Marillier, Juliet – Kind der Stürme, Das (Sevenwaters 3)

Mit dem Band „Das Kind der Stürme“ schließt die neuseeländische Autorin Juliet Marillier ihre Sevenwaters-Trilogie ab. Nachdem in „Die Tochter der Wälder“ die junge Sorcha ihre Brüder aus der Gestalt der Schwäne erlöst und ihre Tochter Liadan in „Der Sohn der Schatten“ das Muster des Feenvolkes durchbrochen hat, erzählt der letzte Band nun die Geschichte des letzten Kampfes mit den Briten um die heiligen Inseln, diesmal aus der Sicht von Fainne.
Fainne ist in jeder Hinsicht ein besonderes Mädchen. Sie wächst allein mit ihrem Vater auf, an einem abgeschiedenen Ort vor der Küste von Kerry, genannt die Honigwabe: Ein Gewirr aus Höhlen, Klippen, Simsen und versteckten Stränden. Ein Ort, wo sich Himmel, Erde und Meer in vollkommener Harmonie berühren. Fainne hat keine Freunde unter den Kindern der dort lebenden Fischer. Sie ist anders. Nicht nur, weil sich seltsame Geschichten um ihre verstorbene Mutter ranken, von der man sagt, sie habe sich von den Klippen gestürzt. Nicht nur, weil sie einen verkrüppelten Fuß hat. Sondern vor allem, weil sie besondere Fähigkeiten hat, die ihr Vater mit Geduld und Behutsamkeit schult und ausbildet. Fainne ist eine Zauberin. Den einzigen Kontakt außer zu ihrem Vater hat sie zu Darragh, einem Jungen vom fahrenden Volk, das seine Sommer in der Nähe verbringt, um Ponys zu zähmen und zuzureiten, die dann auf dem Pferdemarkt verkauft werden. Fainne führt ein ruhiges, stilles Leben, geprägt vom Studium. Als ihr Vater ihr eines Tages eröffnet, sie müsste verreisen zu ihren Verwandten in Sevenwaters, ist sie sehr erstaunt. Aber er hält es für notwendig und überlässt sie deshalb für einige Monate der Obhut ihrer Großmutter. Die Großmutter ist eine grausame Lehrerin, und am Tag, als Fainne abreist, eröffnet sie ihr, dass Fainne eine Mission zu erfüllen hat, und zwar die, die sie ihr aufträgt: die Niederlage von Sevenwaters im Kampf gegen die Briten zu bewerktstelligen. Diese Mission gefällt Fainne nicht, aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat, denn ihre Großmutter hat gedroht, ihren Vater zu vernichten, sollte sie nicht gehorchen. Sie verlässt also ihr Zuhause und wird vom fahrenden Volk nach Sevenwaters gebracht. Mit jedem Tag, den sie dort verbringt und den Menschen näher kommt, wird ihr Gewissenskonflikt größer. Dann begegnet sie Eamonn von den Marschen, jenem Mann, der einst um Liadan warb. Er wird zum Schlüssel für ihre Aufgabe…

