A. E. W. Mason – Das Geheimnis der Sänfte

Ein schäbiger Erpresser deckt unabsichtlich einen beinahe perfekten Mord auf, den ein kluger Polizist listenreich klären kann … – Der Autor legt nicht nur einen glasklar geplotteten Krimi vor, sondern konstruiert ein packendes Psycho-Duell, dessen Beteiligte keine Schachfiguren in einem Rätselspiel sind, sondern vielschichtige Charaktere bieten: ein zeitloses Lektüre-Vergnügen.

Das geschieht:

In vornehmer Zurückgezogenheit hat Jeanne-Marie Harbowe nach langer Krankheit in der ostfranzösischen Stadt Dijon ihr Leben ausgehaucht. Die Trauer in der „Maison Grenelle“ endet abrupt bei der Testamentseröffnung: Das gesamte Erbe fällt an Betty, Jeanne-Maries Adoptivtochter, während Schwager Boris Waberski leer ausgeht. Voller Zorn denunziert er Betty als Mörderin, was nicht nur die örtliche Polizei, sondern auch die Anwaltskanzlei Frobisher & Haslitt in London auf den Plan ruft. Sie vertritt die Harbowes in juristischen Angelegenheiten, weshalb umgehend Jim Frobisher, der Juniorpartner, nach Frankreich reist, um der Klientin beizustehen.

Da eine reiche Frau starb, schickt die Pariser Sûreté Monsieur Hanaud, einen ihrer besten Ermittler, nach Dijon. Frobisher sucht seine Unterstützung. Tatsächlich ist Waberskis ungeschickter Racheakt bald aufgedeckt. Trotzdem kommt Hanaud nach Sichtung der Indizien zu dem Schluss, dass Jeanne-Marie tatsächlich ermordet wurde – vergiftet mit dem Gift eines Pfeiles, den ihr verstorbener Gatte von einer Südamerika-Reise als Souvenir heimbrachte.

Hanauds Verdacht scheint sich gegen Ann Upcott, Bettys Gesellschafterin und Freundin, zu richten. Sie hat sich offenbar planvoll von Waberski in die „Maison Grenelle“ einschleusen lassen. Außerdem ist eine wertvolle Perlenkette verschwunden. Für Anns Behauptung, sie habe in der Nacht von Jeanne-Maries Tod eine fremde Frau im Haus gesehen, gibt es keine Zeugen.

Als Hanaud tiefer gräbt, wie es seine Art ist, stößt er auf ein hässliches Familiengeheimnis, das erneut Betty vor das Visier des Ermittlers bringt. Der ritterliche Frobisher versucht ihr beizustehen, aber Hanaud ist unbeirrbar. Dass er auf eine heiße Spur gestoßen ist, markiert nachdrücklich der Fund eines weiteren Mordopfers. Der Gegner wird nervös, und dies macht ihn – oder sie? – erst recht gefährlich …

Kein Detektiv in Sicht

Der klassische Kriminalroman ist in seiner „Goldenen Ära“, die mit dem Zweiten Weltkrieg ausklingt (aber nicht endet) die Domäne des Gentleman-Detektivs. Sherlock Holmes gab die Form vor, aber er war nicht der erste Kriminalist, der sich als Ermittler dem schwerfälligen Behördenapparat entzog und lieber privat seinen Geist Funken sprühen ließ.

Die Einbindung in eine durchorganisierte Ermittlungseinrichtung produzierte nach Ansicht dieser Detektive geistig beschränkte Polizisten, die höchstens simple Verbrechen aufklären konnten oder als Handlanger taugten, um dem Detektiv die Laufarbeit abzunehmen, sobald dieser die Szene betrat. Ohne Dienstvorschriften und dem Gesetz eher nach eigenem Gusto verbunden, konnte der Detektiv den Schurken wesentlich freizügiger nachstellen.

Dabei standen Polizist und Detektiv einst zumindest literarisch Seite an Seite. Émile Gaboriau (1832-1873) schrieb sehr erfolgreiche Romane, deren Hauptfigur Inspektor Lecouq von der Pariser Sûreté, stets dem zeitgenössischen Erkenntnisstand der Kriminalistik entsprechend, Übeltäter jagte. Lecouq war Alfred E. W. Masons Hanaud sicherlich ein Vorbild, und beide profitierten sie von der realen Person des Eugène François Vidocq (1775-1857), der die Sûreté 1811 gegründet, aufgebaut und bis 1827 geleitet hatte.

