Michael A. Martin/Andy Mangels – Eine neue Ära (Star Trek – Titan)

Die Föderation schickt dem um seinen Bestand ringenden romulanischen Imperium das Raumschiff „Titan“ zur Hilfe. Aus der diplomatischen Mission wird im Hexenkessel brutaler Machtkämpfe und Verschwörungen schnell ein Kampfeinsatz, der katastrophal zu scheitern droht … – Die Abenteuer der „Titan“ erweisen sich als sorgfältig zubereitete Melange sattsam bekannter „ST“-Elemente, die zudem recht gemächlich präsentiert werden: solides Lesefutter für Trekker, doch auch für diese keine Offenbarung.

Das geschieht:

Im Dezember des Jahres 2379 (alter Kalender) steht das romulanische Imperium vor dem Abgrund. Der größenwahnsinnige Praetor Shinzon ließ den gesamten Senat ermorden. bevor er endlich gestoppt werden konnte (vgl. „Star Trek – Nemesis“). Nun kämpfen diverse Fraktionen erbittert um die Macht. Die Föderation stellt sich offiziell auf die Seite der neuen Praetorin Tal’Aura, unterstützt aber auch die Bestrebungen des berühmten Botschafters Spock, der im Untergrund des Planeten Romulus seit Jahren auf eine Wiedervereinigung von Romulanern und Vulkaniern hinarbeitet. Weiterhin mischen der gefürchtete romulanische Geheimdienst, die geknechteten Remaner und weitere Gruppen in diesem Kampf mit.

Die Föderation ist am Zusammenbruch des Imperiums nicht interessiert; aus dem entstehenden Machtvakuum könnte ihm ein schlimmerer Gegner erwachsen. Eine diplomatische Mission wird in Gang gesetzt. Vulkanische Verhandlungsspezialisten unterstützen die Föderationsdelegation. Nicht ablehnen konnte man ein ‚Hilfsangebot‘ der Klingonen, die bei diesem Unternehmen keinesfalls außen vor bleiben wollen.

Angeführt wird die kleine Flotte von der „U.S.S. Titan“, einem neuen Forschungsschiff, das sich noch in der Erprobungsphase befindet. Für William T. Riker, den ehemaligen 1. Offizier des Sternenflotten-Flaggschiffs „Enterprise“, ist dies sein erstes eigenes Kommando. Unter Riker dienen 350 Besatzungsmitglieder, wobei Menschen in der Minderzahl sind. Die sogar für die Sternenflotte ungewöhnlich heterogene Zusammensetzung führt zu Missverständnissen und Reibungen, die der ohnehin komplizierten Mission wenig förderlich sind.

Auf Romulus lassen Intrigen und Hinterlist schon den Plan echter Verhandlungsgespräche utopisch erscheinen. Die Friedensdelegation kommt einigen Usurpatoren denkbar ungelegen. Doch was wäre, wenn man ihre Mission ins Gegenteil verkehrt, indem man die „Titan“ zum Beispiel einen Krieg auslösen lässt, in dem die Karten neu gemischt werden …?

Relaunch statt Neubeginn

„Franchise“: Das ist – vereinfacht ausgedrückt – ein Geschäftsmodell, das aus einer Idee soviel Profit wie möglich herausholt, wobei diese Idee hoffentlich ohne Aufwand so abgewandelt werden kann, dass sich mit ihr ständig neue Käuferschichten erschließen lassen. Auf diese Weise ist aus dem ursprünglichen „Star Trek“, einer mäßig erfolgreichen TV-Serie, ein Multi-Milliarden-Unternehmen geworden, das „Star-Trek“-Filme, Fernsehserien, Romane, Comics, Merchandising-Artikel und viele weitere Devotionalien auf den Markt wirft.

Das Scheitern der TV-Serie „Star Trek: Enterprise“ und der Schiffbruch des 10. Kinofilms „Nemesis“ belegten Anfang des 21. Jahrhunderts eindrucksvoll, dass sich auch hartnäckige Fans nicht mehr mit dem immer wieder aufbereiteten Einheitsbrei zufriedengaben, mit dem das faul gewordene Franchise seine Kunden abzuspeisen gedachte. „Back to the roots“ lautete zumindest im Kino die Devise. Während besagtes Franchise mit „Star Trek [XI]“ 2009 erfolgreich in die glorreiche Ära Kirk & Spock zurückkehrte, blieb die ursprüngliche Zukunft dem Taschenbuch vorbehalten.

