Martin Lechner – Kleine Kassa

Die Handlung:

Der Schlaueste ist Lehrling Georg Röhrs nicht. Doch er hat einen Traum: Liftboy in einem Hotel am Meer will er werden, mit seiner verschwundenen Jugendliebe Marlies den Nachtzug nehmen und aus der heimatlichen Enge fliehen. Als Georg über eine Leiche stolpert und unbeabsichtigt den Schwarzgeldkoffer seines Meisters entwendet, überstürzen sich die Ereignisse: An einem einzigen Wochenende verliert er Wohnung, Arbeit, Eltern, Freunde, Geld, Liebe und vielleicht ein Stückchen seines Verstandes – und doch steht am Ende dieser halbrecherischen Jagd eine neue, ungeahnte Freiheit …

Mein Eindruck

Das ist sicherlich das Schöne am Lesen: Beim Aufschlagen eines neuen Romans nicht so recht zu wissen, was einen erwartet. Und dann eine große Überraschung im positiven Sinne zu erleben, denn so erging es mir mit der „Kleinen Kassa“ von Martin Lechner. Die Geschichte spielt im beschaulichen norddeutschen Heidekreis und ist gespickt mit einer Vielzahl von regionalen Eigenheiten. Der Protagonist Georg Röhrs, einziger Azubi in einem Eisenwarenhandel in Linderstedt, eigentlich ein fast normaler junger Mann mit nahezu gewöhnlichen Träumen und Problemen. Tagträumerisch und vertrottelt manövriert er sich selber immer tiefer in eine unmögliche und gleichzeitig kaum noch lösbare Situation.

Auch die anderen Charaktere in dem Roman sind mitunter skurrile Gestalten, von Georgs Chef Herrn Spick bis hin zu dem (stadt)bekannten Landstreicher Reinhard, dem Georg während seiner rasenden Flucht gleich mehrfach begegnen soll. Doch so komisch und mitreißend die Handlung auch ist: zeitweise empfindet der Leser beinahe Mitleid mit dem armen Lehrling Georg und möchte ihm gerne einen Lösungsweg aufzeigen. Stattdessen gelingt es diesem, sich immer tiefer in seinen Schlamassel hereinzureiten. Das Buch ist dabei so temporeich, quasi buchstäblich „ohne Punkt und Komma“, wobei ellenlange Aneinanderreihungen von Haupt und Nebensätzen, Einfällen, Ausrufen und Feststellungen, teils über mehr als zehn Zeilen(!) keine Seltenheit darstellen.
Letztlich ist die Geschichte um den jungen Georg jedoch nicht nur irgendwie ulkig – was unterm Strich bleibt, sind aber auch Fragen nach essentiellen Dingen wie Anerkennung und Selbstverwirklichung.

Mein Fazit:

Martin Lechner hat mit seinem Erstlingswerk „Kleine Kassa“ einen literarischen Roadmovie geschaffen, der mit witziger und atemberaubender Sprache daherkommt. An mehr als einer Stelle im Buch wollte ich mich, eben noch kopfschüttelnd über endlos lange Aneinandereihungen von Sätzen, mehr als ausschütten vor Lachen. Das Buch ist mindestens so komisch wie auch genial – wenn auch nichts für schwache Nerven, wenn ich an einige, bis ins letzte Detail gehende Beschreibungen von körperlichen Ausdünstungen denke. Doch dieses Buch ist dabei mehr als ein „Heimatroman“ oder schnöder Krimi: in der rasenden Geschichte kommt trotz allem auch eine Botschaft beim Leser an. Das Ganze wirklich geistreich und originell umgesetzt, empfehlenswert!

Gebundene Ausgabe: 262 Seiten
Originaltitel: Kleine Kassa
ISBN-13: 978-3701716227

www.residenzverlag.at

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