Patrick Mauriès – Das Kuriositätenkabinett

Die große Welt in der eigenen Kammer

Der Mensch ist von seiner Natur aus Jäger und Sammler. Das beschränkte sich ursprünglich auf die Dinge, mit denen sich der Magen füllen ließ, erweiterte sich aber sicherlich bald auf den Kopf und bezog ein, was außerdem sein Interesse erregte. Der Drang zu wissen und die Welt um sich zu verstehen ließ sich mit dem Sammeltrieb mühelos in Einklang bringen.

Schon in der griechischen und römischen Antike begannen jene, die es sich leisten konnten, weil sie für ihren Lebensunterhalt nicht rund um die Uhr arbeiten mussten, zusammenzutragen, was die Natur produzierte und ihre Aufmerksamkeit erregte: Mineralien, Knochen, Schnecken- und Muschelschalen, Fossilien. Damit beginnt die Liste nur, denn sie ist schier unendlich. Den Inhalt sorgfältig arrangiert, schön geordnet und zum Studium bereit, schienen diese Kabinette die große Welt und den Kosmos außerhalb der eigenen Türschwelle widerzuspiegeln. Als „Welttheater“ konnte man sie in den Griff bekommen, sie überschauen und verstehen.

Mit dem Untergang der antiken Imperien verschwanden die Kabinette von der Bildfläche. Sie kehrten zurück: als von Kaisern, Königen und Fürsten gehütete weil ihre Herrschaft legitimierenden Krönungsinsignien sowie als kirchliche Reliquienschätze. Im späten Mittelalter tauchten auch die Objekte aus der Natur wieder auf, die durch Bilder und Skulpturen ergänzt wurden: Zum Welttheater gehörte neben der Wissenschaft jetzt auch die Kunst. Präzisionsinstrumente, Automaten und raffinierte Uhren ergänzten bzw. verknüpften das Inventar.

Vom Ebenbild zum Kuriosen

Die Entdeckung der „Neuen Welt“ jenseits des Atlantiks führte nach 1500 zu einem Quantensprung in der Geschichte der Kabinette. Ein gewaltiger Strom kostbarer, seltsamer und faszinierender Objekte wälzte sich nach Europa. Nicht nur Herrscher, sondern auch Gelehrte, Ärzte, Apotheker, Händler und schließlich „Dilettanten“ begannen zu sammeln. Die einst sorgfältig zum Eigenstudium verborgen gehaltenen Schätze wurden stolz ausgestellt.

Die Erwerbsvielfalt führte zu einer Spezialisierung und einem Wettlauf um bemerkenswerte Stücke: Weil sich jeder Sammler eine ägyptische Mumie, südamerikanischen Inka-Schmuck oder andere Exotika beschaffen konnte, wurden doppelköpfig geborene Kälber, Hörner vom Einhorn oder magnetische Meteoriten zur begehrten Beute: Aus den Sammlungen wurden Kuriositätenkabinette, die sich in der Mitte des 17. Jahrhunderts von den Naturwissenschaften abkoppelten und zu eigenständigen Gesamtkunstwerken entwickelten.

Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verflüchtigte sich der Reiz der Wunderkammern. Wissenschaft und Kunst trennten sich, viele Kabinette wurden aufgelöst oder gingen in den neuen Museen auf, die nicht mehr nur sammelten, sondern auswerteten. Raritätenkabinette wurden zu altmodischen Relikten einer überwunden geglaubten und rückständigen Zeit.

Die Rückkehr des Wundersamen

Einige überdauerten, denn der Typ des unentwegten Sammlers starb nicht aus. Ihre Renaissance feierten die Wunderkammern Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Kunst nahm sich ihrer an; vor allem die Surrealisten schätzten das Kabinett als Ort der Zusammenkunft von Objekten, zwischen denen logisch betrachtet kein Zusammenhang bestand. Wiederentdeckt und neu interpretiert wurde das Kuriositätenkabinett Ende des Jahrhunderts. Der ursprüngliche Ordnungsgedanke wird von jungen Künstlern ironisch oder provokativ in Frage gestellt; es entstehen ‚neue‘ Kammern oder besser Galerien, die sich mit den Mitteln der Kunst aktuellen Fragen stellen.