Hier konnte ein Neubeginn wesentlich kostengünstiger und risikoärmer realisiert werden. Wer also wissen möchte, wie es nach „Star Trek: Nemesis“ im „ST-Prime“-Universums weiterging, greife zum ersten Band der „Titan“-Serie, der die „ST“-Chronik offiziell, d. h. mit dem Segen (und unter der Kontrolle) des Franchises fortsetzt. (Wobei diese Chronik so offiziell auch wieder nicht ist, da sich die „ST“-Filme nicht nach den Büchern zur Serie richten.)

Wieder einmal dorthin, wo schon oft ein Mensch war

Man tausche die Namen des Raumschiffs und seine Besatzung aus und landet dort, wo man schon mindestens zweimal gewesen ist: Die „Titan“ ist sowohl Kirks „Enterprise“ als auch Picards „Enterprise“. Im Grunde ist sie auch Janeways „Voyager“ und Archers „Enterprise“ (oder Calhouns „Excalibur“, aber wer kennt die schon?). Das Konzept der Reise ins Unbekannte wurde nur einmal aufgeweicht, als man es mit der Raumstation „Deep Space Nine“ quasi im Weltraum fixierte.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem ersten Aufbruch der „Enterprise-D“ (unter Captain Jean-Luc Picard) und der „Titan“ sind bemerkenswert – oder bestürzend. Das Autorenduo Martin & Mangels schildert über viele – sehr viele – Seiten Schiff und Besatzung. Das ist verständlich, gilt es doch die „Titan“ und ihre Besatzung als Schauplatz sowie Identifikationsfiguren einzuführen; mit an Bord ist schließlich auch das Franchise, das auf Nummer Sicher gehen möchte, soll doch die „Titan“-Serie möglichst lange laufen.

Man darf zudem nicht ungerecht sein: Martin & Mangels bemühen sich, die Auftaktsequenzen in den parallel anlaufenden Hauptplot – den Romulus-Handlungsstrang – zu integrieren. Außerdem verknüpfen sie durchaus geschickt die ‚Gegenwart‘ des Jahres 2379 mit der „Star-Trek“-Vergangenheit, d. h. dem Kanon, den jeder Trekker kennt. Darüber hinaus scheuen die Autoren sich nicht, lose Fäden aufzugreifen, die das „ST“-Universum vor allem den Filmen und TV-Episoden verdankt. So werden wir u. a. über die wichtigsten Ereignisse im Alpha-Quadranten informiert, erfahren, was nach dem Shinzon-Desaster aus Picard und der „Enterprise-E“ wurde, werden von Will Riker und Deanna Troi auf der „Titan“ empfangen und bangen um Spock auf Romulus.

Martin & Mangels gehen in Details noch wesentlich weiter; womöglich nur der die inzwischen monumentale „ST“-Geschichte verinnerlichende Leser wird die zahlreichen Anspielungen auf frühe Randfiguren oder beiläufige Episoden erkennen. Die in schwerkraftfreier Umgebung geborene Melora Pazlar trat zum Beispiel in der 2. Staffel der Serie „Deep Space Nine“ 1993 auf.

Auf der anderen Seite steckt allzu deutlich Absicht hinter der Methode: Auf der „Titan“ soll sich der Trekker möglichst umgehend wie zuhause fühlen. Die Reminiszenzen an das „ST“-Universum und die Gastauftritte bekannter Figuren sind vor allem Köder. Sie locken den Leser, der genau das scheut, was dem Trekker gern nachgesagt wird: das wirklich Neue. Dass sich an Bord der „Titan“ reichlich bizarre Intelligenzwesen tummeln, ist kein Ersatz, denn die daraus resultierenden, viel zu ausführlichen, mit saurem Moralin und angemotteter ‚Komik‘ gleichermaßen aufgeladenen Mensch-trifft-Alien-Szenen gehören zum Inhalt der „ST“-Klischeekiste.