Fainnes Geschichte wird bereits im vorhergehenden Band angelegt, in dem Liadan ihre Schwester aus der Ehe mit einem grausamen Mann befreit. Alle glauben, dass Niamh von dort in ein Kloster ging, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte, aber Liadan weiß, dass das nicht stimmt. Niamh hat eine Tochter. Eine Tochter mit demselben rotgoldenen Haar wie ihre Mutter und den beerendunklen Augen ihres Vaters. Fainne ist ein schüchternes Mädchen. Der Trubel und die vielen Leute in Sevenwaters empfindet sie als anstrengend und belastend. Außerdem denkt sie, dass sie hässlich ist, weil ihr verkrüppelter Fuß sie linkisch und ungeschickt wirken lässt. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie schön ist. So schön wie ihre Mutter. Fainne liegt ständig im Kampf mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Und nicht nur das. Sie kämpft an allen Fronten. Ihre Großmutter hat ihr gesagt, dass sie nicht anders könne als böse zu sein, weil sie das Blut einer Zauberin hat, das Blut ihrer Großmutter. Ständig muss Fainne gegen das Gefühl ankämpfen, dass alles, was sie tut, egal in welcher Absicht, zu etwas Üblem wird. Zudem kämpft sie gegen das Misstrauen ihrer eigenen Familie. Conor weiß, dass sie eine Zauberin ist, und fürchtet, Lady Oonagh könnte sie geschickt haben, und auch Liadan traut Fainne nicht wirklich. Sie kämpft gegen Eamonns Ekel vor ihrer Abstammung, die nur noch von seinen Rachegelüsten gegen Liadans Mann übertroffen wird. Sie kämpft gegen ihren Jugendfreund Darragh, um ihn von sich fernzuhalten, denn sie weiß, in ihrer Nähe droht ihm Gefahr von ihrer Großmutter. Und sie kämpft auch gegen ihre Großmutter, denn irgendwann wird ihr klar, dass sie nicht tun kann, was die Alte von ihr verlangt. Das macht alles, was sie tut, zu einem gefährlichen Versteckspiel. – Der Kampf um die Inseln ist für Sevenwaters überlebenswichtig. Und jetzt, wo das Kind der Prophezeiung erwachsen und ein Anführer ist, wollen sie die Inseln ein für allemal zurückerobern. Das Kind der Prophezeiung sollte vom Blut der Briten und der Iren sein, beides und doch keins von beidem. Und es sollte das Zeichen des Raben tragen. Ohne dieses Kind können die Iren nicht gewinnen. Aber jetzt ist Liadans Sohn Johnny erwachsen, vom irischen Blut seiner Mutter und dem britischen Blut seines Vaters, und er trägt einen tätowierten Raben im Gesicht. Johnny wird den Angriff auf die Briten anführen. Sie müssen gewinnen. Und doch kommt es anders, als alle denken. Denn alles bisher Genannte war nur ein Teil der Prophezeiung. Und Prophezeiungen sind nie eindeutig, niemals einfach. Sie gehen verschlungene Wege, unerwartete. Und so ist es auch diesmal.

Der dritte Band der Trilogie führt nicht nur alle losen Enden zusammen, er beantwortet auch eine Menge Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum versucht Lady Oonagh so verbissen, Sevenwaters zu zerstören? Warum hatte das Feenvolk so sehr darauf bestanden, dass Johnny unbedingt im Wald von Sevenwaters aufwachsen müsse? Warum sind Fainnes Eltern nie nach Sevenwaters zurückgekehrt? Warum ist das Blut der Zauberer verflucht? Wie auch immer die Antworten lauten mögen: Es musste so sein. Neben der Prophezeiung spielt in diesem Band die Zauberei eine große Rolle. Nicht die sanfte Magie der Alten, wie sie Sorcha, Finbar und Liadan in sich trugen, sondern die Art von Zauberei, wie sie Lady Oonagh ausübte: Verwandlungen des Körpers, Verursachen von Schmerzen, die Herrschaft über den Willen anderer. Infolgedessen verliert die Geschichte etwas von dem geheimnisvollen Zauber, der noch über dem ersten Band lag, und obwohl diesmal die Alten, die schon vor dem Feenvolk in Erin lebten, in diesem Band verstärkt auftauchen, bleibt die mystische Gedankenwelt der Kelten bis zum Ende des Showdowns doch größtenteils im Hintergrund. Statt dessen tritt der Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Inneren der Hauptfigur, als auch in der äußeren Handlung, mehr in den Vordergrund, und mit ihm die Spannung. Der erste Band war gegen Ende schon durchaus spannend, obwohl ich bereits wusste, wie es ausgeht. Der zweite Band lebte weniger von Spannung als von Gefühl. Dagegen übertrifft der dritte Band den ersten an Spannung noch, zumal die Auflösung am Ende nicht unbedingt vorhersehbar war. Dabei verzichtet die Autorin fast völlig auf unnötig detaillierte Beschreibungen blutigen Schlachtengeschehens. Marilliers Spannungsaufbau ist ein allmählicher, aber kontinuierlicher, ebenso behutsam erzeugt wie alle anderen Stimmungen, und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger, als Schilderungen von Grausamkeiten es wären.

Es ist der Autorin also tatsächlich gelungen, auch den dritten Band ihrer Trilogie auf gleichem Niveau wie seine Vorgänger zu halten. Ihr Stil, ihre Art, die Charaktere zu zeichnen, sie in der Erzählung von Erinnerungen vorzustellen und damit ihre Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, ihre wunderbare Sprache, in der sie Stimmungen und Situationen beschreibt, lassen alle drei Bände zu einem echten Leseerlebnis werden. Sehr empfehlenswert!

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm