Graham Masterton – Der Ausgestossene

Das geschieht:

John Trenton trauert: Vor einem Monat kam seine junge Gattin bei einem Autounfall ums Leben. Der Antiquitätenhändler bleibt allein zurück im Quaker Lane Cottage, gelegen auf der Halbinsel Granitehead des US Staats Massachusetts und muss psychologisch betreut werden. Er glaubt daher an eine Halluzination, als sich des Nachts etwas zu manifestieren beginnt, das man für den Geist seiner Ehefrau halten könnte. Allerdings stellte Trenton, dass Nachbarn und Freunde ihm dies ein wenig zu eifrig einreden wollen. Eigene Recherchen ergeben Merkwürdiges: Granitehead stand Ende des 17. Jahrhunderts im Brennpunkt der berüchtigten Hexenprozesse von Salem. Esau Haskett, ein ebenso reicher wie undurchsichtiger Reeder und Händler, der dem Satanismus anhing, konnte sich 1692 nach Granitehead in Sicherheit bringen.

Er kam nicht allein: An Bord der „David Dark“ wwar der aztekische Dämon Mictantecutli. Das Schiff erreichte seinen Hafen freilich nicht, sondern versank, und Haskett tilgte alle Spuren seiner Existenz. Seine Nachfahren folgten diesem Beispiel. Trotzdem ist es auf Granitehead seither nie geheuer gewesen.

Der zunächst ungläubige Trenton lässt sich überzeugen. Außerdem ist er Zeuge, als der verstorbene Gatte seiner Nachbarin die Witwe auf unschöne Weise zu Tode bringt. Vor allem findet Trenton einen Verbündeten. Der junge Historiker Edward Wardwell beschäftigt sich schon lange mit der Suche nach Graniteheads heimlicher Geschichte. Sein größter Triumph steht unmittelbar bevor: die Entdeckung der „David Dark“, der sogleich die Bergung folgen soll, denn Wardwell dürstet danach, die ominöse Ladung zu untersuchen. Dieser Wunsch wird ihm erfüllt, aber leider öffnet sich dadurch das Tor zur Hölle. Der seit drei Jahrhunderten in seinem nassen Gefängnis schmachtende Mictantecutli, den selbst seine Dämonenkollegen für so bösartig und niederträchtig hielten, dass sie ihn aus ihren Reihen ausgestoßen haben, legt erwartungsgemäß keine Dankbarkeit an den Tag …

Kaltes Meer und feurige Vergangenheit

Festas Start in die neue Taschenbuch Reihe begann 2004 mit einem (leichten) Donnerschlag. Graham Masterton gehört nicht zur ersten Garnitur der zeitgenössischen Phantastiker, aber sein Handwerk versteht er. Hier legte er ein Gruselgarn von altem Schrot und Korn vor, was auch darin begründet lag, dass „Der Ausgestoßene“ schon damals ein etwas angestaubter Roman war, der im Original bereits 1983 erschien. Seither setzte er zwar ein wenig Patina an, worunter es nach einigem Reiben indessen umso gruseliger glänzt.

Schon die Ausgangssituation verspricht viel; sie ist wiederum nicht originell aber bewährt: Eine vom kalten, meist tobenden Meer umgebene Insel, bewohnt von einer überschaubaren Menschengruppe, vom Festland und von jeder Rettung in entscheidender Krise abgeschnitten, belagert von garstigen Spukgestalten, die schaurig schön verwittert (und geil eine typische Masterton Ergänzung) des Nachts aus ihren Gräbern kriechen.

Fabelhaft gelingt es Masterton, das Grauen von Granitehead in einer teils realen, teils fiktiven Vergangenheit zu verankern. Die Hexenprozesse von Salem sind unrühmlich in die US amerikanische Geschichte eingegangen. Masterton geht davon aus, dass hinter den Ereignissen von 1692 tatsächlich teuflische Mächte stecken. Politisch korrekt ist das sicher nicht, aber es funktioniert, weil Masterton genau weiß, wie er die historischen Quellen zu verwirbeln hat.

Hart zur tödlichen Sache

Die von der Literaturkritik so geliebte, weil das phantastische Element angeblich adelnde Hintergründigkeit der Handlung bleibt außen vor. Hier wird handfest gespukt, das volle Mondlicht fällt auf unsere ausgesprochen hässlich anzuschauenden Gespenster, die auf gute, alte „Buh!“ Weise erschrecken sollen.

Einmal mehr findet Masterton in diesem Punkt allerdings das rechte Maß nicht. Wie präzise schildert man das Übernatürliche? Dies ist ein alter Streitpunkt der Phantastik. Selbstverständlich wirkt Spuk am nachhaltigsten, wenn sich der Besuch von drüben dem Leser zunächst nur aus dem Augenwinkel nähert. Solche Zurückhaltung ist Mastertons Sache nicht, zumal zu fragen ist, ob er über das dafür erforderliche Talent verfügt.