Daneben gibt es immer noch oder sogar wieder die ‚klassischen‘ Kabinette. Die Scheu vor dem unsystematischen Raffen des Obskuren, das angeblich den ‚gewöhnlichen‘ Menschen verrät, hat sich verflüchtigt. Wieder gibt es Sammler, die sich ihr privates Spiegelbild der Welt konstruieren, es dabei in Frage stellen oder aus unerwarteter Perspektive beleuchten.

Ein Buch als Kabinett

„Das Kuriositätenkabinett“ ist weniger Buch als Prachtband. 31 x 23 cm misst er und wiegt fast 2 kg, weil feinstes Kunstdruckpapier zwischen dicke Deckel gepresst wird. Er bildet das ideale Medium für über 350 meist mehrfarbige Abbildungen, die häufig in Ausschnitten extrem detailfeine Zeichnungen aus vielen Jahrhunderten sowie verschwenderisch geschmückte Originale abbilden. Kabinette sind oft buchstäblich Miniaturwelten, die den Betrachter immer wieder mit neuen An- und Einsichten überraschen. Die aufwändig ausgeleuchteten und noch die winzigsten Einzelheiten erfassenden Fotos ziehen den Betrachter nicht nur in ihren Bann; er verliert sich in ihnen. Das wird unterstützt durch diverse Ausklapptafeln, die Panorama-Ansichten von fast einem Meter Breite ermöglichen.

Die Bilder zeugen von der Pracht des Kuriosen. Gleichzeitig sind sie einem durchdachten Layout unterworfen, das dieses Buch selbst in ein Kabinettstück verwandelt. Vielfalt unter Wahrung der Übersichtlichkeit zu gewährleisten ist kein einfaches Ziel; hier wird es erreicht. Die schwelgerischen Bilder versöhnen mit dem oft prätentiösen Text, dessen Verfasser sich vor allem im letzten Drittel gern am eigenen Wort zu berauschen scheint.

Dabei ist „Das Kuriositätenkabinett“ kein Sachbuch im eigentlichen Sinn, geht über das Informative deutlich hinaus und orientiert sich dabei am Thema. Von besonderem Interesse ist dabei die ‚Psychologie‘ des Sammlers, denn stets sagen Inventar und Gestaltung eines Kabinetts viel über seinen Eigentümer und seine Weltsicht aus. Es war und ist eine besondere Art von Mensch, die diesem Sammeltrieb frönt. „Senex puerilis“, „kindhafter Greis“, nannte man ihn, begabt mit der kindlichen Freude am Suchen und Finden und ausgestattet mit der Weisheit, die mit dem Alter kommt und eine intellektuelle Beschäftigung mit dem Gesammelten ermöglicht. Berühmte Sammler der Weltgeschichte wie Kaiser Rudolf II. (1552-1612), Athanasius Kircher (1602-1680) oder Henry-René d’Allemagne (1863-1950) und ihre Kabinette werden vorgestellt, Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeiten gezogen.

In den Text eingestreute Zitate belegen die unterschiedlichen, zwar oft realitätsfernen aber deshalb nicht weniger originellen und klugen Motive von Sammlern aus vielen Jahrhunderten. Vor allem die Geschichte des „Sammlerkaisers“ Rudolf II. erzählt von dem Bemühen, sich die als fremd und feindlich empfundene Welt wenigstens im eigenen Umfeld zu unterwerfen. Im Kabinett wird sie nach eigenen Regeln sortiert und damit kontrolliert. Kein Wunder, dass die Wunderkammer nie ausgestorben ist, denn jeder aktive Sammler wird ähnliche Beweggründe in sich entdecken.

So wird „Das Kuriositätenkabinett“ mehr und mehr zu einer orgiastisch bebilderten Reise durch den menschlichen Geist. Wer solche Anwandlungen nicht scheut, wird mit einem Lese- und Augenschmaus belohnt, der zudem eindrucksvoll beweist, dass sich das Buch den elektronischen Medien noch lange nicht geschlagen geben muss!

Autor

Patrick Mauriès (geb. 1952) lebt und arbeitet als freier Autor und Journalist in Paris. Er schreibt für diverse Magazine und Zeitungen und veröffentlichte Bücher über den Manierismus sowie die Trompe l’Œuil-Kunst.

Gebunden: 256 Seiten
Originaltitel: Cabinets of Curiosities (London : Thames & Hudson Ltd. 2002)
Übersetzung: Susanne Vogel (Kap. 1, 2, 4) u. Reinhard Ferstl (Kap. 3, 5)
http://www.dumont-buchverlag.de

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