöpft sind, muss der Anwalt den Ausbruch wagen. Er schlägt sich zur Küste durch und findet ein Segelboot, auf dem er südwärts fährt und nach Überlebenden sucht. Die Hafenstädte sind sämtlich zerstört aber nicht ausgestorben. In Vigo entdeckt er ein Frachtschiff. Die Besatzung nimmt ihn freudig auf: Endlich hat man einen Pechvogel gefunden, den man zwingen kann, in der von Zombies verseuchten Stadt eine brandgefährliche Suchaktion zu unternehmen …

Der Untod ist schrecklich pietätlos

Die Zombies sind wieder bzw. immer noch da. Nachdem ihnen in „Dawn of the Dead“ 2004 ein überraschendes Comeback gelang, haben sie sich selbst von den zwischenzeitlich auftrumpfenden „Chick“-Vampiren und -Werwölfen nicht vertreiben lassen. Der wahre Horrorfreund ist dankbar: Zombies lassen sich außerordentlich schwer in Schmuse-Monster und „love interests“ verwandeln. (Gelungen ist das höchstens Tim Burton in „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“; hier waren die Untoten allerdings Puppen.) Sie sind hässlich, ekelhaft und gefährlich. Ihr einziges ‚Lebensziel‘ ist die Beschaffung frischen Menschenfleisches. Obwohl sie es nicht mehr einsetzen, ist das Hirn ihre einzige Schwachstelle: Es muss zerstört werden, um einen Zombie endgültig auszuschalten – ein schmutziger Job, der dem Untod endgültig jede Romantik raubt.

Variationen sind kaum möglich. Grundsätzlich muss festgesetzt werden, ob der Zombie klassisch den Verstand verloren oder ihn behalten hat; letzteres macht ihn verständlicherweise erst recht gefährlich. Ansonsten gibt es die Entscheidung zwischen Schlurfgang und Leichtfüßigkeit, welcher auch den Bedrohungsfaktor der geistlosen Untoten in die Höhe schnellen lässt. Generell ist es die schiere Überzahl, die den Zombie zum Auslöser der Apokalypse aufwertet: Er ‚vermehrt‘ sich durch Biss-Infektion. Schon ein simpler Hautritzer reicht aus, um dem Opfer ein gruseliges Schicksal zu bescheren. (Auch Autor Loureiro kann nicht widerstehen, eine entsprechende Szene detailfroh zu beschreiben.)

Sie kommen, beißen & siegen: Der Ablauf des zombieverursachten Weltuntergangs ist prinzipiell identisch, was erneut die Frage aufwirft, was die Faszination dieses Horror-Genres ausmacht. Unschlagbar ist der Bruch eines besonders ausgeprägten Tabus: Die Toten werden betrauert und anschließend entsorgt. Im ewigen Kreislauf des Lebens wird das Segment „Zerfall“ aus hygienischen und ästhetischen Gründen tunlichst ausgeklammert. Die Zombies durchbrechen diese Schranke. Sie führen uns vor Augen (und Nasen), was den Tod ebenfalls ausmacht: Je nach Wetterlage ist er spätestens nach 24 Stunden eine hässliche Sache.

Zwar Untotes aber nichts Neues unter der Sonne

Hinzu kommt ein emotionales Wechselbad: Betrauerte Familienmitglieder, Lebenspartner, Freunde kehren als grässlich entstellte Kannibalen zurück. Der Kampf gegen diese Zerrbilder einst geliebter Menschen stellt eine zusätzliche Belastung dar, die auch unserem Helden oft (und spannungsfördernd) im entscheidenden Moment die Schlaghand lähmt.

Was dieser Konflikt bedeutet, wurde nach 1968 – dem Jahr 1 des modernen Zombie-Unwesens, ins ‚Leben‘ gerufen durch George A. Romero in „Night of the Living Dead“ – in Wort und Bild immer wieder durchdekliniert. Im Reich des untoten Schreckens gibt es keine Scheußlichkeit mehr, die nicht bereits begangen wurde. Dennoch zieht dieses Bild das Publikum immer noch und immer wieder magisch an: Nicht wilde Hunde, Löwen oder andere Raubtiere fallen über Menschen her, sondern andere Menschen!