Er stellt sich trotzdem unverdrossen der Herausforderung, Mictantecutli, sein Geisterpack und ihr gar schauerliches Spuken und Morden in geradezu filmreifen Bildern zu beschwören. Das funktioniert in der Regel gut, bis Masterton in der zweiten Hälfte schamlos zu übertreiben beginnt. Das Gruseln schlägt nun immer wieder in Grinsen um, wenn sich Mictantecutli, der angeblich übermächtige, unsterbliche Herr über die Gefilde der Toten, wie ein Butzemann aus einem B Movie aufführt. Seine Grässlichkeiten sind kindisch, aber noch schlimmer sind die Phrasen, mit denen er uns foltert, wenn er die Realisierung eindimensionaler Träume voll Terror und Gewalt androht: Sogar Dämonen können ganz schöne Spießer sein … Da ist es zu begrüßen, dass Mictantecutli nur als Gast in seiner eigenen Geschichte auftaucht.

Zum Horror dieser Preisklasse gehört Sex. Auch hier geht es plakativ und ungewöhnlich deutlich zur Sache. Masterton arbeitet schließlich seit vielen Jahrzehnten für allerlei Herrenmagazine. Auf diesem Niveau bewegen sich denn auch seine (glücklicherweise raren) lüsternen Einschübe: hochnotpeinliche Rammel Fantasien aus einer Zeit, als ‚Schweinereien‘ noch rotohrig unter der Ladentheke gehandelt wurden.

Figuren statt Personen

Dem Urteil über die Handlung entspricht die Bewertung des Romanpersonals. Graham Masterton ist ganz sicher kein Stephen King. Soll heißen: Wo der von der Kritik so gern geschmähte Kollege aus Maine mit sicherer Hand Durchschnittsfiguren in ein echtes literarisches Leben ruft, greift Masterton vor allem auf Klischeebausteine zurück.

John Trenton ist ein vom Schicksal arg gebeutelter Charakter. Trotzdem bleibt er uns Lesern herzlich gleichgültig bzw. wirkt sogar unsympathisch. Masterton misslingt es, Trenton zur Identifikationsfigur zu formen. Wenn der gute Mann so sehr seiner gerade tragisch verstorbenen Gattin Jane hinterher trauert, wieso hüpft er mit der deutlich jüngeren (und knackigen) Ginny ins Bett? Warum riskiert er trotzdem Kopf, Kragen und die Freiheit der Welt, um Jane mit Mictantecutlis Hilfe aus dem Jenseits zurückzuholen? Zumal sie sich als Geist nicht gerade von ihrer liebenswerten Seite gezeigt hat …

Ähnlich flau wirken die übrigen Bewohner von Granitehead. Sie sind Schauspieler nach Mastertons Gnaden, und sie sind wirklich nicht gut. Erstaunlich, wie unlogisch redselig diese Bürger in Sachen Geisterspuk plötzlich werden, nachdem sie dreihundert Jahre eisern die Münder gehalten haben. Insgesamt decken sie das Spektrum zwischen hinterwäldlerisch tumb und bieder ab und dienen Masterton hauptsächlich als Dämonenfutter. Obwohl sie hübsch hässlich zu Tode kommen, tun sie einem niemals leid.

Dass Masterton nach gelungenem Auftakt das Finale in den Sand setzt, ist kein Problem, das nur dieses Werk betrifft. Liest man seine anderen Romane, geht auch denen in der Regel (aber glücklicherweise nicht immer) die Luft aus. So bestätigt Masterton ein letztes Mal, dass er selbst dann, wenn ihn der Ehrgeiz packt und er episch wird, kein wirklich ‚guter‘ Autor ist. Gelingt es, die Enttäuschung darüber zu zügeln und sich in Spektakellaune zu versetzen, liest sich „Der Ausgestoßene“ flott und vergnüglich.

Autor

Graham Masterton, geboren am 16. Januar 1946 im schottischen Edinburgh, ist nicht nur ein sehr fleißiger, sondern auch ein recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken, seinen Thrillern oder den berühmt berüchtigten Sex Leitfäden, haben den Weg über den Kanal gefunden.

Besagte Leitfäden erinnern übrigens an Mastertons frühe Jahre. Seine journalistische Ausbildung trug dem kaum 20 Jährigen die die Position des Redakteurs für das britische Männer Magazin „Maifair“ ein. Nachdem er sich hier bewährt hatte, wechselte er zu Penthouse und Penthouse Forum. Dank des reichlichen Quellenmaterials verfasste Masterton selbst einige hilfreiche Werke, von denen „How to Drive Your Man Wild in Bed“ immerhin eine Weltauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren erreichte.

Ab 1976 schrieb Masterton Unterhaltungsromane. Riss er sein Debütwerk „The Manitou“ (dt. „Der Manitou“) noch binnen einer Woche herunter, gilt er heute als kompetenter Handwerker, dem manchmal Größeres gelingt, wenn sein Geist schneller arbeitet als die Schreibhand, was freilich selten vorkommt.

Wer mehr über Leben und Werk des Graham Masterton erfahren möchte, kann dies auf seiner vorbildlichen Website tun.

Taschenbuch: 430 Seiten
Originaltitel: The Pariah (London : Star 1983)
Übersetzung: Michael Plogmann
http://www.festa-verlag.de

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