Viel Wind um vermutlich nichts

Die „ST“-Historie ist längst ebenso Anker wie Klotz am Bein. Eine Fortsetzung der Saga konnte die Shinzon-Episode nicht ignorieren, obwohl sie sicherlich nicht zu den besten oder beliebtesten Einfällen der „ST“-Schöpfer gehört. Martin & Mangels machen aus der Not eine Tugend. Sie lassen das lachhafte Vater-Sohn-Drama um Picard und seinen Klon-‚Sohn‘ Shinzon beiseite und konzentrieren sich auf die wesentlich interessantere Hintergrundgeschichte, die sich unter dem Titel „Krise im Romulanischen Imperium“ zusammenfassen lässt.

Die ist von ähnlichem Kaliber wie der Kampf mit den Borg oder der Dominion-Krieg und eignet sich deshalb durchaus als Schablone für ein groß angelegtes, dramatisches Spektakel. Die Autoren nutzen die Möglichkeiten, die ihnen das Medium Roman bietet. Sie schaffen den Ereignissen einen dicht geknüpften Hintergrund, der die politische Lage innerhalb der Föderation, des romulanischen Imperiums und des klingonischen Reiches berücksichtigt, was in Film und Fernsehen so nicht möglich ist.

Solche Einbettung produziert viele Worte. „Titan 1“ ist nicht nur aufgrund der komplizierten Namen manchmal schwer zu verfolgen. Wie in der Realität ist Politik kein simples Geschäft. Schon die Konstellationen der sich auf Romulus befehdenden Fraktionen bedürfen der gesteigerten Aufmerksamkeit. Dazu kochen die Vulkanier und erst recht die Klingonen eigene Süppchen, ganz zu schweigen von den Ego-Trips verschiedener Einzelpersonen. Gene Roddenberrys Vision einer konfliktfreien Zukunft ist zumindest in außenpolitischer Hinsicht definitiv ad acta gelegt!

Handlung mit Schleppe

Soll „Star Trek“ mit solchem ‚Realismus‘ zu ‚richtiger‘ Science Fiction aufgewertet werden? Diese Rechnung geht nur bedingt und oft genug gar nicht auf. Über endlosen Intrigen und das sich über Seiten hinziehende Diskutieren wird vernachlässigt, was „Star Trek“ auch oder vor allem ist (oder war?): eine abenteuerliche SF-Serie, die mit Action nicht geizt. Action muss nichts Negatives sein. Hier vermisst man sie viel zu lange geradezu schmerzlich. Erst im letzten Viertel stellt sie sich (kurz) ein und sorgt für die ersehnte Belebung der Handlung.

Schieben wir das ganze ‚literarische‘ Beiwerk zur Seite, finden wir darunter ohnehin nur die üblichen Bausteine des typischen „Star-Trek“-Abenteuers. Man kann oder will nicht auf Bewährtes verzichten. Böse ausgedrückt: Man schafft es nicht, endlich Ballast abzuwerfen. Dazu gehören Rikers und Trois „Imzadi“-Faseleien, Tuvoks endloses Barmen um und über den vulkanischen Ehren- und Verhaltungskodex, der ausgelaugte Running-Gag vom klingonischen Gagh-Wurm-Fressen oder St. Spocks transzendentales Wandeln durch die Katakomben von Romulus.

So lässt sich das Geschehen trotz ständiger Perspektivenwechsel im Halbschlaf verfolgen, hat man sich erst einmal eingelesen. Da Martin & Mangels ihr Handwerk beherrschen, folgt man ihnen trotzdem und überspringt nur dann ganze Seiten, wenn die oben beschriebenen „ST“-Automatismen gar zu sehr nerven.

Das Finale ist keines und wirkt herbeigezwungen. Die „Titan“ wird durch eine Raumspalte als „deus ex machina“ in die Kleine Magellansche Wolke und unter neue unfreundliche Weltraumwesen versetzt, wodurch das „ST“-übliche Hin und Her erneut durchexerziert werden kann. Es bestätigt sich, dass Titan 1“ nur behauptet „Eine neue Ära“ darstellt.