Zum Terror kommt die Bewährungsprobe: Wie verhältst du dich in einer existenziellen Krise? Jeder Zombie-Horror erzählt eigentlich von uns, den Lebenden. Während die Untoten nach und nach die Rolle des permanenten Hintergrundschreckens übernehmen, müssen jene, die verschont blieben, sich nicht nur mit den veränderten Umständen arrangieren, sondern auch die Regeln der Zwischenmenschlichkeit neu definieren. In der Not ist sich bekanntlich jede/r selbst der oder die Nächste. Loureiro schildert, wie hinter Gesetzen und Manieren rasch der Höhlenmensch zum Vorschein kommt. Auch der namenlose Protagonist stellt fest, dass er verroht und verwildert.

Auf der Suche nach einem Heim

Zivilisation benötigt einen sicheren Hafen. In einer von Untoten bevölkerten Welt kann der Mensch nicht überleben; bereits der permanente Stress würde ihn umbringen. Zum Plot jedes Zombie-Horrors gehört deshalb die Suche nach einem Schlupfwinkel, der sich zu einer Heimstätte ausbauen lässt. Immer wieder steuert der Anwalt ausgewiesene Schutzzonen an. Doch eine der Regeln, die nachhaltig außer Kraft gesetzt wurden, ist die von der Überlegenheit durch moderne Feuerwaffen: Zombies lassen sich so nicht abschrecken.

Der Mensch muss lernen, sich wie die ersten Säugetiere im Schatten der Saurier zu verhalten: ruhig und unauffällig. Solidarität gewinnt eine neue Wertigkeit. In den Ruinen der Hafenstadt Vigo sterben alle, die dem Anwalt ihren Willen aufzwingen wollen. Stets kommt für den Wächter ein Moment der Unachtsamkeit, während die Untoten niemals müde werden. Nur wer aus freiem Antrieb zusammenhält, wird lernen, wie man sich in dieser feindselig gewordenen Welt bewegt.

Damit der ‚neue‘ Mensch soweit kommt, muss er die Vergangenheit aufgeben – am besten Stück für Stück, um den Prozess dramatischer zu gestalten. „Apokalypse Z“ ist nur der erste Teil einer geplanten Serie, weshalb sich Autor Loureiro Zeit nehmen kann. Die Suche nach einem sicheren Ort ist eine Odyssee mit zahlreichen Hindernissen und Sackgassen. Der Weg ist das Ziel, das in der Unterhaltung des Publikums besteht. Dass der Anwalt im Finale dem Ziel weiterhin fern ist, lässt sich deshalb verschmerzen: Fortsetzung folgt, das Prinzip ist uns wohlbekannt.

Der Mensch ist kein Einsiedler

Loureiro formt seine Zentralfigur zwar als Alter Ego – der Autor ist in der Tat Anwalt und lebt in der Stadt Pontevedra -, lässt sie aber namenlos bleiben. Diese Anonymität soll unterstreichen. dass der Anwalt nur einer von unzähligen Menschen ist, die in eine Krise gestürzt wurden, auf die sie in keiner Weise vorbereitet waren. Nicht nur Titel, Ränge oder Ämter, sondern auch Namen sind unwichtig geworden. Wozu sich einprägen, was bzw. wer kurz darauf wahrscheinlich den Zombies zum Opfer fällt?

Stattdessen klammert der Anwalt sich an seine Katze. Mehrfach gerät er in Lebensgefahr, um das Tier zu retten. Auch dies weiß Loureiro überzeugend zu klären: Auf die Katze projiziert der Anwalt mit der Erinnerung an seine frühere Existenz die Hoffnung auf ein Überleben. Deshalb bleibt das Tier als Symbol selbst dann präsent, als der Anwalt endlich überlebende Menschen gefunden hat, die ihn nicht hintergehen wollen: Wer weiß, wie lange sie an seiner Seite bleiben werden.