Das Auge des Gesetzes

Mason lässt dem Polizisten in „Das Geheimnis der Sänfte“ Gerechtigkeit widerfahren – ein wenig, denn auch Monsieur Hanaud ist alles andere als ein ‚normaler‘ Beamter. Die Sûreté ist zwar unter dem Dach der Pariser Polizei beheimatet, bildet dort aber eine Einheit für besondere Fälle. Da ein nur möglicher Mord als Begründung nicht ausreicht, um einen Mann wie Hanaud in Marsch zu setzen, konstruiert Autor Mason eine Schwemme anonymer Droh- und Erpresserbriefe, die für Unruhe in Dijon sorgen (und die schließlich doch mit den Ereignissen in der „Maison Grenelle“ zu tun haben).

Hanaud darf und soll inkognito vorgehen. Schon auf diese Weise ist seine Ermittlungsfreiheit gewährleistet. Grundsätzlich verhält sich der Polizist ebenso wie der literarische Detektiv: Er entdeckt dort Hinweise, wo andere Ermittler scheitern, und zieht Schlüsse daraus, die er dem Leser so lange wie möglich vorenthält. Die übrige Polizei hat zu springen, wenn Hanaud pfeift, während ein Sherlock Holmes seinem Lestrade schmeicheln muss, bevor dieser ebenso gehorcht.

Auch einen Watson gibt es: Jim Frobisher begleitet Hanaud und unterstützt den Beamten. Umgekehrt denkt Hanaud gar nicht daran, sich in die Karten schauen zu lassen. Manchmal bemerkt Frobisher es und ist frustriert, aber schnell hat Hanaud ihn wieder beschwichtigt – und abermals übertölpelt. Dem Leser geht es ebenso, womit Frobishers Stellvertreterfunktion gerechtfertigt ist.

Vom Planspiel zum Psycho-Duell

Dass Hanaud Frobisher so geschickt manipulieren kann, ist der Hinweis auf ein Konzept, dem nicht viele zeitgenössische Krimis folgten. In einem (leider anonymen) Vorwort zu „Das Geheimnis der Sänfte“ wird darauf hingewiesen, dass in diesem Roman nicht ausschließlich Rätsel gelöst werden. Wer die unglückliche Jeanne-Marie Harbowe umbrachte, ist vor allem dem erfahrenen Krimileser bald klar. Mason unterstützt diesen Erkenntnisprozess subtil aber deutlich, wobei er ebenfalls durchblicken lässt, dass auch Hanaud längst die Identität des Täters kennt (wobei diese Bezeichnung hier übrigens ausdrücklich geschlechtsneutral Verwendung findet).

„Das Geheimnis der Sänfte“ entwickelt sich vom „Whodunit“ zum Psycho-Thriller. Da Hanaud bis zur Entdeckung schlüssiger Beweise die Leine notgedrungen locker lassen muss, besitzt der Mörder einen gewissen Handlungsspielraum, den er kühl kalkulierend ausnutzt, um einen Sündenbock zu suchen. Hanaud durchschaut das böse Spiel, während Frobisher scheitert. Der Leser ahnt immerhin, wie sich Polizist und Täter spannend umkreisen.

Nicht Begriffsstutzigkeit ist die Ursache, sondern Frobishers allzu tiefe Verwurzelung im zeitgenössischen Gesellschaftsleben. Anders als Hanaud vermag der junge Anwalt sich den Konventionen nicht zu entziehen. Er ist deshalb außerstande, bestimmte Hinweise als solche zu erkennen. Dieses Wissen um schon damals altmodische aber noch dominierende Verhaltensregeln und vor allem das bewusste Spiel mit ihnen lässt diesen Roman aus dem Jahre 1924 erstaunlich ‚frisch‘ wirken.

Eine Dame/ein Gentleman tut so etwas nicht!