Roman mit Features

Wie schon im ersten Band der „Vanguard“-Trilogie spendiert der Cross-Cult-Verlag der deutschen Ausgabe von „Titan 1“ verschiedene (pseudo-) dokumentarische Hintergrundinfos. Ins Auge sticht vor allem eine vierteilige Ausklapptafel, die – sogar farbig – Aufriss-Zeichnungen des Raumschiffs „Titan“ von allen Seiten zeigt, was dem Leser die Orientierung erleichtert.

Weitere Informationen liefert Jörn Podehl: „Wie Rikers eigene Serie entstand“, S. 360-364. Dem folgen Datenprofile der „Titan“ („Ein neues Schiff“, S. 365-367) sowie der „Drei an der Spitze“ – gemeint sind William T. Riker, Christine Vale und Deanna Troi (S. 368-374) -, eine historische Bestandsaufnahme der „Krise um Romulus – Das Jahr 2379“ (S. 375-378) und Kurzbiografien der Autoren (S. 379).

Autoren

Michael A. Martin: Die biografischen Informationen beschränken sich darauf, dass Martin mit seiner Familie in Portland im US-Staat Oregon lebt und arbeitet. Als Autor gehört Martin zur Gruppe der „tie-in“-Handwerker. Sie verfassen im Auftrag diverser Franchises Romane zu Filmen und Fernsehserien, die Teil der Merchandising-Palette sind. Er arbeitet schnell, kennt und beachtet die Vorgaben, die in sich geschlossene Universen wie die von „Star Trek“ oder „Roswell“ definieren. Eine eigene Handschrift ist demgegenüber weder erforderlich noch gewünscht, sodass Martin im besten (und durchaus positiven) Sinn glatte Unterhaltungsware produziert.

Andy Mangels: Geboren 1966 in Polson und aufgewachsen in Bigfork – beide Städte liegen im US-Staat Montana -, wusste Mangels nach eigener Auskunft schon früh, dass er Comics zeichnen wollte. Bereits in seiner Collegezeit gelangen ihm erste Verkäufe, wobei sich zeigte, dass Mangels eigentliches Talent im Schreiben von Comic-Szenarien bestand. In den nächsten Jahrzehnten entstanden Scripts für etwa 100 Comic-Alben. Mangels entwickelte darüber hinaus ein großes Interesse an populärkulturellen Phänomenen. Er verfasste (und verfasst) unzählige Artikel für Unterhaltungs- und Lifestyle-Magazine. In einem nächsten Schritt folgten Sachbücher und schließlich Romane, wobei sich Mangels als Franchise-Autor („Star Wars“, „Star Trek“, „Roswell“, „The X-Files“, Marvel u. v. a.) verdingt.

Der homosexuelle Autor ist ein umtriebiger Aktivist, der u. a. viele Jahre die preisgekrönte Anthologie-Reihe „Gay Comics“ herausgab. Mit seinem Lebenspartner lebt er in Portland, Oregon. Mehr über Andy Mangels lässt sich seiner Website entnehmen.

Star Trek – Titan:

(2005) Eine neue Ära (Taking Wings); von Michael A. Martin u. Andy Mangels
(2005) Der rote König (The Red King); von Michael A. Martin u. Andy Mangels
(2006) Die Hunde des Orion (Orion‘s Hounds); von Christopher L. Bennett
(2007) Schwert des Damokles (Sword of Damocles); von Geoffrey Thorne
(2009) Stürmische See (Over a Torrent Sea); von Christopher L. Bennett
(2009) Synthese (Synthesis); von James Swallow
(2012) Gefallene Götter (Fallen Gods); von Michael A. Martin

Die Serie erscheint im Verlag Cross-Cult.

Taschenbuch: 379 Seiten
Originaltitel: Star Trek – Titan: Taking Wings (New York : Pocket Books/Simon & Schuster, Inc. 2005)
Übersetzung: Stephanie Pannen
Cover: Cliff Neilson
http://www.cross-cult.de

eBook: 1025 KB
ISBN-13: 978-3-942649-89-6
http://www.cross-cult.de

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