McCrery, Nigel – Denn grün ist der Tod

Hart ist das Leben zu Dr. Samantha Ryan, gerichtsmedizinische Gutachterin und Pathologin in der ehrwürdigen englischen Universitätsstadt Cambridge. Ständig ist sie es, die bevorzugt des Nachts, am Wochenende oder an Feiertagen zum Fundort einer meist wenig ansehnlichen Leiche gerufen wird, während sich die Kollegen gern drücken. Privat muss sie sich mit ihrer senilen Mutter, einer verbitterten Schwester und einem rebellischen, dem Vandalismus zugeneigten Neffen auseinandersetzen; viel Zeit bleibt da nie für sie selbst.

Glücklicherweise ist Dr. Ryan ohnehin mit ihrem Job verheiratet. Nichts bereitet ihr größere Wonne als die Untersuchung eines unter möglichst gewaltsamen und rätselhaften Umständen zu Tode gekommenen Mitmenschen. Da hat sie dieses Mal besonderes Glück: In Northwick, einem Dörflein nahe Cambridge, wird in einem Adelsgrab des 17. Jahrhunderts der Leichnam eines jungen Mannes entdeckt, der dort sehr offensichtlich bereits seit vielen Wochen verborgen lag: nackt, erdrosselt, ein auf den Kopf gestelltes Kreuz in die Bauchhaut geschnitten.

Die Medien vermuten sogleich Schwarze Magie und stürzen sich auf diesen fetten Brocken. Das sieht die örtliche Polit-Prominenz genauso ungern wie der Polizeipräsident. So sieht sich die mit dem Fall betraute Detective Superintendent Harriet Farmer tüchtig unter Druck gesetzt, möglichst rasch zu einer unverfänglichen Lösung zu kommen. Wie es ihre Art ist, gibt Farmer diesen rasch an ihre Untergebenen weiter und ist ansonsten bemüht, Dr. Ryan zum Sündenbock zu stempeln. Diese weigert sich nämlich, ihrem Wink mit dem Zaunpfahl Folge zu leisten und den Ermordeten als Opfer eines simplen Allerweltsverbrechens darzustellen.

Inzwischen gibt es nämlich einen Verdächtigen – und ein Motiv. Auch die Identität der Leiche wird geklärt: Mark James, Barkeeper und Gelegenheits-Dealer, hatte seinem Boss, dem Nachtclub-Besitzer Sebastian Bird, eine große Geldsumme gestohlen und sich mit dessen Geliebter Francis Purvis aus dem Staub machen wollen. Da liegt die Vermutung nahe, dass Bird sich sein Geld zurückgeholt und außerdem gerächt hat. So denkt jedenfalls Francis, die erst zu ihrem Vater, dem einflussreichen Rechtsanwalt Malcolm Purvis, und dann zur Polizei flüchtet, die gern die Anregung aufgreift, Bird als mutmaßlichen Mörder festzusetzen.

Pech, dass die eifrige Samantha Ryan da nicht mitspielen mag. Ihr geht das Kreuz auf dem Leichenbauch nicht aus dem Kopf. Ein zu Rate gezogener Fachmann enthüllt Erstaunliches: In und um Cambridge werden schon seit Jahrzehnten Menschen auf exakt dieselbe Weise umgebracht wie Mark James – und es gibt deutliche Hinweise darauf, dass dies im Rahmen schwarzmagischer Rituale geschieht! Einer der ehemaligen Studenten des Experten hat sogar seine Examensarbeit über dieses Thema geschrieben: Sebastian Bird!

Die Theorie von einem Serienmörder und Hexer stimmt Harriet Farmer und ihre Vorgesetzten natürlich sehr unzufrieden. Sie versuchen Dr. Ryan mundtot zu machen. Derweil ist der wahre Täter damit beschäftigt, seinen nächsten Mord vorzubereiten. Frances Purvis ist es, die nun in sein Fadenkreuz gerät, und die Uneinigkeit, die innerhalb der Polizei herrscht, lässt ihm gute Chancen, sein Vorhaben ohne besondere Schwierigkeiten in die Tat umzusetzen …

… und noch eine Pathologin, die es nicht mehr hält im Leichenschauhaus, nachdem Kay Scarpetta mit Mikroskop und Schädelsäge den Verbrechern dieser Welt aus dem Reich der Fäulnis nachspürt und ihrer geistigen Mutter Patricia Cornwell auf diese etwas anrüchige Weise zu Bestseller-Ruhm und Reichtum verholfen hat. Inzwischen sind sie uns Krimifreunden schon lästig geworden wie die neunmalklugen Serienmörder vom Schlage Hannibal Lecters, die in den 1990er Jahren ähnlich zahlreich und austauschbar über die Buchläden herfielen.