So denkt jedenfalls Frobisher. Hanaud ist da von Berufswegen Realist und kann deshalb nicht nur das Mordrätsel lösen, sondern neue Verbrechen immerhin dort verhindern, wo das Böse nicht siegen darf. Allzu weit konnte und wollte Mason es nicht mit der modernen Weltsicht treiben. In vielen Details achtete er deshalb auf die Wahrung heutzutage merkwürdig anmutender Sitten. So lässt sich heute niemand mehr erpressen, weil die würdige Mutter heimlich aber tief in die Flasche schaut, während das Bekanntwerden eines solchen Leidens bzw. einer solchen „Schwäche“ einst tiefe Kratzer auf dem blanken Schild der Familienehre hinterließ – eine Schreckensvorstellung, denn wichtiger als Geld & Besitz war ein makelloser Ruf.

Da der Täter ‚aus gutem Haus‘ ist, erbittet Frobisher im Finale einen Akt der Gnade: Hanaud möge ihm doch quasi den Rücken zukehren und so den Selbstmord ermöglichen. Der Tod ist für ein Mitglied der High Society der ehrlosen Hinrichtung nach einer demütigenden Gerichtsverhandlung allemal vorzuziehen, und das Gefängnis ist ohnehin nur ein Ort für den kriminellen Pöbel. Hanaud schwankt, bevor er sich auf seinen Status als Repräsentant des Gesetzes besinnt.

Theatralisch wirkt auf den ersten Blick das Motiv des Mörders. Nicht Geldnot oder gekränkte Ehre wurde zum Auslöser, sondern eine Abenteuerlust, die das Verbrechen als Zeitvertreib verklärte. Hier machte sich jemand mit Gewalt frei von lästigen Beschränkungen und Hemmungen, überschritt dabei aber jede Grenze. „Das Geheimnis der Sänfte“, ein sauber geplotteter und an überraschenden Wendungen reicher Kriminalroman, gewinnt dank eines Verfassers, der in seinen Werken die oft erdrückende Macht der Konvention immer wieder thematisierte, eine zweite, ebenso spannende Ebene.

Autor

Alfred Edward Woodley Mason wurde am 7. Mai 1865 in Dulwich, einer südwestlich bei London gelegenen Vorstadt, geboren. Er studierte am Dulwich College und ging später nach Oxford, wo er 1888 am Trinity College seinen Abschluss machte. Anschließend zog es ihn zur Bühne. Kurz versuchte er sich als Schauspieler, später entstanden drei Theaterstücke, bevor Mason sich auf die Schriftstellerei konzentrierte.

Ein erster Roman („A Romance of Wastdale“) erschien 1895. Schon 1902 veröffentlichte Mason seinen erfolgreichsten Titel, den Abenteuerroman „The Four Feathers“ (dt. „Die vier Federn“), der in den letzten Jahren des Mahdi-Aufstands, einem Kolonialkrieg im Sudan, der von 1881 bis 1899 tobte, spielt.

In die Geschichte der Kriminalliteratur ging Mason 1910 mit dem Roman „At the Villa Rose“ (dt. „Die Tote in der Villa Rosa“) ein, der gleichzeitig den Beginn einer fünfteiligen Serie markierte, die den französischen Inspector Hanaud als Ermittler in den Mittelpunkt stellte und dabei erneut jenes psychologische Einfühlvermögen des Verfassers belegte, das schon „Die vier Federn“ zum Klassiker machte.

1906 ließ sich Mason für die liberale Partei gewinnen und vertrat bis 1910 den Wahlbezirk Coventry im Unterhaus des britischen Parlaments. Im I. Weltkrieg diente Mason zunächst als Angehöriger des Manchester Regiments. Später ging er zum Nachrichtendienst und betreute u. a. in Spanien und Mexiko britische Spione in feindlichen Ausländern.

Nach Kriegsende widmete sich Mason verstärkt seiner schriftstellerischen Arbeit. Insgesamt schrieb er in fünf Jahrzehnten etwa 30 Bücher. Am 22. November 1948 ist er 83-jährig in London gestorben.

Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: The House of the Arrow (London : Hodder & Stoughton 1924)
Übersetzung: Rosemarie von Jankò
http://www.randomhouse.de/heyne

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