In Teil 2 ist mit der Auferstehung eines bisher ausgeklammerten Klischees zu rechnen: In „Apokalypse Z“ ist der Anwalt ein trauernder Witwer, der solo flüchtet und später nur raubeinige Kerle trifft. Im Finale stößt er auf die junge Lucia, die deutlich jünger und selbstverständlich bildhübsch ist. Diese Kombination deutet gewisse Handlungsverläufe bereits an: Anwalt und Lucia dürften sich näherkommen, während nicht nur die Zombies, sondern auch geile Nebenbuhler eigene Vorstellungen von Zweisamkeit verwirklichen werden.

Das Gesetz der Serie

Formal gleicht „Apokalypse Z“ einem „Found-Footage“-Film: Der Anwalt schreibt auf, was er erlebt. Er hat keine Zeit, sich um stilistische Feinheiten zu kümmern. Zunächst kann er noch die moderne Technik nutzen und schreibt einen Blog. Später kehrt er zum bewährten Papier zurück. Dieses Konzept erinnert an die Entstehung von „Apokalypse Z“ als imaginärer Blog, in dem Loureiro seine Einfälle für ein mögliches Buch auf ihre Tauglichkeit probte.

Über den Sinn dieser Aufzeichnungen sollte man lieber nicht nachdenken. Der Anwalt behauptet, auf diese Weise seine Gedanken ordnen zu können. Angesichts der geschilderten Plagen muss man sich wundern, dass er sich die Zeit nehmen kann, recht umfangreich in Worte zu fassen, was ihn bedrückt. (Einen Logikausfall hatte Autor Loureiro kurz vor Schluss: Da behauptet der Anwalt, er habe eine Kopie seines Textes angefertigt, die er nun zurückließe, falls es ihn erwischen sollte. Offenbar stand irgendwo in dem Chaos ein solarenergiebetriebenes Kopiergerät.)

Selbstverständlich sich hat ein dreister Tropf – angeblich für die Zeitschrift „La Voz de Galicia“ – finden lassen, der für das Cover diesen Unfug fabulierte: „Manel Loureiro ist der spanische Stephen King!“ Dabei könnte der Unterschied kaum größer sein. Wo King nie vor Emotionen zurückscheut, bleibt Loureiro zurückhaltend, beinahe sachlich. Mit einer Figur ohne Namen kann der Leser schwer warmwerden. Hier soll er es – siehe oben – gar nicht.

Mit Stephen King kann Loureiro auch sonst nicht mithalten. Nichtsdestotrotz hat er einen unterhaltungsstarken Horrorroman geschrieben, der einerseits nicht an Drastik spart, ohne sich andererseits darauf zu beschränken. „Apokalypse Z“ ist keiner der das Zombie-Genre dominierenden Stammel-Splatter, weshalb sich echte Freude in die Erwartung einer Fortsetzung mischt.

Autor

Manel Loureiro wurde 1975 in der Autonomen Gemeinschaft Galicien, gelegen im Nordwesten Spaniens nördlich der portugiesischen Grenze, geboren. Er studierte Jura an der Universidade de Santiago de Compostela, arbeitete nach dem Abschluss aber zunächst für das Fernsehen. Loureiro schrieb Drehbücher und stand als Moderator vor der Kamera.

„Apocalipsis Z“, Loureiros Romandebüt, nahm Stück für Stück im Internet Gestalt an und fand dort ein kopfstarkes Publikum, was wiederum die klassische Verlagswelt aufmerksam machte. Auch im spanischsprechenden Ausland war Loureiros Zombie-Garn sehr erfolgreich. Bisher gibt es zwei Fortsetzungen.

Wie der namenlose Held der „Apocalipsis“-Romane lebt Manel Loureiro in Pontevedra. Dort ist er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Anwalt tätig.

Paperback: 477 Seiten
Originaltitel: Apocalipsis Z: El principio del fin (Barcelona : Debolsillo 2011)
Übersetzung: Sybille Martin

eBook: 1052 KB
ISBN-13: 978-3-641-13184-5
www.randomhouse.de/heyne

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