Samantha Ryan trennen sechs Jahre und der Atlantische Ozean von Kay Scarpetta. Das ist allerdings schon der größte Unterschied. Ansonsten wandelt „Sam“ (wie der wahre Fan sie zu nennen pflegt) auf recht bekannten Pfaden. Geniales Arbeitstier mit chaotischem Privatleben löst knifflige Kriminalfälle für die Polizei, die sich grundsätzlich dümmer anstellt als erlaubt, so lässt sich die Formel kurz auf den Punkt bringen. Da kann nur die Kulisse Farbe ins Spiel bringen. Tatsächlich wetteifern die literarischen Pathologinnen dieser Welt (neben Kay Scarpetta und Sam Ryan etwa Temperance Brennan von Kathy Reichs oder Elizabeth MacPherson von Sharyn McCrumb, um nur die bekanntesten weiblichen Formalin-Detektive zu nennen) seit einigen Jahren darum, ihrem Publikum die bizarrsten Verbrechen und scheußlichsten Leichen zu präsentieren. Geradezu liebevoll und im Detail wird geschildert, was äußerliche Gewalt, Zeit und hungriges Getier dem menschlichen Körper antun, wenn man ihn nicht sorgfältig genug unter die Erde bringt. Nigel McCrery versucht seinen Rückstand zur schreibenden Konkurrenz bereits mit „Denn grün ist der Tod“, dem Debüt von Sam Ryan, wieder aufzuholen und schwelgt in Madenregen, Fäulnisdünsten und grabräuberischen Hunden, bis dem Leser gar sonderbar zumute wird. Das ist eine ziemlich billige Masche, Spannung zu erzeugen, wenn sie wie hier ein wenig zu offensichtlich geritten wird.

Dabei lässt sich über den Plot ansonsten nicht klagen. „Denn grün ist der Tod“ ist ein grundsolider angelsächsischer Krimi, ein wenig schlicht in Form und Ausdruck (was auch auf die hausbackene Übersetzung geschoben werden kann), aber schlüssig und spannend, zumal sich McCrery nicht nur auf Ekeleffekte stützt, sondern darüber hinaus mit guten Einfällen kommt und z. B. den Ritualmord-Aspekt sehr geschickt in die Handlung einbringt. Noch ein Pluspunkt: Sams Privatleben drängt sich nie in den Vordergrund; während Patricia Cornwell das kriminalistische Treiben Kay Scarpettas inzwischen zunehmend mit Herz-Schmerz-Sentenzen und hier besonders der questhaften Suche nach Mr. Right umrankt (den Leser dabei schier in den Wahnsinn treibend ob der grausamen Plattheit, mit der sie dies exerziert), wird Samantha Ryan zwar vom Schicksal in Gestalt ihrer Familie und den üblichen missgünstigen Kollegen verfolgt, ohne dabei aber den Fall jemals aus den Augen zu verlieren – und der Fall ist es schließlich, der einen Thriller ausmacht, auch wenn heutzutage die Übergänge zur Seifenoper allzu fließend geworden sind.

Das kriminalistische Prozedere ist gut recherchiert und überzeugend in der Schilderung – kein Wunder, war Nigel McCrery doch selbst lange Jahre als Polizeibeamter tätig. Als akademischer „Spätberufener“ studierte er später in Cambridge (aha!), arbeitete dann für die BBC und entwickelte dort die Figur der Samantha Ryan. Sie sollte ihm Glück und klingende Münze einbringen, denn sie fand 1996 nicht nur ihren Weg ins Fernsehen, sondern wurde dort vor und hinter der Kamera außergewöhnlich sorgfältig und kundig in Szene gesetzt. „Silent Witness“, eine Serie spielfilmlanger, lose verbundener Episoden, entwickelte sich umgehend zum Straßenfeger und wird bis heute mit Amanda Burton in der Rolle ihres Lebens fortgesetzt. McCrery kam mit dem Schreiben bald nicht mehr nach, so dass andere Autoren die Drehbücher verfassten, was aber dem Erfolg keinen Abbruch tat.

In Deutschland wurde „Silent Witness“ ausgerechnet von RTL, dem dümmsten aller großen Privat-TV-Sender, ins Programm aufgenommen, und fiel dort lange wohl nur den hartgesottensten Krimifreunden auf. Auch den Büchern zur Serie war das Schicksal zunächst wenig hold, wurden sie doch im |vgs|-Verlag, der sich auf Reißbrett-Romane zu billigen TV-Serien spezialisiert hat, deutlich unter Wert verheizt. Nun geschieht zumindest den frühen Bänden im Taschenbuch Gerechtigkeit – eine Chance, die der Krimifreund nutzen sollte!