Maximilian Zech – Aus einer Zeit

Auf den ersten Blick scheint Matthias Bode es geschafft zu haben: Er hat erfolgreich sein Medizinstudium in Göttingen abgeschlossen und arbeitet seitdem in der gleichen Stadt in einem Privatkrankenhaus. Und doch spürt man schon auf den ersten Seiten von Maximilian Zechs Roman „Aus einer Zeit“ eine grüblerische Melancholie, denn Bode beobachtet sich und seine Umgebung genau und lässt uns an seinen ausufernden Gedanken teilhaben, die von Erinnerungen und einem ungewissen Fernweh dominiert werden. Schließlich wird es klar, dass Bode nur für seine Arbeit lebt und vor allem eines ist: einsam.

Ganz allein wohnt er in seiner ehemaligen Studentenbude, eingerichtet mit den Möbeln aus seinem heimatlichen Kinderzimmer. Die große Liebe aus Studentenzeiten hat inzwischen einen neuen Lebensgefährten und steht kurz davor Mutter zu werden. Bodes Vater, ebenfalls Arzt von Beruf, hat nach dem Tod seiner Frau eine neue Familie gegründet, in der sich Matthias als Außenseiter fühlt. Deshalb sehen sie sich selten. Also dreht sich sein Leben hauptsächlich um die Arbeit und seine Patienten. Er sagt sich zwar, dass er ihr Schicksal ganz professionell nicht an sich heranlässt, aber der plötzliche und vor allem vermeidbare Tod einer Patientin, die bereits auf dem Wege der Besserung war, wirft ihn schließlich völlig aus der Bahn und lässt ihn nicht länger funktionieren.

Ausgebrannt hat er nur noch den Wunsch aus seinem festgefahrenen Leben auszubrechen, indem er endlich eine Italienreise wahr machen will. Dabei geht noch in Deutschland sein Auto kaputt, weshalb ihn die Reise schließlich nicht in in die Ferne, sondern hinein in seine Familiengeschichte, die Vergangenheit und die Suche nach sich selbst führt.

Grüblerischer Weltschmerz und Verlorenheit dominieren Maximilian Zechs wohl komponierten Roman. Dass der tiefsinnige Mensch Matthias Bode ein Trauma in seiner Kindheit erlebt haben muss, wird durch Andeutungen schnell klar, aber wie schlimm es ihn tatsächlich getroffen hatte und wie sehr die Erfahrung, so früh die Mutter und mit ihr die ganze Familie zu verlieren, sein Leben geprägt hat, wird erst nach und nach deutlich. Dabei gelingt es Zech, den Leser zu rühren ohne rührselig zu werden, z.B. wenn Bode von der Lampe erzählt, die abends beim Heimkommen nicht länger vor dem Haus brannte, weil seine Mutter nicht mehr auf ihn wartete. Man möchte ihn in den Arme nehmen und trösten. Vor allem als das Buch ganz abrupt mit der wenig hoffnungsvollen Feststellung endet, dass er einfach nicht vom Heimatort und seiner Kindheit loskäme.

Nicht zufällig ist dieser Ort ein kleines Dorf bei Magdeburg. Immer wieder wird eingewoben, dass sich das Leben von Matthias vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Umbrüche abgespielt hat. Man wird den Verdacht nicht los, dass Bodes Kumpel, der immer noch unter dem Dach seiner Eltern lebt und keine berufliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat, stärker in sich ruht und zufriedener ist als sein lokal und familiär entwurzelter Freund aus Kindertagen, dem sein Leben wie ein Traum vorkommt.

„Aus einer Zeit“ ist deshalb vor allem ein Roman aus unserer Zeit, in der für junge Leute alles möglich ist und denen die ganze Welt offen steht, die sich aber auch damit auseinandersetzten müssen, wie sie „loskommen“ wollen und dass, wenn sie sich in diesem Fall von ihren Familien und ihrer Heimat entfernen, sie dort, wohin das Leben sie führt, vielleicht nie richtig heimisch werden.

Es ist also gewiss nicht die spärliche Handlung, die den Leser das Buch nicht aus der Hand legen lässt. Vielmehr lebt der Roman von Bodes Beobachtungen, von Ausflügen in die Philosophie, in Themen der Romantik und von seinen Ausführungen über existenzielle Fragen, die sich in jungen Jahren jeder einmal gestellt hat. Dabei wird die Ernsthaftigkeit immer genau dann durch eine verschmitzte Spitzfindigkeit gebrochen, wenn sie didaktisch zu werden droht. Ein Genuss ist auch die elegante Sprache mit dem Bodes zutiefst trauriges Gefangensein in der Vergangenheit beschrieben wird. Und so kann man am Ende nur hoffen, dass der erste Morgen, der Morgen der Erkenntnis, die Initialzündung für eine positive Veränderung ist.

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
ISBN-13 : 978-3990185803
https://bucherverlag.com

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