Marillier, Juliet – Tochter der Wälder, Die (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

Juliet Marilliers Variante dieses Märchens ist eher ein Buch der leisen Töne. Action im allgemeinen Sinne wird man hier wenig finden.
Das Buch lebt zum einen von den Charakteren. Von Sorcha, der Heilerin, die der siebte Sohn eines siebten Sohnes hätte sein sollen, und sich, obwohl sie eine Tochter ist, trotzdem des Wohlwollens der Feen erfreut; deren ernorme Willensstärke sie unter der schlimmsten Unbill schweigen lässt; und deren Angst und Zorn und Verzweiflung sie bei aller Stärke immer noch Mensch sein lassen. Von Conor, dem jungen Druiden, der still und unauffällig und so weise ist, dessen Kraft die Brüder beisammenhält, als sie, im Wesen der Schwäne eingeschlossen, sich selbst zu vergessen drohen. Von Finbar, dem Träumer mit dem Blick, der seinen Weg immer so gut kannte, bis er ihn durch die Augen eines Schwans finden musste, und der immer nur gibt und alle anderen aus seinem eigenen Leid ausschließt, um sie zu schonen, bis er beinahe daran zerbricht. Von Padraic, dem Tierfreund, dem Bastler und Forscher, den der Wind und das Meer rufen, und der in seiner Unkompliziertheit und Unbekümmertheit der Einzige ist, der am Ende noch ohne Narben zu sein scheint. Von Hugh, dem Roten, dem Briten mit den kalten Augen und dem harten Zug um den Mund, der um Sorchas Willen alle Regeln bricht, alle Muster verwirrt, die bis dahin sein Leben ausmachten. Und von Richard, dem öligen Intriganten mit der giftigen Zunge, der sich für nichts interessiert als seine eigene Macht, und der dafür alle rücksichtslos benutzt, wer auch immer es sei. Auch wenn sich die Personen größtenteils eindeutig gut oder böse zuordnen lassen, bleiben sie facettenreich genug, um nicht platt zu wirken. Und am Ende sind auch nicht alle wieder glücklich vereint, weil sie ja erlöst sind, sondern alle haben Wunden und Verletzungen davongetragen, die nur langsam oder gar nicht heilen.
Zum anderen lebt das Buch von der Welt der Mythologie. Das Original der Geschichte spielt „…dort, wo die Schwalben hinfliegen, wenn wir Winter haben…“, also irgendwo im Süden. Juliet Marillier hat die Handlung nach Irland verlegt, die typische Zahl 12 der Märchen durch die mythische Zahl 7 der Kelten ersetzt. Die gesamte Geschichte ist durchwoben von irischer Mystik. In nahezu jedem Satz kommt die magische Verbindung der sieben Geschwister untereinander zum Ausdruck, die tiefe Verbundenheit Sorchas mit dem Wald, in dem sie aufwuchs, der geheimnisvolle, magische Zauber des Feenvolkes, der auf ihm liegt. Das alles ist selbst dann noch zu spüren, als Sorcha nach Britannien kommt und ihre Heimat etwas in den Hintergrund tritt. Irische Sagen und Geschichten spielen eine wichtige Rolle. Sorcha erzählt sie dem jungen Briten, den sie gemeinsam mit Finbar befreit hat, und den die Folter ihres Vaters fast um den Verstand gebracht hat. Sie erzählt sie sich selbst, als sie, eingesperrt allein mit ihrer Arbeit und einem Nachttopf, ihr Todesurteil erwartet und verzweifelt versucht, vorher noch das letzte Hemd zu beenden. Die Autorin hat es verstanden, das gesamte Buch mit dem Zauber der Feen zu überziehen, ohne die Botschaft des Märchens damit zu verwischen. Statt dessen hat sie beide miteinander verwoben, und auch wenn Sorcha am Ende nicht mehr sicher ist, was gut und böse ist, auch wenn Conor in echt druidischer Weise meint, dies sei allein eine Frage des Blickwinkels, bleibt die ursprüngliche Botschaft unangetastet: dass die stärkste Macht, egal in welcher Welt, die Liebe ist.

Juliet Marillier erzählt ihre Geschichte in einer behutsamen, poetischen Sprache, die nicht immer alles ausspricht, sondern auch Stille zurücklässt. Der Erzählfluss hat etwas von der Oberfläche eines Sees, die der Wind in ruhigen Wellen von einem Ufer zum anderen kräuselt, gelegentlich unterbrochen von kurzen, mehr oder weniger heftigen Stürmen. Trotz der Stille, die das Buch größtenteils beherrscht, ist es nie langweilig. Die ruhigeren Passagen sind dem tieferen Verständnis von Briten und Iren und den einzelnen Charakteren gewidmet, und obwohl ich das Märchen kannte und wusste, wie es ausgeht, war die Zuspitzung zum Ende hin, die Erlösung der Brüder und Sorchas Rettung, ungewöhnlich spannend. Das Buch fasziniert vom Anfang bis zum Schluss, und am Ende fühlt man sich wie Simon, der zu seiner Mutter sagte: „… sie kann wunderbare Geschichten erzählen, Geschichten, die du nicht glauben würdest, und dennoch, wenn sie spricht, weißt du, daß jedes Wort wahr ist …“ Für mich ist „Die Tochter der Wälder“ im wahrsten Sinne des Wortes ein zauberhaftes Buch, das es wert ist, gelesen zu werden.

Die Fortsetzung zu diesem Roman ist unter dem Titel „Der Sohn der Schatten“ erschienen, der dritte Band unter dem Titel „Das Kind der Stürme“. Außer dieser Trilogie hat Juliet Marillier auch Novellen und weitere Romane geschrieben. Nachdem sie lange als Dozentin für Musikgeschichte, Gesangslehrerin und Chorleiterin tätig war, hat sie sich Ende 2002 zurückgezogen, um sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen. Sie lebt in Neuseeland in der Nähe von Perth.

Homepage der Autorin:
http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Homepage zu „Die wilden Schwäne“ von Andersen:
http://gutenberg.spiegel.de/andersen/maerchen/schwaene.htm